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EIN ZINE ZUR KONKRETEN ARBEIT MIT TRANSFORMATIVER GERECHTIGKEIT FREIBURG IM OKTOBER 2021
Kleines Abkürzungs-Lexikon
bUmfeld: betroffenes Umfeld
bP: betroffene Personen
bP-K: betroffene Personen Kontakt
FLINTA*: Frauen, Lesben, inter und nicht-binäre Personen, trans Männlichkeiten, Agender Personen und weitere, die sich nicht als cis-dya Männer identifizieren
gaP: gewaltausübende Person
TAG: Transformative Arbeitsgruppe
TG: Transformative Gerechtigkeit
Inhaltsverzeichnis
1» Einle imo naked rasen 4 2. Sexualisierte Gewalt innerhalb der linken Szene...................cssss0sseeennsseeennneeeeennnen 4 3. Warum nicht einfach die Polizei rufen?................000002222seeeeeeeeeeenennnnnnnnnnnnnnnnennnnnnnnnn 5 4: Wasast denn. gerechte Strafe Pas RREisasnkesshs 6 5. Was ist Transformative Gerechtigkeit?.......uueeeeeesseeeessssnsenesssnnnennnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnenen 7 6. Die konkrete Struktur unseres TG-Prozesses.......ceeeeesessnnsnsseseeesnnnnenennnnenennnnnnnennnnen 8 7. Wir arbeiten nicht nur mit Definitionsmacht..................22222ssssseeeeeneenennnnnnneeeeennnnnn 15 8: Weltere: Infor NatIonen rer ee 17 Version:
1.1. Oktober 2021 Freiburg im Breisgau
Link zu dieser Broschüre: https://archive.org/details/@tg_arbeit_freiburg
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Eigentumsvorbehalt:
Nach diesem Eigentumsvorbehalt ist die Broschüre solange Eigentum des*der Absender*in, bis sie der*m Gefangenen persönlich ausgehändigt wurde. »Zur- Habe-Nahme« ist keine persönliche Aushändigung im Sinne dieses Vorbehaltes. Wird die Broschüre der*m Gefangenen nicht persönlich ausgehändigt, ist sie der*m Absender*in unter Angabe der Gründe für die Nichtaushändigung zurückzusenden.
1. Einleitung
Seit nun schon einem Jahr (Text - Stand Herbst 2021) arbeiten wir in Freiburg im Breisgau (DE) Fälle sexualisierter Gewalt auf, welche durch eine gewaltausübende Person verübt wurden. Wir möchten uns jedoch auch damit auseinander setzen, warum wir mit Transformativer Gerechtigkeit (TG) arbeiten und was das Konzept dahinter ist und zugänglich machen, wie wir dies konkret umsetzen und mit was für weiteren Fragestellungen und Auseinandersetzungen wir uns bei der Arbeit mit TG konfrontiert sehen.
Wir, die Menschen, die diese Arbeit dabei gerade machen, beschreibt dabei etwa ein Dutzend Menschen aus feministischen, emanzipatorischen Kreisen in der Stadt und vor allem den sich überschneidenden Umfeldern von betroffenen Personen und der gewaltausübenden Person.
Wir möchten uns jedoch nicht nur in unseren kleinen Kreisen damit auseinander setzen, sondern zu einem szeneübergreifenden Diskurs beitragen, weshalb wir in unregelmäßigen Abständen Texte veröffentlichen und nun dieses kleine Zine herausbringen. Teile der Kapitel 3-5 haben wir mit freundlichem Abnicken beim ignite! Kollektiv abgekupfert. Die Vorlage für den Gesprächsvorschlag beim 6. Kapitel "Die konkrete Struktur..." haben wir von Awarenetz.ch bekommen und bei dem Kapitel 7 "Wir arbeiten nicht nur mit Definitionsmacht" ging das Lesen des Textes von e*space zum selben Thema und Gespräche mit Menschen von Anarchists From The Block voraus. Bei dem Teil zu weiteren Informationen findet ihr Links zu Gruppen und noch mehr Infos über inhaltliche Ressourcen, wenn ihr noch tiefer in die Thematik eintauchen wollt.
Wenn ihr Fragen und Hinweise schreiben wollt, so könnt ihr euch an folgende Mail wenden (schreibt gerne verschlüsselt, wenn‘s nicht geht auch okay): transform_freiburg[atlimmerda[Punktjch
2. Sexualisierte Gewalt innerhalb der linken Szene
Dass es auch in emanzipatorischeren Räumen und Gruppen sexualisierte Gewalt gibt, wurde schon oft thematisiert und sollte eigentlich leider keine Überraschung mehr sein. Auch dieses Jahr wurden unzählige Male Übergriffe in Bars, auf Festivals und in Wohnprojekten veröffentlicht. Sehr viele weitere Übergriffe wurden nicht veröffentlicht und Unterstützungsarbeit und ein Versuch der
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Aufarbeitung fanden (relativ) unsichtbar statt. Freiburg i.B. ist dabei natürlich keine Ausnahme. In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche mit bekannt gewordenen Übergriffen einen Umgang zu finden. Das fand jedoch abseits der Öffentlichkeit statt und dafür gibt es auch gute Gründe, wie Schutz der betroffenen Personen, Vermeidung von Gerüchten, etc.
Gleichzeitig kann es natürlich auch Austausch und Vernetzung sowie Sichtbarmachung der herrschenden Gewalt erschweren. Daher wollen wir mit diesem Text transparent machen, dass derzeit ein Versuch stattfindet, mit geschehener sexualisierter Gewalt in unseren Zusammenhängen bzw. unserer Community mit dem Konzept Transformativer Gerechtigkeit umzugehen. Was passiert ist, wer beteiligt ist, etc. soll nicht an die Öffentlichkeit dringen. Also streut keine Gerüchte, macht keine Mutmaßungen. Überlegt euch eigene Konzepte, wie ihr mit zwischenmenschlicher Gewalt in euren Zusammenhängen umgeht und umgehen wollt. Das ist keine Kritik an anderen, die stattfindende Prozesse nicht veröffentlichen, es soll erklären, warum wir diesen Schritt hier wählen.
3. Warum nicht einfach die Polizei rufen?
Wir glauben nicht daran, dass die Polizei und Justiz eine Lösung für patriarchale Gewalt sind. Die Polizei zu rufen, ist nur für manche Menschen überhaupt eine Möglichkeit. Für viele ist sie nur eine Bedrohung, z.B. People of Color, Queers, Drogennutzer*innen, Sexarbeiter*innen, Menschen ohne festen Wohnsitz oder legalen Aufenthaltstitel, kriminalisierte oder von der Polizei traumatisierte Menschen. Zudem ist die Justiz nicht für betroffene Personen da, sondern soll nach einem vorgeschriebenen Katalog gewaltausübende Personen bestrafen. Dabei werden jedoch viele Formen sexualisierter und zwischenmenschlicher Gewalt überhaupt nicht als solche anerkannt.
Recht schafft keine Gerechtigkeit, und schon gar keine Heilung von Gewalt betroffener Personen und ihrer Gemeinschaften. Stattdessen bearbeitet die Justiz Fälle von (sexualisierter) Gewalt nicht mehr als Konflikt der beteiligten Akteur*innen, sondern als abstrakten Rechtskonflikt vertreten durch die Staatsanwaltschaft, prüft einzig die Gegebenheit eines Straftatbestands, stellt dabei die „Glaubwürdigkeit“ einzelner betroffener Personen zur Diskussion und erzwingt im Laufe des Strafprozesses immer wieder Konfrontationen mit dem Geschehenen. Statt den Fokus auf die Bedürfnisse der betroffenen Personen zu richten erfahren diese unter den aktuellen prozessualen Rahmenbedingungen häufig (Re-)Viktimisisierung und (Re-)Traumatisierungen. Der Rechtsstaat ist selbst eine
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gewaltvolle, patriarchal-herrschaftliche Institution, welche z.B. Geschlechterherrschaft und-binarität (re-)produziertt und zentraler Akteur rassistischer Grenz- und Sicherheitsdiskurse ist. Zur (Wieder-)Herstellung von Recht übt er wiederum Gewalt durch Strafe und einsperrende Institutionen aus. Wir sind überzeugt, dass der Rechtsstaat daher kein Partner im Kampf gegen (patriarchale) Gewalt sein kann.
Wir wollen Umgänge mit zwischenmenschlicher und sexualisierter Gewalt entwickeln, die nicht nur (wenn überhaupt) für einige Privilegierte zur Verfügung stehen. Wenn wir unsere Ressourcen auf staatliche Lösungen fokussieren, lassen wir all die, die vom Staat ausgeschlossen und verfolgt werden im Stich. Daher sehen wir in Ansätzen Transformativer Gerechtigkeit eine Möglichkeit Konzepte zu entwickeln, die für alle offen stehen und auf Gemeinschaft, Empowerment und Veränderung beruhen, statt auf Herrschaft.
4. Was ist denn "gerechte Strafe"?
Straflogik zieht sich so tief durch die Gesellschaft, dass sich Strafdynamiken auch abseits des Staats manifestieren. Oft werden in Reaktion auf einzelne Fälle Formen von Ausschlüssen gewaltausübender Personen als einzige Option gesehen. Sicher können Ausschlüsse und z.B. die Aneignung konfrontativer Mittel gegen gewaltausübende Personen wirk- und heilsam sein. Wenn nicht unterstützt von anderen Formen von Bearbeitung bringen sie aber keine tatsächlich Autonomie und (Wieder-)Aneignung von Handlungsmacht (agency), sondern verbleiben in Abhängigkeit von der/den gewaltausübenden Person/en.
Kurz gesagt: Wir erleben immer wieder Reaktionen auf Gewalt, die in Feuerwehrpolitik von Fall zu Fall arbeiten, ohne einen Schritt zurück zu machen, um Strukturprobleme zu betrachten und Umgänge auch für diese zu suchen, sowie die Fehlvorstellung, Strafe und Ausschlüsse würden Heilung versprechen und — aus Hilflosigkeit oder autoritärem Strafbedürfnis — Rückgriffe auf Staat, Justiz und Polizei. All das passiert immer wieder, weil es an Strukturen fehlt, die alternative Erfahrungen zusammentragen und Handlungsmacht generieren, anbieten und teilen können. Dazu wiederum möchten wir solidarisch beitragen.
Das heißt nicht, dass es nicht okay ist, wenn andere Ansätze scheitern und gewaltausübende Personen und deren Umfelder eine Verantwortungsübernahme verweigern, stattdessen Ausschlüsse zu fordern und zu erwirken. Dann steht für uns aber ein Schutz betroffener Personen und eine Erhaltung unserer Gemeinschaften
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im Fokus und nicht Bestrafung. Außerdem glauben wir nicht, dass es damit möglich ist, insgesamt dauerhaft etwas zu verändern. Insofern finden wir es wichtig, wenn die Möglichkeit besteht, andere Konzepte zu entwickeln und eine Veränderung und Überwindung der gewaltermöglichenden Zustände zu erreichen.
5. Was ist Transformative Gerechtigkeit?
Bereits in vorkolonialen Gemeinschaften gab es auf Heilung und Wiedergutmachung angelegte, dezentrale Umgänge mit Konflikten innerhalb von Gemeinschaften, z.B. Gacaca-Gerichte in Ruanda. Ende des 20. Jahrhunderts entstanden in den USA innerhalb queerer und feministischer Communities of Color Konzepte „Iransformativer Gerechtigkeit“ (TG) - Ideen, basierend auf Konzepten restorativer Gerechtigkeit aus indigenen Communities. So wurden Alternativen zum rassistischen und klassistischen Industriellen-Gefängnis-Komplex geschaffen. Dem weißen bürgerlichen Mainstream-Feminismus wurde mit der radikalen und intersektionalen Analyse struktureller Machtverhältnisse begegnet, um neue Umgänge mit zwischenenmenschlicher Gewalt zu entwickeln, die nicht nur wenigen privilegierten zur Verfügung stehen. Konkrete Vorschläge für die Entwicklung solcher Konzepte bieten beispielsweise die Gruppen INCITE!, CARA und Generation Five. INCITE!, ein Netzwerk radikaler Feminist_innen und Queers of Color, beschreibt vier Grundpfeiler solcher Gemeinschaftsprozesse:
1. Kollektive Unterstützung, Sicherheit und Selbstbestimmung für betroffene Personen;
2. Verantwortung und Verhaltensänderung der gewaltausübenden Person;
3. Entwicklung der Community hin zu Werten und Praktiken, die gegen Gewalt und Unterdrückung gerichtet sind;
4. Strukturelle, politische Veränderungen der Bedingungen, die Gewalt ermöglichen.
Seitdem wurde TG auch von anarchistischen Gruppen aufgenommen, dazu geschrieben und TG-“Prozesse“ initiiert. TG ist dabei kein „Masterplan“, der im Fall einzelner Übergriffe angewandt werden kann. Im deutschsprachigen Raum existieren zudem verschiedenste Strukturen rund um Awarenessarbeit, Praxen des Definitionsmacht-Konzepts, feministische Praxisliteratur, Organisierung zu Kritischen Männlichkeiten, immer wieder queer_feministische Aktionen und Interventionen.
In TG sehen wir allerdings einen strukturellen Rahmen, der bestehende Arbeit um einige wichtige Handlungsfelder und Grundfragen ergänzt sowie einen Blick „über den Tellerrand“ ermöglicht — hin zu transformative(re)n Formen von Konfliktumgängen, Heilung, Wehrhaftigkeit und Resilienz. TG-Prozesse stellen hohe Ansprüche an Reflexion und gemeinschaftliche Arbeit. Auch wenn sie scheitern können, bedeutet TG für uns die Entscheidung gegen den Rückgriff auf reaktionäre Institutionen, für Autonomie und Veränderung.
6. Die konkrete Struktur unseres TG-Prozesses
Die Information, dass von einer Person (im Nachfolgenden gaP genannt) sexualisierte Gewalt ausgeübt wurde, haben ein, zwei Personen - nach Zustimmung von den ihnen bekannten betroffenen Personen - an mehrere Leute in unseren Umfeldern herangetragen. Dies war der Startschuss des Prozesses, in dem wir jetzt gerade versuchen die betroffenen Personen (bP), sowie das betroffene Umfeld (bU) zu unterstützen und auf der anderen Seite mit der gaP das Geschehene aufzuarbeiten, sowie das Ganze als Lernprozess von allen in unserer Community zu sehen und von dieser nicht abzukoppeln.
Nachdem verstreut Leute davon erfahren haben, blieb es leider an Einzelpersonen (viele davon FLINTA*) hängen, die Information größerflächig und überlegt an das persönliche und politische Umfeld der gaP heranzutragen. Ein transparenter und sensibler Umgang mit solchen Informationen sollte unnötige Gerüchte vorbeugen, Menschen für die Thematik sensibilisieren und dem allgemeinen, gesellschaftlichen Umgang mit solchen Benennungen entgegenwirken — nämlich die gaP nicht durch Verschweigen der Benennungen aus ihrer Verantwortung zu ziehen (Täter*innenschutz begehen) und betroffenen Personen ihre Erfahrung nicht abzusprechen, sondern ihnen glauben und sie unterstützen. Außerdem war zu dem Zeitpunkt noch völlig offen, ob noch mehr Personen betroffen sind bzw. war uns wichtig, betroffenen Personen eine Möglichkeit zu geben, Unterstützung aus der Community zu erfahren bzw. sich die Informationen zu den Benennungen einzuholen. In diesem Chaos und Stress hat es knapp über einen Monat gedauert bis sich eine handvoll Menschen als Initiierungsgruppe zusammengetan haben, um einen Überblick über die Informationsweitergabe, die Bedürfnisse von betroffenen Personen und die Situation der gaP zu bekommen. Aus dieser Gruppe heraus wurde sich eine Grundstruktur für einen TG-Prozess überlegt, welcher von betroffenen Personen befürwortet worden war, sowie Menschen für die damit verbundenen Aufgaben gesucht. Außerdem nahm diese Initiierungsgruppe sich Kommunikation mit, Ansprechbarkeit für und Organisierung von Treffen für die Umfelder und
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Beteiligten zur Aufgabe. Bei diesen ersten TG-Plena, zu denen die gaP explizit nicht eingeladen wurde, wurden Informationen zu TG generell und zu diesem Fall speziell geteilt, Updates verbreitet, Raum für Fragen geöffnet, sowie Forderungen und Bedürfnisse aus der Community, insbesondere von betroffenen Personen, erfragt und versucht die anfallenden Aufgaben zu verteilen. Die Suche nach Menschen für die jeweiligen Gruppen der TG-Arbeit hat mehrere Wochen und mehrere, zu dem Zeitpunkt wöchentlich stattfindende TG-Plena gebraucht.
Es wurde ein Termin festgelegt, der auf zwei Monate nach Bekanntwerden der Gewalt gesetzt wurde, um den formalen Beginn der TG-Arbeit zu symbolisieren und die erste Initiierungs- und Informierenphase damit klar zu beenden. Ziel dieses Datums war es auch die Initiierungsgruppe auflösen zu können und die Arbeit damit langfristig auf mehr selbstgewähltes als plötzlich spontan notwendiges Engagement zu legen und keine zentrale Anlaufstelle in der Struktur zu behalten, also Hierarchien zu vermeiden. Bis zu den Treffen wurde versucht alle potenziell betroffenen Personen und Menschen in den direkten Umfeldern über die Gewaltbenennungen und Beginn einer Aufarbeitung zu informieren, um eventuell weitere betroffene Personen die Möglichkeit zu geben, sich mit Forderungen und Wünschen an den Prozess wenden zu können und die Bedürfnisse von bP, betroffenem Umfeld und der Community abzuklären. Dies erwies sich als wichtiger Schritt, da auf diese Weise weitere betroffene Personen Kontakt aufnehmen konnten und bP und betroffenes Umfeld Wünsche und Forderungen stellen konnten, bevor der Rahmen des Prozesses konkret ausformuliert worden war.
Zu dem Termin, an dem der formale Beginn der TG-Arbeit angedacht war, bereitete die Initiierungsgruppe ein moderiertes / mediiertes Gespräch mit festen Ablauf vor. Dabei war das Ziel die bisher bekannten Benennungen durch bP zusammenzufassen, die Forderungen und Wünsche von bP und betroffenem Umfeld zu klären, die Prozess-Struktur (welche Gruppen gibt es und wie sind deren Aufgaben und Zusammenarbeit strukturiert) zu klären und dann die konkrete Arbeit in den Gruppen strukturiert mit festen Absprachen zu beginnen.
Der grobe Ablauf des Gespräches war wie folgt:
1. Check In -— Runde und Vorstellung (Name, Pronomen, sowie notieren der Anwesende)
2. Einführung durch Moderation
« Sprache klären > Glossar (Begriffserklärungen) rumgeben ° Zeitrahmen des Treffens: wer kann bis wann?
° Vertraulichkeit
° Protokoll wer schreibt das live?
« Rahmen schaffen, der angenehm ist.
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Kritik soll geäußert werden, aber wenn möglich keine Anfeindungen. Ablauf vorstellen — Abfrage, ob für alle okay
3. Updates und Vorstellung der Gruppen, Aufgaben, Beteiligten
Intervision
- TAG
« Klärung der Zusammenhänge der Beteiligten
[nicht protokolliert aus Sicherheits-Gründen]
> kennen sich schon alle? Wissenshierarchien abbauen und Zusammenhänge soweit möglich erklären (kann auflockernd sein)
4. Definition der Ziele des heutigen Treffens
> Kommunikation untereinander sortieren; wer kommuniziert mit wem; wie werden Wünschen kommuniziert; wie mit Intervision treffen, um TAG-Prozess von außen reflektieren; wie oft trifft sich wer
« sich gegenüber sitzen und Gesichter sehen
« Transformativen Prozess anzufangen und sich drauf einzulassen
« klare Vorstellungen abstecken, was passieren soll, damit keine Missverständnisse entstehen
Verhältnis TAG und Intervision klären
5. Perspektive von gaP
5.1. Definition der Gewalt-Vorfälle
> gaP erzählt unkommentiert, wird protokolliert 9.2. Was ist Ziel von gaP bei TG-Prozess
> gaP erzählt unkommentiert, wird protokolliert
6. Perspektive von bP
6.1. Definition Gewaltvorfälle der betroffenen Personen und Umfeld
> wird vorgelesen/ erzählt
6.2. Forderungen, Absprachen und Wünsche von betroffenen Personen und Umfeld > vorher gesammelt
> Kann durch weitere Beteiligte vor Ort ergänzt werden
> Positionierung dazu sagen (bP, betroffenes Umfeld, gaP Umfeld, etc.)
7. Wünsche & Reaktion von gaP zu oben genannten Forderungen > wird protokolliert
> geht nicht um Diskussion von Forderungen, sondern um zu wissen, wie gaP damit in der Situation umgeht, um das später in TAG Arbeit thematisieren zu können
- Commitment der gaP zu Forderungen und zum TG-Prozess einholen
8. Klärung von Fragen zu Forderungen etc.
9. TAG, Intervision, Unterstützungsgruppe / bP-Kontakt + eventuelle weitere Gruppen (Communtiy-Arbeitsgruppe, Soligruppen)
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— Stellen jeweils angedachte Arbeitsweise, Aufgaben und Ziele vor
10. Zusammenfassung der Absprachen von bP und Umfeld und weiteres Vorgehen
11. Absprachen zu Arbeitsweisen und Kommunikation in TG-Prozess > wer mit wem in Kontakt z.B. Delis und haben alle Kontakt zueinander, die es
brauchen? — wie und wann wird untereinander kommuniziert
12. Zukunft des Prozesses — definieren — wann / wie soll Zwischenbilanz und Ende gefunden werden?
13. Commitment geben (vor allem gaP)
— alle sagen so etwas wie „Ich lasse mich auf die Arbeit in Gruppe X ein und gehe verantwortungsvoll damit um“ etc.
14. Check Out-Runde
- Vorher Protokoll überfliegen & von allen drüber gelesen (So sollen Missverständnisse und die Situation verhindert werden, dass im Nachhinein Beteiligte behaupten können, «es war nicht ganz so» etc. Alle sollen von denselben Wünschen und Absprachen ausgehen.)
> Check out
An dem Treffen nahmen Menschen teil, die sich die Arbeit mit der gaP vorstellen konnten, Menschen, die sich zur Intervisionsgruppe (später erklärt) zusammenschlossen, eine Ansprechperson für die Community-Arbeit und die gaP selbst. Dabei waren vor dem Treffen die aktuellen Benennungen, Forderungen und Wünsche von betroffenen Personen und Umfeld - vom gerade entstehenden betroffene Personen-Kontakt zusammengetragen - eingeholt worden und der Verlauf des Treffens abgeklärt. Bei dem Treffen wurden auch die Ziele und Ideen der gaP für den TG-Prozess, sowie deren Version der Benennungen protokolliert, um damit später in der Aufarbeitung eine Basis zu haben.
Auch als die Struktur dann grob stand, war es sehr viel Organisatorisches zu klären, ehe inhaltlich in dem Prozess gearbeitet werden konnte.
Im Zentrum des Prozessen stehen drei Gruppen, während es aber auch noch mehrere weitere Gruppen darum herum gibt:
1. Einmal gibt es die "bP-Kontakt"-Gruppe (bP-K), welche mit den betroffenen Personen und dem betroffen Umfeld im Austausch steht und die deren Forderungen und Wünsche in den Prozess trägt und Feedback aus Perspektive der betroffenen Personen an die Arbeit der "Transformative Arbeits Gruppe" (TAG) weiterleitet.
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2. Dann gibt es die "Transformative Arbeits Gruppe“ (TAG), welche mit der gaP die Fälle sexualisierter Gewalt aufarbeitet und guckt, dass Absprachen eingehalten werden und die außerdem die Perspekive der gaP in dem Prozess vertreten, also z.B. inwieweit es funktionieren kann, dass die gaP weiter ein Teil der Gemeinschaft bleiben kann, während die Bedürfnisse von betroffenen Personen respektiert werden. Außerdem reflektiert die TAG mit der gaP deren Verhaltensmuster, damit in Zukunft keine Grenzüberschreitungen mehr stattfinden.
3. Die dritte Hauptgruppe in dem Prozess ist die "Intervision" (Intervis), welche sich irgendwo in der Mitte zwischen allen Gruppen versteht und versucht den Überblick zu behalten, den Prozess generell zu reflektieren, sich mehr in verschiedene Spannungsfelder von TG rein zu arbeiten und die gewonnenen Erkenntnisse in den Prozess rein zu tragen, sowie zu versuchen die Gemeinschaft drum herum nicht aus den Augen zu verlieren und mit regelmäßigen TG-Plena den Prozess so transparent wie möglich zu gestalten. Auch vernetzt sich die Intervis mit anderen Gruppen, die zu TG arbeiten und schaut, wie das Thema mehr in die Gesellschaft generell getragen werden kann.
Intervision ist angelehnt an Supervision, aber weniger hierarchisch gedacht (super = von oben). Supervision wird in der Psychologie und in Organisationen verwendet, um gegenseitige (fachliche) Beratung, Klärung von Konflikten, Reflektion und Thematisierung von zwischenmenschlichen Dynamiken zu ermöglichen. Wir benutzen den Begriff Intervision für eine Gruppe, die innerhalb des TG Prozesses Raum bieten soll, um regelmäßig im Prozess einen Blick über den Tellerrand zu erlangen, eine intersektionale feministische Perspektive nicht aus den Augen zu verlieren und innerhalb der Beteiligten Dynamiken, Care-Bedürfnisse und Arbeitsverteilung, etc. sichtbar und besprechbar zu machen. Konkret passiert das in regelmäßigen Treffen mit der TAG und bP-Kontakt, bei denen gemeinsam das aktuelle Geschehen besprochen wird und längerfristige Ziele entwickelt und geprüft werden. Zudem kann inhaltlichen Diskussionen Raum gegeben werden und eventuell entstehende Probleme (Überarbeitung, Überfokussierung auf gaP, bP Vernachläsigung, ...) gemeinsam besprochen und nach Umgängen und Lösungen gesucht werden.
Drum herum gibt es dann noch eine Soligruppe für die bP-Perspektive, welche betroffene Personen und den bP-Kontakt bei Bedarf mit Emo- und Care-Arbeit unterstützt, außerdem eine generelle Soligruppe, welche den Prozess z.B. dadurch unterstützt, indem bei Plena von einzelnen Gruppen Essen gekocht wird, Räume organisiert werden, etc. und somit der Prozess gemeinschaftlicher mitgetragen werden kann, auch wenn vielleicht nicht alle Lust haben sich inhaltlich damit auseinanderzusetzen. Außerdem gibt es eine solidarische Organisierung von cis
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Männern, bei der auch die gaP ein Teil der Gruppe ist und die sich kritisch mit ihrer eigenen Männlichkeit und patriarchalen Sozialisierung auseinandersetzen. Da es in diesem konkreten Beispiel auch betroffene Personen an einem anderen Ort gibt, gibt es an diesem anderen Ort außerdem eine informelle Struktur, die betroffene Personen unterstützt und eine Gruppe, die sich mit an diesem Ort erfolgten Täter*innenschutz auseinandersetzt.
Bei der Entstehung des TG-Prozesses und der Entwicklung der Struktur standen und stehen für uns eine Zentrierung betroffener Personen im Fokus. Dies gilt auch für die inhaltliche Arbeit. Dabei bieten uns die Konzepte Definitionsmacht und Handlungsmacht zwei grundsätzliche Werkzeuge, an denen wir uns in der alltäglichen Arbeit orientieren.
7. Wir arbeiten nicht nur mit Definitionsmacht
Unser kollektiver Umgang mit sexualisierter Gewalt ist zuallererst auf betroffene Personen und ihre Perspektive ausgerichtet. Das heißt, dass wir die Definition betroffener Personen zu dem, was diese als Grenzüberschreitung, sexualisierte Gewalt etc. erlebt haben, nicht hinterfragen, anzweifeln oder bagatellisieren/kleinreden. Das heißt auch, dass ob du betroffen bist oder nicht, du allein entscheidest. Diese Definitionsmacht (DefMa) spielt eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung der Gewalthandlungen der gewaltausübenden Person in der TAG, aber ist auch ein feministischer Grundpfeiler, der Entscheidungen und Prioritäten in unserem TG-Prozess generell prägt. Das Konzept wurde in jahrzentelangen feministischen Kämpfen als Antwort auf Rape Culture und dem Anzweifeln und Nicht-Zuhören gegenüber betroffenen Personen, entwickelt und ist daher eine wichtige solidarische Antwort im Umgang mit vor allem sexualisierter und intimer Gewalt.
Doch aus diesem Konzept folgt noch mehr, denn wenn betroffene Personen eine Grenzüberschreitung benannt haben (DefMa), besitzen sie auch eine Handlungsmacht (HaMa). Das soll den Umgang mit Konsequenzen eines sexualisierten Übergriffs beschreiben, bei dem bP z.B. von der gaP fordern können, keinen Kontakt mehr aufzunehmen, sich in bestimmten kollektiven Räumen (für einen bestimmten Zeitraum oder allgemein) nicht mehr aufzuhalten oder einen Aufarbeitungsprozess zu starten. HaMa beschreibt aber auch, dass (nicht wie bei DefMa) diese Forderungen und Wünsche solidarisch-kritisch diskutiert und hinterfragt werden können. Hier spielt Intersektionalität, also das Mitdenken von verschiedensten (Mehrfach-)Diskriminierungen und Positionierungen der
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Beteiligten, sowie die Verteilung von Ressourcen und Machtverhältnissen mit rein. Wenn beispielsweise die gaP finanziell sehr schlecht da steht, sollte das bei der Frage zu finanziellen Forderungen mitgedacht werden, genauso wie auch Forderungen an eine gaP nicht transfeindliche oder rassistische Gewalt (re)produzieren sollte. Wir müssen also nicht alles gut finden, was bP fordern oder wollen, handeln letzteren gegenüber aber solidarisch und versuchen ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen. Diese Zentrierung heißt auch, dass ohne die Zustimmung der bP nicht gehandelt wird, z.B. Informationen veröffentlicht werden, keine Leute die gaP konfrontieren, ohne dass bP das wollen, etc.
Wir respektieren Entscheidungen, die bP selbst betreffen, z.B. inwiefern sich bP in einem Aufarbeitungsprozess beteiligen wollen, und versuchen sie nicht zu bevormunden - denn bP wissen selbst am besten, was sie brauchen. Betroffenheit kann sehr unterschiedlich aussehen. Um diese Formen besser unterscheiden zu können, sprechen wir z.B. auch von betroffenen Umfeldern oder Co-Betroffenheit. Ersteres beschreibt, dass auch wenn du von der gaP selber keinen Übergriff erfahren hast, du dich als Teil des sozialen Umfelds betroffen fühlen kannst und beispielsweise die gaP erst mal nicht mehr sehen willst. Co-Betroffenheit soll heißen, dass du z.B. als Mitbewohni in einem Fall von häuslicher Gewalt in deiner WG auch betroffen sein kannst, du aber nicht die zentrale Person für den weiteren Umgang mit der Situation bist, sondern eben mit-betroffen.
Beim staatlichen und gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt hat sich leider wenig geändert. Der juristische Weg bei intimer Gewalt steht vielen nicht offen (z.B. wegen prekärem Aufenthaltstitel, ..) und bringt den betroffenen Personen meist vor allem retraumatisierende Erlebnisse bei Polizei und Justiz. Und auch wenn es zu einer (extrem seltenen) Verurteilung kommt, stehen dabei nicht die Bedürfnisse betroffener Personen im Fokus, sondern das staatliche Strafprinzip. Aus diesem Grund wollen wir bei unseren Umgängen mit zwischenmenschlicher Gewalt das Absprechen von Glaubwürdigkeit verhindern durch das Prinzip von DefMa bei Benennungen, die Bedürfnisse, Handlungsmacht, Sicherheit und Empowerment von betroffenen Personen in den Fokus stellen, statt einer veralteten Straflogik zu folgen, die nicht in der Lage ist und auch nicht dafür gemacht, patriarchale Strukturen in Staat und Gesellschaft zu ändern oder das Verhalten gewaltausübender Person zu transformieren.
Es ist ein langer Weg, wenn wir patriarchale Gewalt überwinden wollen. Aber es ist nicht zu versuchen, oder dem Staat zu überlassen, bedeutet die Kompliz*innenschaft mit einem patriarchalen und rassistischen System. Wir wollen Handeln und verantwortungsvollere Gemeinschaften aufbauen, macht mit!
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Weitere Informationen
Zu Konsens: « Poster: defma Unterstützer_inenngruppe „Das Konsensprinzip, Nein
heißt Nein“ http://defma.blogsport.de/images/dt v2 2 p.pdf [de] ° Zine: Konsens lernen, konsenslernen.noblogs.org/ [de, en]
Zu Sexismus, sexualisierter Gewalt und Männlichkeit: Zine: Dismantling the boys club,
https://infotisch.noblogs.org/files/2018/11/Dismantling.pdf [de] Listen: „30 cis-Privilegien“ und „Tägliche Auswirkungen von Hetero-
Privilegien“, http://queertopia.blogsport.de/material/ [de, en] ° Zine: Lieber Glitzer: Was Sexismus In Szenä?!,
https://archive.org/details/de BroschuereWasSexismusInSzenae [de]
« Zine: Kompass — Gegen sexualisierte Gewalt, für einen besseren Alltag, http://unterstuetzerinneninfo.blogsport.de/images/KompassonlineeinfacheDru ckversion.pdf [de]
Zu Rassismus, weißer Vorherrschaft und Abolitionismus: Toolkit: Critical Resistance. Abolitionist Ressources, http://criticalresistance.org/resources/ [en] Listen: „Checkliste: Christliche Privilegien“ und „Tägliche Auswirkungen von weißen Privilegen“ , https://awarenetz.ch/material/ [de, en] ° Artikel: „Race and Community Accountability“ von Qui Dorian Alexander,
https://www.thefeministwire.com/2013/04/race-and-community- accountability/ [en]
Zu Transformativer Gerechtigkeit: - Zine: „Das Risiko wagen“ Transformative Justice Kollektiv, https://archive.org/details/dasrisikowagen [de, en, tr] « Zine: Transformative Arbeit: Gedanken über gemeinschaftliche Hilfe in Fällen von intimer Gewalt,
http://transformation.blogsport.de/images/TransformativeHilfe.pdf [de]
Websites von Gruppen, die zu TG arbeiten: ° anarchistsfromtheblock.blackblogs.org ° awarenetz.ch ° ignite.blackblogs.org/material ° transformativejustice.eu