Samuel Hahnemann

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Organon der Heilkunst

Aude sapere

Bearbeitet und

herausgegeben von Josef M. Schmidt

Standardausgabe der 6. Auflage

Samuel Hahnemann

Organon der Heilkunst

Aude sapere

Standardausgabe der sechsten Auflage

Neuausgabe 1999

Auf der Grundlage der 1992 vom Herausgeber bearbeiteten textkritischen Ausgabe des Manuskriptes Hahnemanns (1842)

Herausgegeben von Josef M. Schmidt

Karl F. Haug Verlag - Stuttgart

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Ein Titelsatz für diese Publikation ist bei Der Deutschen Bibliothek erhältlich

Frontispiz und Umschlagfoto mit freundlicher Genehmigung: Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart. Foto: Anselm Krüger

Samuel Hahnemann (1755 - 1843) Porträt, Öl auf Leinwand (69 x 58 cm), wahrscheinlich von seiner zweiten Frau Melanie gemalt (frühestens 1835)

© 2002 Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Kein Teil des Buches darf ohne schriftliche Genehmi- gung des Verlages in irgendeiner Form - durch Fotokopie, Mikrofilm oder irgendein anderes Verfahren - reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen, ver- wendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden.

ISBN 3-8304-0275-9

Layout und Satz: Josef M. Schmidt, 81545 München Druck: Laub GmbH & Co., 74832 Elztal-Dallau

Samuel Hahnemann (1755-1843)

Inhalt

Vorwort des Herausgebers . .. . 2.22 2 22220. IX

Organon der Heilkunst, von Samuel Hahnemann

VOII nn a Be en l Inhalt... & 4 = 0.2 2 6 5 8 su En bene 7 Einleitung: . . % w eu a 2-8 Mes meet 23 Die 291 Paragraphen .... 2: 2:2: 2 Em rn nn 89 Anhang. en 311

- Vorrede zur Herausgabe einer Abschrift von Hahne- manns Manuskript zur 6. Auflage des Organons der Heilkunst (Richard Haehl, 1921) . ....... 313

- Vorwort zur textkritischen Herausgabe von Hahne- manns Original-Manuskript zur 6. Auflage des Organons der Heilkunst (Josef M. Schmidt, 1992). . 373

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Vorwort des Herausgebers

Die vorliegende Standardausgabe von Samuel Hahne- manns letzter Fassung des Organons der Heilkunst entstand als pragmatische Synthese zweier fundamentaler Leser-In- teressen: dem Anspruch auf maximale Zuverlässigkeit bzw. Verbürgung des Inhalts und dem gleichzeitigen Wunsch nach einer handlichen, die Aneignung des Textes möglichst erleichternden Form.

Die Authentizität der Standardausgabe ist dadurch gesi- chert, daß sie ausschließlich auf der 1992 erschienenen textkritischen Ausgabe des von Hahnemann 1842 fertigge- stellten Manuskriptes für die sechste Auflage des Organons beruht. Zur Erleichterung des Leseflusses wurden daraus die zahlreichen textkritischen Zeichen und Anmerkungen entfernt, alle Kursivsetzungen rückgängig gemacht und das Buch selbst in das bewährte traditionelle Format gebracht.

Die Orthographie und Interpunktion Hahnemanns wurde, um das Original möglichst wenig zu verfälschen, durchgän- gig beibehalten. Lediglich die Überschriften und die Para- graphen-Nummern vor jedem Kapitel werden hier einheit- lich ohne Punkt und fett dargestellt (,„$ 1“ statt „$. 1.“). Fett wiedergegeben werden neben gesperrt gedruckten Pas- sagen des Originals nun auch Hahnemanns handschriftliche Unterstreichungen. Kursiver Druck im Original ist in Form von KAPITÄLCHEN dargestellt. Die Beibehaltung der Posi- tionierung von Hahnemanns Anmerkungen im Haupttext erlaubte es, sämtliche Fußnoten-Zeichen einheitlich als * wiederzugeben. Einige minimale Tippfehler der textkriti- schen Ausgabe (einzelne Buchstaben und Satzzeichen) sind berichtigt worden.

IX

Im Anhang finden sich - als historische Reminiszenzen - die Vorworte der beiden bisher existierenden deutschen Ausgaben der sechsten Auflage des Organons. 1921 hatte Richard Haehl eine Abschrift von Hahnemanns Manuskript als „Organon der Heilkunst, nach der handschriftlichen Neubearbeitung Hahnemanns für die 6. Auflage“ herausge- geben, auf der bis vor kurzem alle übrigen deutschsprachi- gen Organon-Ausgaben beruhten. Erst 1992 erfolgte die textkritische Herausgabe von Hahnemanns Original-Manu- skript, der einzig legitimen Quelle, die sich seit 1920 ın San Francisco befindet.

Inhaltlich wurde die Haehlsche Edition bereits durch die textkritische Ausgabe, die für die Fachwelt inzwischen ein- zig maßgeblich ist, überholt. Die formal geglättete und da- bei inhaltlich unverändert präzise Standardausgabe ist nun dazu konzipiert, das Vermächtnis des Begründers der Ho- möopathie auch einem breiteren Leserkreis im genauen Wortlaut zugänglich zu machen. So kann die Homöopathie - 200 Jahre nach ihrer Begründung - mit auf den neuesten Erkenntnisstand gebrachtem, qualitätsgesichertem „Werk- zeug‘ (Organon) das dritte Jahrhundert ihrer bewegten Ge- schichte antreten.

München, im Februar 1996 Dr. med. Dr. phil. Josef M. Schmidt

Für die Neuauflage der Standardausgabe waren abgese- hen von der Korrektur einzelner Satzzeichen und Buchsta- ben sowie der Ergänzung griechischer Akzente und Spiritus keine Veränderungen des Textes nötig.

München, im November 1998 Dr. med. Dr. phil. Josef M. Schmidt

Organon der Heilkunst

Vorrede

Die alte Medicin (Allöopathie), um Etwas ım Allgemei- nen über dieselbe zu sagen, setzt bei Behandlung der Krankheiten um sie zu heilen, nichts als materielle Ursa- chen theils (nie vorhandne) Blut-Uebermenge (PLETHO- RA), theils Krankheits-Stoffe und Schärfen voraus, läßt da- her das Lebens-Blut abzapfen und bemüht sich die eingebil- dete Krankheits-Materie theils auszufegen, theils anderswo- hin zu leiten (durch Brechmittel, Abführungen, Speichel- fluß, Schweiß und Harn treibende Mittel, Zıehpflaster, Ver- eiterungs-Mittel, Fontanelle, u. s. w.), in dem Wahne, die Krankheit dadurch schwächen und materiell austilgen zu können, vermehrt aber dadurch die Leiden des Kranken und entzieht so, wie auch durch ihre Schmerzmittel, dem Orga- nism die zum Heilen unentbehrlichen Kräfte und Nahrungs- Säfte. Sie greift den Körper mit großen, oft lange und schnell wiederholten Gaben starker Arznei an, deren lang- dauernde, nicht selten fürchterliche Wirkungen sıe nicht kennt, und die sie, wie es scheint, geflissentlich unerkenn- bar macht durch Zusammenmischung mehrer solcher unge- kannter Substanzen in Eine Arzneiformel, und bringt so durch langwierigen Gebrauch derselben noch neue, zum Theil unaustilgbare Arznei-Krankheiten dem kranken Kör- per bei. Sie verfährt auch, wo sie nur kann, um sich bei dem Kranken beliebt zu erhalten*,

* Zu gleicher Absicht erdichtet der gewandte Allöopath vor al- len Dingen einen bestimmten, am liebsten griechischen Namen für das Uebel des Kranken, um ıhn glauben zu machen, er ken- ne diese Krankheit schon lange, wie einen alten Bekannten, und sey daher am besten im Stande, sıe zu heilen.

mit Mitteln, welche die Krankheits-Beschwerden durch Ge- gensatz (CONTRARIA CONTRARIIS) sogleich auf kurze Zeit unterdrücken und bemänteln (Palliative), aber den Grund zu diesen Beschwerden (die Krankheit selbst) verstärkt und verschlimmert hinterlassen. Sie hält die an den Außenthei- len des Körpers befindlichen Uebel, fälschlich für bloß ört- lich, und da allein für sich bestehend, und wähnt sie geheilt zu haben, wenn sie dieselben durch äußere Mittel weg ge- trieben, so daß das innere Uebel nun schlimmer an einer ed- lern und bedenklichern Stelle auszubrechen genöthigt wird. Wenn sıe weiter nicht weiß, was sie mit der nicht weichen- den oder sich verschlimmernden Krankheit anfangen soll, unternimmt die alte Arzneischule wenigstens, dieselbe blindhin durch ein von ihr so genanntes ALTERANS zu ver- ändern, z. B. mit dem das Leben unterminirenden Calomel, Aetzsublimat, und mit andern heftigen Mitteln in großen Gaben.

Es scheint das unselige Hauptgeschäft der a. M. (a) zu sein, die Mehrzahl der Krankheiten, die langwierigen, aus Unwissenheit durch fortwährendes Schwächen und Quälen des ohnehin schon an seiner Krankheitsplage leidenden, schwachen Kranken und durch Hinzufügung neuer, zerstö- render Arzneikrankheiten, wo nicht tödtlich, doch wenig- stens unheilbar zu machen - und, wenn man dieß verderbli- che Verfahren einmal am Griffe hat, und gegen die Mah- nungen des Gewissens gehörig unempfindlich geworden, ist dieß ein sehr leichtes Geschäft!

Und doch hat für alle diese schädlichen Operationen, der gewöhnliche Arzt alter Schule seine Gründe vorzubringen, die aber nur auf Vorurtheilen seiner Bücher und Lehrer be- ruhen, und auf Autorität dieses oder jenes gepriesenen Arz- tes alter Schule. Auch die entgegengesetztesten und wider-

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sinnigsten Verfahrungs-Arten, finden da ihre Vertheidi- gung, ihre Autorität - der verderbliche Erfolg mag auch noch so sehr dagegen sprechen. Nur dem, von der Verderb- lichkeit seiner sogenannten Kunst, nach vieljährigen Uebel- thaten, im Stillen endlich überzeugten, alten Arzte, der nur noch mit, zu Wegbreitwasser gemischtem Erdbeer-Sirupe (d. i. mit Nichts) selbst die schwersten Krankheiten behan- delt, verderben und sterben noch die Wenigsten.

Diese Unheilkunst, welche seit einer langen Reihe von Jahrhunderten in dem Vorrechte und der Macht, über Leben und Tod der Kranken nach Willkür und Gutdünken zu ver- fügen, wie eingemauert fest sitzt und seitdem einer, wohl zehn Mal größern Anzahl Menschen das Lebensziel ver- kürzte, als je die verderblichsten Kriege, und viele Millio- nen Kranke kränker und elender machte, als sıe ursprüng- lich waren - diese Allöopathie habe ich in der Einleitung*

* Vorher wird man Beispiele angeführt finden zum Beweise, daß wenn man in ältren Zeiten hie und da auffallende Heilungen verrichtete, es immer durch Mittel geschah, die der damals ein- geführten Therapie zuwider, dem Arzte von ungefähr in die Hände gerathen, im Grunde aber homöopathisch waren.

zu den vorigen Ausgaben dieses Buchs näher beleuchtet. Jezt werde ich bloß ihren geraden Gegensatz, die von mir entdeckte (nun etwas mehr vervollkommnete) wahre Heil- kunst vortragen.

Mit dieser (der Homöopathik) ist es ganz anders. Sie kann jeden Nachdenkenden leicht überzeugen, daß die Krankheiten der Menschen auf keinem Stoffe, keiner Schärfe, d. i. auf keiner Krankheits-Materie beruhen, son- dern daß sie einzig geistartige (dynamische) Verstimmun- gen der geistartigen, den Körper des Menschen belebenden

Kraft (des Lebensprincips der Lebenskraft) sind. Die Ho- möopathik weiß, daß Heilung nur durch Gegenwirkung der Lebenskraft gegen die eingenommene, richtige Arznei er- folgen kann, eine um desto gewissere und schnellere Hei- lung, je kräftiger noch beim Kranken seine Lebenskraft vorwaltet. Die Homöopathik vermeidet daher selbst die mindeste Schwächung*,

* Homöopathik vergießt nie einen Tropfen Blutes, giebt nicht zu brechen, purgiren, laxiren oder schwitzen, vertreibt kein äu- beres Uebel durch äußere Mittel, ordnet keine heißen oder un- gekannte Mineral-Bäder oder Arznei enthaltende Klystire, setzt keine spanischen Fliegen oder Senfpflaster, keine Haarseile, keine Fontanelle, erregt keinen Speichelfluß, brennt nicht mit Moxa oder Glüheisen bis auf die Knochen u. dgl., sondern sie giebt mit eigner Hand nur selbst bereitete, einfache Arznei, die sie genau kennt und keine Gemische, stillt nie Schmerz mit Opi- um, U. S. w.

auch möglichst jede Schmerz-Erregung, weil auch Schmerz die Kräfte raubt, und daher bedient sie sich zum Heilen BLOß solcher Arzneien, deren Vermögen, das Befinden (dy- namisch) zu verändern und umzustimmen, sie genau kennt und sucht dann eine solche heraus, deren Befinden verän- dernde Kräfte (Arzneikrankheit) die vorliegende natürliche Krankheit durch Aehnlichkeit (SIMILIA SIMILIBUS) aufzuhe- ben im Stande sind, und giebt dieselbe einfach, in feinen Gaben (so klein, daß sie, ohne Schmerz oder Schwächung zu verursachen, eben zureichen, das natürliche Uebel auf- zuheben) dem Kranken ein; wovon die Folge: daß ohne ihn im Mindesten zu schwächen oder zu peinigen und zu quä- len, die natürliche Krankheit ausgelöscht wird und der Kranke schon während der Besserung von selbst bald er- starkt und so geheilt ist - ein zwar leicht scheinendes, doch

sehr nachdenkliches, mühsames, schweres Geschäft, was aber dıe Kranken in kurzer Zeit, ohne Beschwerde und völ- lig zur Gesundheit herstellt - und so ein heilbringendes und beseligendes Geschäft wird.

Hienach ist die Homöopathik eine ganz einfache, sich stets in ıhren Grundsätzen so wie in ihrem Verfahren gleich bleibende Heilkunst, welche, wie die Lehre, auf der sie be- ruht, wenn sie wohl begriffen worden, dergestalt in sich ab- geschlossen, (und nur so hülfreich) befunden wird, daß, so wıe die Lehre in ihrer Reinheit, so auch die Reinheit ihrer Ausübung sich von selbst versteht und daher jede Zurück- Verirrung in den verderblichen Schlendrian der alten Schu- le (deren Gegensatz sie ist, wie der Tag gegen die Nacht) gänzlich ausschließt, oder aufhört, den ehrwürdigen Namen Homöopathik zu verdienen.

Paris, im Februar 1842.

SAMUEL HAHNEMANN.

Vorrede.

Inhalt

Beispiele von homöopathischen Heilungen durch Zufall.

Auch unärztliche Personen fanden die Heilungen durch Wirkungs-Aehnlichkeit als die einzig hülfreichen.

Selbst Aerzte älterer Zeit ahneten, daß dieß die vorzüglich- ste Heilart sei.

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Text des Organons

Der einzige Beruf des Arztes ist schnelles, sanf- tes, dauerhaftes Heilen:

ANM. nicht das Schmieden theoretischer Systeme und Erklärungs-Versuche.

Er muß das an Krankheiten zu Heilende aufsu- chen und das Heilende in den verschiednen Arzneien kennen, um dieses jenem anpassen zu können, auch die Gesundheit der Menschen zu erhalten verstehen.

Zur Heilung beihülfliches Achten auf Veranlas- sung, Grundursache und andre Umstände.

Die Krankheit besteht für den Arzt bloß in der Gesammtheit ihrer Symptome.

ANM. Der alten Schule unmögliche Ergrübelung des Krankheits-Wesens (PRIMA CAUSA).

Unter Achtung auf jene Umstände ($. 5.) braucht der Arzt bloß die Gesammtheit der

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Symptome hinwegzunehmen, um die Krankheit zu heilen.

ANM. A. Die offenbar die Krankheit veranlassende und unterhaltende Ursache ist hinwegzuräumen.

ANM. B. Verwerflichkeit der symptomatischen, auf ein einziges Symptom gerichteten, palliativen Cur- art.

Sind alle Symptome getilgt, so ist jederzeit dıe Krankheit auch in ihrem Innern geheilt.

AnNM. Unverständig läugnet dieß die alte Schule.

Während der Gesundheit belebt eine geistarti- se Kraft (Autokratie, Lebenskraft) den Orga- nism und hält ıhn in harmonischer Ordnung.

Ohne diese belebende, geistartige Kraft ist der Organism todt.

Während der Krankheit ist ursprünglich nur die Lebenskraft krankhaft verstimmt und drückt ıhr Leiden (die innere Veränderung) durch Innor- malitäten an Gefühlen und Thätigkeiten des Or- ganısms aus.

AnM. Erklärung des Wortes: dynamisch.

Durch das Verschwinden des Symptomen-Inbe- griffs mittels Heilung, ist auch das Leiden der Lebenskraft, das ist, der ganze innere und äuße- re Krankheits-Zustand gehoben.

AnM. Das Wie? die Lebenskraft die Symptome zu- wege bringe, ist zum Heilen unnöthig zu wissen.

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Die nicht-chirurgischen Krankheiten für ein eignes, sonderes, im Menschen hausendes Ding anzunehmen ist ein Unding, was die Allöopa- thie so verderblich gemacht hat.

Alles heilbare Krankhafte giebt sich durch Krankheits-Symptome dem Arzte zu erkennen.

Das Leiden der kranken Lebenskraft und die dadurch erzeugten Krankheits-Symptome, sind ein untheilbares Ganze - Eins und dasselbe.

Nur durch geistartige Einflüsse der krank ma- chenden Schädlichkeiten kann unsre geistartige Lebenskraft erkranken, und so auch nur durch geistartige (dynamische) Einwirkung der Arz- neien wieder zur Gesundheit hergestell werden.

Der Heilkünstler hat also bloß den Inbegriff der Krankheits-Zeichen hinwegzunehmen, und er hat das Total der Krankheit gehoben.

ANM. 1. 2. Erläuternde Beispiele.

Die Gesammtheit der Symptome ist die einzige Indication, die einzige Hinweisung auf ein zu wählendes Heilmittel.

Die Befindens-Veränderung in Krankheiten (die Krankheits-Symptome) kann durch die Arzneien nicht anders geheilt werden, als in so- fern diese die Kraft haben, ebenfalls Befindens- Veränderungen im Menschen zuwege zu brin- gen.

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neien kann bloß bei ihrer Einwirkung auf ge- sunde Menschen wahrgenommen werden.

Die krankhaften Symptome, welche die Arznei- en im gesunden Menschen erzeugen, sind das Einzige, woraus wır ihre Krankheit-Heilungs- Kraft erkennen lernen.

Zeigt die Erfahrung, daß durch Arzneien, wel- che ähnliche Symptome, als die Krankheit, of- fenbaren, letztere am gewissesten und dauer- haftesten geheilt werde, so nimmt man zum Heilen Arzneien von ähnlichen Symptomen - zeigt sie aber, daß die Krankheit am gewisse- sten und dauerhaftesten durch entgegengesetz- te Arznei-Symptome geheilt werde, so hat man Arzneien von entgegengesetzten Symptomen zum Heilen zu wählen.

ANnM. Der Gebrauch der Arzneien, deren Sympto- me keinen eigentlichen (pathischen) Bezug auf die Krankheits-Symptome haben, den Körper aber an- dersartig angreifen, bezeichnet die allöopathische, verwerfliche Curmethode.

Durch entgegengesetzte Arznei-Symptome (an- tipathische Cur) werden anhaltende Krank- heits-Symptome nicht geheilt.

Nur die noch übrige homöopathische Heilme- thode, durch Arzneien von ähnlichen Sympto- men, zeigt sıch ın der Erfahrung durchaus hülf- reich.

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Dieß beruht auf dem Natur-Heilgesetze, daß ei- ne schwächere dynamische Affection ım leben- den Menschen, von einer ihr sehr ähnlichen, stärkern, bloß der Art nach abweichenden, dau- erhaft ausgelöscht wird.

AnM. Dieß geschieht auch bei physischen Affecti- onen, wie bei moralischen Uebeln.

Das Heil-Vermögen der Arzneien beruht daher auf ihren der Krankheit ähnlichen Symptomen.

Versuch einer Erklärung dieses Natur-Heilge- setzes.

Der menschliche Körper ıst weit geneigter, sıch durch Arzneikräfte in seinem Befinden umstim- men zu lassen, als durch natürliche Krankheit.

Des homöopathischen Heilgesetzes Richtigkeit, zeigt sich an dem Nicht-Gelingen jeder unho- möopathischen Cur eines ältern Uebels und daran, daß auch zwei im Körper zusammentref- fende, natürliche Krankheiten, sobald sie einan- der unähnlich sind, einander nicht aufheben und nicht heilen.

I. Die ältere, im Körper wohnende Krankheit hält, wenn sıe gleich stark, oder stärker ist, eine neue, unähnliche Krankheit vom Menschen ab.

So bleiben auch bei unhomöopathischen Curen, dıe nicht heftig sind, die chronischen Krankhei- ten, wie sie waren.

II. Oder eine den schon kranken Menschen be- fallende, neue, stärkere Krankheit unterdrückt

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nur, so lange sıe dauert, die alte, im Körper wohnende, ihr unähnliche Krankheit, hebt diese aber nie auf.

Eben so heilen starke Curen mit allöopathi- schen Arzneien keine chronische Krankheit, sondern unterdrücken sie nur so lange, als der Angriff mit heftigen Arzneien dauert, welche keine der Krankheit ähnliche Symptome für sich erregen können; hernach kommt die chro- nische Krankheit eben so schlimm und schlim- mer wieder hervor.

III. Oder dıe neue Krankheit tritt nach langer Einwirkung auf den Körper zu der ältern, ihr unähnlichen, und es entsteht eine doppelte (complicirte) Krankheit; keine dieser beiden sich unähnlichen, hebt die andre auf.

Obgleich im Laufe der Natur nicht selten zwei sich unähnliche Krankheiten in demselben Or- ganısm zusammentreffen, so ereignet sich dieß dennoch weit öfterer beim gewöhnlichen Cur- Verfahren, wo zu der ıhr unähnlichen (folglich nicht durch eine zweite, unähnliche Krankheit heilbaren) eine durch angewendete, so heftige, als unpassende (allöopathische) Arzneien er- zeugte Kunst-Krankheit sich gesellet, wodurch der Kranke nun weit kränker, ja zwiefach krank wird.

Die sıch so complicirenden Krankheiten neh- men, ihrer Unähnlichkeit zufolge, jede den ihr im Organısm gehörigen Platz ein.

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Aber ganz anders ıst's beim Zutritt einer stär- kern Krankheit zu der ıhr ähnlichen, alten; denn diese wird dann von jener aufgehoben und geheilt.

Erklärung dieser Erscheinung.

Beispiele chronischer Krankheiten, durch zufäl- ligen Zutritt einer andern, ähnlichen, stärkern geheilt.

Selbst von den, ım Laufe der Natur zusammen- treffenden Krankheiten, kann nur die, aus ähnli- chen Symptomen bestehende, die andre aufhe- ben und heilen, die unähnliche Krankheit aber kann es nie, zur Belehrung für den Arzt, mit welcher Art Arzneien er gewiß heilen könne, nämlich einzig mit den homöopathischen.

Die Natur hat nur wenige Krankheiten andern Krankheiten zur homöopathischen Hülfe zuzu- schicken und diese ıhre Hülfsmittel sind mit vielen Unbequemlichkeiten verbunden.

Dagegen hat der Arzt unzählige Heilpotenzen mit großen Vorzügen vor jenen.

Es giebt nur zwei Haupt-Curarten, dıe homöo- pathische und die allöopathische, welche gera- de Gegensätze sind; sıe können sich einander nicht nähern, noch sich je vereinigen.

Die homöopathische beruht auf einem untrügli- chen Natur-Gesetze und bewährt sich als die einzig vorzügliche.

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schiednen auf einander folgenden Systemen, die sich alle „rationelle Heilkunde‘ nannten. Diese Curart sah in Krankheiten nur krankhafte Materie, wollte sie klassıificiren, und machte sich eine Arzneimittellehre aus Vermuthungen.

ANM. Zusammengesetzte Recepte.

Die allöopathischen Aerzte haben bei ihrer schädlichen Curart nichts, was die Kranken noch in einigem Vertrauen erhält, als die Pallıia- tive.

ANM. Isopathie.

Auf antipathischem (enantiopathischen) oder palliativem Wege wird gegen ein einzelnes Symptom der Krankheit eine Arznei von entge- gengesetzter Wıirkungs-Aeußerung (contraria contrariis) verordnet. Beispiele.

Dieses antipathische Verfahren ist nicht bloß fehlerhaft, weil es nur gegen ein einzelnes Krankheits-Symptom gerichtet ıst, sondern auch, weil ın anhaltenden Beschwerden, nach kurzer Schein-Erleichterung, wahre Verschlim- merung erfolgt.

ANM. Zeugnisse der Schriftsteller.

Schädliche Erfolge einiger antipathischen Cu- ren. |

Die gesteigerten Gaben, bei Wiederholung eı- nes Palliativs, heilen auch nie chronische Uebel, richten aber desto größeres Unglück an.

ANM. Broussais's verderbliches Cur-System

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Hieraus hätten die Aerzte auf dıe Hülfreichheit des gegentheiligen, allein guten Heilwegs schließen sollen, nämlich des homöopathı- schen.

Der Grund von der Schädlichkeit der pallıati- ven und von der alleinigen Heilsamkeit der ho- möopathischen Arznei-Anwendung

beruht auf dem Unterschiede der bei Einwir- kung einer jeden Arznei statt findenden Erst- wirkung und der hierauf vom lebenden Orga- nism (der Lebenskraft) veranstalteten Gegen- wirkung oder Nachwirkung.

Erklärung der Erstwirkung und der Nachwir- kung.

Beispiele von beiden.

Bei den kleinsten homöopathischen Arzneiga- ben wird die Nachwirkung der Lebenskraft ein- zig durch die Herstellung des Gleichgewichts der Gesundheit kund.

Aus diesen Wahrheiten geht die Heilsamkeit der homöopathischen, so wıe die Verkehrtheit der antipathischen und palliativen Verfahrungs- art hervor.

AnM. Fälle, in denen die antipathische Anwen- dung der Arzneimittel noch einzig brauchbar ist.

Wie folgt aus dıesen Wahrheiten die Heilsam- keit der homöopathischen Heilart?

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Wie folgt aus diesen Wahrheiten die Schädlich- keit des antıpathischen Verfahrens?

AnM. 1. Entgegengesetzte Empfindungen neutrali- siren sich im menschlichen Sensorium nicht, also nicht wie entgegengesetzte Substanzen in der Che- mie.

AnM. 2. Erläuterndes Beispiel. Kurzer Inbegriff der homöopathischen Heilart.

Die drei zum Heilen nöthigen Punkte: 1) die Erforschung der Krankheit, 2) die Erforschung der Wirkung der Arzneien, und 3) ihre zweck- mäßige Anwendung.

Allgemeine Uebersicht der Krankheiten - acute, chronische.

Acute Krankheiten Einzelner, sporadische, epi- demische, acute Miasmen.

Die schlimmste Art chronischer Krankheiten sind die durch Unkunst allöopathischer Aerzte erzeugten.

ANM. 1) Die höchst allöopathische Schwächungs- Cur Broussais.

ANM. 2) Pathologische Anatomie. Diese sınd dıe unheilbarsten.

Nur von noch hinreichender Lebenskraft kann dann das Verdorbne, oft nur in langer Zeit, wie- der zurückgebildet werden, wenn homöopa- thisch das Ursiechthum zugleich getilgt wird.

Uneigentliche chronische Krankheiten.

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Eigentliche chronische Krankheiten; sıe entste- hen alle aus chronischen Miasmen.

ANM. Erläuterung. Syphilis und Sykosis.

Psora; sie ist die Mutter aller eigentlichen chro- nischen Krankheiten, die syphilitischen und sy- kosischen ausgenommen:

AnM. Krankheitsnamen der gewöhnlichen Patho- logie.

Unter den für diese chronischen Miıasmen, na- mentlich für dıe Psora, gefundenen, specifi- scheren Heilmitteln ist für jeden einzelnen Fall von chronischer Krankheit eine um so sorgfälti- gere Wahl zur Heilung zu treffen.

Erfordernisse zur Auffassung des Krankheits- bildes.

Vorschrift, wie der Arzt das Krankheitsbild zu erkundigen und aufzuzeichnen hat.

Erforschung der epidemischen Krankheiten ins- besondre.

Auf gleiche Weise mußte die Grundursache der (unsyphilitischen) chronischen Krankheiten ausgemittelt und das große Gesammt-Bild der Psora aufgestellt werden.

Nutzen des schriftlich aufgezeichneten Krank- heitsbildes zum Heilen und beim Verfolg der Cur.

ANM. Wie verfahren die Aerzte alter Schule bei Erforschung des Krankheits-Zustandes”

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Vorerinnerung zur Erforschung der reinen Arz- nei-Wirkungen an gesunden Menschen. Eirst- wirkung. Nachwirkung.

Wechselwirkungen der Arzneien. Idiosyncrasien.

Jede Arznei hat von der andern abweichende Wirkungen.

ANM. Es kann keine Surrogate geben.

Jede Arznei muß daher auf die Eigenheit ihrer besondern Wirkungen sorgfältig geprüft wer- den.

Verfahren dabei, wenn man sie an andern Per- sonen versuchen läßt.

Die Versuche des gesunden Arztes mit Arznei- en an sıch selbst bleiben die vorzüglichsten.

Die Erforschung der reinen Arzneiwirkungen in Krankheiten ist schwierig.

Aus solcher Erforschung der reinen Wirkungen der Arzneien an Gesunden entsteht erst eine wahre MATERIA MEDICA.

Die zweckmäßigste Anwendung der nach ihrer eigenthümlichen Wirkung gekannten Arzneien zum Heilen.

Die homöopathisch passendste Arznei ist die hülfreichste, ıst das specifische Heilmittel.

Andeutung, wıe die homöopathische Heilung zugehen mag.

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Die homöopathische Heilung schnell entstand- ner Krankheit erfolgt schnell; die der chroni- schen Siechthume aber erfordert verhältnißmä- Big mehr Zeit.

ANM. Unterschied reiner Homöopathiık von der Mischlings-Sekte. _

Geringe Unpäßlichkeiten.

Die bedeutenden Krankheiten haben mehre Symptome.

Für die mit mehren, auffallenden Symptomen läßt sich desto gewisser ein homöopathisches Heilmittel finden.

Auf welche Art von Symptomen man hiebei vorzüglich zu achten habe’

Ein möglichst homöopathisches Mittel heilt oh- ne bedeutende Beschwerde.

Ursache der Beschwerdelosigkeit solcher Hei- lung.

Ursache der kleinen Ausnahmen hievon.

Die die ursprüngliche Krankheit etwas an Stär- ke übertreffende, sehr ähnliche Arzneikrank- heit, auch homöopathische Verschlimmerung genannt.

In chronischen (psorischen) Krankheiten erfol- gen die homöopathischen Verschlimmerungen von den homöopathischen Arzneien ım Verlau- fe mehrer Tage, von Zeit zu Zeit.

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Maßregeln beı der Heilung, wenn der Vorrath gekannter Arzneien zur Findung eines vollkom- men homöopathischen Mittels zu klein ist.

Maßregeln bei Heilung der Krankheiten mit all- zuwenigen Symptomen: einseitige Krankhei- ten.

Behandlung der Krankheiten mit Local-Sym- ptomen; ıhre bloß äußere Behandlung ist stets verderblich.

Alle eigentliche (nicht bloß von übler Lebensart entstandene und unterhaltene) chronische Uebel und Siechthume müssen mit den, ihrem zum Grunde liegenden Miasm angemessenen, ho- möopathischen Arzneien bloß von innen geheilt werden.

Vorgängige Erkundigung nach dem zum Grun- de liegenden Miasm, dem einfachen oder des- sen Complication mit einem zweiten (oder wohl auch dritten) Miasm.

Erkundigung der vorher gebrauchten Curen.

Uebrige, nöthige, vorgängige Erkundigungen vor Auffassung des Krankheitsbildes des chro- nischen Uebels.

Behandlung der sogenannten Geistes- oder Ge- müths-Krankheiten.

Die Wechselkrankheiten. Die alternirenden. Die typischen Wechselkrankheiten. Die Wechselfieber.

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Gebrauchsart der Heilmittel.

AnM. Gaben-Wiederholung nach den neuesten Er- fahrungen berichtigt

Zeichen der anfangenden Besserung.

Falsche Vorliebe für Lieblings-Mittel und un- gerechter Hal5 gegen andre Arzneien.

Lebensordnung in chronischen Krankheiten. AnM. Schädliche Dinge in der Lebensweise.

Diät ın acuten Krankheiten.

Wahl der vollkräftigsten, ächtesten Arzneien.

AnM. Aenderung einiger Stoffe durch Zubereitung zu Nahrungsmitteln.

Zubereitung der kräftigsten und haltbarsten Arzneiform aus frischen Kräutern.

Trockne Gewächssubstanzen. ANM. Pulver-Zubereitung zum Aufbewahren.

Die der Homöopathik eigenthümliche Zuberei- tungs-Art der rohen Arznei-Substanzen, um ih- re Heilkräfte möglichst zu entwickeln. Dyna- misirung (Potenzirung).

Nur eine einzige, einfache Arznei ist auf ein- mal dem Kranken zu geben.

Gaben-Größe zu homöopathischem Behufe - wodurch sıe verstärkt oder verkleinert werden.

AnM. Gefährlichkeit allzu großer Dosen.

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Welche Theile des Körpers sind mehr oder minder empfänglich für die Einwirkung der Arzneien?

Aeußere Anwendung der Arzneien Mineral-Bäder.

Elektricität, Galvanısm

Mineralischer Magnet

Thierischer Magnetism (Mesmerism). Massiıren.

Wasser-Bäder, als Heilmittel mittels ihrer Tem- peratur.

Einleitung

Hinblick auf das bisherige Mediciniren, Allöopathie und Palliativ-Curen der bisherigen alten Arzneischule

So lange es Menschen gab, waren sie auch einzeln, oder in Menge Erkrankungen ausgesetzt von physischen oder moralischen Ursachen her. Im noch rohen Naturzustande bedurfte man der Hülfsmittel wenige, da die einfache Le- bensweise wenige Krankheiten zuließ; mit der Bildung der Menschen im Staate wuchsen die Veranlassungen zum Er- kranken und das Bedürfniß von Hülfe dagegen, in gleichem Maße. Aber von da an (bald nach Hippokrates, also seit drittehalb Tausend Jahren) gaben sich Menschen mit Be- handlung der sich mehr und mehr vervielfältigten Krank- heiten ab, die diese Hülfe mit dem Verstande und mit Ver- muthungen auszuklügeln sich von ihrer Eitelkeit verführen ließen. Unzählige, verschiedne Ansichten über die Natur der Krankheiten und ihrer Abhülfe entsprangen aus den so verschiednen Köpfen und das theoretisch von ihnen Ausge- heckte hießen sie Systeme (Gebäude), wovon jedes den üb- rigen und sich selbst widersprach. Jede dieser spitzfindigen Darstellungen setzte Anfangs die Leser in ein betäubendes Erstaunen ob der unverständlichen Weisheit drin und zog dem System-Erbauer eine Menge, die naturwidrige Klüge- leı nachbetender Anhänger zu, deren keiner jedoch etwas davon zum bessern Heilen brauchen konnte, bis ein neues, dem erstern oft ganz entgegengesetztes System jenes ver- drängte und sich wieder auf kurze Zeit Ruf verschaffte. Keines aber war mit Natur und Erfahrung im Einklange; es

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waren theoretische Gewebe feiner Köpfe aus angeblichen Consequenzen, die in der Ausübung, im Handeln am Kran- kenbette, ihrer Subtilität und Naturwidrigkeit wegen nicht gebraucht werden konnten und nur zu leeren Disputir- Uebungen taugten.

Nebenbei bildete sich, von allen diesen Theorien unab- hängig, ein Cur-Wesen mit ungekannten, gemischten Arz- neisubstanzen gegen willkührlich aufgestellte Krankheits- Formen, nach materiellen Hinsichten eingerichtet, mit Na- tur und Erfahrung im Widerspruche, begreiflich daher schlechten Erfolgs - alte Medicin, Allöopathie genannt.

Ohne die Verdienste zu verkennen, welche viele Aerzte um die Hülfswissenschaften der Medicin, um die Natur- kenntnisse in der Physik und der Chemie, um die Naturge- schichte in ihren verschiedenen Zweigen und der des Men- schen im Besondern, um die Anthropologie, Physiologie und Anatomie u. s. w. sich erwarben, habe ich es hier nur mit dem praktischen Theile der Medicin, mit dem Heilen selbst zu thun, um zu zeigen, wie die Krankheiten bisher so unvollkommen behandelt wurden. Tief jedoch liegt unter mir jener handwerksmäßige Schlendrian, das kostbare Menschenleben nach Recepttaschenbüchern zu kuriren, de- ren noch fortwährende Erscheinung im Publikum, leider, noch immer ihren häufigen Gebrauch erweiset. Ich lasse sie als Skandale der Hefe des gemeinen Arztvolkes ganz unbe- rücksichtigt. Ich rede bloß von der bisherigen Arzneikunst, die sich wissenschaftlich dünkt, eingebildet auf ihre Alter- thümlıchkeit.

Diese alte Arzneischule bildete sich viel darauf ein, vor- geben zu können, daß sıe allein den Namen „rationelle Heilkunst“ verdiene, weil sie allein die Ursache der

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Krankheit aufsuche und hinwegzuräumen sich bemühe, auch nach dem Vorgange der Natur in Krankheiten verfahre.

TOLLE CAUSAM! ruft sie wiederholt. Aber bei diesem lee- ren Rufe blieb es. Sie wähnten nur, die Krankheits-Ursa- che finden zu können, fanden sie aber nicht, da sie nicht er- kennbar und nicht zu finden ist. Denn da die meisten, ja die allermeisten Krankheiten dynamischen (geistartigen) Ur- sprungs und dynamischer (geistartiger) Natur sind, ihre Ur- sache also nicht sinnlich zu erkennen ist, so waren sie be- flıssen, sich eine zu erdenken, und aus der Ansicht der Theile des normalen, todten, menschlichen Körpers (Anato- mie), verglichen mit den sichtbaren Veränderungen dieser innern Theile an Krankheiten verstorbener Menschen (pa- thologische Anatomie), so wie aus dem, was aus der Ver- gleichung der Erscheinungen und Funktionen im gesunden Leben (Physiologie) mit den unendlichen Abweichungen derselben ın den unzähligen Krankheitszuständen (Patholo- gie, Semiotik) sich zu ergeben schien, Schlüsse auf den un- sichtbaren Vorgang der Veränderungen im innern Wesen des Menschen beı Krankheiten zu ziehen - ein dunkles Phantasıebild, was die theoretische Medicin für ihre PRIMA CAUSA MORBI*

* Dem gesunden Menschenverstande und der Natur der Sache weit angemessener würde es gewesen seyn, wenn sie, um eine Krankheit heilen zu können, als CAUSA MORBI die Entstehungs- Ursache derselben ausfindig zu machen gesucht hätten, und so den Heilplan, der bei Krankheiten aus derselben Entstehungs- Ursache sich hülfreich erwiesen, auch bei jenen von demselben Ursprunge mit Erfolg hätten anwenden können, wie z. B. bei ei- nem Geschwüre an der Eichel nach einem unreinen Beischlafe dasselbe Quecksilber hülfreich anzuwenden ist, wie bei allen

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bisherigen venerischen Schankern - wenn sie, sage ich, von al- len übrigen chronischen, (unvenerischen) Krankheiten die Ent- stehungs-Ursache in einer frühern oder spätern Ansteckung mit Krätz-Miasm (mit Psora) entdeckt, und für alle diese eine ge- meinsame Heilmethode mit den therapeutischen Rücksichten auf jeden individuellen Fall, gefunden hätten, wonach alle, und jede einzelne dieser chronischen Krankheiten hätte geheilt wer- den können. Dann hätten sıe mit Recht sich rühmen mögen, daß sie die zum Heilen chronischer Krankheiten allein brauchbare und fruchtbringende CAUSAM MORBORUM CHRONICORUM (NON VENEREORUM) vor Augen gehabt, und, diese zum Grunde ange- nommen, solche Krankheiten mit dem besten Erfolge heilen könnten. Aber alle die Millionen chronischer Krankheiten konn- ten sie in den vielen Jahrhunderten nicht heilen, weil sie deren Entstehung von Krätz-Miasm nicht kannten (die erst durch die Homöopathie entdeckt und hienach mit einer hülfreichen Heil- methode versehen ward) und dennoch prahlten sie, daß sıe al- lein die PRIMAM CAUSAM derselben bei ihren Curen vor Augen hätten und allein rationell heilten, ungeachtet sie von der. allein nutzbaren Kenntniß ihres psorischen Ursprungs nicht die min- deste Ahnung hatten und so alle chronische Krankheiten ver- pfuschten!

hielt, die dann die nächste Ursache der Krankheit und auch zugleich das innere Wesen der Krankheit, die Krank- heit selbst, seyn sollte - obgleich, nach dem gesunden Menschenverstande, die Ursache eines Dinges oder eines Ereignisses nie zugleich das Ding oder das Ereignil selbst seyn kann. Wie konnten sıe nun, ohne Selbsttäuschung, dieß unerkennbare, innere Wesen zum Heilgegenstande machen und dagegen Arzneien verordnen, deren Heilten- denz ihnen ebenfalls größtentheils unbekannt war, und zwar mehre solche ungekannte Arzneien zusammen gemischt ın sogenannten Recepten’?

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Doch lösete sich dieß sublime Projekt, eine innere, un- sichtbare, aprıorısche Krankheitsursache zu finden, wenig- stens bei den sich klüger dünkenden Aerzten alter Schule, in ein, freilich auch aus den Symptomen hergeleitetes Auf- suchen derselben auf, was etwa muthmaßlıch als der gene- relle Charakter des gegenwärtigen Krankheitsfalles anzu- nehmen sey*?

* Jeder Arzt, der nach so allgemeinen Charakteren kuriret, er af- fektire auch noch so anmaßend den Namen eines Homöopathen, ist und bleibt ın der That ein generalisirender Allöopath, da oh- ne die speciellste Individualisirung keine Homöopathik denkbar 1St.

ob Krampf’? oder Schwäche? oder Lähmung’ oder Fieber’ oder Entzündung” oder Verhärtung” oder Infarkten dieses oder jenes Theils? oder Blut-Uebermenge (Plethora)? Man- gel oder Uebermaß an Sauer-, Kohlen-, Wasser- oder Stick- stoff ın den Säften‘? gesteigerte oder gesunkene Arterielli- tät, oder Venosität, oder Capillarıtät? relatives Verhältniß der Faktoren der Sensibilität, Irrıtabilität, oder Reproduk- tion? - Muthmaßungen, welche, von der bisherigen Schule mit dem Namen: Causal-Indication beehrt und für die ein- zig mögliche Rationalität in der Medicin gehalten, allzu trügliche, hypothetische Annahmen waren, als daß sie sich praktisch brauchbar hätten bewähren können - unfähig, selbst wenn sıe gegründet hätten seyn können, oder gewe- sen wären, das treffendste Heilmittel für den Krankheits- Fall anzuzeigen, zwar der Eigenliebe des gelehrten Erden- kers wohl schmeichelnd, im darnach Handeln aber meist ‘sre führend, und womit es mehr auf Östentation, als auf ernstliche Findung der Heil-Indication angelegt war.

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Und wie oft schien nicht z. B. in dem einen Theile des Organisms Krampf oder Lähmung zu seyn, während in ei- nem andern Theile anscheinend Entzündung statt fand!

Oder wo sollten, auf der andern Seite, die für jeden dieser angeblichen, allgemeinen Charaktere sicher helfenden Arz- neien herkommen? Die sıcher helfenden hätten doch wohl keine andern als die specifischen seyn können, d. i. dem Krankheits-Reize in ihrer Wirkung homogene*

* Homöopathische genannt.

Arzneien, deren Gebrauch aber von der alten Schule als höchst schädlich verboten*

* Wo die Erfahrung uns die Heilkraft homöopathisch wirken- der Arzneien kennen gelehrt hatte, deren Wirkungsart man sich nicht erklären konnte, da half man sich damit, sie für specifisch zu erklären, und mit diesem eigentlich nichts sagenden Worte ward das Nachdenken darüber eingeschläfert. Man hat aber längst schon die homogenen Reizmittel, die specifischen (ho- möopathischen), als höchst schädliche Einflüsse verboten.“ Rau: Ueb. d. homöop. Heilverf. Heidelb. 1824. S. 101. 102.

und verpönt war, weil die Beobachtung gelehrt hatte, dab, bei der in Krankheiten so hoch gesteigerten Receptivität für homogene Reize, solche Arzneien in den hergebrachten, großen Gaben lebensgefährlich sich erwiesen hatten. Von kleinern Gaben aber und höchst kleinen hatte die alte Schu- le keine Ahnung. Also auf geradem (natürlichstem) Wege durch homogene, specifische Arzneien durfte nicht geheilt werden, konnte auch nicht, da die meisten Wirkungen der Arzneien unbekannt waren und blieben, und wären sie auch bekannt, doch nie bei solchen generalisirenden Ansichten das treffende Heilmittel zu errathen möglich wäre.

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Doch glaubte die bisherige Arzneischule, weıl's ıhr doch wohl verständiger deuchtete, wo möglich einen andern, ge- raden Weg zu suchen, als Umwege einzuschlagen, noch Krankheiten direkt aufzuheben durch Wegschaffung der (angeblichen) materiellen Krankheits-Ursache - denn der gewöhnlichen Arzt-Schule war es fast unmöglich, sich bei Ansıcht und Beurtheilung einer Krankheit und eben so we- nig bei Aufsuchung der Cur-Indication von diesen materiel- len Begriffen loszumachen und die Natur des geistig-kör- perlichen Organisms für ein so hoch potenzirtes Wesen an- zuerkennen, daß die Abänderungen seines Lebens ın Ge- fühlen und Thätigkeiten, die man Krankheiten nennt, haupt- sächlich, ja fast einzig durch dynamische (geistartige) Ein- wirkungen bedingt und bewirkt werden müßten und gar nicht anders bewirkt werden Könnten.

Durchaus sah die bisherige Schule jene durch die Krank- heit veränderten Stoffe, die turgescirenden sowohl, als die sich absondernden, innormalen Stoffe für Krankheits-Erre- ger, wenigstens, wegen ihrer angeblichen Rückwirkung, als Krankheits-Unterhalter an und thut letzteres bis auf diese Stunde noch.

Daher wähnte sıe Causal-Curen zu verrichten, indem sıe diese eingebildeten und vorausgesetzten, materiellen Ursa- chen der Krankheit hinwegzuschaffen sich bemühte. Daher ihr emsiges Fortschaffen der Galle durch Erbrechen bei gal- lichten Fiebern, ihre Brechmittel bei sogenannten Magen- Verderbnissen*,

* Bei einer schnellen Magen-Verderbniß, mit stetem, widerli-

chem Aufstoßen nach verdorbenen Speisen, gewöhnlich mit Niedergeschlagenheit des Gemüths, bei kalten Füßen und Hän-

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den, u. s. w. ging der gewöhnliche Arzt bisher nur auf den ent- arteten Magen-Inhalt los: ein tüchtiges Brechmittel soll ihn rein herausschaffen. Gewöhnlich erreicht er diese Absicht mit wein- steinsauerm Spießglanze, mit oder ohne Ipecacuanha. Ist denn aber der Kranke darauf sogleich gesund, munter und heiter? O nein! Gewöhnlich ist eine solche Magen-Verderbniß dynami- schen Ursprungs, durch Gemüths-Störungen (Gram, Schreck, Aerger), Verkältung, Anstrengung des Geistes oder Körpers un- mittelbar aufs Essen, - selbst oft nach mäßigem Speise-Genuß erzeugt. Diese dynamische Verstimmung zu heben, sind diese beiden Arzneien nicht geeignet, und eben so wenig das dadurch hervorgebrachte revolutionäre Erbrechen. Und Brechweinstein und Ipecacuanha haben dann noch überdieß aus ihren anderwei- ten eigenthümlichen Krankheit-Erregungs-Symptomen Nach- theile für das Befinden des Kranken hinzugefügt, und die Gall- Abscheidung ist in Unordnung gekommen, so daß, wenn der Leidende nicht ganz robust war, er noch mehre Tage sich auf diese angebliche Causal-Cur übel befinden muß, trotz aller die- ser gewaltsamen Herausschaffung des vollständigen Magen-In- halts. - Wenn aber der Leidende, statt solcher heftigen und stets nachtheiligen Ausleerungs-Arzneien, nur ein einziges Mal in hochverdünnten Pulsatille-Saft (an ein Senfsamen großes, damit befeuchtetes Streukügelchen) riecht, wodurch die Verstimmung seines Befindens im Allgemeinen und seines Magens insbe- sondre gewiß aufgehoben wird, so ist er in zwei Stunden gene- sen, und hat er dann ja noch einmal Aufstoßen, so ist es ge- schmack- und geruchlose Luft - der Magen-Inhalt ist nicht mehr verdorben, und bei der nächsten Mahlzeit hat er wieder seinen vollen, gehörigen Appetit; er ist gesund und munter. Dieß ist wahre Causal-Cur, jenes aber eine eingebildete, ist nur eine schädliche Strapaze für den Kranken.

Ein selbst mit schwerverdaulichen Speisen überfüllter Magen erfordert wohl nie ein arzneiliches Brechmittel. Die Natur weiß hier den Ueberfluß am besten durch Ekel, Uebelkeit und Selbst- Erbrechen, allenfalls mit Beihülfe mechanischer Reizung des

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Gaumen-Vorhangs und Rachens, durch den Schlund wieder von sich zu geben, und dann werden die arzneilichen Nebenwirkun- gen der medicinischen Brechmittel vermieden - etwas Kaffee- Trank befördert den Rest im Magen vollends nach unten hin.

Wäre aber nach arger Ueberfüllung des Magens die Reizbar- keit des Magens zum Selbsterbrechen nicht zureichend oder verschwunden, so daß alle Neigung dazu, unter großen Schmer- zen des Epigastriums, erlöschte, so wird in diesem gelähmten Zustande des Magens ein solches Brechmittel bloß eine gefähr- liche oder tödtliche Eingeweide-Entzündung zur Folge haben, während eine öfter gereichte kleine Menge starken Kaffee- Tranks die gesunkene Reizbarkeit des Magens dynamisch erho- ben und ihn allein in den Stand würde gesetzt haben, seinen, auch noch so übermäßigen Inhalt von oben oder unten auszuför- dern. Auch hier ist jene vorgebliche Causal-Cur am unrechten Orte.

Selbst die in chronischen Krankheiten nicht selten aufschwul- kende, ätzende Magensäure wird, mit großer Beschwerde und dennoch vergeblich, heute mit einem Brechmittel gewaltsam ausgeleert und morgen, oder doch die nächsten Tage durch gleich ätzende Magensäure, und dann gewöhnlich noch in grö- ßerer Menge, ersetzt, während sie von selbst weicht, wenn ihr dynamischer Ursprung durch eine sehr kleine Gabe hochver- dünnter Schwefel-Säure, oder, wenn sie schon oft sich zeigte, besser, durch Gebrauch auch den übrigen Symptomen in Aehn- lichkeit angemessener, antipsorischer Mittel in feinster Gabe heilkräftig aufgehoben wird. Und so giebt es mehre angebliche Causal-Curen der alten Schule, deren Lieblings-Bestreben ist, das materielle Produkt der dynamischen Verstimmung mit be- schwerlichen Vorkehrungen mühsam und mit Nachtheil hin- wegzuräumen, ohne die dynamische Quelle des Uebels zu er- kennen und sie homöopathisch sammt ihren Ausflüssen zu ver- nichten, und so verständig zu heilen.

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ihr fleißiges Auspurgiren des Schleims, der Spul- und Ma- denwürmer bei der Gesichts-Blässe, der Eß-Gier, dem Leibweh und den dicken Bäuchen der Kinder*,

* Umstände, welche bloß auf Psora-Siechthum beruhen und durch (dynamische) milde, antipsorische Mittel leicht geheilt werden, ohne Brechen oder Laxiren.

ihr Aderlassen bei Blutflüssen*,

* Ungeachtet fast allen krankhaften Blutflüssen bloß eine dyna- mische Verstimmung der Lebenskraft (des Befindens) zum Grunde liegt, hält dennoch die alte Schule eine Blut-Uebermen- ge für ihre Ursache und kann sich nicht enthalten, Aderlässe vorzunehmen, um den vermeinten Ueberfluß dieses Lebenssaf- tes fortzuschaffen; den ganz offenbar übeln Erfolg aber, das Sinken der Kräfte und die Hinneigung oder gar den Uebergang zum I'yphösen sucht sıe auf die Bösartigkeit der Krankheit zu schieben, mit der sie dann oft nicht fertig werden kann - ge- nug sie glaubt, wenn auch nun der Kranke nicht aufkommt, eine Cur nach ihrem Wahlspruche, CAUSAM TOLLE, vollführt und, nach ihrer Art zu reden, alles Mögliche für den Kranken gethan zu haben, es erfolge nun, was da wolle.

und vorzüglich alle Arten der Blut-Entziehungen*

* Ungeachtet es vielleicht nie einen Tropfen Blut zu viel im le- benden menschlichen Körper gegeben hat, so hält dennoch die alte Schule eine angebliche Blut-Uebermenge für die materielle Hauptursache aller Blutflüsse und Entzündungen, die sie durch Ader-Oeffnungen (blutige Schröpfköpfe) und Blutegel zu ent- fernen und auszuleeren habe. Dieß hält sie für ein rationelles Verfahren, für Causal-Cur. In allgemeinen Entzündungs-Fie- bern, ım hitzigen Seitenstiche sieht sie sogar die coagulable Lymphe ım Blute, die sogenannte Speckhaut für die MATERIA PECCANS an, welche sie durch wiederholte Ader-Oeffnungen

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möglichst fortzuschaffen strebt, ungeachtet diese nicht selten bei erneuertem Blutlassen noch zäher und dicker zum Vor- schein kommt. So vergießt sie Blut, wenn das Entzündungs-Fie- ber sich nicht legen will, oft bis zum nahen Tode, um diese Speckhaut, oder die vermeintliche Plethora wegzubringen, ohne zu ahnen, daß das entzündete Blut nur Produkt des akuten Fie- bers, nur des krankhaften, immateriellen (dynamischen) Entzün- dungs-Reizes und letzterer die einzige Ursache dieses großen Sturmes in dem Ader-System sey, durch die kleinste Gabe einer homogenen (homöopathischen) Arznei aufzuheben, z. B. durch ein feines Streukügelchen zur Gabe, mit decillionfach verdünn- tem Akonit-Safte befeuchtet, unter Vermeidung vegetabilischer Säuren, so daß das heftigste Seitenstich-Fieber mit allen sei- nen drohenden Zufällen, ohne Blut-Verminderung und ohne die mindesten Kühlmittel schon in wenigen, höchstens in 24 Stunden in Gesundheit übergegangen und geheilt ist (eine Pro- be seines Blutes dann aus der Ader gelassen zeigt nun keine Spur von Speckhaut mehr), während ein sehr ähnlicher Kranker, nach jener Rationalität der alten Schule behandelt, nach mehr- maligem Blutlassen, wenn er ja noch mühsam, nach unsägli- chen Leiden, vor der Hand dem Tode entrinnt, dann oft noch viele Monate durchzusiechen hat, ehe er, abgezehrt, wieder auf die Beine kommt, wenn ihn nicht indeß (die öftere Folge einer solchen Mißhandlung) ein typhöses Fieber, oder Leukophleg- masie oder eiternde Lungensucht hinraftt.

Wer den ruhigen Puls des Mannes eine Stunde vor Antritt des dem hitzigen Seitenstiche stets vorangehenden Frostschauders gefühlt hat, kann sich unmöglich des Erstaunens erwehren, wenn man ihn zwei Stunden drauf, nach Ausbruch der Hitze, bereden will, die vorhandene ungeheure Plethora mache ein vielmaliges Aderlassen dringend nothwendig, und fragt sich, welches Wunder die vielen Pfunde Blut, die nun weggelassen werden sollen, binnen dieser zwei Stunden in die Adern des Mannes gezaubert haben möchte, die er vor diesen zwei Stun- den in so ruhigem Gange gefühlt habe? Nicht ein Quentchen

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Blut kann mehr in seinen Adern nun rollen, als er in gesunden Zeiten, und so auch vor zwei Stunden hatte!

Der Allöopathiker entzieht also mit seinen Aderlässen dem am hitzigen Fieber Erkrankten keine lästige Blut-Uebermenge, weil dergleichen gar nicht vorhanden seyn konnte, sondern be- raubt ıhn der zum Leben und Gesundwerden unentbehrlichen, normalen Blutmenge und sonach der Kräfte - ein großer Ver- lust, den Arztes-Macht nicht wieder zu ersetzen vermag! - und steht dennoch in dem Wahne, eine Cur nach seinem (mißver- standenen) Wahlspruche: CAUSAM TOLLE, vollführt zu haben, während doch hier die CAUSA MORBI am wenigsten eine, nicht existirende, Blut-Uebermenge seyn konnte, sondern die einzige, wahre CAUSA MORBI ein krankhafter, dynamischer Entzün- dungs-Reiz des Blut-Systems war, wie die schnelle und dauer- hafte Heilung des gedachten, allgemeinen Entzündungs-Fiebers durch eine oder zwei, unglaublich feine und kleine Gaben des diesen Reiz homöopathisch aufhebenden Akonit-Saftes beweist und in jedem solchen Falle beweist.

So schießt auch die alte Schule bei Behandlung der Lokal- Entzündungen fehl mit ihrem örtlichen Blutlassen, vorzüglich durch die jetzt mit Broussaisischer Wuth angesetzte Menge Blutegel. Die anfänglich davon erfolgende, palliative Erleichte- rung wird durch schnellen und vollkommenen Heil-Erfolg kei- neswegs gekrönt, sondern die stets zurückbleibende Schwäche und Kränklichkeit des so behandelten Theiles (auch oft des üb- rıgen Körpers) zeigt genugsam, wie fälschlich man die örtliche Entzündung in einer örtlichen Plethora suchte und wie traurig dıe Folgen solcher Blutentziehungen sind, - während dieser bloß dynamische, örtlich scheinende Entzündungs-Reiz durch eine gleich kleine Gabe Akonit, oder, nach den Umständen, von Belladonna schnell und dauerhaft getilgt und das ganze Uebel, ohne solch unmotivirtes Blut-Vergiessen, gehoben und geheilt werden kann.

als ihres Haupt-Indikats bei Entzündungen, die sie jetzt, ei- nes bekannten Pariser blutgierigen Arztes Vorgange (wie

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die Schafe dem Leithammel selbst in die Hände des Schlächters) folgend, fast in jedem krankhaft affıcirten Theile des Körpers anzutreffen und durch eine oft tödtliche Zahl Blutegel entfernen zu müssen wähnt. Auf diese Weise glaubt sie ächte Causal-Indicationen zu befolgen und ratio- nell zu kuriren. Ferner glaubt auch die alte, bisherige Arz- neischule durch Abbindung von Polypen, durch Ausschnei- dung, oder mittels erhitzender Local-Mittel erkünstelte Ver- eiterung der kalten Drüsen-Geschwülste, durch Ausschä- lung der Balg- (Speck- Honig-) Geschwülste, durch Opera- tionen der Pulsader-Geschwülste, der Thränen- und Mast- darm-Fisteln, durch Entfernung der skirrhösen Brust mittels des Schnitts, der Amputation eines knochenfräßigen Glie- des, u. s. w., den Kranken gründlich geheilt und Causal-Cu- ren verrichtet zu haben, und glaubt es auch, wenn sie ihre REPELLENTIA in Anwendung bringt, die alten, jauchenden Schenkel-Geschwüre (allenfalls mit Beihülfe gleichzeitiger, das Grund-Siechthum nicht mindernder, bloß schwächender Abführungs-Mittel) durch adstringende Umschläge, durch Blei-, Kupfer- und Zink-Oxyde austrocknet, den Schanker wegbeizt, die Feigwarzen örtlich zerstört, die Krätze mit Salben von Schwefel, Blei-, Quecksilber- oder Zink-Oxy- den von der Haut vertreibt, die Augen-Entzündungen mit Auflösungen von Blei oder Zink unterdrückt und durch Opodeldok, flüchtige Salbe, oder Räucherungen mit Zinn- ober oder Bernstein die ziehenden Schmerzen aus den Gliedmaßen verjagt; sie glaubt da überall das Uebel geho- ben, die Krankheit besiegt und rationelle Causal-Curen aus- geführt zu haben. Aber der Erfolg! die darauf, bald oder spät, doch unausbleiblich erscheinenden Metaschematis- men, die sie dadurch veranlaßt (doch dann für neue Krank- heiten ausgiebt), welche allemal schlimmer, als das erste- re Uebel sind, widerlegen sie zur Gnüge und könnten und

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sollten ihr die Augen öffnen über die tiefer liegende, imma- terielle Natur des Uebels und seinen dynamischen (geistar- tigen), bloß dynamisch zu hebenden Ursprung.

Ueberhaupt setzte die gewöhnliche Schule bis in die neu- ern (möchte ich doch nicht sagen dürfen, neuesten!) Zeiten bei Krankheiten am liebsten, wenn auch noch so fein ge- dachte, Krankheits-Stoffe (und Schärfen) voraus, welche durch Ausdünstung und Schweiß, durch die Harn-Werkzeu- ge, oder auch durch die Speichel-Drüsen aus den Blut- und Lymph-Gefäßen, durch die Luftröhr- und Bronchial-Drüsen als Brust-Auswurf, aus dem Magen und dem Darmkanale durch Erbrechungen und Abführungen fortgeschafft werden müßten, damit der Körper von der materiellen, Krankheit erregenden Ursache gereinigt und so eine gründliche Cau- sal-Cur vollführt werden könne.

Durch eingeschnittene Oeffnungen am kranken Körper, die sie Jahre lang durch eingelegte fremde Substanzen in langwierige Geschwüre verwandelte, (Fontanelle, Haarsei- le), wollte sie die MATERIA PECCANS aus dem (stets nur dy- namisch) siechen Körper abzapfen, wie man aus Fässern schmuzige Feuchtigkeit aus dem Zapfloche laufen läßt. Auch durch perpetuirliche Canthariden-Pflaster und Seidel- bast beabsichtigte sie, die bösen Säfte abzuziehen und von allem Krankheitsstoffe zu reinigen - schwächte aber nur durch alle diese unbesonnenen, naturwidrigen Veranstaltun- gen den kranken Körper gewöhnlich bis zur Unheilbarkeit.

Ich gebe zu, daß es der menschlichen Schwäche beque- mer war, bei den zu heilenden Krankheiten einen sinnlich denkbaren Krankheitsstoff anzunehmen (zumal da auch die

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Patienten selbst sich leicht einer solchen Vorstellung hinga- ben), weıl man dann auf nichts weiter Bedacht zu nehmen hatte, als wo man genug, Blut und Säfte reinigende, Harn und Schweiß treibende, Brust-Auswurf befördernde und Magen und Darm ausscheuernde Mittel hernähme. Daher steht vom Dioscorides an, in allen MATERIIS MEDICIS bis auf die neuern Bücher dieser Art, fast nichts von den ein- zelnen Arzneien angemerkt, was jeder ihre specielle, ei- gentliche Wirkung sey, sondern, außer den Angaben von ihrem vermeintlichen Nutzen gegen diesen oder jenen Krankheits-Namen der Pathologie, bloß: ob sie Harn, Schweiß, Brust-Auswurf oder Monat-Reinigung befördere, und vorzüglich, ob sie Ausleerung aus dem Speise- und Darm-Kanale von oben oder unten bewirke, weil alles Dichten und Trachten der praktischen Aerzte von jeher vor- züglich auf Ausleerung eines materiellen Krankheits-Stoffs und mehren, den Krankheiten zum Grunde liegen sollen- den, (fingirter) Schärfen gerichtet war.

Dieb waren aber alles eitel Träume, ungegründete Vor- aussetzungen und Hypothesen, klüglich ersonnen zur Be- quemlichkeit der Therapie, welche am leichtesten mit der Heilung durch Hinwegschaffung materieller Krankheits- Stoffe (SIMODO ESSENT!) fertig zu werden hoffte.

Nun kann sich aber das Wesen der Krankheiten und ihre Heilung nicht nach solchen Träumen oder nach der Aerzte Bequemlichkeit richten; die Krankheiten können jenen thö- richten, auf Nichts gegründeten Hypothesen zu gefallen nicht aufhören, (geistige) dynamische Verstimmungen unseres geistartigen Lebens in Gefühlen und Thätigkei- ten, das ist, immaterielle Verstimmungen unsers Befin- dens zu seyn.

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Materiell können die Ursachen unsrer Krankheiten nicht seyn, da die mindeste fremdartige materielle Substanz*,

* Das Leben stand auf dem Spiele, als etwas reines Wasser in eine Vene eingespritzt ward (m. s. Mullen bei Birch in history of the royal society. Vol. IV.).

In den Adern gespritzte atmosphärische Luft tödtete (m. s. J. H. Voigt, Magazin für den neuesten Zustand der Naturkunde, 1. III. S. 25.).

Auch die mildesten in dıe Venen gebrachten Flüssigkeiten er- regten Lebensgefahr (m. s. Autenrieth, Physiologie, I. $. 784.).

sie scheine uns auch noch so mild, in unsre Blutgefäße ge- bracht, plötzlich, wie ein Gift, von der Lebenskraft ausge- stoßen wird, oder, wo dıeß nicht angeht, den Tod zur Folge hat. Selbst wenn der mindeste Splitter in unsre empfindli- chen Teile geräth, so ruht das in unserm Körper allgegen- wärtige Lebensprincip nicht eher, bis er durch Schmerz, Fieber, Eiterung oder Brand wieder herausgeschafft worden ist. Und dieß unermüdlich thätige Lebensprincip sollte, z. B. bei einer zwanzig Jahr alten Ausschlags-Krankheit zwanzig Jahre lang einen fremdartigen, so feindseligen, materiellen Ausschlags-Stoff, eine Flechten-, eine Skrofel-, eine Gicht-Schärfe, u. s. w. ın den Säften gutmüthig dul- den? Welcher Nosologe sah je mit leiblichen Augen einen solchen Krankheits-Stoff, daß er so zuversichtlich davon sprechen und ein medicinisches Verfahren darauf bauen will? Wer hat je einen Gicht-Stoff, ein Skrofel-Gift den Au- gen darlegen können?

Auch wenn die Anbringung einer materiellen Substanz an die Haut oder in eine Wunde Krankheiten durch An- steckung fortgepflanzt hat, wer kann (wie so oft in unsern Pathogenien behauptet worden) beweisen, daß von dieser

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Substanz etwas Materielles in unsere Säfte eingedrungen oder eingesaugt worden sey*?

* Dem von einem tollen Hunde gebissenen, achtjährigen Mäd- chen in Glasgow schnitt der Wundarzt die Stelle sogleich rein aus, und dennoch bekam sie nach 36 Tagen die Wasser- scheu, woran sie nach zwei Tagen starb. (Med. Comment. of Edinb. Dec. II. Vol. II. 1793.)

Kein, auch noch so sorgfältiges, alsbaldiges Abwaschen der Zeugungstheile schützt vor der Ansteckung mit der veneri- schen Schanker-Krankheit. Schon ein Lüftchen, was von ei- nem Menschenpocken-Kranken herüberweht, kann in dem gesunden Kinde diese fürchterliche Krankheit hervorbrin- gen.

Wie viel materieller Stoff an Gewichte mag wohl auf die- se Weise in die Säfte eingesaugt worden seyn, um im er- stern Falle ein ungeheilt, erst mit dem entferntesten Lebens- ende, erst mit dem Tode erlöschendes, peinliches Siech- thum (Lustseuche), im letztern Falle aber eine mit fast all- gemeiner Vereiterung*

* Um die Entstehung der oft großen Menge faulichten Unraths und stinkender Geschwür-Jauche in Krankheiten zu erklären und ıhn für Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Stoff ausgeben zu können, (da doch bei der Ansteckung nichts Merk- bares von Miasm, nichts Materielles in den Körper eingedrun- gen seyn konnte), nahm man zu der Hypothese seine Zuflucht, daß der auch noch so feine Ansteckungs-Stoff im Körper als Ferment wirke, die Säfte in gleiche Verderbniß bringe und sie auf diese Art selbst in ein solches Krankheits-Ferment umwand- le, was ımmerdar während der Krankheit wuchere und die Krankheit unterhalte. Durch welche allmächtigen und allweisen Reinigungs-Tränke wolltet Ihr aber dann wohl dieses sich im- mer wieder erzeugende Ferment, diese Masse angeblichen

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Krankheits-Stoffs so rein aus den menschlichen Säften ausson- dern und aussäubern lassen, daß nicht noch ein Stäubchen eines solchen Krankheits-Ferments drin bliebe, was die Säfte immer wieder, wie zuerst, zum neuen Krankheits-Stoffe, nach dieser Hypothese, umbilden und verderben müßte? Dann würde es ja unmöglich, diese Krankheiten auf Eure Art zu heilen! - Man sieht, wie alle, auch noch so fein ausgesonnenen Hypothesen auf die handgreiflichsten Inconsequenzen führen, wenn Un- wahrheit zum Grunde liegt! - Die weit gediehenste Lustseuche heilt, wenn die oft damit komplicirte Psora beseitigt ist, von ei- ner oder zwei ganz kleinen Gaben decillionfach verdünnter und potenzirter Auflösung des Quecksilber-Metalls, und die allge- meine syphilitische Säfte-Verderbniß ist auf immer (dynamisch) vernichtet und verschwunden.

oft schnell tödtende Krankheit (Menschen-Pocken) hervor- zubringen? Ist hier und in allen diesen Fällen wohl an einen materiellen, in das Blut übergegangenen Krankheits-Stoff zu denken? Ein im Krankenzimmer geschriebener Brief aus weiter Entfernung theilte schon oft dem Lesenden dieselbe miasmatische Krankheit mit. Ist wohl hier an einen materi- ellen, in die Säfte eingedrungenen Krankheits-Stoff zu den- ken? Doch, wozu alle diese Beweise? Wie oft hat nicht schon ein kränkendes Wort, ein gefährliches Gallenfieber, eine abergläubige Todes-Prophezeihung, ein Absterben zur angekündigten Zeit, und eine jählinge, traurige oder höchst freudige Nachricht den plötzlichen Tod zuwege gebracht? Wo ist hier der materielle Krankheits-Stoff, der in den Kör- per leibhaftig übergegangen seyn, die Krankheit erzeugt und unterhalten haben und ohne dessen materielle Hinweg- schaffung und Ausführung keine gründliche Cur möglich seyn sollte’?

Die Verfechter so grobsinnlich angenommener Krank- heits-Stoffe mögen sich schämen, die geistige Natur unse-

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res Lebens und die geistig dynamische Kraft Krankheit er- regender Ursachen so unüberlegt übersehen und verkannt und sich so zu Fege-Aerzten herabgewürdigt zu haben, wel- che durch ihr Bemühen, Krankheits-Stoffe, die nie existir- ten, aus dem kranken Körper zu treiben, statt zu heilen, das Leben zerstören.

Sınd denn die übelartigen, oft sehr ekelhaften Auswürfe in Krankheiten gerade der sie erzeugende und unterhaltende Stoff*,

* Dann müßte jeder Schnupfen, auch der langwierigste, bloß durch sorgfältiges Schneuzen und Säubern der Nase unfehlbar und schnell geheilt werden können.

und nicht dagegen jederzeit Auswurfs-Producte der Krankheit selbst, das ist, des bloß dynamisch gestörten und verstimmten Lebens?

Bei solchen falschen, materiellen Ansichten von der Ent- stehung und dem Wesen der Krankheiten war es freilich nicht zu verwundern, dass in allen Jahrhunderten von den geringen, wie von den vornehmen Praktikern, ja selbst von den Erdichtern der sublimsten, medicinischen Systeme im- mer hauptsächlich nur auf Ausscheidung und Abführung ei- ner eingebildeten, krankmachenden Materie hingearbeitet und die häufigste Indication gestellet ward auf Zertheilung und Beweglich-Machung des Krankheits-Stoffs und seine Ausführung durch Speichel, Luftröhr-Drüsen, Schweiß und Harn, auf eine durch die Verständigkeit der Wurzel- und Holztränke treugehorsam zu bewirkende Reinigung des Blutes von (Schärfen und Unreinigkeiten) Krankheits-Stof- fen, die es nie gab, auf mechanische Abzapfung der erdich- teten Krankheits-Materie durch Haarseile, Fontanelle, durch von immerwährendem Canthariden-Pflaster oder Sei-

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delbast-Rinde offen und triefend erhaltene Haut-Stellen, vorzüglich aber auf Abführung und Auspurgirung der MA- TERIA PECCANS, oder der schadhaften Stoffe, wie sie sie nannten, durch den Darmkanal mittels laxirender und purgi- render Arzneien, die sie gern, um ihnen eine tiefsinnigere Bedeutung und ein schmeichelhafteres Ansehen zu geben (die Infarkten?), auflösende und gelind eröffnende be- nannten - lauter Veranstaltungen zur Fortschaffung feindse- liger Krankheits-Stoffe, die es nie geben konnte und nie ge- geben hat bei Erzeugung und Unterhaltung der Krankheiten des durch ein geistiges Princip lebenden, menschlichen Or- ganisms - der Krankheiten, welche nie etwas Anderes wa- ren, als geistig dynamische Verstimmungen seines an Ge- fühl und Thätigkeit geänderten Lebens.

Vorausgesetzt nun, wie nicht zu zweifeln ist, daß keine der Krankheiten - wenn sie nicht von verschluckten, gänz- lich unverdaulichen oder sonst sehr schädlichen, in die er- sten Wege oder in andre Oeffnungen und Höhlungen des Körpers gerathenen Substanzen, von durch die Haut ge- drungenen, fremden Körpern, u. s. w. herrühren - daß, mit einem Worte, keine Krankheit irgend einen materiellen Stoff zum Grunde hat, sondern daß jede bloß und stets eine besondre virtuelle, dynamische Verstimmung des Befin- dens ist; wie zweckwidrig muß da nicht ein auf Ausfüh- rung*

* Einen Anschein von Nothwendigkeit hat die Auspurgirung der Würmer bei sogenannten Wurmkrankheiten. Aber auch die- ser Anschein ist falsch. Einige wenige Spulwürmer findet man vielleicht bei mehren Kindern, bei nicht wenigen auch einige Madenwürmer. Aber alle diese, so wie eine Uebermenge von ei- ner oder der andern Art rühren stets von einem allgemeinen Siechthume (dem psorischen) her, gepaart mit ungesunder Le-

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bensart. Man bessere letztere und heile das psorische Siechthum homöopathisch, was in diesem Alter am leichtesten Hülfe an- nimmt, so bleiben keine dieser Würmer übrig, und die Kinder, wenn sie auf diese Art gesund geworden sind, werden nicht mehr davon belästigt, während sıe sich nach bloßen Purganzen, selbst mit Cinasamen verbunden, doch bald wieder ın Menge erzeugen.

„Aber der Bandwurm,“ höre ich sprechen, „dieses zur Qual der Menschen geschaffene Ungeheuer, muß doch wohl mit aller Macht ausgetrieben werden.“

Ja, er wird zuweilen abgetrieben, aber mit welchen Nachwe- hen und mit welcher Lebensgefahr! Ich mag den Tod so vieler Hunderte von Menschen nicht auf meinem Gewissen haben, die durch die angreifendsten, schrecklichsten Purganzen, gegen den Bandwurm gerichtet, ihr Leben haben einbüßen müssen, oder das Jahre lange Siechthum derer, welche dem Pugir-Tode noch entrannen. Und wie oft wird er durch alle diese, oft mehrjähri- gen, Gesundheit und Leben zerstörenden Purgir-Curen doch nicht abgetrieben; oder er erzeugt sich wieder!

Wie nun, wenn diese gewaltsame, nicht selten grausame und oft lebensgefährliche Forttreibung und Tödtung dieser Thiere gar nicht nöthig wäre?

Die verschiedenen Gattungen Bandwürmer finden sich bloß beim Psora-Sıechthume, und verschwinden jederzeit, wenn die- ses geheilt wird. Ehe diese Heilung aber vollführet wird, leben sie, bei erträglichem Wohlbefinden des Menschen, nicht unmit- telbar in den Gedärmen, sondern in den Ueberbleibseln der Speisen, dem Unrathe der Gedärme, wie in ihrer eigenen Welt, ganz ruhig und ohne uns im mindesten zu belästigen und finden ın dem Darm-Unrathe, was sie zu ihrer Nahrung bedürfen; da berühren sıe die Wände unserer Gedärme nicht und sind uns un- schädlich. Wird aber der Mensch auf irgend eine Art acut krank, dann wird der Inhalt der Gedärme dem Thiere unleidlich, es windet sich dann und berührt und beleidigt in seinem Uebelbe- hagen die empfindlichen Wände der Gedärme, da dann die Be-

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schwerden des kranken Menschen nicht wenig durch diese be- sondre Art von krampfhafter Kolik vermehrt werden. (So wird auch die Frucht im Mutterleibe unruhig, windet sich und stößt, doch nur wenn die Mutter krank ist, schwimmt aber ruhig in seinem Wasser, ohne der Mutter weh zu thun, wenn diese ge- sund ist.)

Es ist bemerkenswerth, daß die Krankheits-Zeichen des sich zu dieser Zeit übel befindenden Menschen größtentheils von der Art sind, daß sie an der Tinktur der männlichen Farrnkraut- Wurzel, und zwar in der kleinsten Gabe, ihr (homöopathisches) schnelles Beschwichtigungs-Mittel finden, indem, was da in dem Uebelbefinden des Menschen dieß Schmarozer-Thier unru- hig macht, dadurch vor der Hand gehoben wird; der Bandwurm befindet sich dann wieder wohl und lebt ruhig fort im Darm- Unrathe, ohne den Kranken oder seine Gedärme sonderlich zu belästigen, bis die antipsorische Cur so weit gediehen ist, daß der Wurm, nach ausgetilgter Psora, den Darm-Inhalt nicht mehr zu seiner Nahrung geeignet findet und so von selbst aus dem Bauche des Genesenen auf immer verschwindet, ohne die min- deste Purganz.

jener erdichteten Stoffe gerichtetes Cur-Verfahren in den Augen jedes verständigen Mannes erscheinen, da nichts in den Hauptkrankheiten des Menschen, den chronischen, da- mit gewonnen werden kann, sondern stets ungeheuer damit geschadet wird!

Die in Krankheiten sıchtbar werdenden, entarteten Stoffe und Unreinigkeiten sind, mit einem Worte, wie nicht zu leugnen ist, nichts Anderes, als Erzeugnisse der Krankheit des in innormale Verstimmung gesetzten Organisms selbst, welche von diesem selbst oft heftig genug - oft allzu heftig - fortgeschafft werden, ohne der Hülfe der Ausleerungs- Kunst zu bedürfen, deren er auch immer wieder neue er- zeugt, so lange er an dieser Krankheit leidet. Diese Stoffe

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bieten sich dem ächten Arzte selbst als Krankheits-Sympto- me dar und helfen ihm, die Beschaffenheit und das Bild der Krankheit erkennen, um sie mit einer ähnlichen, arzneili- chen Krankheits-Potenz heilen zu können.

Doch die neuern Anhänger der alten Schule wollen nicht mehr dafür angesehen seyn, als ob sıe bei ihren Curen auf Abführung von materiellen Krankheits-Stoffen ausgingen. Sıe erklären ihre vielen und mancherlei Ausleerungen für eine durch Ableitung helfende Cur-Methode, worın ihnen die Natur des kranken Organısms in ihren Bestrebungen, sich zu helfen, mit ihrem Beispiele vorangehe, Fieber durch Schweiß und Urin entscheide, Seitenstiche durch Nasenblu- ten, Schweiß und Schleim-Auswurf - andre Krankheiten durch Erbrechen, Durchfälle und After-Blutfluß, Gelenk- Schmerzen durch jauchende Schenkel-Geschwüre, Hals- Entzündung durch Speichelfluß, u. s. w. oder durch Meta- stasen und Abscesse entferne, die die Natur in, vom Sitze des Uebels entfernten Theilen veranstalte. -

Sıe glaubten daher am besten zu thun, wenn sıe dieselbe nachahmten, indem auch sie ın der Cur der meisten Krank- heiten auf Umwegen, wıe dıe kranke, sich selbst überlasse- ne Lebenskraft, zu Werke gingen und daher indirect*,

* Statt mit direct gegen die kranken Punkte im Organism selbst gerichteten, homogenen, dynamischen Arznei-Potenzen, wie die Homöopathie thut, das Uebel schnell, ohne Kräfte-Verlust und ohne Umschweif auszulöschen.

durch Anbringung stärkerer, heterogener Reize in den vom Krankheits-Sitze entfernten, und den kranken Gebilden am wenigsten verwandten (dissimilären) Organen Ausleerun- gen veranstalteten, gewöhnlich auch unterhielten, um das Uebel gleichsam dahin abzuleiten.

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Diese sogenannte Ableitung war und blieb eine der Haupt-Curmethoden der bisherigen Arzneischule.

Sie suchten bei dieser Nachahmung der sich selbst hel- fenden Natur, wie sich Andre ausdrücken, in den Gebilden, welche am wenigsten krank sind und am besten die Arznei- Krankheit vertragen könnten, gewaltsam neue Symptome rege zu machen, welche unter dem Scheine von Crisen und unter der Form von Abscheidungen die erste Krankheit ab- leiten*

* Gleich als wenn man etwas Unmaterielles ableiten könnte! Also gleichwohl eine, wenn schon noch so fein gedachte, Mate- rie und Krankheits-Stoff!

sollten, um so den Heilkräften der Natur eine allmälige Ly- sıs zu erlauben*.

* Nur die mäßigen acuten Krankheiten pflegen, wenn ihre na- türliche Verlaufs-Zeit zu Ende geht, ohne und bei Anwendung nicht allzu angreifender, allöopathischer Arzneien, sich, wie man sagt, zu indifferenziren und sich ruhig zu beendigen; die sich ermannende Lebenskraft setzt nun an die Stelle der ausge- tobten Befindens-Veränderungen allmälig ihre Norm wieder ein. Aber in den hoch acuten und in dem bei weitem größten Theile aller menschlichen Krankheiten, den chronischen, muß dıeß die rohe Natur und die alte Schule bleiben lassen; da kann weder dıe Lebenskraft durch ihre Selbsthülfe, noch die sie nach- ahmende Allöopathie eine Lysis herbeiführen - höchstens eini- gen Waffen-Stillstand, während dessen der Feind sich verstärkt, um desto stärker auszubrechen bald oder spät.

Dieß führten sie aus durch Schweiß und Harn treibende Mittel, durch Blut-Entziehungen, durch Haarseile und Fon- tanelle, am meisten jedoch durch Ausleerungs-Reizungen des Speise- und Darm-Kanals, theils von oben durch Brech-

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mittel, theils aber, und am liebsten, durch Abführungen von unten, die man auch eröffnende und auflösende* * Ein Ausdruck, welcher ebenfalls verräth, daß man dennoch ei-

ne aufzulösende und fortzuschaffende Krankheits-Materie ım Sınne hatte, und voraussetzte.

Mittel nannte.

Dieser Ableitungs-Methode zur Beihülfe wurden die mit ihr verschwisterten, antagonistischen Reizmittel in An- wendung gesetzt: Schaafwolle auf bloßer Haut, Fußbäder, Ekel-Cur, durch Hunger gepeinigter Magen und Darm (Hunger-Cur), Schmerz, Entzündung und Eiterung in nahen und entfernten Theilen bewirkende Mittel, wıe aufgelegter Mäfrrettig, Senf-Teig, Kantharıden-Pflaster, Seidelbast, Haarseile (Fontanelle), Autenriethsche Salbe, Moxa, glü- hendes Eisen, Akupunktur, u. s. w., ebenfalls nach dem Vorgange der in Krankheiten sich zur Hülfe selbst überlas- senen, rohen Natur, welche sich durch Schmerz-Erregung an entfernten Körpertheilen, durch Metastasen und Absces- se, durch erregte Ausschläge und jauchende Geschwüre von der dynamischen Krankheit (und ist diese eine chronische, vergeblich) loszuwinden sucht.

Offenbar also nicht verständige Gründe, sondern einzig die sich das Curiren bequem machen wollende Nachah- mung verleitete die alte Schule zu diesen unhülfreichen und verderblichen, indirecten Curmethoden, der ableiten- den sowohl, als der antagonistischen - bewogen sıe zu die- ser so wenig dienlichen, so schwächenden, und so angrei- fenden Verfahrungsart, Krankheiten auf einige Zeit an- scheinend zu mindern oder so zu beseitigen, daß ein andres schlimmeres Uebel dafür erweckt wurde, an des erstern Stelle zu treten. Heilung kann man doch wohl so eine Ver- derbung nicht nennen’?

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Sie folgte bloß dem Vorgange der rohen instinktartigen Natur ın deren, bloß bei mäßigen, acuten Krankheits-Anfäl- len nothdürftig*

* Man sah in der gewöhnlichen Medicin die Selbsthülfe der Na- tur des Organisms bei Krankheiten, wo keine Arznei angewen- det ward, als nachahmungswürdige Muster-Curen an. Aber man irrte sich sehr. Die jammervolle, höchst unvollkommne An- strengung der Lebenskraft zur Selbsthülfe in acuten Krankhei- ten ist ein Schauspiel, was die Menschheit zum thätigen Mitleid und zur Aufbietung aller Kräfte unsers verständigen Geistes auffordert, um dieser Selbstqual durch ächte Heilung ein Ende zu machen. Kann die Natur eine im Organism schon bestehende Krankheit nicht durch Anbringung einer neuen, andern, ähnli- chen Krankheit ($. 43-46.), dergleichen ihr äußerst selten zu Gebote steht ($. 50.), homöopathisch heilen, und bleibt es dem Organism allein überlassen, aus eignen Kräften, ohne Hülfe von aussen, eine neu entstandene Krankheit zu überwinden (bei chronischen Miasmen ist ohnehin sein Widerstand unmächtig), so sehen wir nichts als qualvolle, oft gefährliche Anstrengungen der Natur des Individuums, sich zu retten, es koste, was es wol- le, nicht selten mit Auflösung des irdischen Daseyns, mit dem Tode, geendigt.

So wenig wir Sterbliche den Vorgang im Haushalte des ge- sunden Lebens einsehen, so gewiß er uns, den Geschöpfen, eben so verborgen bleiben muß, als er dem Auge des allsehen- den Schöpfers und Erhalters seiner Geschöpfe offen da liegt, so wenig können wir auch den Vorgang im Innern beim gestörten Leben, bei Krankheiten, einsehen. Der innere Vorgang in Krankheiten wird nur durch die wahrnehmbaren Veränderun- gen, Beschwerden und Symptome kund, wodurch unser Leben dıe innern Störungen einzig laut werden läßt, so daß wir in je- dem vorliegenden Falle nicht einmal erfahren, welche von den Krankheits-Symptomen Primärwirkung der krankhaften Schäd- lichkeit, oder welche Reaction der Lebenskraft zur Selbsthülfe

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seyen. Beide fließen vor unsern Augen in einander und stellen uns bloß ein nach außen reflectirtes Bild des innern Gesammt- leidens dar, indem die unhülfreichen Bestrebungen des sich selbst überlassenen Lebens, das Leiden zu enden, selbst Leiden des ganzen Organisms sind. Daher liegt auch in den, durch die Natur zu Ende schnell entstandener Krankheiten gewöhnlich veranstalteten Ausleerungen, die man Crisen nennt, oft mehr Leiden, als heilsame Hülfe.

Was die Lebenskraft in diesen sogenannten Crisen und wie sie es veranstaltet, bleibt uns, wıe aller innere Vorgang des or- ganıschen Haushaltes des Lebens, verborgen. So viel ist indeß sicher, daß sie in dieser ganzen Anstrengung Mehr oder Weni- ser von den leidenden Theilen aufopfert und vernichtet, um das Uebrige zu retten. Diese Selbsthülfe der bloß nach der orga- nischen Einrichtung unsers Körpers, nicht nach geistiger Ueber- legung bei Beseitigung der acuten Krankheit zu Werke gehen- den Lebenskraft ıst meist nur eine Art Allöopathie; sie erregt, um die primär leidenden Organe durch Crise zu befreien, eine vermehrte, oft stürmische Thätigkeit in den Absonderungs-Or- ganen, um das Uebel jener auf diese abzuleiten; es erfolgen Er- brechungen, Durchfälle, Harnfluß, Schweiße, Abscesse u. s. w., um durch diese Aufreizung entfernter Theile eine Art Ableitung von den ursprünglich kranken Theilen zu erzielen, da dann die dynamisch angegriffene Nervenkraft im materiellen Producte sich gleichsam zu entladen scheint.

Nur durch Zerstörung und Aufopferung eines Theils des Or- ganisms selbst vermag die sich allein überlassene Natur des Menschen sich aus acuten Krankheiten zu retten, und, wenn der Tod nicht erfolgt, doch nur langsam und unvollkommen die Harmonie des Lebens, Gesundheit, wieder herzustellen.

Die bei Selbstgenesungen zurückbleibende, große Schwäche der dem Leiden ausgesetzt gewesenen Theile, ja des ganzen Körpers, die Magerkeit, u. s. w., geben uns dieß zu verstehen.

Mit einem Worte: der ganze Vorgang der Selbsthülfe des Or- ganisms bei ihm zugestoßenen Krankheiten zeigt dem Beobach-

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ter nichts als Leiden, nichts, was er, um ächt heilkünstlerisch zu verfahren, nachahmen könnte und dürfte.

durchkommenden Bestrebungen - sie machte es bloß der sich in Krankheiten selbst überlassenen, keiner Ueberle- gung fähigen Lebens-Erhaltungs-Kraft nach, welche, einzig auf den organischen Gesetzen des Körpers beruhend, einzig nur nach diesen organischen Gesetzen wirket, nicht nach Verstand und Ueberlegung zu handeln fähig ist - der rohen Natur, welche klaffende Wundlefzen nicht wie ein verstän- dıger Wundarzt an einander zu bringen und durch Vereini- gung zu heilen vermag, welche schief von einander abste- hende Knochen-Bruch-Enden, so viel sie auch Knochen- Gallerte (oft zum Ueberfluß) ausschwitzen läßt, nicht gera- de zu richten und auf einander zu passen weiß, keine ver- letzte Arterie unterbinden kann, sondern den Verletzten in ihrer Energie zu Tode bluten macht, welche nicht versteht, einen ausgefallenen Schulter-Kopf wieder einzurenken, wohl aber durch bald umher zuwege gebrachte Geschwulst die Kunst am Einrenken hindert - die, um einen in die Hornhaut eingestochenen Splitter zu entfernen, das ganze Auge durch Vereiterung zerstört und einen eingeklemmten Leisten-Bruch mit aller Anstrengung doch nur durch Brand der Gedärme und Tod zu lösen weiß, auch oft in dynami- schen Krankheiten durch ıhre Metaschematismen die Kran- ken weit unglücklicher macht, als sie vorher waren. Noch mehr; die größten Peiniger unsers irdischen Daseyns, die Zunder zu den unzähligen Krankheiten, unter denen seit Jahrhunderten und Jahrtausenden die gepeinigte Mensch- heit seufzt, die chronischen Miasmen (Psora, Syphilis, Sy- kosis), nimmt die verstandlose Lebenskraft im Körper ohne Bedenken auf, vermag aber keins derselben nicht einmal zu mindern, geschweige denn eigenthätig wieder

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aus dem Organism zu entfernen; vielmehr läßt sie dieselben darın wuchern, bis der Tod oft nach einer langen, traurigen Lebenszeit dem Leidenden die Augen schließt.

Wıe konnte wohl die alte Schule, die sich die rationelle nennt, jene verstandlose Lebenskraft in einer so viel Ver- stand, Nachdenken und Urtheilskraft erfordernden, hoch- wichtigen Verrichtung, als das Heil-Geschäft ist, zur einzig besten Lehrerin, zur blinden Führerin wählen, ihre indirec- ten und revolutionären Veranstaltungen in Krankheiten oh- ne Bedenken nachahmen, sıe allein als das NON PLUS UL- TRA, das ersinnlich Beste, nachahmen, da doch, um sie, zum Wohle der Menschheit, an Hülfsleistung unendlich übertreffen zu können, uns jene größte Gabe Gottes, nach- denklicher Verstand und ungebundene Ueberlegungskraft verliehen war?

Wenn so, bei ihrer unbedenklichen Nachahmung jener rohen, verstandlosen, automatischen Lebens-Energie, die bisherige Arzneikunst in ihren antagonistischen und ablei- tenden Cur-Methoden - ihren allgewöhnlichen Unterneh- mungen - die unschuldigen Theile und Organe angreift und sie entweder mit überwiegendem Schmerze affıcirt, oder sie, wie meistens, zu Ausleerungen, unter Verschwendung der Kräfte und Säfte, nöthigt, will sie die krankhafte Thä- tigkeit des Lebens in den ursprünglich leidenden Theilen ab- und auf die künstlich angegriffenen hinlenken, und so, indirect, durch Hervorbringung einer weit größern, an- dersartigen Krankheit in den gesündern Theilen, also durch einen Kräfte raubenden, meist schmerzhaften Um- weg das Entweichen der natürlichen Krankheit erzwingen*.

* Mit welchem traurigen Erfolge dieses Manöver in chroni- schen Krankheiten ausgeführt wird, zeigt die tägliche Erfah-

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rung. Am wenigsten erfolgt Heilung. Wer wollte es aber auch Besiegung nennen, wenn, statt den Feind unmittelbar beim Kopfe zu ergreifen und, Waffe gegen Waffe gekehrt, ıhn zu ver- tilgen, um so dem feindlichen Einfalle auf einmal ein Ende zu machen, man feig, hinter seinem Rücken nur brandschatzt, ıhm alle Zufuhr abschneidet, alles weit um ihn her aufzehrt, sengt und brennt; da wird man dem Feinde wohl endlich allen Muth benehmen, zu widerstehen, aber der Zweck ist nicht erreicht, der Feind keineswegs vernichtet - er ist noch da, und wenn er sich wieder Nahrung und Vorrath verschafft hat, hebt er sein Haupt nur noch erbitterter wieder empor - der Feind, sage ıch, ist keineswegs vernichtet, das arme, unschuldige Land aber so ruinirt, daß es sich in langer Zeit kaum wieder erholen kann. So die Allöopathie in chronischen Krankheiten, wenn sie den Orga- nism durch ihre indirecten Angriffe auf die unschuldigen, vom Krankheits-Sitze entfernten Theile, ohne die Krankheit zu hei- len, zu Grunde richtet. Dieß sind ihre unwohlthätigen Künste!

Die Krankheit entweichet freilich, wenn sie acut und also ihr Verlauf ohnehin nur zu kurzer Dauer geartet war, auch unter diesen heterogenen Angriffen auf entfernte, dissimilä- re Theile - sie ward aber nicht geheilt. Es liegt nichts ın die- ser revolutionären Behandlung, welche keine gerade, un- mittelbare, pathische Richtung auf die ursprünglich leiden- den Gebilde hat, was den Ehren-Namen, Heilung verdiente. Oft würde, ohne diese bedenklichen Angriffe auf das übrige Leben, die acute Krankheit für sich schon, gewiß wohl noch eher, verflossen seyn, und mit weniger Nachwehen, weniger Aufopferung von Kräften. Mit einer, dıe Kräfte er- haltenden, die Krankheit unmittelbar und schnell auslö- schenden, directen, dynamischen (homöopathischen) Be- handlung halten ohnehin beide, weder die von der rohen Naturkraft ausgehende, noch die allöopathische Copie der letztern, keine Vergleichung aus.

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In der bei weitem größten Zahl von Krankheits-Fällen aber, in den chronischen, richten diese stürmischen, schwä- chenden, indirecten Behandlungen der alten Schule fast nie das mindeste Gute aus. Nur auf wenige Tage hin suspendi- ren sie diese oder jene lästige Krankheits- Aeusserung, wel- che jedoch wiederkehrt, wenn die Natur des entfernten Rei- zes gewohnt ist, und schlimmer kehrt die Krankheit wieder zurück, weil durch die antagonistischen Schmerzen*

* Welchen günstigen Erfolg hatten wohl die so oft angewende- ten, künstlich unterhaltenen, übeln Geruch verbreitenden Ge- schwüre, die man Fontanelle nennt? Wenn sıe ja ın den ersten paar Wochen, so lange sie noch viel Schmerz verursachen, ant- agonistisch ein chronisches Uebel etwas zu hemmen scheinen, so haben sie doch nachgehends, wenn der Körper sich an den Schmerz gewöhnt hat, keinen andern Erfolg, als den Kranken zu schwächen und so dem chronischen Siechthume weitern Spielraum zu verschaffen. Oder wähnt man etwa, noch ım 19ten Jahrhunderte, hiedurch ein Zapfloch für die herauszulassende MATERIA PECCANS offen zu erhalten? Fast scheint es so!

und die unzweckmäßigen Ausleerungen die Lebenskräfte zum Sinken gebracht worden sind.

Während so die meisten Aerzte alter Schule die Hülfs- Bestrebungen der sich selbst überlassenen, rohen Natur im Allgemeinen nachahmend, nach Gutdünken (wo eine Ih- ren Gedanken vorschwebende Indication sie dazu leitete) dergleichen angeblich nützliche Ableitungen in ihrer Praxis ausführten, unternahmen Andre, welche sich ein noch hö- heres Ziel vorsteckten, die in Krankheiten sich eben zei- senden Anstrengungen der Lebenskraft, sich durch Ausleerungen und antagonistische Metastasen zu helfen, mit Fleiß zu befördern und, um ihr gleichsam unter die Arme zu greifen, diese Ableitungen und Ausleerungen noch

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zu verstärken, und glaubten bei diesem nachtheiligen Ver- fahren DUCE NATURA zu handeln und sich mit dem Namen MINISTRINATURAE beehren zu können.

Da in langwierigen Krankheiten die von der Natur des Kranken veranstalteten Ausleerungen sich nicht selten als, obschon nur kurze Erleichterungen beschwerlicher Zustän- de arger Schmerzen, Lähmungen, Krämpfe, u. s. w. ankün- digen, so hielt die alte Schule diese Ableitungen für den wahren Weg, die Krankheiten zu heilen, wenn sie solche Ausleerungen beförderte, unterhielt, oder gar vermehrte. Sie sah aber nicht ein, daß alle jene durch die sich selbst überlassene Natur veranstalteten Auswürfe und Ausschei- dungen (anscheinende Crisen) in chronischen Krankheiten nur palliative, kurz dauernde Erleichterungen seyen, welche so wenig zur wahren Heilung beitragen, daß sie vielmehr ım Gegentheile das ursprüngliche, innere Siechthum mittels der dadurch erfolgenden Verschwendung der Kräfte und Säfte nur verschlimmern. Nie sah man durch solche Bestre- bungen der rohen Natur irgend einen langwierig Kranken zur dauerhaften Gesundheit herstellen, nie durch solche vom Organısm bewerkstelligte*

* Und eben so wenig durch die künstlich veranstalteten.

Ausleerungen irgend eine chronische Krankheit heilen. Vielmehr verschlimmert sich in solchen Fällen stets, nach kurzer, und immer kürzere und kürzere Zeit dauernden Er- leichterung, das ursprüngliche Siechthum offenbar, die schlimmen Anfälle kommen öÖfterer wieder und stärker, trotz der fortdauernden Ausleerungen. - So auch, wenn die sich selbst überlassene Natur bei den dem Leben von einem innern chronischen Uebel drohenden Befährdungen, sich nicht anders zu helfen weiß, als durch Hervorbringung äu-

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ßerer Localsymptome, um die Gefahr von den zum Leben unentbehrlichen Theilen abzulenken und auf diese für das Leben nicht unentbehrlichen Gebilde hinzuleiten (Metasta- se), so führen diese Veranstaltungen der energischen, aber verstandlosen und keiner Ueberlegung oder Fürsicht fähi- gen Lebenskraft doch zu nichts weniger, als zu wahrer Hül- fe oder Heilung; sie sind bloß palliative, kurze Beschwich- tigungen für das gefährliche, innere Leiden, unter Vergeu- dung eines großen Theils der Säfte und Kräfte, ohne das Ur-Uebel auch nur um ein Haar zu verkleinern; sıe Können den, ohne ächte, homöopathische Heilung unausbleiblichen Untergang höchstens verzögern.

Die Allöopathie der alten Schule überschätzte nicht nur bei weitem diese Anstrengungen der rohen automatischen Naturkraft, sondern mißdeutete sie gänzlich, hielt sie fälschlich für ächt heilsam, und suchte sie zu erhöhen und zu befördern, in dem Wahne, dadurch vielleicht das ganze Uebel vernichten und gründlich heilen zu können. Wenn die Lebenskraft bei chronischen Krankheiten dieses oder je- nes beschwerliche Symptom des innern Befindens, z. B. durch einen feuchtenden Haut-Ausschlag zu beschwichti- gen schien, da legte der Diener der rohen Naturkraft (MINI- STER NATURAE) auf die entstandene jauchende Fläche ein Kanthariden-Pflaster oder ein Exutorium (Seidelbast), um DUCE NATURA noch mehr Feuchtigkeit aus der Haut zu zie- hen und so den Zweck der Natur, die Heilung (durch Ent- fernung der Krankheits-Materie aus dem Körper?) zu beför- dern und zu unterstützen -; aber entweder, wenn die Einwir- kung des Mittels zu heftig, die feuchtende Flechte schon alt und der Körper zu reizbar war, vergrößerte er, nutzlos für das Ur-Uebel, das äußere Leiden um Vieles, erhöhete die Schmerzen, welche dem Kranken den Schlaf raubten und

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seine Kräfte herabsetzten (auch wohl einen fieberhaften bösartigen Rothlauf [ERYSIPELAS] herbeiführten), oder, bei milderer Einwirkung auf das vielleicht noch neue Local- übel, vertrieb er damit durch eine Art übel angebrachten, äußern Homöopathisms das von der Natur zur Erleichte- rung des innern Leidens auf der Haut bewerkstelligte Lo- calsymptom von der Stelle, erneuerte so das innere, gefähr- lichere Uebel, und verleitete durch diese Vertreibung des Localsymptoms die Lebenskraft zur Bereitung eines schlimmeren Metaschematisms auf andere, edlere Theile: der Kranke bekam gefährliche Augen-Entzündung, oder Taubhörigkeit, oder Magen-Krämpfe, oder epileptische Zuckungen, oder Erstickungs- oder Schlagfluß-Anfälle, oder Geistes- oder Gemüths-Krankheit, u. s. w. dafür.*

* Natürliche Folgen der Vertreibung solcher Localsymptome - Folgen, dıe oft vom allöopathischen Arzte für ganz andre, neu entstandene Krankheiten ausgegeben werden.

In demselben Wahne, die Lebenskraft in ihren Heil-Be- strebungen unterstützen zu wollen, legte, wenn die kranke Naturkraft Blut in die Venen des Mastdarms oder des Af- ters drängte (blinde Hämorrhoiden), der MINISTER NATURAE Blutegel an, um dem Blute da Ausgang zu verschaffen, oft in Menge - mit kurzer, oft kaum nennenswerther Erleichte- rung, aber unter Schwächung des Körpers, und Veranlas- sung zu noch stärkeren Congestionen nach diesen Theilen, ohne das Ur-Uebel auch nur im Geringsten zu vermindern.

Fast ın allen Fällen, wo die kranke Lebenskraft zur Be- schwichtigung eines innern, gefährlichen Leidens etwas Blut auszuleeren suchte durch Erbrechen, durch Husten u. s. w., beeiferte sich der Arzt alter Schule, DUCE NATURA, diese vermeintlich heilsamen Natur-Bestrebungen zu beför-

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dern und ließ reichlich Blut aus der Ader, nie ohne Nach- theil für die Folge und mit offenbarer Schwächung des Kör- pers.

Bei öftern, chronischen Uebelkeiten erregte er, ın der Meinung, die Absichten der Natur zu befördern, starke Ausleerung aus dem Magen und gab tüchtig zu Brechen - nie mit gutem Erfolge, oft mit übeln, nicht selten mit ge- fährlichen, ja tödtlıchen Folgen.

Zuweilen erregt die Lebenskraft, um das innere Sıech- thum zu erleichtern, kalte Geschwülste äußerer Drüsen, und er glaubt, die Absichten der Natur, als ihr angeblicher Die- ner, zu befördern, wenn er sie durch allerlei erhitzende Eın- reibungen und Pflaster in Entzündung setzt, um dann die reife Eiterbeule mit dem Schnitte zu öffnen und die böse Krankheits-Materie (?) herauszulassen. Welches langwieri- ge Unheil aber dadurch, fast ohne Ausnahme, veranlasset wird, lehrt die Erfahrung hundertfältig.

Und da er öfters kleine Erleichterungen großer Uebel ın langwierigen Krankheiten durch von selbst entstandenen Nacht-Schweiß oder durch manche dünne Stuhl-Ausleerun- gen bemerkt hatte, so wähnt er sıch berufen, diesen Natur- Winken (DUCE NATURA) zu folgen und sie befördern zu müssen durch Veranstaltung und Unterhaltung vollständi- ger Schwitz-Curen, oder Jahre lang fortgesetzter, sogenann- ter gelinder Abführungen, um jene, wie er meint, zur Hei- lung des ganzen chronischen Leidens führenden Bestrebun- gen der Natur (der Lebenskraft des verstandlosen Orga- nisms) zu fördern und zu vermehren und so den Kranken desto eher und gewisser von seiner Krankheit (dem Stoffe seiner Krankheit?) zu befreien.

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Aber er bewirkt dadurch stets nur das Gegentheil im Er- folge: Verschlimmerung des ursprünglichen Leidens.

Dieser seiner vorgefaßten, obgleich grundlosen Meinung zufolge setzt der Arzt alter Schule jene Beförderung*

* Mit diesem Verfahren im Widerspruche erlaubte sich auch die alte Schule das Gegentheil hievon nicht selten, nämlich die Be- strebungen der Lebenskraft in Beschwichtigung des innern Siechthums durch Ausleerungen und an den Außentheilen des Körpers veranstaltete Local-Symptome, wenn sie beschwerlich wurden, durch ihre REPERCUTIENTIA und REPELLENTIA nach Gutdünken zu unterdrücken, die chronischen Schmerzen, die Schlaflosigkeiten und alten Durchfälle mit waghälsig gesteiger- ten Gaben Mohnsaft, die Erbrechungen mit der brausenden Salz-Mixtur, die stinkenden Fuß-Schweiße mit kalten Fußbä- dern und adstringirenden Umschlägen, die Haut-Ausschläge mit Blei- und Zink-Präparaten zu vertreiben, die Bährmütter-Blut- flüsse mit Essig-Einspritzungen, die colliquativen Schweiße mit Alaun-Molken, die nächtlichen Samen-Ergießungen mit vielem Kampfer-Gebrauch, die öftern Anfälle fliegender Körper- und Gesichts-Hitze mit Salpeter und Gewächs- und Schwefel-Säure, das Nasen-Bluten durch Tamponiren der Nasenlöcher mit Pfropfen, in Weingeist oder adstringirende Flüssigkeiten ge- taucht, zu hemmen, und mit Blei- und Zink-Oxyden die, große innere Leiden zu beschwichtigen von der Lebenskraft veranstal- teten, Jauchenden Schenkel-Geschwüre auszutrocknen, u. s. w. - aber mit welchen traurigen Folgen? zeigen tausend Erfahrun- gen.

Mit dem Munde und mit der Feder brüstet sich der Arzt alter Schule, ein rationeller Arzt zu seyn und den Grund der Krank- heit aufzusuchen, um gründlich stets zu heilen; aber siehe, da kurirt er nur auf ein einzelnes Symptom los und immer zum Schaden des Kranken.

der Triebe der kranken Lebenskraft fort und vermehrt jene, doch nie zum gedeihlichen Ziele, bloß zum Ruine führen-

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den Ableitungen und Ausleerungen bei dem Kranken, ohne inne zu werden, daß alle die zur Beschwichtigung des ur- sprünglichen, chronischen Leidens von der sich selbst über- lassenen, verstandlosen Lebenskraft veranstalteten und un- terhaltenen Localübel, Ausleerungen und anscheinenden Ableitungs-Bestrebungen gerade die Krankheit selbst, die Zeichen der ganzen Krankheit sind, gegen welche zusam- men eigentlich eine nach Aehnlichkeits-Wirkung gewählte, homöopathische Arznei das einzig hülfreiche Heilmittel und zwar, auf kürzestem Wege gewesen seyn würde.

Da schon was die rohe Natur thut, um sich in Krankhei- ten zu helfen, in acuten sowohl als vielmehr in chronischen, höchst unvollkommen und selbst Krankheit ist, so läßt sich leicht ermessen, daß die künstliche Beförderung dieser Unvollkommenheit und Krankheit noch mehr schaden, we- nigstens selbst bei acuten Uebeln nichts an der Natur-Hülfe verbessern konnte, da die Arzneikunst die verborgnen We- ge, auf welchen die Lebenskraft ihre Crisen veranstaltet, nicht zu betreten im Stande war, sondern nur durch angrei- fende Mittel von außen es zu bewirken unternimmt, welche noch weniger wohlthätig, als was die sich selbst überlasse- ne, instinktartige Lebenskraft auf ihre Weise thut, aber da- gegen noch störender sind und noch mehr die Kräfte rau- ben. Denn auch die unvollkommene Erleichterung, welche die Natur durch ihre Ableitungen und Crisen bewirkt, kann die Allöopathie auf ähnlichem Wege nicht erreichen; sıe bleibt noch tief unter der jämmerlichen Hülfe, welche die sich allein überlassene Lebenskraft zu verschaffen vermag, mit ihren Bemühungen zurück.

Man hat durch ritzende Werkzeuge ein dem natürlichen nachgemachtes Nasenbluten hervorzubringen gesucht, um die Anfälle z. B. eines chronischen Kopfschmerzes zu er-

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leichtern. Da konnte man wohl Blut in Menge aus den Na- senhöhlen rinnen machen und den Menschen schwächen, aber die Erleichterung davon war entweder Null oder doch weit geringer, als wenn zu andrer Zeit die instinktartige Le- benskraft aus eigenem Triebe auch nur wenige Tropfen aus- fließen ließ.

Ein sogenannter kritischer Schweiß oder Durchfall von der stets thätigen Lebenskraft nach schneller Erkrankung von Aergerniß, Schreck, Verheben oder Verkälten veran- laßt, wird weit erfolgreicher, wenigstens vor der Hand, die acuten Leiden beseitigen, als alle Schwitzmittel oder Ab- führungs-Arzneien aus der Apotheke, die nur kränker ma- chen, wie die tägliche Erfahrung lehrt.

Doch ward die, für sich, nur nach körperlicher Einrich- tung unsers Organısms zu wirken fähige, nicht nach Ver- stand, Einsicht und Ueberlegung zu handeln geeignete Le- benskraft uns Menschen nicht dazu verliehen, daß wir sie für die bestmöglichste Krankheits-Heilerin annehmen soll- ten, jene traurigen Abweichungen von Gesundheit in ihr normales Verhältniß wıeder zurück zu führen, und noch weniger dazu, daß die Aerzte ihre unvollkommnen, krank- haften Bestrebungen (sich selbst aus Krankheiten zu retten), sklavisch, und mit, unstreitig noch zweckwidrigern und an- greifendern Veranstaltungen, als sie selbst vermag, nachah- men und dadurch sich bequemlich den zur Erfindung und Ausführung der edelsten aller menschlichen Künste - der wahren Heilkunst - erforderlichen Aufwand von Verstand, Nachdenken und Ueberlegung ersparen sollten - eine schlechte Copie jener, wenig wohlthätigen Selbsthülfe der rohen Naturkraft für Heilkunst, für rationelle Heilkunst ausgebend!

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Welcher verständige Mensch wollte ihr denn nachahmen in ihren Rettungs-Bestrebungen? Diese Bestrebungen sind ja eben die Krankheit selbst und dıe krankhaft affıcirte Le- benskraft ist die Erzeugerin der sıch offenbarenden Krank- heit! Nothwendig muß also alles künstliche Nachmachen und auch das Unterdrücken dieser Bestrebungen das Uebel entweder vermehren, oder durch Unterdrückung gefährlich machen, und beides thut die Allöopathie; das sind ıhre schädlichen Handlungen, die sie für Heilkunst, für rationel- le Heilkunst ausgiebt!

Nein! jene dem Menschen angeborne, das Leben auf die vollkommenste Weise während dessen Gesundheit zu führen bestimmte, herrliche Kraft, gleich gegenwärtig in al- len Theilen des Organisms, in der sensibeln wie in der irri- tabeln Faser und unermüdete Triebfeder aller normalen, na- türlıchen Körper-Verrichtungen, ward gar nicht dazu er- schaffen, um sich in Krankheiten selbst zu helfen, nıcht, um eine nachahmungswürdige Heilkunst auszuüben - Nein! wahre Heilkunst ist jenes nachdenkliche Geschäft, was dem höhern Menschen-Geiste, der freien Ueberlegung, und dem wählenden, nach Gründen entscheidenden Verstande obliegt, um jene instinktartige und verstand- und bewußtlose, aber automatisch energische Lebens- kraft, wenn sie durch Krankheit zu innormaler Thätig- keit verstimmt worden, mittels einer, dieser ähnlichen Affection, von homöopathisch ausgewählter Arznei er- zeugt, dergestalt arzneikrank, und zwar in einem etwas höhern Grade umzustimmen, daß die natürliche Krank- heits-Affection nicht mehr auf sie wirken könne und sie so derselben quitt werde, einzig noch beschäftigt blei- bend mit der so ähnlichen, etwas stärkern Arzneikrank- heits-Affection, gegen welche sie nun ihre ganze Energie

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richtet, die aber bald von ihr überwältigt, sie aber da- durch frei und fähig wird, wieder zur Norm der Ge- sundheit und zu ihrer eigentlichen Bestimmung, ‚der Belebung und Gesund-Erhaltung des Organisms“ zu- rückzukehren, ohne bei dieser Umwandlung schmerz- hafte oder schwächende Angriffe erlitten zu haben. Dieß zu bewirken, lehrt die homöopathische Heilkunst.

Bei den angeführten Cur-Methoden der alten Schule ent- rannen zwar allerdings nicht wenige Kranke ihren Krank- heiten, doch nicht den chronischen (unvenerischen); nur den acuten, ungefährlichen, und doch nur auf beschwerli- chen Umwegen, und oft so unvollkommen, daß man die Curen nicht durch milde Kunst vollführte Heilungen nen- nen konnte. Die acuten Krankheiten wurden von ihr in den nicht sehr gefährlichen Fällen mittels Blutentziehungen oder Unterdrückung eines der Hauptsymptome durch ein enantiopathisches Palliativmittel (CONTRARIA CONTRARIIS) so lange niedergehalten, oder mittels auf andern, als den kranken Punkten, gegenreizender und ableitender (antago- nistischer und revellirender) Mittel bis zu dem Zeitpunkte suspendirt, wo die natürliche Verlaufs-Zeit des kurzen Uebels vorüber war - also auf Kräfte und Säfte raubenden Umwegen, und dergestalt, dal5 der eignen Natur des so Be- handelten das Meiste und Beste zur vollständigen Besei- tigung der Krankheit und Wiederersetzung der verlornen Kräfte und Säfte zu thun übrig blieb - der Lebens-Erhal- tungs-Kraft, welche nächst der Beseitigung des natürlichen, acuten Uebels, auch die Folgen unzweckmäßiger Behand- lung zu besiegen hatte und so in den ungefährlichen Fällen mittels ihrer eignen Energie, doch oft mühsam, unvollkom-

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men und unter mancherlei Beschwerde die Functionen in ihr normales Verhältniß allmälig wieder einsetzen konnte.

Es bleibt sehr zweifelhaft, ob der Genesungs-Proceß der Natur durch dieses Eingreifen der bisherigen Arzneikunst bei acuten Krankheiten wirklich, auch nur in Etwas abge- kürzt oder erleichtert werde, indem diese gleichfalls nicht anders, als indirect, wie jene (die Lebenskraft) zu Werke gehen konnte, ihr ableitendes und antagonistisches Verfah- ren aber noch viel angreifender ist und noch weit mehr Kräfte raubt.

Noch hat die alte Schule ein Cur-Verfahren, die soge- nannte erregende und stärkende Cur-Methode*

* Sje ist recht eigentlich enantiopathisch, und ich werde ihrer noch im Texte des Organons ($. 59.) gedenken.

(durch EXCITANTIA, NERVINA, TONICA, CONFORTANTIA, RO- BORANTIA). Es ist zu verwundern, wie sie sich derselben rühmen konnte.

Hat sie wohl je die so häufige, von einem chronischen Siechthum erzeugte und unterhaltene, oder vermehrte Schwäche des Körpers durch Verordnung ätherischen Rheinweins, oder feurigen Tokayers, wie sie unzählige Mal versuchte, heben können? Die Kräfte sanken dabeı (weil die Erzeugerin der Schwäche, die chronische Krankheit von ihr nicht geheilt werden konnte) allmälig nur desto tiefer, je mehr des Weins dem Kranken aufgeredet worden war, weil künstlichen Aufregungen die Lebenskraft Erschlaffung in der Nachwirkung entgegen setzt.

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Oder gaben die Chinarinde, oder ihre mißverstandenen, vieldeutigen und andersartig schädlichen AMARA in diesen so häufigen Fällen Kräfte? Setzten diese unter allen Ver- hältnissen für tonisch und stärkend ausgegebenen Gewächs- Substanzen sammt den Eisenmitteln nicht oft noch neue Leiden aus ihren eigenthümlichen, krank machenden Wir- kungen zu den alten hinzu, ohne die auf ungekannter, alter Krankheit beruhende Schwäche beseitigen zu können?

Hat man wohl die von einem chronischen Siechthume, wie so allgewöhnlich, entsprossene, anfangende Lähmung eines Armes oder Beines, ohne Heilung des Siechthums selbst, durch die sogenannten UNGUENTA NERVINA oder die andern geistigen, balsamischen Einreibungen auf die Dauer jemals auch nur um Etwas mindern können? Oder haben in diesen Fällen elektrische oder Voltaische Schläge je etwas Anderes in solchen Gliedern als nach und nach vollkomm- nere, ja vollkommne Lähmung und Ertödtung aller Muskel- Erregbarkeit und Nerven-Reizbarkeit zur Folge gehabt*?

* Die Schwachhörigen besserten sich von der Voltaischen Säule des Jeverschen Apothekers bei mäßigen Schlägen nur auf einige Stunden - bald thaten diese nichts mehr; er mußte, um ein Glei- ches zu bewirken, mit den Schlägen steigen, bis auch diese nichts mehr halfen, da dann die stärksten zwar anfänglich das Gehör des Kranken noch auf kurze Zeit aufreizten, sie aber zu- letzt stocktaub hinterließen.

Brachten die gerühmten EXCITANTIA und APHRODISIACA, die Ambra, der Meer-Stinz, die Kanthariden-Tinktur, die Irüffeln, Cardemomen, Zimmt und Vanille das allmälig ge- schwächte Begattungs-Vermögen (wobei jederzeit ein un- beachtetes, chronisches Miasm zum Grunde lag) nicht stets zur völligen Impotenz herunter?

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Wie kann man sich einer, etliche Stunden dauernden Auf- regung und Bekräftigung rühmen, wenn der nachbleibende Erfolg das dauernde Gegentheil, Unheilbarmachung des Uebels - nach den Gesetzen der Natur aller Palliative - be- wirken muß?

Das wenige Gute, was die EXCITANTIA und ROBORANTIA bei der Erholung aus (auf alte Art behandelten) acuten Krankheiten hervorbrachten, ward tausendfach von dem Nachtheile derselben in chronischen Uebeln überwogen.

Wo die alte Medicin nicht weiß, was sie mit einer lang- wierigen Krankheit anzufangen habe, da curirt sıe blindhin mit ihren sogenannten verändernden Mitteln (ALTERAN- TIA) los; und da sind die MERCURIALIA (Calomel, Aetzsub- limat und Quecksilber-Salbe) ihr fürchterliches Hauptmit- tel, was sie (in unvenerischen Krankheiten!) verderblicher Weise, oft in so großer Maße und so lange Zeit auf den kranken Körper wirken läßt, bis die ganze Gesundheit un- tergraben ist. Sie erzeugt so allerdings große Veränderun- gen, aber stets solche, die nicht gut sind, und stets verderbt sie vollends die Gesundheit mit diesem, am unrechten Orte gegeben, äußerst verderblichen Metalle.

Wenn sie die Chinarinde, welche als homöopathisches Fieber-Mittel bloß für wahre Sumpf-Wechselfieber, wenn Psora nicht hindert, specifisch ist, nun auch allen, oft über große Länder sich verbreitenden, epidemischen Wechselfie- bern in großen Gaben entgegensetzt, so zeigt die alte Medi- cinschule ihre Unbesonnenheit handgreiflich, denn diese kommen in einem fast alljährig verschiednen Charakter vor, und verlangen daher fast immer eine andre homöopa-

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thische Arznei zur Hülfe, von welcher sie denn auch immer mittels einer oder etlicher weniger, sehr kleiner Gaben gründlich geheilt werden in einigen Tagen. Da glaubt nun die alte Schule, weil diese epidemischen Fieber auch perio- dische Anfälle (TYPUS) haben, sie aber in allen Wechselfie- bern nichts als deren TYPUS sieht, auch kein andres Fieber- Heilmittel kennt, als China, und auch kein andres kennen lernen will, da wähnt, sage ich, die alte Schlendrians-Schu- le, daß, wenn sie nur den TYPUS der epidemischen Wechsel- fieber mit gehäuften Gaben China und ihres theuern Aus- zugs (CHININ) unterdrücken könne (was die zwar unver- ständige, hier aber doch gescheutere Lebenskraft oft Mona- te lang zu verhindern strebt), sie habe diese epidemischen Wechselfieber geheilt. Aber der betrogene Kranke wird stets elender nach solcher Unterdrückung der Anfallzeit (TYPUS) seines Fiebers, als er im Fieber selbst war: erdfah- len Gesichts, engbrüstig, in den Hypochondern wie zusam- mengeschnürt, mit verdorbnen Eingeweiden, ohne gesun- den Appetit, ohne ruhigen Schlaf, matt und muthlos, oft mit praller Geschwulst der Beine, des Bauchs, auch wohl des Gesichts und der Hände schleicht er, als geheilt entlassen, aus dem Krankenhause und nicht selten gehören Jahre müh- samer, homöopathischer Behandlung dazu, einen solchen in der Wurzel verdorbnen (geheilten?) künstlich kachekti- schen Kranken nur vom Tode zu erretten, geschweige gar zu heilen und gesund zu machen.

Die träge Unbesinnlichkeit in Nervenfiebern freut sich die alte Schule durch den hier antipathischen Baldrian auf Stunden zu einer Art Munterkeit umwandeln zu können; aber indem dieß nicht vorhält, und sie eine kurze Belebung durch immer größere Gaben Baldrians erzwingen muß, so kömmt es bald dahin, daß auch die größten Gaben um

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nichts mehr beleben, in der Nachwirkung dieses, hıer nur ın der Erstwirkung aufreitzenden Pallıativs aber die ganze Le- benskraft erlahmt und ein solcher Kranker seiner baldıgen Ertödtung durch dieses rationelle Cur-Verfahren der alten Schule gewiß ist; keiner kann entrinnen. Und wıe gewiß sıe damit tödtet, sieht diese Schlendrians-Kunst doch nicht ein; sie schiebt den Tod nur auf die Bösartigkeit der Krankheit.

Ein für chronische Kranke fast noch schrecklicheres Pal- liativ ist die DIGITALIS PURPUREA, auf die sich die bisherige Arzneischule so Herrliches zu Gute thut, wenn sıe den zu schnellen gereizten Puls in chronischen Krankheiten (ächt symptomatisch!) langsamer damit erzwingen will. Auffal- lend, es ist wahr, verlangsamert dieses ungeheure, hier en- antiopathisch angewendete Mittel den schnellen, gereizten Puls und vermindert die Arterien-Schläge um Vieles nach der ersten Gabe, auf etliche Stunden; aber er wird bald wieder schleuniger. Die Gabe wird erhöhet, um ıhn nur et- was wieder langsamer zu machen, und er wird es, doch auf noch kürzere Zeit, bis auch diese und noch viel höhere Pal- liations-Gaben dieß nicht mehr bewirken und der Puls ın der endlich nicht mehr abzuhaltenden Nachwirkung des Fingerhuts nun weit schneller wird, als er vor dem Gebrau- che dieses Krautes war - er wird nun unzählbar, unter Ver- schwindung alles Schlafs, alles Appetits, aller Kräfte - eine sichere Leiche - abgeschlachtet; Keiner von diesen ent- rinnt dann dem Tode, wenn er nicht in unheilbaren Wahn- sinn geräth*.

* Und dennoch rühmt der Vorsteher dieser alten Schule, HUFE- LAND (s. Homöopathie, S. 22.), die DIGITALIS zu dieser Absicht, sich viel drauf zu gute thuend, mit den Worten, „Niemand wird leugnen“ (nur die stete Erfahrung thut's!) „daß zu heftige Circu-

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lation durch - DIGITALIS aufgehoben (?) werden kann.‘ Dauer- haft? Aufgehoben? Durch ein heroisches enantiopathisches Mit- tel? Armer HUFELAND!

So curirte der Allöopathiker. Die Kranken aber mußten sich in diese traurige Nothwendigkeit fügen, weil sie keine bessere Hülfe bei den übrigen Allöopathikern fanden, wel- che aus denselben trugvollen Büchern waren gelehrt wor- den.

Die Grund-Ursache der chronischen (nicht venerischen) Krankheiten blieb diesen, mit Causal-Curen und mit Erfor- schung*

* Die HUFELAND in seinem Pamphlet: DIE HOMÖOPATHIE (S. 20.) seiner alten Unkunst vergeblich vindicirt. Denn da, wie be- kannt, vor Erscheinung meines Buchs (die chron. Kr.) die dritte- halbtausendjährige Allöopathie nichts von der Quelle der mei- sten chronischen Krankheiten (der Psora) wußte, mußte sie da nicht den langwierigen Uebeln eine andre, falsche Quelle (GE- NESIS) anlügen?

der GENESIS bei ihrer Diagnose vergeblich sich brüstenden Praktikern, sammt den Heilmitteln derselben unbekannt: wie hätten sie wohl jene ungeheure Ueberzahl langwieriger Krankheiten mit ihren indirecten Curen heben wollen, wel- che von der, nicht zum Vorbilde im Heilen bestimmten Selbsthülfe der verstandlosen Lebenskraft nur verderbliche Nachahmungen waren?

Den vermeintlichen Charakter des Uebels hielten sie für die Krankheits-Ursache und richteten daher ihre angebli- chen Causal-Curen gegen Krampf, Entzündung (Plethora), Fieber, allgemeine und partielle Schwäche, Schleim, Fäul-

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niß, Infarkten, u. s. w. die sie durch ihre (ihnen nur ober- flächlich bekannten) krampfstillenden, antiphlogistischen, stärkenden, erregenden, antiseptischen, auflösenden, zer- theilenden, ableitenden, ausleerenden, antagonistischen Mittel hınwegzuräumen wähnten.

Nach so allgemeinen Indicationen aber lassen die Arznei- en sich nicht zur Hülfe finden, am allerwenigsten in der al- ten Schule bisherigen Materia medica, die, wie ich anders- wo*

* Vor dem dritten Theile der reinen Arzneimittellehre: Quellen d. bish. Materia Medica.

zeigte, meist nur auf Vermuthung beruhte und auf falschen Schlüssen AB USU IN MORBIS, mit Lug und Trug vermischt.

Und eben so gewagt gingen sie gegen die noch hypotheti- scheren, sogenannten Indicationen - gegen Mangel oder Uebermaß an Sauer-, Stick-, Kohlen- oder Wasserstoff ın den Säften, gegen Steigerung oder Minderung der Irritabiıli- tät Sensibilität, Reproduction, Arteriellität, Venosität, Ca- pillarıtät, Asthenie u. s. w., zu Felde, ohne Hülfsmittel zur Erreichung so phantastischer Zwecke zu kennen. Es war Östentation. Es waren Curen - nıcht zum Wohle der Kran- ken.

Doch aller Anschein von zweckmäßiger Behandlung der Krankheiten verschwand jedoch vollends ganz durch die von den ältesten Zeiten her eingeführte, und sogar zum Gesetz gemachte Vermischung der in ihrer wahren Wir- kung fast ohne Ausnahme ungekannten und stets und ganz ohne Ausnahme von einander so abweichenden Arznei- Substanzen zum Recepte. Man setzte darın eine (nach dem Umfange ıhrer Arznei-Wirkungen nicht gekannte) Arznei

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zum Hauptmittel (BASIS) vorne an, welche den vom Arzte angenommenen Haupt-Charakter der Krankheit besiegen sollte, fügte noch dieses oder jenes (ebenfalls nach dem Umfange seiner arzneilichen Wirkungen nicht gekannte) Mittel zur Beseitigung dieser oder jener Neben-Indication oder als Verstärkungs-Mittel (ADJUVANTIA) hinzu, auch wohl noch ein angebliches (ebenfalls nach dem Umfange seiner Arzneikräfte nıcht gekanntes) Verbesserungs-Mittel (CORRIGENS), ließ das alles (kochen, ausziehen) mischen - auch wohl mit einem, wieder anders arzneilichen Sirupe oder destillirten, arzneilichen Wasser in die Form bringen, und wähnte nun, jeder dieser Mischungs-Theile (Ingredien- zen) werde die ihm in den Gedanken des Verschreibers zu- getheilten Verrichtungen ım kranken Körper zur Ausfüh- rung bringen, ohne sich von den übrigen, dazu gemischten Dingen stören, oder irre machen zu lassen, was doch ver- ständiger Weise gar nicht zu erwarten ist. Eins hob ja das andre ın seiner Wirkung ganz oder zum Theil auf, oder gab ihm und den übrigen eine andre, nicht geahnete, nicht zu vermuthende Thätigkeits-Beschaffenheit und Wirkungs- Richtung, so daß die erwartete Wirkung unmöglich erreicht werden konnte; es erfolgte, was man von dem unerklärli- chen Räthsel von Mischung nicht erwartet hatte, noch er- warten konnte, oft eine im Tumulte der Krankheits-Sym- ptome nicht bemerkbare, neue Krankheits-Verstimmung, welche bleibend ward bei langem Fortgebrauche des Re- cepts - also, eine hinzugesetzte, mit der ursprünglichen sich komplicirende Kunst-Krankheit, eine Verschlimmerung der ursprünglichen Krankheit - oder, wenn das Recept nicht oft wiederholt, sondern von einem oder mehren, neu ver- schriebnen, aus andern Ingredienzen, bald nach einander, verdrängt ward, so entstand doch, zum allerwenigsten, ein vermehrtes Sinken der Kräfte, weil die in solchem Sinne

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verordneten Substanzen wenig oder gar keinen directen, pa- thischen Bezug auf das ursprüngliche Leiden weder hatten, noch haben sollten, sondern nur die von der Krankheit am wenigsten befallenen Punkte angriffen nutzloser und schäd- licher Weise.

Mehrerlei Arzneien, selbst wenn man die Wirkungen je- der einzelnen auf den menschlichen Körper genau gekannt hätte (- der Receptschreiber kennt aber oft nicht den tau- sendsten Theil derselben -), mehrerlei solche Ingredienzen, sage ich, deren manche schon selbst vielfach componirt wa- ren, und deren einzelner genaue Wirkung so gut als nicht bekannt, gleichwohl im Grunde doch immer sehr von der der übrigen verschieden ist, zusammen in Eine Formel mi- schen zu lassen, damit dieß unbegreifliche Gemisch von dem Kranken in großen Gaben, oft wiederholt, eingenom- men werde, und dennoch irgend eine beabsichtigte, gewisse Heilwirkung bei ihm damit erzielen zu wollen; diese Un- verständigkeit empört jeden nachdenkenden Unbefange- nen*.

* Die Widersinnigkeit der Arzneigemische haben selbst Männer aus der gewöhnlichen Arzneischule eingesehen, ob sie gleich in der Praxis selbst diesem ewigen Schlendriane, wider ihre Ein- sicht, folgten. So drückt MARCUS HERZ (in HUFEL. Journ. d. pr. A.1l. S. 33.) seine Gewissensregung durch folgende Worte aus: „Wollen wir den Entzündungszustand heben, so bedienen wir uns weder des Salpeters, noch des Salmiaks, noch der Pflanzen- säure allein, sondern wir vermischen gewöhnlich mehrere, und öfters nur zu viele, sogenannte antiphlogistische Mittel zusam- men, oder lassen sie zu gleicher Zeit neben einander gebrau- chen. Haben wir der Fäulniß Widerstand zu thun, so genügt es uns nicht, von einer der bekannten antiseptischen Arzneien, von der Chinarinde, den Mineralsäuren, der Wohlverleih, der Schlangenwurz u. s. w. allein, in großer Menge gegeben, unsern

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Endzweck zu erwarten; wir setzen lieber mehrere derselben zu- sammen, und rechnen auf das Gemeinschaftliche ihrer Wirkung, oder werfen wohl gar, aus Unwissenheit, wessen Thätigkeit in dem vorhandenen Falle die angemessenste sey, mannigfaltige Dinge unter einander, und übergeben es gleichsam dem Zufalle, eins von ihnen die beabsichtigte Veränderung hervorbringen zu lassen. So erregen wir Schweiß, verbessern Blut (?), lösen Stockungen (?), befördern Auswurf und entleeren sogar die er- sten Wege so selten durch einzelne Mittel; immer sind unsere Vorschriften zu diesem Endzwecke zusammengesetzt, fast nie einfach und rein, folglich (sind es) auch nicht die Erfahrun- gen in Rücksicht auf die Wirkungen ihrer einzelnen, enthal- tenen Stoffe. Zwar stiften wir unter den Mitteln in unsern For- meln nach schulgerechter Weise eine Art von Rangordnung, und nennen dasjenige, dem wir eigentlich die Wirkung auftra- gen, die Grundlage (BASIS) und die übrigen die Helfer, Unter- stützer (ADJUVANTIA), Verbesserer (CORRIGENTIA) u. s. w. Al- lein offenbar liegt bei dieser Charakterisirung größtentheils blo- ße Willkür zum Grunde. Die Helfer und Unterstützer haben eben so gut Antheil an der ganzen Wirkung, als das Hauptmit- tel, wıewohl wir aus Mangel eines Maaßstabes den Grad dessel- ben nicht bestimmen können. Gleichergestalt kann der Einfluß der Verbesserer auf die Kräfte der übrigen Mittel nicht ganz gleichgültig seyn; sie müssen sie erhöhen, herunterstimmen oder ihnen eine andre Richtung geben, und wir müssen daher die heilsame (?) Veränderung, die wir durch eine solche Formel bewirken, immer als das Resultat ihres ganzen, zusammenge- setzten Inhalts ansehen, und Können nie daraus eine reine Er- fahrung von der alleinigen Wirksamkeit eines einzigen Stücks desselben gewinnen. In der That ist doch unsre Ein- sicht in dasjenige, worauf eigentlich bei allen unsern Mitteln das Wesentliche ihrer Kenntniß beruht, so wie die Kenntniß der vielleicht noch hundertfältigen Verwandtschaften, in welche sie bei ihrer Vermischung unter einander treten, viel zu gebrechlich, als daß wir mit Gewißheit anzugeben ver- mögen, wie groß und mannigfaltig die Thätigkeit eines an

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sich noch so unbedeutend scheinenden Stoffs seyn kann, wenn er, verbunden mit andern Stoffen, in den menschli- chen Körper gebracht wird.“

Der Erfolg widerspricht natürlich jeder bestimmten Er- wartung. Es entstehen allerdings Veränderungen und Erfol- ge, aber keine zweckmäßigen, keine guten - schädliche, verderbliche!

Ich möchte den sehen, welcher dergleichen blindes Hin- einarbeiten in den kranken menschlichen Körper Heilung nennen wollte!

Nur mittels des beim Kranken noch übrigen Vorraths von Lebensprincip, wenn es durch die angemessene Arznei zur richtigen Thätigkeit gestimmt wird, läßt sich Heilung er- warten, nicht aber von einer kunstgemäß bis zum Verschei- den getriebene Ausmergelung des Körpers, und doch weiß die alte Schule nichts Andres mit langwierig Kranken anzu- fangen, als hineinzuarbeiten auf die Leidenden mit lauter marternden, Kräfte und Säfte verschwendenden und Leben verkürzenden Mitteln! Kann sie retten, während sıe zu Grunde richtet? Kann sie einen andern Namen als den einer Unheilkunst verdienen? Sie handelt, LEGE ARTIS, mÖg- lichst zweckwidrig und sie thut (fast könnte es scheinen, geflissentlich) ÜAAOTGQ, d. i. das Gegentheil von dem, was sie thun sollte. Kann man sie rühmen? Kann man sie ferner dulden’?

In neuern Zeiten hat sie sich vollends an Grausamkeit ge- gen ihre kranken Nebenmenschen und an Zweckwidrigkeit in ihren Handlungen überboten, wie jeder unpartheiische Beobachter zugeben muß und wie selbst Aerzte ihrer eig- nen Schule, beim Erwachen ihres Gewissens (wie KRÜGER- HANSEN) der Welt gestehen mußten.

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Es war hohe Zeit, daß der weise und gütige Schöpfer und Erhalter der Menschen diesen Gräueln Einhalt that, Still- stand diesen Torturen gebot und eine Heilkunst an den Tag brachte, die das Gegentheil von allem diesem, ohne die Le- benssäfte und Kräfte durch Brechmittel, jahrelanges Darm- ausfegen, warme Bäder und Schwitzmittel oder Speichel- _ fluß zu vergeuden, oder das Lebensblut zu vergießen, ohne auch durch Schmerzmittel zu peinigen und zu schwächen, ohne den Kranken mittels langwierigen Aufdringens fal- scher, ihrer Wirkung nach ihnen unbekannter Arzneien an- greifender Art, statt die an Krankheiten Leidenden zu hei- len, ihnen neue, chronische Arzneikrankheiten bis zur Un- heilbarkeit aufzuhängen, ohne selbst durch heftige Palliati- ve, nach dem alten beliebten Wahlspruche: CONTRARIA CONTRARIIS CURENTUR, die Pferde hinter den Wagen zu spannen, kurz ohne die Kranken, wie der unbarmherzige Schlendrian thut, statt zur Hülfe, den Weg zum Tode zu führen - im Gegentheile, die der Kranken Kräfte möglichst schont, und sıe auf eine gelinde Weise, mittels weniger, wohl erwogener und nach ihren ausgeprüften Wirkungen gewählter einfacher Arzneien in den feinsten Gaben, nach dem einzig naturgemäßen Heilgesetze: SIMILIA SIMILIBUS CURENTUR, unbeschwert, bald und dauerhaft zur Heilung und Gesundheit bringt; es war hohe Zeit, daß er die Ho- möopathie finden ließ.

Durch Beobachtung, Nachdenken und Erfahrung fand ich, daß im Gegentheile von der alten Allöopathie die wah- re, richtige, beste Heilung zu finden sey in dem Satze: Wähle, um sanft, schnell, gewiß und dauerhaft zu hei-

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len, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (O1Lo1Lov na.ÖoG) für sich erregen kann, als sie heilen soll'

Diesen homöopathischen Heilweg lehrte bisher niemand, niemand führte ihn aus. Liegt aber die Wahrheit einzig in diesem Verfahren, wie man mit mir finden wird, so läßt sıch erwarten, daß, gesetzt, sıe wäre auch Jahrtausende hin- durch nicht anerkannt worden, sich dennoch thätliche Spu- ren von Ihr in allen Zeitaltern werden auffinden lassen? *

* Denn Wahrheit ist gleich ewigen Ursprungs mit der allweisen, gütigen Gottheit. Menschen können sie lange unbeachtet lassen, bis der Zeitpunkt kommt, wo ihr Strahl, nach dem Beschlusse der Fürsehung, den Nebel der Vorurtheile unaufhaltbar durch- brechen soll, als Morgenröthe und anbrechender Tag, um dann dem Menschengeschlechte zu seinem Wohle zu leuchten hell und unauslöschlich.

Und so ıst es auch. In allen Zeitaltern sind die Kranken, welche wirklich, schnell, dauerhaft und sichtbar durch Arznei geheilt wurden, und die nicht etwa durch ein ande- res wohlthätiges Ereigniß, oder durch Selbstverlauf der acu- ten Krankheit, oder in der Länge der Zeit durch allmäliges Uebergewicht der Körperkräfte bei allöopathischen und antagonistischen Curen endlich genasen - denn das direct Geheiltwerden weicht gar sehr ab vom Genesen auf indirec- tem Wege -, bloß (obgleich ohne Wissen des Arztes) durch ein (homöopathisches) Arzneimittel geheilt worden, was für sıch einen ähnlichen Krankheits-Zustand hervorzubrin- gen die Kraft hatte.

Selbst bei den wirklichen Heilungen mit vielerlei zusam- mengesetzten Arzneien, - welche äußerst selten waren, - findet man, daß das vorwirkende Mittel jederzeit von ho- möopathischer Art war.

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Doch noch auffallend überzeugender findet man dieß, wo Aerzte wider die Observanz, - die bisher bloß Arzneimi- schungen, in Recepte geformt, zuließ, - zuweilen mit einem einfachen Arzneistoffe die Heilung schnell zu Stande brachten. Da siehet man, zum Erstaunen, daß es stets durch eine Arznei geschah, die geeignet ist, ein ähnliches Leiden, als der Krankheitsfall enthielt, selbst zu erzeugen, ob diese Aerzte gleich, was sıe da thaten, selbst nicht wußten, und es in einem Anfalle von Vergessenheit der gegentheiligen Lehren ıhrer Schule thaten. Sie verordneten eine Arznei, wovon sie nach der hergebrachten Therapie gerade das Ge- gentheil hätten brauchen sollen, und nur so wurden die Kranken schnell geheilt.*

* Beispiele hievon stehen in den vorigen Ausgaben des Orga- nons der Heilkunst.

Wenn man die Fälle wegrechnet, wo den gewöhnlichen Aerzten (nicht ihre Erfindungs-Kunst, sondern) die Empi- rie des gemeinen Mannes das für eine sich gleichbleiben- de Krankheit specifische Mittel in die Hände gegeben hatte, womit sie daher direct heilen konnten, z. B. die venerische Schanker-Krankheit mit Quecksilber, die Quetschungs- Krankheit mit Arnica, die Sumpf-Wechselfieber mit China- rinde, die frisch entstandene Krätze mit Schwefelpulver, u. s. w. - wenn man diese wegrechnet, finden wir, daß alle üb- rıge Curen der Aerzte alter Schule in langwierigen Krank- heiten, fast ohne Ausnahme, Schwächungen, Quälereien und Peinigungen der ohnehin schon leidenden Kranken zu ihrer Verschlimmerung und zu ihrem Verderben sind, mit vornehmer Miene und Familien ruinirendem Aufwande.

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Es führte sie zuweilen eine blinde Erfahrung auf homöo- pathische Krankheits-Behandlung*,

* So glaubten sie die nach Erkältung angeblich in der Haut stockende Ausdünstungs-Materie durch die Haut fortzutreiben, wenn sıe ım Froste des Erkältungs-Fiebers Holderblüthen-Auf- guß trinken ließen, welcher durch eigenthümliche Wirkungs- Aehnlichkeit (homöopathisch) ein solches Fieber heben und den Kranken herstellen kann, am schnellsten und besten ohne Schweiß, wenn er dieses Trankes wenig und sonst nichts weiter zu sich nahm. - Die harten, acuten Geschwülste, deren überhef- tige Entzündung, unter unerträglichen Schmerzen, ihren Ueber- gang zur Eiterung hindert, belegen sie mit oft erneuertem, sehr warmen Brei, und, siehe! die Entzündung und die Schmerzen mindern sich schnell unter baldiger Bildung des Abscesses, wie sie an der gilblichen, glänzenden Erhabenheit und deren fühlba- ren Weiche gewahr werden; da wähnen sie dann, sie hätten durch die Nässe des Breies die Härte erweicht, da sie doch vor- züglıch durch die stärkere Wärme des Brei-Umschlages das Uebermaß der Entzündung homöopathisch gestillt und so die baldıgste Bildung der Eiterung möglich gemacht haben. - War- um wenden sıe das rothe Quecksilber-Oxyd, welches, wenn sonst ırgend etwas, die Augen entzünden kann, in der St. Yves- Salbe mit Vortheil in manchen Augen-Entzündungen an? Ist es schwer einzusehen, daß sie hier homöopathisch verfahren? - Oder warum sollte bei dem (nicht selten) vergeblichen, ängstli- chen Drängen auf den Urin bei kleinen Kindern und bei dem ge- meinen, vorzüglich durch sehr schmerzhaftes, oftes und fast vergebliches Harndrängen kennbaren Tripper ein wenig Saft von Petersilie so augenscheinlich helfen, wenn dieser frische Saft bei Gesunden nicht schon für sich ein schmerzhaftes, fast vergebliches Nöthigen zum Uriniren zuwege brächte, also ho- möopathisch hülfe. - Mit der Pimpinell-Wurzel, welche viel Schleim-Absonderung in den Bronchien und dem Rachen er- regt, bestritten sie glücklich die sogenannte Schleim-Bräune -

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und stillten einige Mutter-Blutflüsse mit etwas von den Blättern des für sich Mutter-Blutsturz hervorbringenden Sadebaums, ohne das homöopathische Heil-Gesetz zu erkennen. - Bei der Verstopfung von eingeklemmten Brüchen und im lleus befan- den mehre Aerzte den die Darm-Ausleerung zurückhaltenden Mohnsaft in kleiner Gabe als eins der vorzüglichsten und si- chersten Hülfsmittel und ahneten dennoch das hier waltende ho- möopathische Heil-Gesetz nicht. - Sie heilten unvenerische Ra- chen-Geschwüre durch kleine Gaben des hier homöopathischen Quecksilbers - stillten mehre Durchfälle durch kleine Gaben der Darm ausleerenden Rhabarber - heilten die Hundswuth mit der ein ähnliches Uebel hervorbringenden Belladonne und entfern- ten den in hitzigen Fiebern nahe Gefahr drohenden comatösen Zustand mit einer kleinen Gabe des erhitzend betäubenden Mohnsaftes wıe durch einen Zauberschlag und schimpfen den- noch auf die Homöopathie und verfolgen sie mit einer Wuth, dıe nur das Erwachen eines bösen Gewissens in einem der Bes- serung unfähigen Herzen erzeugen kann.

und dennoch gewahrten sie nicht das Naturgesetz, nach welchem diese Heilungen erfolgten und erfolgen mußten.

Es ist daher äußerst wichtig für das Wohl der Menschheit, zu untersuchen, wie diese so äußerst selte- nen, als ausgezeichnet heilbringenden Curen eigentlich zugingen. Der Aufschluß, den wir hievon finden, ist von der höchsten Bedeutsamkeit. Sie erfolgten nämlich nie und auf keine Art anders, denn durch Arzneien von homöopa- thischer, das ist, ähnliche Krankheit erregender Kraft, als der zu heilende Krankheitszustand war; sie erfolgten schnell und dauerhaft durch Arzneien, deren ärztliche Ver- ordner sie, selbst im Wıderspruche mit den Lehren aller bisherigen Systeme und Therapien, wie durch ein Ungefähr ergriffen (oft ohne selbst recht zu wissen, was sie thaten und warum sie es thaten), und so, wider ihren Willen, die

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Nothwendigkeit des einzig naturgemäßen Heilgesetzes, der Homöopathie, thätlıch bestätigen mußten, eines Heilgeset- zes, welches kein ärztliches Zeitalter bisher, von medicini- schen Vorurtheilen geblendet, aufzufinden sich bemühte, so viele Thatsachen und so unzählige Winke sie auch dazu hinleiteten.

Denn sogar dıe Hausmittel-Praxis der mit gesundem Be- obachtungssinn begabten, unärztlichen Classe von Men- schen hatte diese Heilart vielfältig als die sicherste, gründ- lichste und untrüglichste in der Erfahrung befunden.

Auf frisch erfrorne Glieder legt man gefrornes Sauerkraut oder reibt sie mit Schnee*.

* Auf diese Beispiele aus der Hausmittel-Praxis baut Hr. M. LuX seine sogenannte Heilart durch Gleiches und IDEM, von ıhm ISOPATHIE genannt, welche auch schon einige excentrische Köpfe als das NON PLUS ULTRA von Heilmethode angenommen haben, ohne zu wissen, wie sie es realisiren könnten.

Beurtheilt man aber diese Beispiele genau, so verhält sich die Sache ganz anders.

Die rein physischen Kräfte sind von andrer Natur als die dy- namisch arzneilichen in ihrer Einwirkung auf den lebenden Or- ganism.

Wärme oder Kälte der uns umgebenden Luft oder des Was- sers, oder der Speisen und Getränke bedingen (als Wärme oder Kälte) an sich keine absolute Schädlichkeit für einen gesunden Körper; Wärme und Kälte gehören in ihren Abwechselungen zur Erhaltung des gesunden Lebens, folglich sind sie nicht Arz- nei an sich. Wärme und Kälte agiren daher als Heilmittel bei Körper-Beschwerden nicht vermöge ihres Wesens (also nicht als Wärme und Kälte an sich, nicht als an sich schädliche Din- ge, wie etwa die Arzneien, Rhabarber, China u. s. w., selbst in den feinsten Gaben sind) - sondern bloß vermöge ihrer größern

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oder geringern Menge, d. ı. nach ihren Temperatur-Graden, so wie (um ein andres Beispiel von bloß physischen Kräften zu ge- ben) ein großes Bleigewicht meine Hand schmerzhaft quetscht, nicht vermöge seines Wesens als Blei, indem eine dünne Platte Blei mich nicht quetschen würde, sondern wegen seiner Menge und Schwere in einem Klumpen.

Werden also Kälte oder Wärme in Körper-Beschwerden, wie Erfrieren oder Verbrennen sind, hülfreich, so werden sie es bloß wegen ihres Temperatur-Grades, wie sie auch bloß wegen Ex- treme ihres Temperatur-Grades dem gesunden Körper Nachtheil zufügen.

Hienach finden wir in diesen Beispielen von Hülfe in der Hausmittel-Praxis, daß nicht der anhaltend angebrachte Frost- Grad, worin das Glied erfror, dasselbe isopathisch hergestellt (es würde davon ganz leblos und ertödtet werden), sondern eine Kälte, die ihr nur nahe kömmt (HOMÖOPATHIE) und sich allmä- lig zur behaglichen Temperatur herabstimmt, wie gefrornes Sauerkraut auf die erfrorne Hand in Stuben-Temperatur aufge- legt bald zerschmilzt und vom Grade + 1 zu 2 und so bis zur Temperatur des Zimmers, sey sie auch nur + 10°, allmälig sich erwärmt und so das Glied physisch homöopathisch wieder her- stellt. So wird auch eine mit siedendem Wasser verbrannte Hand mit ISOPATHIE durch Auflegen sıiedenden Wassers nicht hergestellt, sondern nur durch eine etwas geringere Hitze, z. B. wenn man sie in ein Geschirr mit einer Flüssigkeit hält, die bıs 60° erhitzt ist, mit jeder Minute etwas minder heiß wird und endlich die Temperatur des Zımmers annimmt, worauf der ver- brannte Theil durch HOMÖOPATHIE wieder hergestellt ıst. Aus Kartoffeln und Aepfeln zieht nicht Wasser was im fortgehenden Frieren zu Eis noch begriffen ist, isopathisch den Frost aus, sondern dem Frostpunkte nur nahes Wasser.

So, um ein andres Beispiel von physischer Einwirkung zu ge- ben, wird der Nachtheil z. B. von einem Stoße der Stirne an ei- nen harten Gegenstand (eine sehr schmerzhafte Brausche) in Schmerz und Geschwulst gar bald gemindert, wenn man die

su

Stelle mit dem Daumen-Ballen eine Weile heftig drückt, und zuletzt immer gelinder, homöopathisch, nicht aber durch einen gleichen Schlag mit einem gleich harten Körper, was isopa- thisch Uebel ärger machen würde.

Was ın jenem Buche ebenfalls als Heilung durch Isopathie angeführt wird, daß Contraktur bei Menschen und Kreuzläh- mung bei einem Hunde, beide durch Erkältung entstanden, schnell durch kaltes Baden geheilt worden - dieß Ereigniß wird fälschlich durch Isopathie erklärt. Erkältungs-Beschwerden ha- ben nur den Namen von Kälte, ereignen sich aber bei den hiezu geneigten Körpern oft sogar auf einen schnellen Windzug, der nicht einmal kalt war. Auch sind die mancherlei Wirkungen ei- nes Kalten Bades auf den lebenden Organism in gesundem und krankem Zustande gar nicht mit einem einzigen Begriffe zu um- fassen, daß man gleich darauf ein System von solcher Keckheit gründen könnte! Daß Schlangenbisse, wie da steht, am sicher- sten durch Theile von Schlangen geheilt würden, gehört so lan- ge noch unter die Fabeln der Vorzeit, bis eine so unwahrschein- liche Behauptung durch unzweifelhafte Beobachtungen und Er- fahrungen bestätigt worden sind, wozu es wohl nie kommen wird. Daß endlich der, einem schon von Wasserscheu rasenden Menschen eingegebne Speichel von einem tollen Hunde ihm (in Rußland) geholfen haben soll - dieses Soll wird doch keinen ge- wıssenhaften Arzt zur gefährlichen Nachahmung verleiten, oder zur Aufbauung eines eben so gefährlichen, als in seiner Ausdeh- nung höchst unwahrscheinlichen, sogenannten isopathischen Systems, wofür es (nicht der bescheidne Verfasser des Büch- leins: DIE ISOPATHIK DER CONTAGIONEN, Leipz. b. KOLLMANN; wohl aber) die excentrischen Nachbeter ausgeben, vorzüglich Hr. Dr. GROSS (s. allg. hom. Z. II. S. 72.), der diese Isopathie (AEQUALIA AEQUALIBUS) für den einzig richtigen Grundsatz zum Heilen ausschreit und in dem SIMILIA SIMILIBUS nur einen Noth- behelf sehen will; undankbar genug, nachdem er doch einzig nur dem SIMILIA SIMILIBUS Ruf und Vermögen zu danken hat.

Sl

Eine mit kochender Brühe begossene Hand hält der er- fahrne Koch dem Feuer in einiger Entfernung nahe und achtet den dadurch anfänglich vermehrten Schmerz nicht, da er aus Erfahrung weıß, daß er hiemit in kurzer Zeit, oft in wenigen Minuten, die verbrannte Stelle zur gesunden, schmerzlosen Haut wieder herstellen kann*.

* So hält auch schon FERNELIUS (Therap. lib. VI. Cap. 20.) die Annäherung des verbrannten Theils ans Feuer für das geeignet- ste Hülfsmittel, wodurch der Schmerz aufhöre. JOHN HUNTER (On the blood, inflammation etc. S. 218.) führt die großen Nachtheile von Behandlung der Verbrennungen mit kaltem Wasser an, und zieht die Annäherung ans Feuer bei weitem vor, - nicht nach den hergebrachten medicinischen Lehren, welche (CONTRARIA CONTRARIIS) kältende Dinge für Entzündung gebie- ten, sondern durch Erfahrung belehrt, daß eine ähnliche Erhit- zung (SIMILIA SIMILIBUS) das heilsamste sey.

Andre verständige Nichtärzte, zum Beispiel die Lackirer, legen auf die verbrannte Stelle ein ähnliches, Brennen erre- gendes Mittel, starken, wohl erwärmten WEINGEIST*,

* SYDENHAM (Opera, S. 271.) sagt: „WEINGEIST sey gegen Verbrennungen jedem andern Mittel vorzuziehen, wiederholent- lich aufgelegt.“ Auch BENJ. BELL (System of surgery, third. edit. 1789.) muß der Erfahrung die Ehre geben, welche nur ho- möopathische Mittel als die einzig heilbringenden zeigt. Er sagt: „Eins der besten Mittel für alle Verbrennungen ist WEINGEIST. Beim Auflegen scheint er auf einen Augenblick den Schmerz zu vermehren (m. s. unten $. 164.), aber dieß läßt bald nach und es erfolgt eine angenehme, beruhigende Empfindung darauf. Am kräftigsten ist es, wenn man die Theile in den Weingeist ein- taucht; wo dieß aber nıcht angeht, müssen sie ununterbrochen bedeckt von leinenen Lappen, mit Weingeist angefeuchtet, er- halten werden.“ Ich aber setze hinzu: der warme und zwar sehr warme Weingeist ist hier noch weit schneller und weit

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gewisser hülfreich, weil er noch weit homöopathischer ist, als der unerwärmte. Und dieß bestätigt jede Erfahrung zum Erstaunen.

oder TERBENTIN-OEL*

* EDW. KENTISH, welcher die in den Steinkohlengruben so oft gräßlich von dem entzündlichen Schwaden verbrannten Arbei- ter zu behandeln hatte, „läßt heiß gemachtes Terbentinöl oder Weingeist auflegen, als das vorzüglichste Rettungsmittel bei den größten und schwersten Verbrennungen“ (Essay on Burns, London 1798. Second. Essay). Keine Behandlung kann homöo- pathischer seyn, als diese, aber es giebt auch keine heilsamere.

Der ehrliche und hocherfahrne HEISTER (Institut. Chirurg. Tom. I. S. 333.) bestätigt dieß aus seiner Erfahrung und rühmt „die Auflegung des Terbentinöls, des Weingeistes und mög- lichst heißer Breie zu dieser Absicht, so heiß man sie nur erlei- den könne.“

Am unwiderleglichsten aber sieht man den erstaunlichen Vor- zug dieser, Brenn-Empfindung und Hitze für sich erregenden (also hier homöopathischen) Mittel auf die durch Verbrennung entzündeten Theile gelegt, vor den palliativen, kühlenden und kältenden Mitteln, bei reinen Versuchen, wo beide entgegenge- setzte Curmethoden an demselben Körper und bei gleichem Verbrennungsgrade zur Vergleichung angewendet wurden.

So ließ JOHN BELL (in KÜHN’'Ss phys. med. Journale, Leipz. 1801. Jun. S. 428.) einer verbrüheten Dame den einen Arm mit Terbentinöl benetzen, den andern aber in kaltes Wasser tau- chen. Der erstere Arm befand sich schon in einer halben Stunde wohl, der andre aber fuhr sechs Stunden fort zu schmerzen; wenn er nur einen Augenblick aus dem Wasser gezogen ward, empfand sie daran weit größere Schmerzen, und er bedurfte weit längere Zeit, als ersterer, zum Heilen.

So behandelte auch JOHN ANDERSON (bei KENTISH, am angef. Orte S. 43.) ein Frauenzimmer, das sich Gesicht und Arm mit kochendem Fette verbrannt hatte. „Das Gesicht, welches sehr

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roth und verbrannt war, und ihr heftig schmerzte, ward nach ei- nigen Minuten mit Terbentinöl belegt, den Arm aber hatte sıe selbst schon in kaltes Wasser gesteckt und wünschte ıhn einige Stunden damit zu behandeln. Nach sieben Stunden sah ıhr Ge- sicht schon weit besser aus und war erleichtert. Das kalte Was- ser für den Arm hatte sie oft erneuert; wenn sie ihn aber heraus- nahm, so klagte sie sehr über Schmerz, und in der That hatte die Entzündung daran zugenommen. Den Morgen darauf fand ich, daß sie die Nacht große Schmerzen am Arme gehabt hatte; die Entzündung ging über den Ellbogen herauf; verschiedne große Blasen waren aufgegangen und dicke Schorfe hatten sich auf Arm und Hand angesetzt, worauf nun warmer Brei gelegt ward. Das Gesicht aber war vollkommen schmerzlos; der Arm hinge- gen mußte 14 Tage lang mit erweichenden Dingen verbunden werden, ehe er heilte.“

Wer erkennt hier nicht den unendlichen Vorzug der (HO- MÖOPATHISCHEN) Behandlung durch Mittel von ähnlicher Einwirkung vor dem elenden Verfahren durch Gegensatz (CONTRARIA CONTRARIIS) nach der uralten, gemeinen Arznei- kunst?

und stellen sich binnen wenigen Stunden damit wıeder her, während die kühlenden Salben, wie sie wissen, dieß ın eben so vielen Monaten nicht zulassen, kaltes Wasser*

* Nicht nur J. HUNTER führt (am gedachten Orte) die großen Nachtheile von der Behandlung der Verbrennungen mit kaltem Wasser an, sondern auch W. FABRIC. VON HILDEN (De combu- stionibus libellus, Basil. 1607. Cap. 5. S. 11.) versichert: „Kalte Umschläge sind bei Verbrennungen höchst nachtheilig und bringen die schlimmsten Zustände hervor; es erfolgt davon Ent- zündung, Eiterung und zuweilen Brand.“

aber Uebel ärger macht. Der alte, erfahrne Schnitter wird, wenn er auch sonst keı-

nen Branntwein trinkt, doch in dem Falle, wenn er ın der

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Sonnengluth sich bis zum hitzigen Fieber angestrengt hat, nie kaltes Wasser (CONTRARIA CONTRARIIS) trınken - er kennt das Verderbliche dieses Verfahrens - sondern er nimmt etwas Weniges einer, Hitze hervorbringenden Flüs- sigkeit, einen mäßigen Schluck Branntwein zu sich; die Lehrerin der Wahrheit, die Erfahrung, überzeugte ıhn von dem großen Vorzuge und der Heilsamkeit dieses homöopa- thischen Verfahrens; seine Hitze wird schnell hinwegge- nommen, so wie seine Ermüdung*.

* ZIMMERMANN (Ueber die Erfahrung, II. S. 318.) lehrt, daß die Bewohner heißer Länder, mit dem besten Erfolge, eben so ver- fahren, und nach großen Erhitzungen etwas geistige Flüssigkeit zu sich nehmen.

Ja, es gab sogar von Zeit zu Zeit Aerzte, welche ahneten, daß die Arzneien durch ihre Kraft, analoge Krankheits- Symptome zu erregen, analoge Krankheits-Zustände hei- len*.

* Auch diese folgenden Stellen aus den die Homöopathie ah- nenden Schriftstellern führe ich nicht als Erweise der Gegrün- detheit dieser Lehre an, die wohl durch sich selbst fest steht, sondern um dem Vorwurfe zu entgehen, als hätte ich diese Ah- nungen verschwiegen, um mir die Priorität der Idee zu sichern.

So sagt der Verfasser des unter den Hippokratischen be- findlichen Buchs: nepi TOR@V TWV KAT’ AvÜpanov*

* Basıl. Froben. 1538. S. >. .

die merkwürdigen Worte: SLA TA SnoL« voDoog yiveron, KOL SL TOL OnoLc NPOGPEPOHEVO. EK VOGEUVTWV DYLOL— VOVTOL, ÖLOL TO EUEELV ENETOG TAVETON.

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Gleichfalls haben auch nachgängige Aerzte die Wahrheit der homöopathischen Heilart gefühlt und ausgesprochen. So sieht z. B. BOULDUC*

* Memoires de l'’acad&mie royale, 1710.

ein, daß die purgirende Eigenschaft der Rhabarber die Ur- sache ihrer Durchfall stillenden Kraft sey.

DETHARDING erräth*, * Eph. Nat. Cur. Cent. X. obs. 76.

daß der Sensblätter-Aufguß Colik bei Erwachsenen stille, vermöge seiner analogen, Colik erregenden Wirkung bei Gesunden.

BERTHOLON* * Medicin. Electrisität, II. S. 15 und 282.

gesteht, daß die Electrisität den höchst ähnlichen Schmerz, den sie selbst errege, in Krankheiten abstumpfe und ver- nichte.

THOURY* * Memoire lu A l’acad. de Caen.

bezeugt, daß die positive Electrisität an sich zwar den Puls beschleunige, aber wenn er krankhaft schon zu schnell sey, denselben langsamer mache.

VON STOERCK* * T ibell. de stram. S. 8.

kommt auf den Gedanken: „Wenn der Stechapfel den Geist zerrüttet und bei Gesunden Wahnsinn hervorbringt, sollte

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man dann nicht versuchen dürfen, ob er bei Wahnsinnigen durch Umänderung der Ideen gesunden Verstand wieder- bringen könne‘

Am deutlichsten aber hat ein dänischer Regiments-Arzt, STAHL, seine Ueberzeugung hierüber ausgesprochen, da er*

* In Jo. HUMMELI Commentatio de Arthritide tam tartarea, quam scorbutica, seu podagra et scorbuto, Büdingae 1738. 8. 8. 40-42. |

sagt: „Ganz falsch und verkehrt sey die in der Arzneikunst angenommene Regel, man müsse durch gegenseitige Mittel (CONTRARIA CONTRARIIS) curiren; er sey im Gegentheile überzeugt, daß durch ein ähnliches Leiden erzeugendes Mittel (SIMILIA SIMILIBUS) die Krankheiten weichen und geheilt werden, - Verbrennungen durch Annäherung ans Feuer, erfrorne Glieder durch aufgelegten Schnee und das kälteste Wasser, Entzündung und Quetschungen durch ab- gezogene Geister, und so heile er die Neigung zu Magen- säure durch eine sehr kleine Gabe Vitriolsäure, mit dem glücklichsten Erfolge, in den Fällen, wo man eine Menge absorbirender Pulver vergeblich gebraucht habe.“

So nahe war man zuweilen der großen Wahrheit! Aber man ließ es bei einem flüchtigen Gedanken bewenden, und so blieb die so unentbehrliche Umänderung der uralten ärzt- lichen Krankheitsbehandlung, des bisherigen unzweckmä- Bigen Curirens in eine ächte, wahre und gewisse Heilkunst, bis auf unsere Zeiten unausgeführt.

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Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Men- schen gesund zu machen, was man Heilen nennt*.

* Nicht aber (womit so viele Aerzte bisher Kräfte und Zeit ruhmsüchtig verschwendeten) das Zusammenspinnen leerer Einfälle und Hypothesen über das innere Wesen des Lebensvor- gangs und der Krankheitsentstehungen im unsichtbaren Innern zu sogenannten Systemen, oder die unzähligen Erklärungsver- suche über dıe Erscheinungen ın Krankheiten und die, ihnen stets verborgen gebliebne, nächste Ursache derselben u. s. w. in unverständliche Worte und einen Schwulst abstracter Redensar- ten gehüllt, welche gelehrt klingen sollen, um den Unwissenden in Erstaunen zu setzen, - während die kranke Welt vergebens nach Hülfe seufzte. Solcher gelehrter Schwärmereien (man nennt es theoretische Arzneikunst und hat sogar eigne Profes- suren dazu) haben wir nun gerade genug, und es wird hohe Zeit, daß, was sich Arzt nennt, endlich einmal aufhöre, die armen Menschen mit Geschwätze zu täuschen, und dagegen nun an- fange, zu handeln, das ist, wirklich zu helfen und zu heilen.

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Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauer- hafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen.

SR)

Sıeht der Arzt deutlich ein, was an Krankheiten, das ist, was an jedem einzelnen Krankheitsfalle insbesondere zu heilen ist (Krankheits-Erkenntniß, Indication), sieht er deutlich ein, was an den Arzneien, das ist, an jeder Arznei

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insbesondere, das Heilende ist (Kenntniß der Arzneikräf- te), und weiß er nach deutlichen Gründen, das Heilende der Arzneien dem, was er an dem Kranken unbezweifelt Krankhaftes erkannt hat, so anzupassen, daß Genesung er- folgen muß, anzupassen sowohl in Hinsicht der Angemes- senheit der für den Fall nach ihrer Wirkungsart geeignet- sten Arznei (Wahl des Heilmittels, Indicat), als auch in Hinsicht der genau erforderlichen Zubereitung und Menge derselben (rechte Gabe) und der gehörigen Wiederholungs- zeit der Gabe: - kennt er endlich die Hindernisse der Gene- sung in jedem Falle und weiß sie hinwegzuräumen, damit die Herstellung von Dauer sey: so versteht er zweckmäßig und gründlich zu handeln und ist ein ächter Heilkünst- ler.

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Er ist zugleich ein Gesundheit-Erhalter, wenn er die Ge- sundheit störenden und Krankheit erzeugenden und unter- haltenden Dinge kennt und sie von den gesunden Menschen zu entfernen weiß.

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Als Beihülfe der Heilung dienen dem Arzte die Data der wahrscheinlichsten Veranlassung der acuten Krankheit, so wıe die bedeutungsvollsten Momente aus der ganzen Krankheits-Geschichte des langwierigen Siechthums, um dessen Grundursache, die meist auf einem chronischen Miıasm beruht, ausfindig zu machen, wobei die erkennbare Leibes-Beschaffenheit des (vorzüglich des langwierig) Kranken, sein gemüthlicher und geistiger Charakter, seine Beschäftigungen, seine Lebensweise und Gewohnheiten,

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seine bürgerlichen und häuslichen Verhältnisse, sein Alter und seine geschlechtliche Function, u. s. w. in Rücksicht zu nehmen sind.

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Der vorurtheillose Beobachter - die Nichtigkeit übersinn- licher Ergrübelungen kennend, die sich in der Erfahrung nicht nachweisen lassen, - nimmt, auch wenn er der scharf- sinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußer- lich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befin- den des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zei- chen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit*.

* Ich weiß daher nicht, wie es möglich war, daß man am Kran- kenbette, ohne auf die Symptome sorgfältigst zu achten und sich nach ihnen beı der Heilung genau zu richten, das an der Krankheit zu Heilende bloß im verborgnen und unerkennbaren Innern suchen zu müssen und finden zu können sich einfallen ließ, mit dem prahlerischen und lächerlichen Vorgeben, daß man das im unsichtbaren Innern Veränderte, ohne sonderlich auf die Symptome zu achten, erkennen und mit (ungekannten!) Arzneien wieder in Ordnung bringen könne und daß so Etwas einzig gründlich und rationell curiren heiße?

Ist denn das, durch Zeichen an Krankheiten sinnlich Erkenn- bare nicht für den Heilkünstler die Krankheit selbst - da er das die Krankheit schaffende, geistige Wesen, die Lebenskraft, doch nie sehen kann und sie selbst auch nie, sondern bloß ihre krankhaften Wirkungen zu sehen und zu erfahren braucht, um

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hienach die Krankheit heilen zu können? Was will nun noch au- Berdem die alte Schule für eine PRIMA CAUSA MORBI im verborg- nen Innern aufsuchen, dagegen aber die sinnlich und deutlich wahrnehmbare Darstellung der Krankheit, die vernehmlich zu uns sprechenden Symptome, als Heilgegenstand verwerfen und vornehm verachten? Was will sie denn sonst an Krankheiten heilen als diese?

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Da man nun an einer Krankheit, von welcher keine, sie offenbar veranlassende oder unterhaltende Ursache (CAUSA OCCASIONALIS) zu entfernen ist*,

* Daß jeder verständige Arzt diese zuerst hinwegräumen wird versteht sich; dann läßt das Uebelbefinden gewöhnlich von selbst nach. Er wird die, Ohnmacht und hysterische Zustände erregenden, stark duftenden Blumen aus dem Zimmer entfer- nen, den Augen-Entzündung erregenden Splitter aus der Horn- haut ziehen, den Brand drohenden, allzufesten Verband eines verwundeten Gliedes lösen und passender anlegen, die Ohn- macht herbeiführende, verletzte Arterie bloßlegen und unterbin- den, verschluckte Belladonne-Beeren u. s. w. durch Erbrechen fortzuschaffen suchen, die in Oeffnungen des Körpers (Nase, Schlund, Ohren, Harnröhre, Mastdarm, Scham) gerathenen fremden Substanzen ausziehen, den Blasenstein zermalmen, den verwachsenen After des neugebornen Kindes öffnen u. s. w.

sonst nichts wahrnehmen kann, als die Krankheits-Zeichen, so müssen, unter Mithinsicht auf etwaniges Miasm und un- ter Beachtung der Nebenumstände ($. 5.), es auch einzig dıe Symptome seyn, durch welche die Krankheit die, zu ih- rer Hülfe geeignete Arznei fordert und auf dieselbe hinwei- sen kann - so muß die Gesammtheit dieser ihrer Symptome, dieses nach außen reflectirende Bild des innern Wesens der Krankheit, d. i. des Leidens der Lebenskraft, das

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Hauptsächlichste oder Einzige seyn, wodurch die Krankheit zu erkennen geben kann, welches Heilmittel sie bedürfe, - das Einzige, was die Wahl des angemessensten Hülfsmittels bestimmen kann - so muß, mit einem Worte, die Gesammt- heit*

* Von jeher suchte die alte Schule, da man sich oft nicht anders zu helfen wußte, in Krankheiten ein einzelnes der mehrern Symptome durch Arzneien zu bekämpfen und wo möglich zu unterdrücken - eine Einseitigkeit, welche, unter dem Namen: symptomatische Curart, mit Recht allgemeine Verachtung er- regt hat, weil durch sie nicht nur nichts gewonnen, sondern auch viel verdorben wird. Ein einzelnes der gegenwärtigen Sym- ptome ist so wenig die Krankheit selbst, als ein einzelner Fuß der Mensch selbst ist. Dieses Verfahren war um desto verwerfli- cher, da man ein solches einzelnes Symptom nur durch ein ent- gegengesetztes Mittel (also bloß enantiopathisch und palliativ) behandelte, wodurch es nach kurzdauernder Linderung sich nachgängig nur um desto mehr verschlimmert.

der Symptome für den Heilkünstler das Hauptsächlichste, ja Einzige seyn, was er an jedem Krankheitsfalle zu erkennen und durch seine Kunst hinwegzunehmen hat, damit die Krankheit geheilt und in Gesundheit verwandelt werde.

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Es läßt sich nicht denken, auch durch keine Erfahrung in der Welt nachweisen, daß, nach Hebung aller Krankheits- symptome und des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zufälle, etwas anders, als Gesundheit, übrig bliebe oder üb- rig bleiben könne, so daß die krankhafte Veränderung ım Innern ungetilgt geblieben wäre*.

* Wenn jemand dergestalt von seiner Krankheit durch einen wahren Heilkünstler hergestellt worden, daß kein Zeichen von

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Krankheit, kein Krankheits-Symptom mehr übrig und alle Zei- chen von Gesundheit dauernd wiedergekehrt sind, kann man bei einem solchen, ohne dem Menschenverstande Hohn zu spre- chen, die ganze leibhafte Krankheit doch noch im Innern woh- nend voraussetzen? Und dennoch behauptete der ehemalige Vorsteher der alten Schule, HUFELAND, dergleichen mit den Worten (s. d. Homöopathie S. 27. Z. 19.): „die Homöopathik kann die Symptome heben, aber die Krankheit bleibt‘ - behaup- tete es theils aus Gram über die Fortschritte der Homöopathik zum Heile der Menschen, theils weil er noch ganz materielle Begriffe von Krankheit hatte, die er noch nicht als ein, dyna- misch von der krankhaft verstimmten Lebenskraft verändertes Seyn des Organisms, nicht als abgeändertes Befinden sich zu denken vermochte, sondern sie für ein materielles Ding ansah, was nach geschehener Heilung noch in irgend einem Winkel im Innern des Körpers liegen geblieben seyn könnte, um dereinst einmal bei schönster Gesundheit, nach Belieben, mit seiner ma- teriellen Gegenwart hervorzubrechen! So craß ist noch die Ver- blendung der alten Pathologie! Kein Wunder, daß eine solche nur eine Therapie erzeugen Konnte, die auf bloßes Ausfegen des armen Kranken losging.

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Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistarti- ge, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) bele- bende Lebenskraft (Autokratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebens- gange ın Gefühlen und Thätigkeiten, so daß unser inwoh- nende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseyns be- dıenen kann.

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Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhal- tung fähig*;

* Er ist todt und, nun bloß der Macht der physischen Außenwelt unterworfen, fault er und wird wieder in seine chemischen Be- standtheile aufgelöst.

nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesun- den und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebens- princip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindung und bewirkt seine Lebensverrichtungen.

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Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich nur diese geistartige, in seinem Organism überall anwesende, selbst- thätige Lebenskraft (Lebensprincip) durch den, dem Leben feindlichen, dynamischen*

* Was ist dynamischer Einfluß, dynamische Kraft?

Wir nehmen wahr, daß unsre Erde durch eine heimliche, un- sichtbare Kraft ihren Mond in 28 Tagen und etlichen Stunden um sich herumführt und wie dagegen der Mond unsre nördlı- chen Meere abwechselnd in festgesetzten Stunden zur Fluth er- hebet und in gleichen Stunden wieder zur Ebbe sinken läßt (ei- nige Verschiedenheit beim Voll- und Neumonde abgerechnet). Wir sehen dieß und erstaunen, weil unsere Sinne nicht wahrneh- men, auf welche Weise dieß geschieht. Offenbar geschieht es nicht durch materielle Werkzeuge, nicht durch mechanische Veranstaltungen, wie menschliche Werke. Und so sehn wir noch viele andre Ereignisse um uns her, als Erfolge von der Wirkung der einen Substanz auf dıe andre, ohne daß ein sinn- lich wahrnehmbarer Zusammenhang zwischen Ursache und Er- folg zu erkennen wäre.

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Der kultivirte, im Vergleichen und Abstrahiren geübte Mensch, vermag allein, sich dabei eine Art übersinnlicher Idee zu bilden, welche hinreicht, um, beim Auffassen solcher Begrif- fe, alles Materielle oder Mechanische in seinen Gedanken da- von entfernt zu halten; er nennt solche Wirkungen dynamische, virtuelle, das ist, solche, die durch absolute, spezifische, reine Macht und Wirkung des Einen auf das Andre erfolgen. So ist z. B. die dynamische Wirkung der krankmachenden Einflüsse auf den gesunden Menschen, sowie die dynamische Kraft der Arz- neien auf das Lebensprincip, um den Menschen wieder gesund zu machen, nichts als Ansteckung und so ganz und gar nicht materiell, so ganz und gar nicht mechanisch, als es die Kraft ei- nes Magnetstabes ist, wenn er ein, in seiner Nähe liegendes Stück Eisen oder Stahl mit Gewalt an sich zieht. Man sieht, daß das Stück Eisen von einem Ende (Pole) des Magnetstabes ange- zogen wird; aber wie es geschieht, sieht man nicht. Diese un- sichtbare Kraft des Magnets, bedarf um das Eisen an sich zu ziehen, keines mechanischen (materiellen) Hülfsmittels, keines Hakens oder Hebels; sie zieht es an sich und wirkt so auf das Stück Eisen oder auf eine Nadel von Stahl mittels einer reinen immateriellen, unsichtbaren, geistartigen, eignen Kraft, das ist dynamisch, theilt auch der Stahl-Nadel die magnetische Kraft eben so unsichtbar (dynamisch) mit; die Stahl-Nadel wird, auch wenn der Magnet sie nicht berührt auch schon in einiger Entfer- nung von ihm, selbst magnetisch und steckt wieder andre Stahl- Nadeln mit der selben magnetischen Eigenschaft (dynamisch) an, womit sie vom Magnetstabe vorher angesteckt worden war, so wie ein Kind mit Menschen-Pocken oder Masern behaftet, dem nahen, von ihm nicht berührten, gesunden Kinde auf un- sichtbare Weise (dynamisch) die Menschen-Pocken oder die Masern mittheilt, das ist, in der Entfernung ansteckt, ohne daß etwas Materielles von dem ansteckenden Kinde in das anzu- steckende gekommen war, oder gekommen seyn konnte, so we- nig als aus dem Pole des Magnetstabes etwas Materielles in die nahe Stahlnadel. Eine bloß spezifische, geistartige Einwirkung

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theilte dem nahen Kinde dieselbe Pocken- oder Masern-Krank- heit mit, wie der Magnetstab der ihm nahen Nadel die magneti- sche Eigenschaft.

Und auf ähnliche Weise ist die Wirkung der Arzneien auf den lebenden Menschen zu beurtheilen. Die Natur-Substanzen, die sich uns als Arzneien beweisen, sind nur Arzneien in so fern sie (jede eine eigne spezifische) Kraft besitzen, das menschliche Befinden zu ändern durch dynamische, geistartige Einwirkung (mittels der lebenden, empfindlichen Faser) auf das geistartige, das Leben verwaltende Lebensprincip.

Das Arzneiliche jener Natur-Substanzen, die wir im engern Sinne Arzneien nennen, bezieht sich bloß auf ihre Kraft, Verän- derungen im Befinden des thierischen Lebens hervor zu brin- gen; bloß auf dieses, auf das geistartige Lebensprincip, erstreckt sich dessen, Befinden ändernder, geistartiger (dynamischer) Einfluß; so wie die Nähe eines Magnet-Poles dem Stahle nur magnetische Kraft mittheilen kann, (und zwar durch eine Art Ansteckung), aber nicht andere Eigenschaften, (nicht z. B. mehr Härte oder Dehnbarkeit, u. s. w.)

Und so verändert auch jede besondre Arznei-Substanz, durch eine Art von Ansteckung, das Menschen-Befinden auf eine ıhr ausschließlich eigenthümliche Weise und nicht auf die einer an- dern Arznei eigne, so gewiß die Nähe eines Pocken-kranken Kindes einem gesunden Kinde nur die Menschenpocken-Krank- heit mittheilen wird und nicht die Masern. Dynamisch, wie durch Ansteckung, geschieht diese Einwirkung der Arzneien auf unser Befinden, ganz ohne Mittheilung materieller Theile der Arznei-Substanz.

Auf die beste Art dynamisirter Arzneien kleinste Gabe - wor- in sich nach angestellter Berechnung nur so wenig Materielles befinden kann, daß dessen Kleinheit vom besten arithmetischen Kopfe nicht mehr gedacht und begriffen werden kann, äußert im geeigneten Krankheits-Falle bei weitem mehr Heilkraft, als große Gaben derselben Arznei in Substanz. Jene feinste Gabe kann daher fast einzig nur die reine, frei enthüllte, geistartige

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Arznei-Kraft enthalten, und nur dynamisch so große Wirkun- gen vollführen, als von der eingenommenen rohen Arznei-Sub- stanz selbst in großer Gabe, nie erreicht werden konnte.

Es sind nicht die körperlichen Atome dieser hoch dynamisir- ten Arzneien noch ihre physische oder mathematische Oberflä- che (womit man die höhern Kräfte der dynamisirten Arzneien immer noch materiell genug, aber vergeblich, deuteln will,) vielmehr liegt unsichtbarer Weise in dem so befeuchteten Kü- gelchen oder in seiner Auflösung eine aus der Arznei-Substanz möglichst enthüllte und frei gewordene, specifische Arzneikraft, welche schon durch Berührung der lebenden Thierfaser auf den ganzen Organısm dynamisch einwirkt (ohne ihm jedoch irgend- eine, auch noch so fein gedachte Materie mitzutheilen) und zwar desto stärker, je freier und immaterieller sie durch die Dy- namisation ($ 270.) geworden war.

Ist es denn unsrem, als so reich an aufgeklärten und denken- den Köpfen gerühmten Zeitalter so ganz unmöglich, dynami- sche Kraft als etwas unkörperliches zu denken, da man doch täglıch Erscheinungen sieht, die sich nicht auf andre Weise er- klären lassen! Wenn Du etwas Ekelhaftes ansiehst und es hebt sich ın Dir zum Erbrechen -, war da etwa ein materielles Brech- mittel in Deinen Magen gekommen, was ihn zu dieser antiperi- staltigen Bewegung zwang? War es nicht einzig die dynamische Wirkung des ekeln Anblicks auf deine Einbildungskraft allein? Und, wenn Du deinen Arm aufhebst, geschieht es etwa durch ein materielles, sichtbares Werkzeug? einen Hebel? Ist es nicht einzig die geistartige, dynamische Kraft Deines Willens, die ihn hebt?

Einfluß eines krankmachenden Agens verstimmt; nur das zu einer solchen Innormalität verstimmte Lebensprincip, kann dem Organism die wiıdrigen Empfindungen verleihen und ıhn zu so regelwidrigen Thätigkeiten bestimmen, die wir Krankheit nennen, denn dieses, an sich unsichtbare und bloß an seinen Wirkungen im Organism erkennbare

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Kraftwesen, giebt seine krankhafte Verstimmung nur durch Aeußerung von Krankheit in Gefühlen und Thätigkeiten, (die einzige, den Sinnen des Beobachters und Heilkünstlers zugekehrte Seite des Organisms), das ist, durch Krank- heits-Symptomen zu erkennen und kann sie nicht anders zu erkennen geben.

$ 12

Einzig die krankhaft gestimmte Lebenskraft bringt die Krankheiten hervor*,

* Wie die Lebenskraft den Organism zu den krankhaften Aeu- Berungen bringt, d. i. wie sie Krankheit schafft, von diesem Wie und Warum kann der Heilkünstler keinen Nutzen ziehn und sie wird ihm ewig verborgen bleiben; nur was ihm von der Krank- heit zu wissen nöthig und völlig hinreichend zum Heilbehufe war, legte der Herr des Lebens vor seine Sinne.

so daß die, unsern Sinnen wahrnehmbare Krankheits-Aeu- Berung zugleich alle innere Veränderung, das ist, die ganze krankhafte Verstimmung der innern Dynamis ausdrückt und die ganze Krankheit zu Tage legt. Hinwiederum be- dingt aber auch das Verschwinden aller Krankheits-Aeuße- rungen, das ist, aller vom gesunden Lebens-Vorgange ab- weichenden, merkbaren Veränderungen mittels Heilung, eben so gewiß die Wiederherstellung der Integrität des Le- bens-Princips und setzt folglich die Wiederkehr der Ge- sundheit des ganzen Organism nothwendig voraus.

$ 13

Daher ist Krankheit (die nicht der manuellen Chirurgie anheim fällt) keinesweges, wie von den Allöopathen ge- schieht, als ein vom lebenden Ganzen, vom Organısm und

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von der ihn belebenden Dynamis gesondertes, innerlich verborgnes, obgleich noch so fein gedachtes Wesen (ein Unding*,

* Materia peccans!

was bloß in materiellen Köpfen entstehen konnte und der bisherigen Medicin seit Jahrtausenden alle die verderbli- chen Richtungen gegeben hat, die sie zu einer wahren Un- heilkunst schufen) zu betrachten.

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Es giebt nichts krankhaftes Heilbare und nichts unsicht- barer Weise krankhaft verändertes Heilbare im Innern des Menschen, was sich nicht durch Krankheits-Zeichen und Symptome dem genau beobachtenden Arzte zu erkennen gäbe - ganz der unendlichen Güte des allweisen Lebenser- halters der Menschen gemäß.

$ 15

Das Leiden der krankhaft verstimmten, geistartigen, un- sern Körper belebenden Dynamis (Lebenskraft) im unsicht- baren Innern und der Inbegriff der von ihr im Organism veranstalteten, äußerlich wahrnehmbaren, das vorhandne Uebel darstellenden Symptome, bilden nämlich ein Ganzes, sind Eins und Dasselbe. Wohl ist der Organism materielles Werkzeug zum Leben, aber ohne Belebung von der in- stinktartig fühlenden und ordnenden Dynamis so wenig denkbar, als Lebenskraft ohne Organism; folglich machen beide eine Einheit aus, obgleich wir in Gedanken diese Ein- heit in der leichtern Begreiflichkeit wegen zwei Begriffe spalten.

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$ 16

Von schädlichen Einwirkungen auf den gesunden Orga- nısm, durch die feindlichen Potenzen, welche von der Au- Benwelt her das harmonische Lebensspiel stören, kann uns- re Lebenskraft als geistartige Dynamis nicht anders denn auf geistartige (dynamische) Weise ergriffen und affıcirt werden und alle solche krankhafte Verstimmungen (die Krankheiten) können auch durch den Heilkünstler nicht an- ders von ıhr entfernt werden, als durch geistartige (dynami- sche, *

* M.s. Anm. zu$1l.

virtuelle) Umstimmungs-Kräfte der dienlichen Arzneien auf unsre geistartige Lebenskraft, percipirt durch den, im Organısm allgegenwärtigen Fühlsinn der Nerven. Demnach können Heil-Arzneien, nur durch dynamische Wirkung auf das Lebensprincip Gesundheit und Lebens-Harmonie wie- der herstellen und stellen sie wirklich her, nachdem die un- sern Sinnen merkbaren Veränderungen in dem Befinden des Kranken (der Symptomen-Inbegriff) dem aufmerksam beobachtenden und forschenden Heilkünstler, die Krankheit so vollkommen dargestellt hatten, als es um sie heilen zu können, nöthig war.

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Da nun jedesmal in der Heilung, durch Hinwegnahme des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zeichen und Zufälle der Krankheit, zugleich die ihr zum Grunde liegende, inne- re Veränderung der Lebenskraft - also das Total der Krank- heit - gehoben wird*,

* So wıe auch die höchste Krankheit durch hinreichende Ver- stimmung des Lebensprincips mittels der Einbildungskraft zu-

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wege gebracht und so auf gleiche Art wieder hinweg genommen werden kann. Ein ahnungartiger Traum, eine abergläubige Ein- bildung, oder eine feierliche Schicksal-Prophezeiung des, an ei- nem gewissen Tage oder zu einer gewissen Stunde unfehlbar zu erwartenden Todes, brachte nicht selten alle Zeichen entstehen- der und zunehmender Krankheit des herannahenden Todes und den Tod selbst zur angedeuteten Stunde zuwege, welches ohne gleichzeitige Bewirkung der (dem von außen wahrnehmbaren Zustande entsprechenden) innern Veränderung nicht möglich war; daher wurden in solchen Fällen, aus gleicher Ursache, durch eine künstliche Täuschung oder Gegenüberredung nicht selten wiederum alle den nahen Tod ankündigenden Krankheits- merkmale verscheucht und plötzlich Gesundheit wieder herge- stellt, welches ohne Wegnahme der Tod bereitenden, innern und äußern krankhaften Veränderungen, mittels dieser bloß morali- schen Heilmittel nicht möglich gewesen wäre.

so folgt, daß der Heilkünstler bloß den Inbegriff der Sym- ptome hinwegzunehmen hat, um mit ihm zugleich die inne- re Veränderung, das ist, dıe krankhafte Verstimmung des Lebensprincips - also das Total der Krankheit, die Krank- heit selbst, aufzuheben und zu vernichten*.

* Nur so konnte Gott, der Erhalter der Menschen, seine Weis- heit und Güte bei Heilung der sie hienieden befallenden Krank- heiten an den Tag legen, daß er dem Heilkünstler offen darthat, was derselbe bei Krankheiten hinweg zu nehmen habe, um sie zu vernichten und so die Gesundheit herzustellen. Was müßten wir aber von seiner Weisheit und Güte denken, wenn er das an Krankheiten zu Heilende (wie die, ein divinatorisches Einschau- en in das innere Wesen der Dinge affektirende, bisherige Arz- neischule vorgab) in ein mystisches Dunkel gehüllt, im Innern verschlossen, und es so dem Menschen unmöglich gemacht hät- te, das Uebel deutlich zu erkennen, folglich unmöglich, es zu heilen”?

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Die vernichtete Krankheit aber ist hergestellte Gesundheit, das höchste und einzige Ziel des Arztes, der die Bedeutung seines Berufes kennt, welcher nicht in gelehrt klingendem Schwatzen, sondern ım Helfen besteht.

$ 13

Von dieser nicht zu bezweifelnden Wahrheit, daß außer der Gesammtheit der Symptome, unter Hinsicht auf die be- gleitenden Umstände ($ 5.) an Krankheiten auf keine Weise etwas auszufinden ist, wodurch sıe ihr Hülfe-Bedürfniss ausdrücken könnten, geht unwidersprechlich hervor, daß der Inbegriff aller, in jedem einzelnen Krankheitsfalle wahrgenommenen Symptome und Umstände die einzige Indication, die einzige Hinweisung auf ein zu wählendes Heilmittel sey.

$ 19

Indem nun die Krankheiten nichts als Befindensverän- derungen des Gesunden sind, die sich durch Krankheits- zeichen ausdrücken, und die Heilung ebenfalls nur durch Befindensveränderung des Kranken in den gesunden Zustand möglich ist, so sieht man leicht, daß die Arzneien auf keine Weise Krankheiten würden heilen können, wenn sie nicht die Kraft besäßen, das auf Gefühlen und Thätig- keiten beruhende Menschenbefinden umzustimmen, ja, dab einzig auf dieser ihrer Kraft, Menschenbefinden umzuän- dern, ihre Heilkraft beruhen müsse.

$ 20

Diese im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistar- tige Kraft, Menschenbefinden umzuändern und daher

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Krankheiten zu heilen, ıst an sich auf keine Weise mit blo- Ber Verstandes-Anstrengung erkennbar; bloß durch ihre Aeußerungen beim Einwirken auf das Befinden der Men- schen, läßt sie sich in der Erfahrung, und zwar deutlich wahrnehmen.

$ 21

Da nun, was Niemand läugnen kann, das heilende Wesen in Arzneien nicht an sich erkennbar ist und bei reinen Ver- suchen selbst vom scharfsinnigsten Beobachter an Arzneien sonst nichts, was sie zu Arzneien oder Heilmitteln machen könnte, wahrgenommen werden kann, als jene Kraft, im menschlichen Körper deutliche Veränderungen seines Be- findens hervorzubringen, besonders aber den gesunden Menschen in seinem Befinden umzustimmen und mehre, bestimmte Krankheitssymptome in und an demselben zu er- regen, so folgt: daß wenn die Arzneien als Heilmittel wir- ken, sie ebenfalls nur durch diese ihre Kraft, Menschenbe- finden mittels Erzeugung eigenthümlicher Symptome um- zustimmen, ihr Heilvermögen in Ausübung bringen kön- nen, und daß wir uns daher nur an die krankhaften Zufälle, die die Arzneien im gesunden Körper erzeugen, als an die einzig mögliche Offenbarung ihrer inwohnenden Heilkraft, zu halten haben, um zu erfahren, welche Krankheits-Erzeu- gungskraft jede einzelne Arznei, d. ist zugleich, welche Krankheits-Heilungskraft jede besitze.

$ 22

Indem aber an Krankheiten nichts aufzuweisen ist, was an ihnen hinwegzunehmen wäre, um sie in Gesundheit zu verwandeln, als der Inbegriff ihrer Zeichen und Symptome, und auch die Arzneien nichts Heilkräftiges aufweisen kKön-

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nen, als ihre Neigung, Krankheits-Symptome bei Gesunden zu erzeugen und am Kranken hinwegzunehmen, so folgt auf der einen Seite, daß Arzneien nur dadurch zu Heilmit- teln werden und Krankheiten zu vernichten im Stande sind, dal5 das Arzneimittel durch Erregung gewisser Zufälle und Symptome, das ist, durch Erzeugung eines gewissen künst- lichen Krankheitszustandes die schon vorhandnen Sympto- me, nämlich den zu heilenden, natürlichen Krankheitszu- stand, aufhebt und vertilget - auf der andern Seite hingegen folgt, daß für den Inbegriff der Symptome der zu heilenden Krankheit diejenige Arznei gesucht werden müsse, welche (je nachdem die Erfahrung zeigt, ob die Krankheitssympto- me durch ähnliche oder durch entgegengesetzte Arznei- Symptome*

* Die außer diesen beiden noch mögliche Anwendungsart der Arzneien gegen Krankheiten ist die allöopathische Methode, wo Arzneien, deren Symptome keine direkte, pathische Bezie- hung auf den Krankheitszustand haben, also den Krankheits- symptomen weder ähnlich, noch opponirt, sondern ganz hetero- gen sind, verordnet werden. Diese Verfahrungsweise treibt, wie ich schon anderswo gezeigt, ein unverantwortliches, mörderi- sches Spiel mit dem Leben des Kranken, mittels gefährlich hef- tiger, nach ihren Wirkungen ungekannter Arzneien, auf leere Vermuthungen hin, in großen, öfteren Gaben gereicht; sodann mittels schmerzhafter, die Krankheit auf andre Stellen hinleiten sollender Operationen, mittels Minderung der Kräfte und Säfte des Kranken durch Ausleerungen von Oben und Unten, Schweiß oder Speichelfluß; besonders aber durch Verschwen- dung des unersetzlichen Blutes, wie es die eben herrschende Routine haben will, blindhin und schonungslos angewendet, ge- wöhnlich unter dem Vorwande, als müsse der Arzt die kranke Natur ın ihren Bestrebungen sich zu helfen, nachahmen und sie befördern, ohne zu bedenken, wie unverständig es sei, diese

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höchst unvollkommnen, meist zweckwidrigen Bestrebungen der bloß instinktartigen, verstandlosen Lebenskraft nachahmen und sie befördern zu wollen, welche unserm Organism nur aner- schaffen ward, um, so lange dieser gesund ist, unser Leben in harmonischem Gange fortzuführen, nicht aber, um in Krankhei- ten sich selbst zu heilen. Denn besäße sie hiezu eine musterhafte Fähigkeit, so würde sie den Organism gar nicht haben krank werden lassen. Von Schädlichkeiten erkrankt, vermag unsre Le- benskraft nichts anderes, als ihre Verstimmung durch Störung des guten Lebens-Ganges des Organisms und durch Leidens- Gefühle auszudrücken, womit sie den verständigen Arzt um Hülfe anruft, und wenn diese nicht erscheint, so strebt sie durch Erhöhung der Leiden, vorzüglich aber durch heftige Ausleerun- gen sich zu retten, es Koste, was es wolle, oft mit den größten Aufopferungen, oder unter Zerstörung des Lebens selbst. Zum Heilen besitzt die krankhaft verstimmte Lebenskraft so wenig nachahmnungswerthe Fähigkeit, daß alle von ihr im Organism erzeugten Befindens-Veränderungen und Symptome ja eben die Krankheit selbst sind! Welcher verständige Arzt wollte sie wohl im Heilen nachahmen, wenn er nicht seinen Kranken aufopfern will?

am leichtesten, gewissesten und dauerhaftesten aufzuheben und in Gesundheit zu verwandeln sind) ähnliche oder ent- gegengesetzte Symptome zu erzeugen, die meiste Neigung bewiesen hat.

$ 23

Es überzeugt uns aber jede reine Erfahrung und jeder ge- naue Versuch, daß von entgegengesetzten Symptomen der Arznei (in der antipathischen, enantiopathischen oder palliativen Methode) anhaltende Krankheitssymptome so wenig aufgehoben und vernichtet werden, daß sie vielmehr, nach kurzdauernder, scheinbarer Linderung, dann nur ın de-

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sto verstärkterem Grade wıeder hervorbrechen und sich of- Tenbar verschlimmern (siehe $. 58-62 und 69.).

$ 24

Es bleibt daher keine andre, Hülfe versprechende Anwen- dungsart der Arzneien gegen Krankheiten übrig, als die ho- möopathische, vermöge deren gegen die Gesammtheit der Symptome des Krankheitsfalles unter Hinsicht auf die Ent- stehungs-Ursache, wenn sie bekannt ist, und auf die Neben- Umstände, eine Arznei gesucht wird, welche unter allen (durch ıhre, in gesunden Menschen bewiesenen, Befindens- veränderungen gekannten) Arzneien den dem Krankheits- falle ähnlichsten, künstlichen Krankheitszustand zu erzeu- gen Kraft und Neigung hat.

$ 25

Nun lehrt aber das einzige und untrügliche Orakel der Heilkunst, die reine Erfahrung*,

* Ich meine nicht eine solche Erfahrung, deren unsre gewöhnli- chen Practiker alter Schule sich rühmen, nachdem sie Jahre lang mit einem Haufen vielfach zusammengesetzter Recepte gegen eine Menge Krankheiten gewirthschaftet haben, die sie nie ge- nau untersuchten, sondern sie schulmäßig für schon in der Pa- thologie benannte hielten, und in ihnen einen (eingebildeten) Krankheitsstoff zu erblicken wähnten, oder eine andre hypothe- tische, innere Abnormität ihnen andichteten. Da sahen sie im- mer etwas, wußten aber nicht, was sie sahen, Erfolge, die nur ein Gott und kein Mensch aus den vielfachen, auf den unbe- kannten Gegenstand einwirkenden Kräften hätte enträthseln können, Erfolge, aus denen nichts zu lernen, nichts zu erfahren ist. Eine funfzigjährige Erfahrung dieser Art ist einem funfzig Jahre langen Schauen in ein Kaleidoscop gleich, was, mit bun-

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ten, unbekannten Dingen angefüllt, in steter Umdrehung sich bewegt; tausenderlei sich immerdar verwandelnde Gestalten und keine Rechenschaft dafür!

in allen sorgfältigen Versuchen, daß wirklich diejenige Arz- nei, welche in ihrer Einwirkung auf gesunde menschliche Körper die meisten Symptome in Aehnlichkeit erzeugen zu können bewiesen hat, welche an dem zu heilenden Krank- heitsfalle zu finden sind, ın gehörig potenzirten und verklei- nerten Gaben auch die Gesammtheit der Symptome dieses Krankheitszustandes, das ist (s. $. 6-16.), die ganze gegen- wärtige Krankheit schnell, gründlich und dauerhaft aufhebe und in Gesundheit verwandle, und daß alle Arzneien die ih- nen an ähnlichen Symptomen möglichst nahe kommenden Krankheiten, ohne Ausnahme heilen und keine derselben ungeheilt lassen.

$ 26

Dieß beruht auf jenem zwar hie und da geahneten, aber bisher nicht anerkannten, aller wahren Heilung von jeher zum Grunde liegenden homöopathischen Naturgesetze:

Eine schwächere dynamische Affection wird im leben- den Organism von einer stärkern dauerhaft ausge- löscht, wenn diese (der Art nach von ihr abweichend) je- ner sehr ähnlich in ihrer Aeußerung ist*.

* So werden auch physische Affectionen und moralische Uebel geheilt. - Wie kann in der Frühdämmerung der hellleuchtende Jupiter dem Sehnerven des ıhn Betrachtenden verschwinden? Durch eine stärkere, sehr ähnlich auf den Sehnerven einwirken- de Potenz, die Helle des anbrechenden Tages! - Womit pflegt man in, von übeln Gerüchen angefüllten Oertern, die beleidig- ten Nasennerven wirksam zufrieden zu stellen? Durch Schnupf-

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tabak, der den Geruchssinn ähnlich, aber stärker ergreift! Keine Musik, kein Zuckerbrod, die auf die Nerven andrer Sinne Bezug haben, würde diesen Geruchs-Ekel heilen.- Wie schlau wußte der Krieger das Gewinsel des Spitzruthen-Läufers aus den mit- leidigen Ohren der Umstehenden zu verdrängen? Durch die qui- kende, feine Pfeife mit der lärmenden Trommel gepaart! Und den in seinem Heere Furcht erregenden, fernen Donner der feindlichen Kanonen? Durch das tief erbebende Brummen der großen Trommel! Für beides würde weder die Austheilung ei- nes glänzenden Montirungsstücks, noch irgend ein dem Regi- mente ertheilter Verweis geholfen haben. - So wird auch Trauer und Gram durch einen neuen, stärkeren, jemand Anderm begeg- neten Trauerfall, sey er auch nur erdichtet, im Gemüthe ausge- löscht. Der Nachtheil von einer allzu lebhaften Freude wird durch den Ueberfreudigkeit erzeugenden Kaffeetrank gehoben. - Völker, wie die Deutschen, Jahrhunderte hindurch allmälıg mehr und mehr in willenlose Apathie und unterwürfigen Skla- vensinn herabgesunken, mußten erst von dem Eroberer aus We- sten noch tiefer in den Staub getreten werden, bis zum Uner- träglichen, und hiedurch erst ward ihre Selbst-Nichtachtung überstimmt und aufgehoben, es ward ihnen ihre Menschenwür- de wieder fühlbar, und sie erhoben ıhr Haupt zum ersten Male wieder als deutsche Männer.

S 27 Das Heilvermögen der Arzneien beruht daher ($. 22-26)

auf ıhren der Krankheit ähnlichen und dieselben an Kraft

überwiegenden Symptomen, so daß jeder einzelne Krank- heitsfall nur durch eine, die Gesammtheit seiner Symptome am ähnlichsten und vollständigsten im menschlichen Befin- den selbst zu erzeugen fähigen Arznei, welche zugleich die Krankheit an Stärke übertrifft, am gewissesten, gründlich- sten, schnellsten und dauerhaftesten vernichtet und aufge-

hoben wird.

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$ 28

Da dieses Naturheilgesetz sich in allen reinen Versuchen und allen ächten Erfahrungen der Welt beurkundet, die Thatsache also besteht, so kommt auf die scientifische Er- klärung, wie dieß zugehe, wenig an und ich setze wenig Werth darauf, dergleichen zu versuchen. Doch bewährt sich folgende Ansicht als die wahrscheinlichste, da sie sich auf lauter Erfahrungs-Prämissen gründet.

$ 29

Indem jede (nicht einzig der Chrirurgie anheim fallende) Krankheit nur in einer besondern, krankhaften, dynami- schen Verstimmung unsrer Lebenskraft (Lebensprincips) in Gefühlen und Thätigkeiten besteht, so wird bei homöopa- thischer Heilung dieß, von natürlicher Krankheit dynamisch verstimmte Lebensprincip, durch Eingabe einer, genau nach Symptomen-Aehnlichkeit gewählten Arznei-Potenz, von ei- ner etwas stärkern, ähnlichen, künstlichen Krankheits-Af- fektion ergriffen; es erlischt und entschwindet ihm dadurch das Gefühl der natürlichen (schwächern) dynamischen Krankheits-Affektion, die von da an nicht mehr für das Le- bensprincip existirt, welches nun bloß von der stärkern, künstlichen Krankheits-Affektion beschäftigt und be- herrscht wird, die aber bald ausgewirkt hat und den Kran- ken frei und genesen zurückläßt.*

* Die kurze Wirkungsdauer der künstlich krankmachenden Po- tenzen, die wir Arzneien nennen, macht es möglich, daß, ob gleich stärker als die natürlichen Krankheiten, sie doch von der Lebenskraft weit leichter überwunden werden, als die schwä- chern natürlichen Krankheiten, die bloß wegen ihrer längern, meist lebenswierigen Wirkungsdauer (Psora, Syphilis, Sykosis)

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nie von ihr allein besiegt und ausgelöscht werden können, bis der Heilkünstler die Lebenskraft stärker afficirt mit einer sehr ähnlich krankmachenden, aber stärkern Potenz (homöopathi- scher Arznei). Die vieljährigen Krankheiten, welche (nach 8. 46.) von den ausgebrochenen Menschenpocken und Masern (die auch beide nur eine Verlaufszeit von etlichen Wochen haben) geheilt wurden, sind ähnliche Vorgänge.

Die so befreite Dynamis kann nun das Leben wieder ın Ge- sundheit fortführen. Dieser höchst wahrscheinliche Vor- gang beruht auf den folgenden Sätzen.

$ 30

Der menschliche Körper scheint sich in seinem Befinden durch Arzneien (auch deßhalb, weil die Einrichtung der Ga- be derselben in unsrer Macht steht) wırksamer umstimmen zu lassen, als durch natürliche Krankheits-Reize - denn na- türliche Krankheiten werden durch angemessene Arznei ge- heilt und überwunden.

Ss 31

Auch besitzen die feindlichen, theils psychischen, theils physischen Potenzen im Erdenleben, welche man krankhaf- te Schädlichkeiten nennt, nicht unbedingt die Kraft, das menschliche Befinden krankhaft zu stimmen*;

* Wenn ich Krankheit eine Stimmung oder Verstimmung des menschlichen Befindens nenne, so bin ich weit entfernt, da- durch einen hyperphysischen Aufschluß über die innere Natur der Krankheiten überhaupt, oder eines einzelnen Krankheitsfal- les insbesondere geben zu wollen. Es soll mit diesem Aus- drucke nur angedeutet werden, was dıe Krankheiten erwiesener Maßen nicht sind, und nicht seyn können, nicht mechanische oder chemische Veränderungen der materiellen Körpersubstanz

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und nicht von einem materiellen Krankheits-Stoffe abhängig - sondern bloß geistartige, dynamische Verstimmungen des Le- bens.

wir erkranken durch sie nur dann, wenn unser Organism so eben dazu disponirt und aufgelegt genug ist, von der gegen- wärtigen Krankheits-Ursache angegriffen und in seinem Befinden verändert, verstimmt und in innormale Gefühle und Thätigkeiten versetzt zu werden - sie machen daher nicht Jeden und nicht zu jeder Zeit Krank.

$ 32

Ganz anders verhält sichs aber mit den künstlichen Krankheitspotenzen, die wır Arzneien nennen. Jede wahre Arznei wirkt nämlich zu jeder Zeit, unter allen Umständen auf jeden lebenden Menschen und erregt in ihm die ihr ei- genthümlichen Symptome (selbst deutlich in die Sinne fal- lend, wenn die Gabe groß genug war), so daß offenbar jeder lebende menschliche Organısm jederzeit und durchaus (un- bedingt) von der Arzneikrankheit behaftet und gleichsam angesteckt werden muß, welches, wie gesagt, mit den na- türlichen Krankheiten gar nicht der Fall ist.

8 33 Aus allen Erfahrungen*

* Ein auffallendes Beispiel dieser Art ist: daß, als vor dem Jahre 1801 noch das glatte, Sydenhamische Scharlachfieber unter den Kindern von Zeit zu Zeit epidemisch herrschte, und alle Kinder ohne Ausnahme befiel, die es in einer vorigen Epidemie noch nicht überstanden hatten, alle Kinder jedoch, in einer solchen, die ich in Königslutter erlebte, wenn sie zeitig genug eine sehr kleine Gabe Belladonne eingenommen, frei von dieser höchst

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ansteckenden Kinderkrankheit blieben. Wenn Arzneien vor An- steckung von einer grassirenden Krankheit schützen können, so müssen sıe eine überwiegende Macht besitzen, unsre Lebens- kraft umzustimmen.

gehet diesemnach unleugbar hervor, daß der lebende menschliche Organısm bei weitem aufgelegter und geneig- ter ıst, sich von den arzneilichen Kräften erregen und sein Befinden umstimmen zu lassen, als von gewöhnlichen, krankhaften Schädlichkeiten und Ansteckungsmiasmen, oder, was dasselbe sagt, daß die krankhaften Schädlich- keiten eine untergeordnete und bedingte, oft sehr be- dingte, die Arzneikräfte aber eine absolute, unbedingte, jene weit überwiegende Macht besitzen, das menschli- che Befinden krankhaft umzustimmen.

8 34

Die größere Stärke der durch Arzneien zu bewirkenden Kunst-Krankheiten ist jedoch nicht die einzige Bedingung ihres Vermögens, die natürlichen Krankheiten zu heilen. Es wird vor Allem zur Heilung erfordert, daß sie eine der zu heilenden Krankheit möglichst ähnliche Kunst-Krankheit sei, die, mit etwas stärkerer Kraft, das instinktartige, keiner Ueberlegung und keiner Rückerinnerung fähige Lebensprincip in eine der natürlichen Krankheit sehr ähnliche, krankhafte Stimmung versetze, um in ihm das Gefühl von der natürlichen Krankheits-Verstimmung nicht nur zu verdunkeln, sondern ganz zu verlöschen, und so zu vernichten. Dieß ist so wahr, daß sogar eine äl- tere Krankheit durch eine neu hinzutretende unähnliche Krankheit, sey diese auch noch so stark, von der Natur selbst nicht geheilt werden kann, und eben so wenig durch

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ärztliche Curen mit Arzneien, welche keinen ähnlichen Krankheitszustand im gesunden Körper zu erzeugen vermö- gend sind, wie die allöopathischen.

8 35

Dieß zu erläutern, werden wir in drei verschiednen Fäl- len, sowohl den Vorgang ın der Natur bei zweien im Men- schen zusammentreffenden, natürlichen, einander unähnli- chen Krankheiten, als auch den Erfolg von der gemeinen ärztlichen Behandlung der Krankheiten mit allöopathisch unpassenden Arzneien betrachten, welche keinen, der zu heilenden Krankheit ähnlichen, künstlichen Krankheitszu- stand hervorzubringen fähig sind, woraus erhellen wird, daß selbst die Natur nicht vermögend ist, durch eine unho- möopathische, selbst stärkere Krankheit eine schon vor- handne unähnliche aufzuheben, so wenig unhomöopathi- sche Anwendung auch noch so starker Arzneien irgend eine Krankheit zu heilen jemals im Stande ist.

3 36

I. Entweder sind beide, sich unähnliche, im Menschen zusammentreffende Krankheiten von gleicher Stärke, oder ist etwa die ältere stärker, so wird die neue durch die alte vom Körper abgehalten. Eın schon an einer schweren chro- nischen Krankheit Leidender wird von einer Herbstruhr oder einer andern mäßıgen Seuche nicht angesteckt. - Die levantische Pest kommt, nach LARREY*,

* Memoires et observations, in der Description de l’Egypte, Tom. 1.

nicht dahin, wo der Scharbock herrscht, und an Flechten leidende Personen werden von ihr auch nicht angesteckt.

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Rhachitis läßt, nach JENNER, die Schutzpockenimpfung nicht haften. Geschwürig Lungensüchtige werden von nicht allzu heftigen epidemischen Fiebern nicht angesteckt, nach VON HILDENBRAND.

$ 37

Und so bleibt auch bei einer gewöhnlichen ärztlichen Cur ein altes chronisches Uebel ungeheilt und wie es war, wenn es nach gemeiner Cur-Art allöopathisch, das ist, mit Arzneien, die an sich keinen der Krankheit ähnlichen Be- findenszustand in gesunden Menschen erzeugen Können, gelind behandelt wird, selbst wenn die Cur Jahre lang dau- erte.*

* Wird es aber so mit heftigen, allöopathischen Mitteln behan- delt, so werden an seiner Stelle andersartige Uebel gebildet, die noch beschwerlicher und lebensgefährlicher sind.

Dieß sıeht man in der Praxis täglich und es bedarf keiner bestätigenden Beispiele.

5 38

Il. Oder die neue unähnliche Krankheit ist stärker. Hier wird die, woran der Kranke bisher litt, als die schwä- chere, von der stärkern hinzutretenden Krankheit so lange aufgeschoben und suspendirt, bis die neue wieder verflos- sen oder geheilt ist, dann kommt die alte ungeheilt wieder hervor. Zwei mit einer Art Fallsucht behaftete Kinder blie- ben nach Ansteckung mit dem Grindkopfe (TINEA) von epi- leptischen Anfällen frei; sobald aber der Kopfausschlag wieder verging, war die Fallsucht eben so wieder da, wie zuvor, nach TULPIUS*

* Obs. lıb. I. obs. 8.

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Beobachtung. Die Krätze, wie SCHÖPF* * In HUFELAND'S Journal, XV. II.

sah, verschwand, als der Scharbock eintrat, kam aber nach Heilung desselben wıeder zum Vorscheine. So stand die ge- schwürige Lungensucht still, wie der Kranke von einem heftigen Typhus ergriffen ward, ging aber nach dessen Ver- laufe wieder ihren Gang fort*. -

* CCHEVALIER in HUFELAND'S neuesten Annalen der französi- schen Heilkunde. II. S. 192.

Tritt eine Manie zur Lungensucht, so wird diese mit allen ihren Symptomen von ersterer hinweggenommen; vergeht aber der Wahnsinn, so kehrt die Lungensucht gleich zurück und tödtet*. -

* Mania phthisi superveniens eam cum omnibus suis phaeno- menis aufert, verum mox redit phthisis et occidit, abeunte ma- nia. REIL, Memorab. Fasc. III. v.S. 171.

Wenn die Masern und Menschenpocken zugleich herrschen und beide dasselbe Kind angesteckt haben, so werden ge- wöhnlich die ausgebrochenen Masern von den etwas später hervorbrechenden Menschenpocken in ihrem Verlaufe auf- gehalten, den sie nicht eher wieder fortsetzen, bis die Kind- blattern abgeheilt sind; doch wurden nicht selten auch die nach der Einimpfung ausgebrochenen Menschenpocken von den indeß hervorkommenden Masern vier Tage lang suspendirt, wie MANGET*

* In Edinb. med. Comment. Th. 1. I.

bemerkte, nach deren Abschuppung die Pocken dann ihren Lauf bis zu Ende fortsetzten. Auch wenn der Impfstich von Menschenpocken schon sechs Tage gehaftet hatte, und die

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Masern nun ausbrachen, stand die Impf-Entzündung still, und die Pocken brachen nicht eher aus, bis die Masern ih- ren siebentägigen Verlauf vollendet hatten*.

* JOHN HUNTER, über die vener. Krankheiten. S.5.

Den vierten oder fünften Tag nach eingeimpften Menschen- pocken brachen bei einer Maser-Epidemie bei Vielen Ma- sern aus, und verhinderten den Pockenausbruch, bis sıe selbst vollkommen verlaufen waren, dann kamen erst die Pocken hervor und verliefen gut*.

* RAINAY in med. Comment. of Edinb. III. S. 480. Das wahre, glatte, rothlaufartige, Sydenhamische*

* Auch von WITHERING und PLENCIZ sehr richtig beschrieben, vom Purpurfriesel aber (oder dem ROODVONK), was man fälsch- lich auch Scharlachfieber zu nennen beliebte, höchst verschie- den. Nur in den letztern Jahren haben beide, ursprünglich sehr verschiedne Krankheiten einander in ihren Symptomen genä- hert.

Scharlachfieber mit Hals-Bräune ward am vierten Tag durch den Ausbruch der Kuhpocke gehemmt, welche völlig bis zu Ende verlief, wonach dann erst das Scharlachfieber sich wieder einstellte; so ward aber auch, da beide von glei- cher Stärke zu seyn scheinen, die Kuhpocke am achten Ta- ge von dem ausbrechenden wahren, glatten, Sydenhami- schen Scharlachfieber suspendirt, und der rothe Hof jener verschwand, bis das Scharlachfieber vorüber war, worauf die Kuhpocke sogleich ihren Weg bis zu Ende fortsetzte*.

* JENNER in Medicinische Annalen, 1800. August. S. 747.

Die Masern suspendirten die Kuhpocke; am achten Tage, da die Kuhpocken ihrer Vollkommenheit nahe waren, bra-

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chen die Masern aus, die Kuhpocken standen nun still, und erst als die Masern sich abschuppten, gingen die Kuh- pocken wieder ihren Gang bis zur Vollendung, so daß sie den sechszehnten Tag aussahen, wie sonst am zehnten, wie KORTUM beobachtete*.

* In HUFELAND'S Journal der practischen Arzneikunde. XX. II. Ss. 50.

Auch bei schon ausgebrochenen Masern schlug die Kuh- pockenimpfung noch an, machte aber ihren Verlauf erst, da dıe Masern vorbei waren, wie ebenfalls KORTUM bezeugt*.

* A.a.0.

Ich selbst sah einen Bauerwezel (ANGINA PAROTIDEA, Mumps, Ziegenpeter, Tölpel) sogleich verschwinden, als die Schutzpockenimpfung gehaftet hatte und sich ihrer Vollkommenheit näherte; erst nach völligem Verlaufe der Kuhpocke und der Verschwindung ihres rothen Hofs trat diese fieberhafte Ohr- und Unterkiefer-Drüsengeschwulst von eignem Miasm (der Bauerwezel) wieder hervor und durchging ihre siebentägige Verlaufzeit.

Und so suspendiren sich alle, einander unähnliche Krankheiten, die stärkere die schwächere (wo sie sich nicht, wie bei acuten selten geschieht, compliciren), heilen einander aber nie.

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Dieß sah nun die gewöhnliche Arzneischule so viele Jahrhunderte mit an; sah, daß die Natur selbst nicht einmal irgend eine Krankheit durch Hinzutritt einer andern, auch noch so starken, heilen kann, wenn die hinzutretende der schon ım Körper wohnenden unähnlich ist. Was soll man

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von ihr denken, daß sıe dennoch fortfuhr, die chronischen Krankheiten mit allöopathischen Curen zu behandeln, näm- lich mit Arzneien und Recepten, die, Gott weiß, welchen, doch stets einen dem zu heilenden Uebel nur unähnlichen Krankheitszustand selbst zu erzeugen vermögend waren! Auch wenn die Aerzte bisher die Natur nicht genau beob- achteten, so hätten sie doch aus den elenden Folgen ihres Verfahrens inne werden sollen, daß sie auf zweckwidrigem, falschem Wege waren. Sahen sıe denn nicht, wenn sie ge- gen eine langwierige Krankheit eine (wie allgewöhnlich) angreifende, allöopathische Cur brauchten, daß sıe damit nur eine, der ursprünglichen unähnliche Kunstkrankheit er- schufen, welche, so lange sıe unterhalten ward, das ur- sprüngliche Uebel zum Schweigen brachte, es bloß unter- drückte und suspendirte, jedoch allemal wieder zum Vor- schein kam und kommen mußte, sobald die Kraft-Abnahme des Kranken nicht mehr gestattete, dıe allöopathischen An- griffe auf das Leben fortzusetzen? So verschwindet freilich durch oft wıederholte, heftige Purganzen, der Krätz-Aus- schlag gar bald von der Haut, aber wenn der Kranke die er- zwungene (unähnliche) Darmkrankheit nicht mehr aus- halten und die Purgirmittel nicht mehr einnehmen kann, dann blüht entweder der Haut-Ausschlag, nach wie vor, wıeder auf, oder die innere Psora entwickelt sich zu irgend einem bösen Symptome, da dann der Kranke, außer seinem unverminderten, ursprünglichen Uebel, als Zugabe noch eine schmerzhafte, zerrüttete Verdauung und Kräfte-Verlust zu erdulden hat. So, wenn die gewöhnlichen Aerzte künstli- che Hautgeschwüre und Fontanellen äußerlich am Körper unterhalten, um dadurch eine chronische Krankheit zu til- gen, so können sie NIE damit ihre Absicht erreichen, Kön- nen dieselbe NIE damit heilen, da solche künstliche Hautge- schwüre dem innern Leiden ganz fremd und allöopathisch

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sind; aber indem der, durch mehre Fontanellen erregte Reiz ein, wenigstens zuweilen, stärkeres (unähnliches) Uebel ist, als die inwohnende Krankheit, so wird diese anfänglich dadurch zuweilen auf ein paar Wochen zum Schweigen ge- bracht und suspendirt, aber letzteres auch nur auf sehr kur- ze Zeit, und zwar unter allmäliger Abmergelung des Kran- ken. Viele Jahre hindurch durch Fontanellen unterdrückte Fallsucht, kam stets und schlimmer wieder zum Vorschei- ne, sobald man dieselben zuheilen ließ, wie PECHLIN*

* Obs. phys. med. lıb. 2. obs. 30.

und Andre bezeugen. Purganzen können aber für die Krätze und Fontanelle für eine Fallsucht nicht fremdartigere, nicht unähnlichere Umstimmungs-Potenzen, nicht allöopathi- schere, angreifendere Cur-Mittel seyn, als es die, allge- wöhnlich, aus ungekannten Ingredienzen gemischten Re- cepte für die übrigen namenlosen, unzählbaren Krankheits- Formen in der bisherigen Praxis sind. Auch diese schwä- chen bloß, unterdrücken und suspendiren die Uebel nur auf kurze Zeit, ohne sie heilen zu können und fügen dann im- mer, durch langwierigen Gebrauch, einen neuen Krank- heitszustand zu dem alten Uebel hinzu.

$ 40

III. Oder die neue Krankheit tritt, nach langer Einwir- kung auf den Organism, endlich zu der alten, ihr unähnli- chen, und bildet mit dieser eine complicirte Krankheit, so daß jede von ihnen eine eigne Gegend im Organism, d. i. die ihr besonders angemessenen Organe und gleichsam nur den ihr eigenthümlich gehörigen Platz einnimmt, den übri- gen aber, der ihr unähnlichen Krankheit überläßt. So Kann ein Venerischer auch noch krätzig werden und umgekehrt. Als zwei sich unähnliche Krankheiten, können sie aber

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einander nicht aufheben, nicht heilen. Anfangs schwei- gen die venerischen Symptome, während der Krätz-Aus- schlag anfängt zu erscheinen und werden suspendirt; mit der Zeit aber, (da die venerische Krankheit wenigstens eben so stark, als die Krätze ist) gesellen sich beide zu einander*

* Nach genauen Versuchen und Heilungen dieser Art complicir- ter Krankheiten, bin ich nun fest überzeugt, daß sie keine Zu- sammenschmelzung sind, sondern daß in solchen Fällen die ei- ne nur neben der andern im Organism besteht, jede in den Thei- len, die für sie geeignet sind, denn ihre Heilung wird vollständig bewirkt durch eine zeitgemäße Abwechselung des besten anti- syphilitischen mit den die Krätze heilenden Mitteln, jedes der- selben in der angemessensten Gabe und Zubereitung.

das ist, jede nimmt bloß die, für sıe geeigneten Theile des Organısms ein und der Kranke ist dadurch kränker gewor- den und schwieriger zu heilen.

Beim Zusammentreffen einander unähnlicher acuter An- steckungskrankheiten, z. B. der Menschenpocken und Ma- sern, suspendirt gewöhnlich, wie vorhin angeführt worden, eine die andere; doch gab es auch heftige Epidemien, wo sich in seltnen Fällen zwei sich unähnliche acute Krankhei- ten dieser Art in einem und demselben Körper einfanden und so gleichsam auf kurze Zeit complicirten. In einer Epi- demie, wo Menschenpocken und Masern zugleich herrsch- ten, gab es unter 300 Fällen, wo sıch diese Krankheiten ein- ander mieden oder suspendirten, und wo die Masern erst 20 Tage nach dem Pockenausbruche, dıe Pocken aber 17-18 Tage nach dem Masernausbruche den Menschen befielen, so daß die erstere Krankheit vorher bereits völlig verlaufen war, dennoch einen einzigen Fall, wo P. RUSSEL*

* S. Transactions of a soc. for the improvem. of med. and chir. knowl. II.

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beide unähnliche Krankheiten zugleich an derselben Person antraf. RAINEY*

* In den med. Commentarien von Edinb. III. S. 480.

sah bei zwei Mädchen Menschenpocken und Masern zu- sammen, J. MAURICE*

* In Med. and phys. Journ. 1805.

will in seiner ganzen Praxis nur zwei solche Fälle beobach- tet haben. Dergleichen findet man auch bei ETTMÜLLER*

* Opera, II. P. I. Cap. 10.

und noch einigen wenigen Andern. - Kuhpocken sah ZENCKER* * In HUFELAND'S Journal, XVII.

ihren regelmäßigen Verlauf neben Masern und neben Pur- purfriesel beibehalten.

Kuhpocken gingen bei einer Mercurial-Cur gegen Lust- seuche ıhren Weg ungestört, wie JENNER sah.

Ss 4

Ungleich häufiger, als dıe natürlichen, sich in demselben Körper zu einander gesellenden und so complicirenden, un- ähnlichen Krankheiten, sind jene Krankheits-Complicatio- nen, welche das zweckwidrige, ärztliche Verfahren (die al- löopathische Curart) durch langwierigen Gebrauch unange- messener ÄArzneien zuwege zu bringen pflegt. Zu der natür- lichen Krankheit, die geheilt werden sollte, gesellen sich dann durch anhaltende Wiederholung des unpassenden Arz-

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neimittels die, der Natur dieses leztern entsprechenden neu- en, oft sehr langwierigen Krankheitszustände, welche mit dem, ihnen unähnlichen chronischen Uebel (was sie nicht durch Aehnlichkeits-Wirkung, das ist, nicht homöopathisch heilen konnten) sich allmälig zusammenpaaren und compli- ciren, zu der alten eine neue, unähnliche, künstliche Krank- heit chronischer Art hinzusetzen, und so den bisher einfach Kranken, doppelt krank, das heißt, um vieles kränker und unheilbarer, bisweilen ganz unheilbar machen, ja selbst oft, tödten. Mehre in ärztlichen Journalen zur Consultation auf- gestellte Krankheitsfälle, so wie andre in medicinischen Schriften erzählte Krankengeschichten geben Belege hiezu. Von gleicher Art sind die häufigen Fälle, wo die venerische Schankerkrankheit, vorzüglich mit Krätzkrankheit, auch wohl mit dem Siechthume des Feigwarzentrippers compli- cirt, unter langwieriger, oder oft wiederholter Behandlung mit großen Gaben unpassender Quecksilberpräparate nicht geheilt wird, sondern neben dem indeß allmälig erzeugten chronischen Quecksilber-Siechthume*

* Denn, außer denjenigen Krankheitssymptomen, welche, als das Aehnliche, dıe venerische Krankheit homöopathisch heilen können, hat Quecksilber in seiner Wirkungsart, noch viele and- re, der Lustseuche unähnliche z. B. Knochen-Geschwulst, Kno- chenfraß, u. s. w. welche bei Anwendung großer Gaben, vor- züglich, ın der so häufigen Complication mit Psora, neue Uebel und große Zerstörungen im Körper anrichten.

im Organismus Platz nimmt, und so mit diesem ein oft grausames Ungeheuer von complicirter Krankheit bildet (unter dem allgemeinen Namen: verlarvte venerische Krankheit), die wenn nicht ganz unheilbar, doch nur mit größter Schwierigkeit wieder herzustellen ist.

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8 42

Die Natur selbst erlaubet, wie gesagt, in einigen Fällen den Zusammentritt zweier (ja dreier) natürlichen Krankhei- ten in einem und demselben Körper. Diese Complicirung ereignet sich aber, wie man wohl zu bemerken hat, nur bei einander unähnlichen Krankheiten, die nach ewigen Natur- gesetzen einander nicht aufheben, nicht vernichten und nicht heilen können, und zwar, wie es scheint, so, daß sich beide (oder die drei), gleichsam in den Organism theilen und jede die für sıe eigenthümlich gehörigen Theile und Systeme einnimmt, was wegen Unähnlichkeit dieser Uebel unter einander, der Einheit des Lebens unbeschadet, ge- schehen kann.

843

Aber ganz anders ist der Erfolg, wenn zwei ähnliche Krankheiten im Organism zusammentreffen, d. i. wenn zu der schon vorhandnen Krankheit eine stärkere, ähnliche hinzutritt. Hier zeigt sich, wie im Laufe der Natur Heilung erfolgen kann, und wie von Menschen geheilt werden soll- te.

8 44

Zweı so ähnliche Krankheiten können (wie von den un- ähnlichen in I. gesagt ıst) einander weder abhalten, noch (wie bei der Bedingung II. von den unähnlichen gezeigt ward) einander suspendiren, so daß die alte nach Verlauf der neuen wiederkäme, und eben so wenig können die bei- den ähnlichen (wie bei III. von den unähnlichen gezeigt worden) in demselben Organism neben einander bestehen oder eine doppelte, complicirte Krankheit bilden.

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845

Nein, stets und überall vernichten sich zwei, der Art nach*

* Siehe oben $. 26. in der Anmerkung.

zwar verschiedne, aber in ihren Aeußerungen und Wirkun- gen wie durch die von jeder derselben verursachten Leiden und Symptomen einander sehr ähnliche Krankheiten, so- bald sie im Organism zusammentreffen, nämlich die stärke- re Krankheit die schwächere, und zwar aus der nicht schwer zu errathenden Ursache, weil die stärkere hinzukommende Krankheitspotenz, ihrer Wirkungs-Aehnlichkeit wegen, dieselben Theile im Organism, und zwar vorzugsweise in Anspruch nimmt, die von dem schwächern Krankheits-Rei- ze bisher affıcirt waren, welcher folglich nun nicht mehr einwirken kann, sondern erlischt*,

* Gleichwie von dem stärkeren, in unsere Augen fallenden Son- nenstrale, das Bild einer Lampenflamme im Sehnerven schnell überstimmt und verwischt wird.

oder mit andern Worten, weil, sobald die neue ähnliche, aber stärkere Krankheitspotenz sich des Gefühls des Kran- ken bemeistert, das Lebensprincip, seiner Einheit wegen, die schwächere ähnliche nicht mehr fühlen kann; sie ist er- loschen, sie existirt nicht mehr, denn sie ist nie etwas Mate- rielles, sondern nur eine dynamische, (geistartige) Affec- tion. Nur von der neuen, ähnlichen aber stärkeren Krank- heitspotenz des Arzneimittels bleibt nun das Lebensprincip affıcirt, doch nur überhingehend.

$ 46

Es würden sich sehr viele Beispiele von Krankheiten an- führen lassen, dıe ım Laufe der Natur durch Krankheiten

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von ähnlichen Symptomen homöopathisch geheilt wurden, wenn wir uns nicht einzig an jene wenigen, sich stets gleichbleibenden, aus einem feststehenden Miasm entsprin- genden und daher eines bestimmten Namens werthen Krankheiten halten müßten, um von etwas Bestimmtem und Unzweifelhaftem reden zu Können.

Unter ihnen raget die, wegen der großen Zahl ihrer hefti- gen Symptome so berüchtigte Menschenpocken-Krankheit hervor, welche schon zahlreiche Uebel mit ähnlichen Sym- ptomen aufgehoben und geheilt hat.

Wie allgemein sind nicht die heftigen, bis zur Erblindung steigenden Augenentzündungen bei der Menschenpocke, und siehe! eingeimpft heilte diese eine langwierige Augen- entzündung vollständig und auf immer bei DEZOTEUX*

* Traite de l'inoculatıon, S. 189. und eine andre bei LEROY*. * Heilkunde für Mütter, S. 384.

Eine, von unterdrücktem Kopfgrinde entstandene, zwei- jährige Blindheit, wich ıhr nach KLEIN*,

* Interpres clinicus, S. 293. gänzlich.

Wie oft erzeugte die Menschenblatter-Krankheit nicht Taubhörigkeit und Schweräthmigkeit! und beide langwieri- ge Uebel hob sie, als sie zu ihrer größten Höhe gestiegen war, wie J. FR. CLOSS*

* Neue Heilart der Kinderpocken, Ulm 1769. S. 68 und specim. Obs. Nr. 18.

beobachtete.

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Hodengeschwulst, auch sehr heftige, ıst ein häufiges Symptom der Menschenpocke und deßhalb konnte sie, durch Aehnlichkeit eine von Quetschung entstandene gro- ße, harte Geschwulst des linken Hodens heilen, wie KLEIN*

* Ebendaselbst.

beobachtete. Und eine ähnliche Hodengeschwulst ward von ihr unter den Augen eines andern Beobachters*

* Nov. Act. Nat. Cur. Vol. I. Obs. 22. geheilt.

So gehört auch unter die beschwerlichen Zufälle der Menschenpocke, ein ruhrartiger Stuhlgang und sie besiegte daher als ähnliche Krankheitspotenz eine Ruhr nach FR. WENDT'Ss*

* Nachricht von dem Krankeninstitut zu Erlangen, 1783. Beobachtung.

Die zu Kuhpocken kommende Menschenpocken-Krank- heit hebt wıe bekannt, eben sowohl ıhrer größern Stärke, als ihrer großen Aehnlichkeit wegen, erstere sogleich gänzlich (homöopathisch) auf und läßt sie nicht zur Vollendung kommen; doch wird hinwiederum, durch die ihrer Reife schon nahe gekommene Kuhpocke, ihrer großen Aehnlich- keit wegen, die darauf ausbrechende Menschenpocke (ho- möopathisch) wenigstens um vieles gemindert und gutarti- ger*

* Dieß scheint der Grund des so wohlthätigen, merkwürdigen Ereignisses zu seyn, daß, seit der allgemeinen Verbreitung der Jennerschen Kuhpocken-Impfung, dıe Menschenpocken nie wieder unter uns weder so epidemisch, noch so bösartig erschei-

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nen, wie vor 40, 50 Jahren, wo eine davon ergriffene Stadt, we- nigstens die Hälfte und oft drei Viertel ihrer Kinder durch den jämmerlichsten Pest-Tod verlor.

gemacht, wie MÜHRY* * Bei ROBERT WILLAN, über die Kuhpockenimpfung. und viele Andre bezeugen.

Die eingeimpfte Kuhpocke, deren Lymphe, außer Schutzpockenstoff, auch noch den Zunder zu einem allge- meinen Hautausschlage andrer Natur enthält, welcher aus selten größern, eiternden, gewöhnlich kleinen, trocknen, auf rothen Fleckchen sitzenden, spitzigen Blüthen (PIMPLES) besteht, oft mit untermischten, rothen, runden Hautfleck- chen, nicht selten von dem heftigsten Jücken begleitet, wel- cher Ausschlag bei nicht wenigen Kindern auch wirklich mehre Tage vor, öfterer jedoch nach dem rothen Hofe der Kuhpocke erscheint und, mit Hinterlassung kleiner, rother, harter Hautfleckchen, in ein paar Tagen vergeht - die ge- impfte Kuhpocke, sage ich, heilt durch Aehnlichkeit dieses Neben-Miasms ähnliche, oft sehr alte und beschwerliche Hautausschläge der Kinder, nachdem die Kuhpockenimp- fung bei ihnen gehaftet hat, homoeopathisch vollkommen und dauerhaft, wıe eine Menge Beobachter*

* Vorzüglich CLAVIER, HUREL und DESORMEAUX, im Bulletin des sc. mE&dicales, publi€ par les membres du comite central de la soc. de m&decine du d&partement de l'Eure, 1808. So auch im Journal de Medecine continu£g, Vol. XV. S. 206.

bezeugen.

Die Kuhpocken, deren eigenthümliches Symptom es ist, Armgeschwulst*

* BALHORN, in HUFELAND S Journal. X. II.

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zu verursachen, heilten nach ihrem Ausbruche, einen ge- schwollenen, halb gelähmten Arm*.

* STEVENSON in DUNCANS Annals of medicine, Lustr. I. Vol. 1. Abth. 2. No. 9.

Das Fieber bei der Kuhpocke, welches sich zur Zeit der Entstehung des rothen Hofs einfindet, heilte (homöopa- thisch) ein Wechselfieber bei zwei Personen, wie HARDEGE der jüngere*

* In HUFELAND'S Journ. der pr. Arzneik. XXI. berichtet, zur Bestätigung dessen, was schon J. HUNTER* * Ueber die vener. Krankheit. $. 4.

bemerkt hatte, daß nicht zwei Fieber (ähnliche Krankhei- ten) in einem Körper zugleich bestehen können. -

In Fieber und in Hustenbeschaffenheit haben die Masern viel Aehnlichkeit mit dem Keichhusten und deßhalb sah BOSQUILLON*,

* Elements de medec. prat. de M. CULLEN, traduits P. II. 1. 3. Ch. 7.

daß bei einer Epidemie, wo beide herrschten, viele Kinder, welche die Masern bereits überstanden hatten, vom Keich- husten frei blieben. Sie würden alle und auch in der Folge, vom Keichhusten frei und durch die Masern unansteckbar geworden seyn, wenn der Keichhusten nicht eine den Ma- sern nur zum Theil ähnliche Krankheit wäre, das ıst, wenn er auch einen ähnlichen Hautausschlag, wie die letztern bei sich führte. So aber konnten die Masern nur Viele, und nur in der gegenwärtigen Epidemie von Keichhusten, frei erhal- ten.

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Wenn aber die Masern eine, im Ausschlage, ihrem Hauptsymptome, ähnliche Krankheit vor sich haben, kön- nen sie dieselbe ohne Widerrede aufheben und homöopa- thisch heilen. So ward eine langwierige Flechte durch den Ausbruch der Masern, sogleich gänzlich und dauerhaft (ho- möopathisch) geheilt*,

* Oder wenigstens dies Symptom hinweggenommen. wie KORTUM*

* In HUFELAND'S Journal XX. II. S. 50.

beobachtete. Ein äußerst brennender, sechsjähriger, friesel- artiger Ausschlag im Gesichte, am Halse und an den Ar- men, von jedem Wetter-Wechsel erneuert, ward von hinzu kommenden Masern zu einer aufgeschwollenen Haut-Flä- che; nach dem Verlauf der Masern war das Friesel geheilt und kam nicht wieder*.

* Rau, über d. Werth des homöop. Heilverfahrens, Heidelb. 1824. S.85.

8 47

Unmöglich kann es für den Arzt eine deutlichere und überzeugendere Belehrung, als diese geben, welche Art von künstlicher Krankheitspotenz (Arznei) er zu wählen habe, um nach dem Vorgange der Natur, gewiß, schnell und dau- erhaft zu heilen.

S 48

Im Laufe der Natur kann, wie wir aus allen diesen Bei- spielen ersehen, eben so wenig als mittels Arztes Kunst, ein vorhandnes Leiden und Uebelseyn von einer unähnlichen,

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auch noch so starken Krankheits-Potenz aufgehoben und geheilt werden, wohl aber bloß von einer an Symptomen ähnlichen, etwas stärkern; nach ewigen, unwiderrufli- chen, bisher jedoch verkannten Natur-Gesetzen.

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Wir würden von dieser Art ächter, homöopathıscher Na- tur-Heilungen, noch weit mehre finden, wenn theils die Be- obachter mehr Aufmerksamkeit auf sie gerichtet hätten, und es anderntheils der Natur nicht an homöopathischen Hülfs-Krankheiten gebräche.

$ 50

Die große Natur selbst, hat zu homöopathischen Heil- werkzeugen, wie wir sehen, fast nur die wenigen miasmati- schen, festständigen Krankheiten als Hülfe, die Krätze, die Masern und die Menschenpocken*,

* Und den obgenannten Hautausschlags-Zunder, der nebenbei in der Kuhpocken-Lymphe befindlich ist.

Krankheitspotenzen, dıe* * Nämlich die Menschenpocken und Masern.

theils als Heilmittel lebensgefährlicher und schrecklicher, als das damit zu heilende Uebel sind, theils (wie dıe Krät- ze), nach vollführter Heilung ähnlicher Krankheiten, selbst Heilung bedürfen, um hinwiederum vertilgt zu werden; bei- des Umstände, die ihre Anwendung als homöopathische Mittel schwierig, unsicher und gefährlich machen. Und wie wenig Krankheits-Zustände giebt es unter den Menschen, die an Pocken, Masern und Krätze ıhr ähnliches (homöopa- thisches) Heilmittel fänden! Im Laufe der Natur können

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deßhalb auch nur wenige Uebel sich mit diesen bedenkli- chen und mißlichen homöopathischen Mitteln heilen und der Erfolg zeigt sich nur mit Gefahr und großer Beschwer- de, schon deßhalb, weil die Gaben dieser Krankheitspoten- zen sich nicht, wie wir es doch mit Arzneigaben können, nach den Umständen selbst verkleinern lassen; dagegen wird im andern Falle, der mit einem alten, ähnlichen Uebel Behaftete mit dem ganzen gefährlichen und beschwerlichen Leiden, der ganzen Menschenpocken-, Maser- und Krätz- Krankheit überzogen, um von letzterm zu genesen. Und dennoch haben wir von diesem glücklichen Zusammentref- fen, wie man sieht, schöne homöopathische Heilungen auf- zuweisen, als eben so viel sprechende Belege von dem in ihnen waltenden, großen, einzigen Natur-Heilgesetze: Heile durch Symptomen-Aehnlichkeit!

$51

Aus solchen Thatsachen wird dem fähigen Geiste des Menschen dieses Heilgesetz kund, und hiezu waren sie hin- reichend. Dagegen, siehe! welchen Vorzug hat der Mensch nicht vor der rohen Natur ungefähren Ereignissen! Wie viel tausend homöopathische Krankheitspotenzen mehr, zur Hülfe für die leidenden Mitbrüder, hat nicht der Mensch an den überall in der Schöpfung verbreiteten Arzneisubstan- zen! Krankheits-Erzeugerinnen hat er an ihnen von allen möglichen Wirkungs-Verschiedenheiten für alle die unzäh- ligen, nur erdenklichen und unerdenklichen natürlichen Krankheiten gegen welche sie homöopathische Hülfe lei- sten können - Krankheitspotenzen, (Arzneisubstanzen) de- ren Kraft nach vollendeter Heil-Anwendung, durch die Le- benskraft besiegt, von selbst verschwindet, ohne einer aber- malıgen Hülfe zur Wieder-Vertreibung, wie die Krätze, zu

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bedürfen - künstliche Krankheitspotenzen, die der Arzt bis an die Gränzen der Unendlichkeit verdünnen, zertheilen, potenziren und in ihrer Gabe bis dahin vermindern kann, daß sie nur um ein Kleines stärker bleiben, als die damit zu heilende, ähnliche, natürliche Krankheit, so daß es bei die- ser unübertrefflichen Heilart, keines heftigen Angriffs auf den Organism bedarf, um selbst ein altes, hartnäckiges Uebel auszurotten, ja daß dieselbe gleichsam nur einen sanften, unmerklichen und doch oft geschwinden Ueber- gang aus den quälenden, natürlichen Leiden in die er- wünschte, dauerhafte Gesundheit bildet.

$ 52

Es giebt nur zwei Haupt-Curarten: diejenige welche all ihr Thun nur auf genaue Beobachtung der Natur, auf sorg- fältige Versuche und reine Erfahrung gründet, die (vor mir nie geflissentlich angewendete) homöopathische und eine zweite, welche dieses nicht thut, die (heteropathische, oder) allöopathische. Jede steht der andern gerade entge- gen und nur wer beide nicht kennt, kann sich dem Wahne hingeben, daß sie sich je einander nähern könnten oder wohl gar sich vereinigen ließen - Kann sich gar so lächerlich machen, nach Gefallen der Kranken, bald homöopathisch, bald allöopathisch in seinen Curen zu verfahren; dieß ist verbrecherischer Verrath an der göttlichen Homöopathie zu nennen!

$ 53

Die wahren, sanften Heilungen geschehen bloß auf ho- möopathischem Wege, einem Wege, der, da wir ihn auch oben ($. 7-25) auf eine andre Weise, durch Erfahrungen und Schlüsse fanden, auch der unbestreitbar richtige ıst, auf

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welchem man am gewissesten, schnellsten und dauerhafte- sten zur Heilung der Krankheiten durch die Kunst gelangt, weil diese Heilart auf einem ewigen, untrüglichen Naturge- setze beruht. Die reine homöopathische Heilart ist der ein- zig richtige, der einzig durch Menschenkunst mögliche, ge- radeste Heilweg, so gewiß zwischen zwei gegebnen Punk- ten nur eine einzige gerade Linie möglich ist.

$ 54

Die allöopathische Curart, welche mancherlei gegen die Krankheiten unternahm, doch stets nur das Ungehörige (AAAOLO),war die seit Menschen Gedenken, unter sehr ver- schiednen Formen, die man Systeme nannte, herrschende. Jedes dieser, von Zeit zu Zeit auf einander folgenden, gar sehr von einander abweichenden Systeme beehrte sich mit dem Namen: rationelle Heilkunde*.

* Gleich als ob eine, bloß auf Beobachtung der Natur beruhende und einzig auf reine Versuche und Erfahrung zu gründende Wissenschaft, durch müßiges Grübeln und scholastisches Rai- sonniren gefunden werden könnte!

Jeder Erbauer eines dieser Systeme, hatte die hochmüthige Meinung von sich, er sei fähig, das innere Wesen des Le- bens, wıe des gesunden, so auch des kranken Menschen zu durchschauen und klar zu erkennen und ertheilte hienach dıe Verordnung, welche schädliche Materie*

* Denn bis auf die neuesten Zeiten suchte man das in Krankhei- ten zu Heilende in einer wegzuschaffenden Materie, da man sich nicht zum Begriffe von einer dynamischen (Anm. zu 8. 11.) Wirkung der krankhaften Potenzen, so wie der Arzneien auf das Leben des thierischen Organisms zu erheben vermochte.

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aus dem kranken Menschen und wie sie hinweg zu nehmen sei, um ıhn gesund zu machen; - alles nach leeren Vermu- thungen und beliebigen Voraussetzungen, ohne dıe Natur redlich zu befragen und die Erfahrung vorurtheillos anzu- hören. Man gab die Krankheiten für Zustände aus, dıe ım- mer auf ziemlich gleiche Art wieder erschienen. Die mei- sten Systeme ertheilten daher ıhren erdichteten Krankheits- Bildern Namen, und klassificirten sıe, jedes System, anders. Den Arzneien wurden nach Vermuthungen Wirkungen zu- geschrieben (s. die vielen Arzneimittellehren!) welche diese innormalen Zustände aufheben, d. ı. heilen sollten. *

* Um das Maß der Selbst-Verblendung zu überfüllen, wurden (recht gelehrt) stets mehre, ja viele, verschiedne Arzneien in so genannten Recepten zusammengemischt, auch oft, und in gro- ßen Gaben eingegeben, und so das theuere, leicht zerstörbare Menschenleben vielfach unter den Händen dieser Verkehrten gefährdet, vorzüglich da man auch Aderlaß, Brech- und Purgir- mittel zur Hülfe nahm, so wie Zıehpflaster, Fontanelle, Haarsei- le, Beitzen und Brennen.

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Da aber bald nach Einführung eines jeden dieser Systeme und bei jeder dieser Cur-Methoden das Publikum sich über- zeugte, wie bei deren genauer Befolgung, die Leiden der Kranken sıch nur noch vermehrten und erhöheten, so würde man schon längst diese allöopathischen Aerzte ganz verlas- sen haben, wenn nicht die palliative Erleichterung, die sie von Zeit zu Zeit durch einige empirisch aufgefundene Mit- tel, (deren oft fast augenblickliche, schmeichelhafte Wir- kung in die Augen fällt) dem Kranken zu verschaffen wuß- ten, ihren Credit noch einigermaßen aufrecht erhalten hätte.

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Mit dieser palliativen (antipathischen, enantiopathi- schen) Methode, seit 17 Jahrhunderten, nach Galen's Leh- re: contraria contrariis eingeführt, konnten die bisherigen Aerzte das Vertrauen des Kranken noch am gewissesten zu gewinnen hoffen, indem sie ihn mit fast augenblicklicher Besserung täuschten. Wie unhülfreich aber im Grunde und wıe schädlich diese Behandlungs-Art (in nicht sehr schnell verlaufenden Krankheiten) ist, werden wir aus Folgendem ersehen. Zwar ist sie noch das Einzige in der Cur-Art der Allöopathen, was offenbaren Bezug auf einen Theil des Symptoms der natürlichen Krankheit hat - aber, welchen Bezug! Wahrlich nur einen umgekehrten), welcher, wenn man den chronisch Kranken nicht täuschen, seiner nicht spotten will, sorgfältig vermieden werden sollte.*

* Man möchte gern eine dritte Anwendung der Arzneien gegen Krankheit durch Isopathie wie man sie nennt, erschaffen, näm- lich mit gleichem Miasm eine gleiche vorhandne Krankheit hei- len. Aber, gesetzt auch, man vermöchte dieß, so würde, da sie das Miasm nur hoch potenzirt, und folglich verändert dem Kranken reicht, sie dennoch nur durch ein dem SIMILLIMO ent- gegen gesetztes Sımillımum die Heilung bewirken.

Dieß Heilen Wollen aber durch eine ganz gleiche Krank- heits-Potenz (per idem) widerspricht allem gesunden Men- schen-Verstande und daher auch aller Erfahrung. Denen, welche zuerst die sogenannte Isopathie zur Sprache brachten, schwebte vermuthlich die Wohlthat vor Augen, welche die Menschheit durch Anwendung der Kuhpocken-Einimpfung erfuhr, daß da- durch der Eingeimpfte von aller künftigen Menschenpocken- Ansteckung frei erhalten, und gleichsam schon im voraus von leztrer geheilt ward. Aber beide, die Kuhpocken wie die Men- schenpocke, sind nur sehr ähnliche, auf keine Weise ganz die- selbe Krankheit; sie sind in vieler Hinsicht von einander abwei-

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chend, namentlich auch durch den schnellern Verlauf und die Gelindigkeit der Kuhpocken, vorzüglich aber dadurch, daß die- se nie durch ihre Nähe den Menschen anstecken, und so durch die allgemeine Verbreitung ihrer Einimpfung allen Epidemien jener tödlichen, fürchterlichen Menschenpocken dergestalt ein Ende gemacht haben, daß die jezige Generation gar keine an- schauliche Vorstellung von jener ehemaligen scheußlichen Menschenpocken-Pest mehr hat. So werden allerdings auch fer- ner einige, den Thieren eigne Krankheiten uns Arznei- und Heil-Potenzen für sehr ähnliche, wichtige Menschen-Krankhei- ten darreichen, und demnach unsern homöopathischen Arznei- Vorrath glücklich ergänzen. Aber mit einem menschlichen Krankheits-Stoffe (z. B. einem Psorikum von Menschen-Krätze genommen) gleiche menschliche Krankheit (Menschen-Krätze oder davon entstandne Uebel) heilen wollen - das sei fern! Es erfolgt nichts davon, als Unheil und Verschlimmerung der Krankheit!

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Um so antipathisch zu verfahren, giebt ein solcher ge- wöhnlicher Arzt, gegen ein einzelnes, beschwerliches Sym- ptom unter den vielen übrigen, von ıhm nicht geachteten Symptomen der Krankheit, eine Arzneı von welcher es be- kannt ist, daß sıe das gerade Gegentheil des zu beschwichti- genden Krankheits-Symptoms hervorbringt, wovon er dem- nach, zufolge der ihm seit mehr als funfzehn Hundert Jah- ren vorgeschriebenen Regel der uralten medicinischen Schule (CONTRARIA CONTRARIIS) die schleunigste (palliati- ve) Hülfe erwarten kann. Er giebt starke Gaben Mohnsaft gegen Schmerzen aller Art, weil diese Arznei die Empfin- dung schnell betäubt, giebt eben dieses Mittel gegen Durch- fälle, weil es schnell die wurmförmige Bewegung des Darmkanals hemmt und denselben alsbald unempfindlich

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macht, und so auch gegen Schlaflosigkeit, weil Mohnsaft schnell einen betäubenden, stupiden Schlaf zuwege bringt; er giebt Purganzen, wo der Kranke schon lange an Leibes- verstopfung und Hartleibigkeit leidet; er läßt die verbrannte Hand ın kaltes Wasser tauchen, was durch die Kälte den Brennschmerz augenblicklich wie wegzuzaubern scheint; setzt den Kranken, der über Frostigkeit und Mangel an Le- benswärme klagt, in warme Bäder, die ihn doch nur augen- blicklich erwärmen, und läßt den langwierig Geschwächten Wein trinken, wodurch er augenblicklich belebt und er- quickt wird, und wendet so noch einige andre antipathische Hülfs-Veranstaltungen an, doch außer diesen nur noch we- nıge, da der gewöhnlichen Arzneikunst nur von wenigen Mitteln einige eigenthümliche (Erst-) Wirkung bekannt ist.

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Wenn ich auch beı Beurtheilung dieser Arznei-Anwen- dung den Umstand übergehen wollte, daß hiebei sehr feh- lerhaft, bloß symptomatisch verfahren, (s. Anm. zu $. 7.), d. ı. nur einseitig für ein einzelnes Symptom, also nur für einen kleinen Theil des Ganzen gesorgt wird, wovon offen- bar nicht Hülfe für das Total der Krankheit, die allein der Kranke wünschen kann, zu erwarten ist, - so muß man doch auf der andern Seite die Erfahrung fragen, ob in einem ein- zigen Falle solchen antipathischen Arzneigebrauchs, gegen eine langwierige oder anhaltende Beschwerde, nach erfolg- ter, kurz dauernder Erleichterung, nicht eine größere Ver- schlimmerung der so palliativ Anfangs beschwichtigten Be- schwerde, ja Verschlimmerung der ganzen Krankheit er- folgte? und da wird jeder aufmerksame Beobachter über- einstimmen, daß auf eine solche antipathische, kurze Er- leichterung jederzeit und ohne Ausnahme Verschlimme-

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rung erfolgt, obgleich der gemeine Arzt diese nachgängige Verschlimmerung dem Kranken anders zu deuten und sie auf eine sıch jetzt erst offenbarende Bösartigkeit der ur- sprünglichen, oder auf die Entstehung einer neuen Krank- heit zu schieben pflegt*.

* So wenig auch bisher die Aerzte zu beobachten pflegten, so konnte ıhnen doch die, auf solche Palliative gewiß erfolgende Verschlimmerung nicht entgehen. Ein starkes Beispiel dieser Art findet man in J. H. SCHULZE, Diss. qua corporis humani mo- mentanearum alterationum specimina quaedam expenduntur, Halae 1741. $. 28. Etwas Aehnliches bezeugt WILLIS, Pharm. rat. Sect. 7. Cap. I. S. 298. Opiata dolores atrocissimos plerum- que sedant atque indolentiam - procurant, eamque - aliquamdiu et pro stato quodam tempore continuant, quo spatio elapso dolo- res mox recrudescunt et brevi ad solitam ferociam augentur. Und so S. 295: Exactis opii viribus illico redeunt tormina, nec atrocitatem suam remittunt, nisı dum ab eodem pharmaco rursus incantantur. So sagt J. HUNTER (über die vener. Krankh. S. 13.), daß Wein bei Schwachen die Wirkungskraft vermehre, ohne ih- nen eine wahre Stärke mitzutheilen und daß die Kräfte hinten- nach in demselben Verhältnisse wieder sinken, als sie zuvor er- regt worden waren, wodurch man keinen Vortheil erhalte, son- dern die Kräfte größtentheils verloren gingen.

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Noch nie in der Welt wurden bedeutende Symptome an- haltender Krankheiten, durch solche palliative Gegensätze behandelt, ohne daß nach wenigen Stunden das Gegentheil, dıe Rückkehr, ja offenbare Verschlimmerung eines solchen Uebels erfolgt wäre. Gegen langwierige Neigung zu Tages- schläfrigkeit, verordnete man den, in seiner Erstwirkung er- munternden Kaffee, und als er ausgewirkt hatte, nahm die Tagesschläfrigkeit zu; - gegen Öfteres nächtliches Aufwa-

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chen gab man, ohne auf die übrigen Symptome der Krank- heit zu sehn, Abends Mohnsaft, der seiner Erstwirkung zu- folge, für diese Nacht einen betäubenden, dummen Schlaf zuwege brachte, aber die folgenden Nächte wurden dann noch schlafloser; - den chronischen Durchfällen setzte man, ohne auf die übrigen Krankheits-Zeichen Rücksicht zu neh- men, eben diesen, in seiner Erstwirkung Leib verstopfenden Mohnsaft entgegen, aber nach kurzer Hemmung des Durch- falls ward derselbe hinterdrein nur desto ärger; - heftige, oft wiederkehrende Schmerzen aller Art konnte man mit dem, Gefühl betäubenden, Mohnsaft nur auf kurze Zeit unter- drücken, dann kamen sie stets erhöhet, oft unerträglich er- höhet, wieder zurück, oder andre, weit schlimmere Uebel dafür. - Gegen alten Nachthusten weiß der gemeine Arzt nichts Besseres, als den, jeden Reiz in seiner Erstwirkung unterdrückenden Mohnsaft zu geben, welcher danach die erste Nacht vielleicht schweigt, aber die folgenden Nächte nur desto angreifender wiederkehrt, und wenn er dann nochmals und abermals mit diesem Palliative in hochgestei- gerter Gabe unterdrückt wird, so kommt Fieber und Nacht- schweiß hinzu; - eine geschwächte Harnblase und daher rührende Harnverhaltung, suchte man durch den antipathi- schen Gegensatz der, dıe Harnwege aufreizenden Canthari- dentinctur zu besiegen, wodurch zwar Anfangs Ausleerung des Urins erzwungen, hinterdrein aber die Blase noch un- reizbarer und unvermögender wird, sich zusammenzuzie- hen, und die Harnblasen-Lähmung ist vor der Thüre; - mit den ın starker Gabe dıe Därme zu häufiger Ausleerung rei- zenden Purgir-Arzneien und Laxir-Salzen wollte man alte Neigung zu Leibverstopfung aufheben, aber in der Nach- wirkung ward der Leib nur desto verstopfter; - langwierige Schwäche will der gemeine Arzt durch Weintrinken heben, was doch nur in der Erstwirkung aufreizt, daher sinken die

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Kräfte nur desto tiefer in der Nachwirkung; - durch bittre Dinge und hitzige Gewürze will er langwierig schwache und kalte Magen stärken und erwärmen, aber der Magen wird von diesen, nur in der Erstwirkung aufregenden Pallia- tiven, in der Nachwirkung nur desto unthätiger; - lang an- haltender Mangel an Lebenswärme so wie Frostigkeit, soll auf verordnete warme Bäder weichen, aber desto matter, kälter und frostiger werden die Kranken hinterdrein; - stark verbrannte Theile fühlen auf Behandlung mit kaltem Was- ser zwar augenblickliche Erleichterung, aber der Brenn- schmerz vermehrt sich hinterdrein unglaublich; dıe Entzün- dung greift um sich und steigt zu einem desto höhern Grade - durch Schleim erregende Niesemittel will man alten Stockschnupfen heben, merkt aber nicht, daß er durch dies Entgegengesetzte immer mehr (in der Nachwirkung) sich verschlimmert und die Nase nur noch verstopfter wird; - mit den, in der Erstwirkung die Muskelbewegung stark auf- reizenden Potenzen der Electrisität und des Galvanısms, setzte man langwierig schwache, fast lähmige Glieder schnell in thätigere Bewegung; die Folge aber (die Nach- wirkung) war gänzliche Ertödtung aller Muskel-Reizbarkeit und vollendete Lähmung; - mit Aderlässen wollte man langwierigen Blutandrang nach dem Kopfe und nach and- ren Theilen hin z. B. bei Herzklopfen, wegnehmen, aber es erfolgte darauf stets größere Blut-Anhäufung in diesen Or- ganen, stärkeres, häufigeres Herzklopfen u. s. w.; - dıe läh- mige Trägheit der Körper- und Geistesorgane, mit Besin- nungslosigkeit gepaart, welche in vielen Typhus-Arten vor- herrschen, weiß die gemeine Arzneikunst mit nichts Bes- serm zu behandeln als mit großen Gaben Baldrian, weil die- ser eins der kräftigsten, ermunternden und beweglich ma- chenden Arzneimittel sey; ıhrer Unwissenheit war aber nicht bekannt, daß diese Wirkung bloß Erstwirkung ist und

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daß der Organism nach derselben, jedesmal in der Nachwir- kung (Gegenwirkung) in eine desto größere Betäubung und Bewegunsgslosigkeit, das ist, in Lähmung der Geistes- und Körper-Organe (selbst Tod) mit Gewißheit verfällt; sie sa- hen nicht, daß gerade diejenigen Kranken, die sie am mei- sten mit dem hier opponirten, antipathischen Baldrian füt- terten, am unfehlbarsten starben. - Der Arzt alter Schule*

* M. s. HUFELAND in seinem Pamphlet: DIE HOMÖOPATHIE S. 20.

frohlockt, den kleinen, schnellen Puls in Kachexien schon mit der ersten Gabe von dem in seiner Erstwirkung den Puls verlangsamernden Purpur-Fingerhut, auf mehre Stun- den langsamer erzwungen zu haben, aber bald kehrt dessen Geschwindigkeit verdoppelt zurück; wiederholte, nun ver- stärkte Gaben bewirken immer weniger und endlich gar nicht mehr Minderung seiner Schnelligkeit, vielmehr wird er in der Nachwirkung nun unzählbar; Schlaf, Eßlust und Kraft weichen und der baldige Tod ist unausbleiblich, wenn nicht Wahnsinn entsteht. Wie oft man, mit einem Worte, durch solche entgegengesetzte (antipathische) Mittel, in der Nachwirkung die Krankheit verstärkte, ja oft noch etwas Schlimmeres damit herbeiführte, sieht die falsche Theorie nicht ein, aber die Erfahrung lehrt es mit Schrecken.

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Entstehen nun diese, vom antıpathischen Gebrauche der Arzneien sehr natürlich zu erwartenden, übeln Folgen, so glaubt der gewöhnliche Arzt sıch dadurch zu helfen daß er, bei jeder erneueten Verschlimmerung, eine verstärktere Ga- be des Mittels reicht, wovon dann ebenfalls nur kurzdau- ernde Beschwichtigung*

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* Alle gewöhnlichen Palliative für die Leiden des Kranken ha- ben (wie man hier sieht) zur Nachwirkung eine Erhöhung der- selben Leiden und die ältern Aerzte mußten daher dıe Gaben verstärkt wiederholen, um eine ähnliche Minderung hervorzu- bringen, die dennoch nie von Dauer war, nie hinreichte, um eine verstärkte Rückkehr des Leidens zu verhindern.

Aber Broussais, während er vor 25 Jahren die unsinnige Miı- scherei mehrer Droguen in den Recepten der Aerzte bestritt und ihr in Frankreich ein Ende machte (was ihm die Menschheit bil- lig verdankt), führte durch sein so genanntes physiologisches System (ohne der schon damals verbreiteten, homöopathischen Heilkunst zu achten) eine, die Leiden der Kranken wirksam mindernde und (was die b