H6

A. SCHMIDT: 2 —B

AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln, in der Küche Talg hackend S.3

SHARON KIVLAND: Madame La Marchandise 5.19

BARBARA SICHTERMANN:

‚Von einem Silbermesser zerteilt -"

Über die Schwierigkeiten für

Frauen, Objekte zu bilden, und über die Folgen dieser Schwierigkeiten für die Liebe (mit einem Nachwort

von CHARLOTTE MOHS) $.33

„We must act and for that we need political solidarity instead. of charity and help“ - outside the box sprach mit INTERNATIONAL WOMEN SPACE BERLIN (IWS) S.4ı

JEANNE NETON, MAYA GONZALEZ: Die Logik des Geschlechter- verhältnisses - Über die Sphären- trennung und den Prozess der Abjektion 5.45

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DE TH —E BOX >

Zeitschrift für Feministische

Gesellschaftskritik www.outside-mag.de

OUTSIDE THE BOX #6

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A. Schmidt

Zum Verhältnis von Welt und Zeitschrift! Von Theorie und Wirklichkeit! Zum Verhältnis unserer Arbeit und unserer Lohnarbeit und all dessen, worum wir uns nicht auch noch kümmern i je! (Wen meinst du jetzt mit „wir“, uns alle? Also ich tu was.) Zum Verhält- nis von Ohnmacht und gleichzeitiger relativer Macht (im Vergleich). Zum Verhältnis von Kapital, Staat und Ge- schlechterverhältnis, again! (Wir kommen nicht umhin, das hier nochmals zu betonen.) Schwule Proletarierinnen aller Länder, vereinigt euch. Zum Verhältnis von Oktober 2015 und Januar 2017, beziehungsweise der Zeit dazwi- schen, beziehungsweise: was bisher geschah.

Unser Thema ist alles, und dementsprechend von allem zu wenig. „Aber das Problem hatten wir immer schon, auch bei den bisherigen Ausgaben. Es kann keine Vollständigkeit geben.“ Das Problem ist also nicht neu. Und vielleicht ist es auch gar kein Problem, sondern eher der notwendige Stand der Dinge. Zudem kriegen wir diesmal Geld für den Druck und haben eine Deadline.

Jetzt noch mal kurz aufzuzählen, was in diesem Jahr global alles passiert ist (Headlines, Horrorgeschichten), ist schon ein bisschen verlockend. Bezug nehmen auf Ereignisse, ohne die Arbeit auf sich zu nehmen, sie zu durchdringen: bloßes Namedropping, Auflistung verschiedenster Schreck- lichkeiten. Wir haben wenigstens dran gedacht. Wir haben wenigstens einmal geweint. Niemandem bringt das was, aber nicht zu weinen wäre auch nicht besser.

Dein Freund A. nennt dich pessimistisch, zynisch. Was macht die feministische Revolu- tionärin ohne Revolution? Wir haben darüber mal ein Ge- spräch geführt, vor Jahren. Dabei kam raus, dass nur die Natur uns noch tröstet. Wo sind wir gelandet? (Und der Schnaps, sagt B. und die Freundschaft und die Tatsache, dass wir uns dem gemeinsam aussetzen. Deine zur Schau getragene „Bringt jaeh nix“-Haltung nervt. Auch eine Art, sich aus der Verantwortung zu ziehen, nicht wahr?)

Eure Zeitschrift ändert doch auch nichts, aber vielleicht mehr als Ladendiebstahl. Beziehungsweise, um ehrlich zu sein, etwas anderes. Ein Gespräch auf der Bank im Park mit C., bei dem es euch tatsächlich gelingt, Aktivismus und Theoriebildung nicht gegeneinander aufzurechnen. Das einzige, was jetzt was bringt, ist praktische Hilfe. Die Leute

Ihr wehrt Euch gegen die Trennung, aber sie besteht auch ohne Euch.

brauchen Namen von verlässlichen Schleusern, die Leute brauchen Geld. Das ist richtig. Das einzige, was man tun kann, ist so schnell wie möglich. hinterherzukommen mit der Durchdringung der Wirklichkeit. Mit der Zerschlagung falscher Formen. Das ist auch richtig. Was wir mit Dialektik meinen (unter anderem). Warum können die wenigsten noch so denken? Alles muss immer gleich in eins fallen. D. hat’s leider nicht mehr geschafft, ihren Artikel zur Kritik am identitären Denken zu schreiben. Nächstes Mal dann, sofern das Geld reicht.

Beim Plenum streitet Ihr über den Begriff der Dringlich-

keit. Ihr seid euch einig darin: Dringlichkeit war der

Anfang dieser Ausgabe. Aber was heißt das jetzt? Dass hier

alles in Artikelform versammelt wurde, was schon immer

mal zu bearbeiten war? Da fällt uns aber eine ganze Menge

ein, was fehlt. Oder doch eher: dass es uns drängt, verste- | hen zu wollen, zu intervenieren, immer einen Tick zu langsam natürlich, aber nun haben wir eine Finanzierung

und ein Jahr Zeit, also lasst uns alles reinnehmen, was N kommt?

Die Erfahrung, der Realität nicht beizukommen. Die Realität, die auf einmal wahnwitzige Linien zieht: Mehrere von Euch, vormals auf Hartz IV, bekommen auf einmal Jobs in der Flüchtlingshilfe. Der Staat nutzt das Elend der einen, um das Elend der andren zu verwalten. Die Tren- nung ist etabliert. Ihr wehrt Euch gegen die Trennung, aber sie besteht auch ohne Euch.

Was genau ist nun diese Ausgabe, Nummer sechs? „Alles, was uns in diesem Jahr über den Weg gelaufen ist.“ „Ein letztes Zucken.“ „Intervention.“ „Was wir immer schon mal sagen wollten.“ „Was uns angeboten wurde.“ „Redaktioneller als sonst, mehr Kollaboration mit Genossinnen.“ „Eine Sammlung unter dem

Titel Kein Thema.“ „Aber die Sachen sind ja sehr wohl Thema, lang schon gewesen, das war’s ja auch, was wir wollten: Liegengebliebenes bearbeiten.“ „Und historisch. Die Kontinuität und die Unabgegoltenheit feministischer Kämpfe. Dass sich alles wiederholt.“ „Dass sich nichts gebessert hat.“ „Nein: dass Freiheit nicht einfach da ist und bleibt.“ People talk about liberation as if it's some kind of permanent state, as if you get liberated and that's it, you get some rights and that’s it, you get some acknowledgment and that’s it, happy now?

A. SCHMIDT: #6

Etwas ist ins Wanken geraten. Wir hören nicht mehr Radio. Wir können das. Ist das nicht Wahnsinn? Dass wir das können? Es hat schon vorher gewankt, sagt deine Freundin E. Du hast nur nicht hingeschaut. Du hast zu wenig recherchiert. Es hat dich halt nicht direkt betroffen. An welchem Punkt wird uns klar, dass es uns betrifft, schon immer betroffen hat? An welcher Stelle versuchen wir eine Schneise zu schlagen,

einen Anker zu werfen, eine Hand zu greifen

zu Kriegen inmitten all derer, die ihre Kämpfe n Muss auch ohne uns kämpfen werden, ganz einfach, weil sie es müssen?

Die Sachen werden so gern als Einzelphänomene behandelt: Rassismus hier, Religion dort, Geschlecht nur so lang’s niemandem weh tut. Und Klasse, Produk- tionsverhältnisse? Eher gar nicht. Als ließe sich die Welt so zerstückelt begreifen. Als wären nicht schon die Stücke falsch: weil sie als eben solche ihre Geschichte vergessen machen und ihre Abhängigkeit zum Ganzen. „Der Trick ist, die Einzelteile nachher wieder zusam- menzusetzen.“ „Nee, der Trick ist, das Ganze gar nicht erst in Einzelteile zu zerlegen.“ „Blödsinn, der Trick ist, das Einzelne und das Ganze als miteinander vermittelt zu denken.“ „Muss man dafür studiert haben?“ „Traust du den Leuten nichts zu?“

Die Hälfte der Redaktion bricht weg wegen Jobcenter- stress und Lohnarbeit. Die einen bekommen, um zu promovieren oder Kunst zu machen, ein Stipendium. Die andren nicht. Über unsre Inhalte sagt das nichts. Über die Notwendigkeit, die uns antreibt, über das, was wir dann doch als „Dringlichkeit“ zu bezeichnen uns einigen können. Über die Ohnmacht, die sich unter- scheidet und die dennoch, nüchtern betrachtet, ein gemeinsamer Nenner ist.

„Willst du wirklich so enden? Stimmt, du bist zynisch.“ Ja. Entschuldigt bitte, ich komm‘ sonst nicht klar.

Am Ende hängen die Dinge doch zusammen. Wir ziehen die Linien nicht selbst, sie waren von Anfang an da.

.OUTSIDE THE BOX #6

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AK Unbehagen

EIN WURM MIT ADLERFLUGELN, IN DER KUCHE TALG HACKEND

Der folgende Text basiert auf einer Lesung, die im Mai 2016 im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe ‚HELLO, IS IT ME YOU'RE LOOKING FOR? - Zur Frage nach der Bestimmbarkeit weiblicher Subjektivität' in Leipzig stattgefunden hat. Uns interessierte, wie weibliche Subjektivität in Literatur verhandelt wird, wie sie dort aussehen und was sie dort ausmachen könnte. Vor allem beschäftigt haben wir uns schließlich mit Ingeborg Bachmanns Roman ‚Malina‘ aus dem Jahr 1971 und mit Christa Wolfs Roman ‚Medea. Stimmen‘, der 1996 erschienen ist.

In unserer Auseinandersetzung haben wir versucht, die Texte, die Autorinnen als Kunstschaffende und unsere eigenen Bilder und Gedanken miteinander in Bezie- hung zu setzen und sind dabei auf Widersprüche, auf Ähnlichkeiten und Unterschiede gestoßen. Unser Text ist als offener Denkprozess zu verstehen, als Samm-

Ich sagte mir, ich bin Medea, die Zauberin, wenn ihr es denn so wollt. Die Wilde, die Fremde. Ihr werdet mich nicht klein sehen. (Wolf 2008, $. 183)

lung unserer Reflexionen und Überlegungen. nr

Die Figur der Medea entstammt der griechischen Mythologie. Im 5. Jahrhundert vor Christus schreibt der griechische Dichter Euripides seine eigene Version der Geschichte und schafft damit die Grundlage für unzählige Bearbeitungen des Mythos in Literatur, Bildender Kunst oder Musik. Medea gilt seitdem als böse Zauberin, als rasend eifersüchtige Ehefrau und wahnsinnige Mörderin ihrer eigenen Kinder. Für Jason, ihren Ehemann, hat sie ihre Heimat Kolchis verlassen und ihre Familie verraten. In der neuen Stadt Korinth bleibt sie eine Fremde und wird schließlich von ihrem Mann verstoßen. Getrieben vom Wunsch nach Anerkennung und sozialem Aufstieg will Jason die Tochter des korinthischen Königs heiraten. Medeas Rache ist schrecklich - sie tötet den König und seine Tochter, genau wie ihre eigenen Söhne. Jason wird von Medea zugrunde gerichtet.

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In ihrem 1996 erschienenen Roman Medea. Stimmen unterzieht Christa Wolf den Mythos einer Re-Lektüre. Sie sucht nach Spuren anderer Versionen der Geschichte, sie wirft einen anderen Blick auf Medea, versucht die Figur in neuem Licht zu sehen. Was findet man, wenn man die Schichten abträgt, die Jahrtausende alten Zuschreibungen und Erzählungen? E

In ihrem Roman kommen verschiedene „Stimmen“ zu Wort - sie sprechen aus dem Inneren der Figuren. Und doch ist das Buch nicht vordergründig eine Erkundung von Innenwelten, sondern die Beschreibung eines gesellschaftlichen Gefüges. Aus dem Geflecht von Gedanken, Reflektionen und Erinnerungen der Figuren entsteht das Bild einer patriarchalen Gesellschaft, in der die stolze und selbstbewusste Medea ein Fremd- körper ist. In Korinth, wo sie jetzt lebt, sprechen die Männer zuerst, die Frauen tragen ihre Haare zurückgebunden und sind demütig, am Hof des Königs Kreon kämpft man.

AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln...

um Macht und Anerkennung, es gibt keine Solidarität, nur die Notwendigkeit des N eigenen Fortkommens, dazu sind alle Mittel recht. | In Kolchis, Medeas alter Heimat, hatten die Menschen andere Ideale: u

Wir in Kolchis waren beseelt von unseren uralten Legenden, in denen unser Land von

gerechten Königinnen und Königen regiert wurde, bewohnt von Menschen, die in Eintracht miteinander lebten und unter denen der Besitz so gleichmäßig verteilt war, dass keiner den anderen beneidete oder ihm nach seinem Gut oder gar nach dem Leben trachtete. Wenn ich, noch unbelehrt, in der ersten Zeit in Korinth von diesem Traum der Kolcher erzählte, erschien auf

ı dem Gesicht meiner Zuhörer immer derselbe Ausdruck, Unglauben vermischt mit Mitleid, schließ- lich Überdruss und Abneigung, sodass ich es aufgab, zu erklären, dass uns Kolchern dieses Wunschbild so greifbar vor Augen stand, dass wir unser

Leben daran maßen. (Wolf 2008, S. 93)

Medea verlässt Kolchis in dem Moment, in dem die In ihrem Roman kommen verschiedene

Möglichkeit der Erfüllung einer solchen Utopie von Stimm en“ zu Wort - sie spre ch en aus einer besseren Gesellschaft, einer Gesellschaft, in u

der alle miteinander in Frieden und Eintracht leben, dem Inneren der Figuren. Und doch in immer weitere Ferne rückt. Ihrem Vater, dem ist das Buch nicht vordergründig eine König von Kolchis, geht es nicht mehr um das Wohl |

seiner Untertanen, sondern um den Erhalt seiner Erkundung von Innenwe ten, sondern eigenen Macht. die Beschreibung eines gesellschaft-

lichen Gefüges.

Ich bin mit Jason gegangen, weil ich in diesem verlorenen, verdorbenen Kolchis nicht bleiben konnte. Es war eine Flucht. (Wolf 2008, S. 98)

Christa Wolfs Medea verrät ihren Vater nicht aus brennender Liebe zu einem Mann,

sie verlässt ihre Heimat, weil ihre Hoffnungen auf eine gute Gesellschaft zerstört worden sind, sie flieht, weil sie sich ohnmächtig fühlt, die Gesellschaft noch zum Guten hin gestalten zu können. Es sind politische Gründe, die sie die Entscheidung treffen lassen, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und mit Jason nach Korinth zu gehen. Doch eine bessere Gesellschaft findet Medea auch hier nicht. Im Gegenteil - sie muss erkennen, dass die Bedingungen in Korinth noch schlechter sind. Machtkämpfe, Gier und Miss- gunst bestimmen das Zusammenleben.

Medea fällt dort auf. Weil sie sich nicht an die Regeln hält, weil sie sich weigert, sich unterzuordnen und ihre Rolle als unterwürfige Ehefrau zu spielen. Weil sie sich ein- mischt, die gesellschaftlichen Konventionen hinterfragt und stolz ist. Sie verliert die Gunst des Königs und seiner Gefolgsleute, macht sich in Korinth mächtige Feinde. Ihr Ehemann Jason ist gleichzeitig fasziniert und beschämt, fürchtet um seine Stellung am Hof:

Wenn sie nicht so hochmütig wäre. Schließlich war sie, die Flüchtige, angewiesen auf mich. [...] als auch ich fliehen musste, da waren wir alle angewiesen auf die Gnade des Königs Kreon. Das habe ich ihr immer wieder sagen müssen. Und sie? Ich bin nicht von Kolchis weg, um mich hier zu ducken, solche Reden führt sie und bindet ihren wilden Haarbusch nicht ein, wie die Frauen von Korinth es nach der Hochzeit tun [...]. Und läuft durch die Straßen wie ein Unge- witter und schreit, wenn sie zornig ist, und lacht laut, wenn sie froh ist. (Wolf 2008, S. 63f)

Zunächst wird Medea in Korinth noch geduldet, doch schließlich geht sie zu weit. Sie entdeckt das schreckliche Geheimnis, das unter den Mauern der Stadt begraben liegt. Kreon, der König, hat seine älteste Tochter umbringen lassen, weil sie statt seiner zur Königin gemacht werden sollte. Medea weiß zu viel und muss zum Schweigen gebracht werden. Sie soll ihre Stimme verlieren, unglaubwürdig gemacht werden. Als sie sich nicht einschüchtern lässt, wird sie aus der Stadt verbannt. Ihre Söhne werden in Korinth von einem wütenden, aufgehetzten Mob erschlagen.

EB an.

OUTSIDE THE BOX #6

Christa Wolfs Roman ist ein Rehabilitationsversuch. Der Versuch, eine andere Geschich- te zu denken, neue Perspektiven sichtbar zu machen. Das Befragen der Geschichte, das Infragestellen gängiger Erzählungen, soll auch den Blick auf die eigene Gegenwart verändern. Christa Wolf schreibt in einem Essay:

Manchmal hilft es ja, Hunderte von Kilometern weit wegzufahren, oder Hunderte von Jahren zurückzugehen, in eine Vergangenheit, die wir nur durch Sagen und Mythen kennen, um zu sehen, was man da findet - ohne sich darüber zu täuschen, dass man sein Reisegepäck immer bei sich haben, nie loswerden wird. (Wolf 2013, S. 180)

Der Blick in die Geschichte, ihr kritisches Hinter-

fragen, soll zeigen, dass das, was heute ist, nicht

zwangsläufig so sein muss, dass es andere Möglichkei- Das Befragen der Geschichte, das

ten gab, dass es anders werden kann. Dabei, sagt Inf Be nfragestellen gängiger Erzählungen

Christa Wolf, ist der eigene Blick auf die Geschichte nie I 9 2 919 . , gen,

un-voreingenommen, immer selektiv. soll auch den Blick auf die eigene

Gegenwart verändern. a °

In Ingeborg Bachmanns Roman Malina gibt es - im Unterschied zu Christa Wolfs Medea-Erzählung - keine klar erkennbare, chronologische Handlung, er wird nur im „Heute” erzählt. Im Mittelpunkt steht ein namenloses, weibliches Ich, im ständigen Kampf mit ihren Ängsten, Affekten und Sehnsüchten. Dazu kommen zwei männliche Figuren. Ivan, mit dem das Ich eine Liebesbeziehung führt und Malina, mit dem das Ich zusammen wohnt. Malina und das Ich können als eine Doppelfigur gelesen werden, als zwei Anteile der gleichen Person. Erzählt wird aus der Innenperspektive des Ichs.

Zu fragen habe ich mich nur mehr, seit alles so geworden ist zwischen uns, wie es eben ist, was wir denn sein können für einander, Malina und ich, da wir einander so unähnlich sind, so verschieden, und das ist nicht eine Frage des Geschlechts, der Art, der Festigkeit seiner Existenz und der Unfestigkeit der meinen. (Bachmann 2012, S. 19)

Der Roman ist in drei Teile gegliedert.

Im ersten Kapitel - Glücklich mit Ivan - erzählt das Ich die Liebesbeziehung zu Ivan. Er wohnt, wie sie, in der Ungargasse in Wien. Es dreht sich alles nur um Ivan. Er wird zur Projektionsfläche für all ihre Sehnsüchte.

Wenn ich nun, aus irgendeinem Grund, vor zwei Jahren nicht in die Ungargasse gezogen wäre [...], dann würde es mit mir noch einen beliebigen Verlauf nehmen, und ich hätte das Wichtigste von der Welt nie erfahren: daß alles, was mir erreichbar ist, das Telefon, Hörer und Schnur, das Brot und die Butter und die Bücklinge, die ich für Montagabend aufhebe, weil Ivan sie am liebsten ißt, oder die Extrawurst, die ich am liebsten esse, daß alles von der Marke Ivan ist, vom Haus Ivan. Auch die Schreibmaschine und der Staubsauger, die früher einen unerträglichen Lärm gemacht haben, müssen von dieser guten mächtigen Firma aufgekauft und besänftigt worden sein, die Türen der Autos fallen nicht mehr mit einem Krach unter meinen Fenster zu und unter die Obhut Ivans muß unversehens sogar die Natur gekommen sein, denn die Vögel singen am Morgen leiser und lassen einen zweiten, kurzen Schlaf zu. (Bachmann 2012, $. 27)

Das Leben des Ichs ist durchtränkt von Ivan, doch für sein Leben ist sie nicht der Mittelpunkt. Im Laufe des ersten Kapitels fängt die Beziehung immer mehr zu bröckeln

AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln...

Im zweiten Kapitel - Der dritte Mann - erzählt das Ich seinem männlichen Gegenüber Malina anhand von Träumen und tranceartigen Zuständen vom Ursprung ihrer Ängste, Affekte und Leiden. Der Ort'ist nicht mehr Wien und die Zeit ist unbestimmt. Als Personifikation des Schreckens steht hier der „Vater“. Diese Vaterfigur wurde auf unter- schiedliche Art und Weise interpretiert. So wurde sie schon als leiblicher Vater des Ichs gelesen, jedoch auch als Repräsentanz des Über-Ichs, als Symbol für die patriarchale Gesellschaft oder als Erinnerung an die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs.

Malina soll alles wissen. Aber ich bestimme: Es sind Träume von heute Nacht. (Bachmann ao1ız, S. 184)

Malina soll nach allem fragen. Ich antworte aber, ungefragt: Der Ort ist diesmal nicht in Wien. Es ist ein Ort der heißt Überall und Nirgends. Die Zeit ist nicht heute. Die Zeit ist überhaupt nicht mehr, denn es könnte gestern gewesen sein, lange her gewesen sein, es kann wieder sein, immerzu sein, es wird einiges nie gewesen sein. Für die Einheit dieser Zeit, in die andere Zeiten einspringen, gibt es kein Maß, und es gibt kein Maß für die Unzeiten, in die, was niemals in der Zeit war, hineinspielt. (Bachmann 2012, $. 184)

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Im dritten Kapitel - Von letzten Dingen - versucht das Ich noch einmal im Dialog mit Malina, der ganz anständig und ganz fest ist in seiner Existenz, ihre Probleme zu überwinden. Doch es wird schnell klar, dass das hoffnungslos ist. So handelt das dritte Kapitel von der unausweichlichen Eskalation ihrer Existenz. Das Ich erkennt, dass eine Beziehung zu Ivan unmöglich ist. Mit spöttischem Tonfall verhöhnt sie die sich ständig wiederholenden Muster in Beziehungen zwischen Männern und Frauen.

Niemand weint dem jüngsten oder schönsten, dem besten Mann oder dem klügsten Mann schon nach wenigen Stunden nach. Aber ein halbes Jahr, mit einem ausgemachten Schwätzer, einem

" notorischen Dummkopf verbracht, mit einem widerwärtigen, von den seltsamsten Gewohnheiten beherrschten Schwächling, das hat schon recht starke Frauen ins Wanken gebracht, in den Selbstmord getrieben, bitte, denk nur an die Erna Zanetti, die wegen dieses Dozenten für Theaterwissenschaft, man bedenke nur, wegen eines Theaterwissenschaftlers! vierzig Schlaftab- letten geschluckt haben soll, und sie wird ja nicht die einzige sein, er hat ihr auch noch das Rauchen abgewöhnt, weil er kein Rauch verträgt. Ob sie vegetarisch essen mußte, weiß ich nicht, aber es werden noch ein paar schlimme Dinge gewesen sein. Anstatt sich zu freuen, daß sie, nachdem dieser Dummkopf sie glücklicherweise verlassen hat, am nächsten Tag wieder zwanzig Zigaretten rauchen kann und essen darf, was sie will, versucht sie, kopflos, sich umzubringen, es fällt ihr nichts besseres ein, weil sie ein paar Monate immerzu an ihn gedacht und unter ihm gelitten hat, auch unter dem Entzug des Nikotins natürlich und an diesen Salatblättern und Karotten. (Bachmann 2012, $.287)

Malina hat immer weniger Verständnis für das, was das weibliche Ich ihm in vielen Worten zu erklären versucht. Sie ahnt, dass sie nicht mehr neben Malina bestehen kann.

Ich: Seit wann haben wir einen Sprung in der Wand?

Malin: Ich erinnere mich nicht, es muss ihn schon lange geben. |...) Ich: Wer von uns beiden wird summa cum laude bestehen?

Ich, - das ist ein Irrtum für mich gewesen.

Ist es vielleicht ein Gegenstand?

Malina: Nein Ich: Es ist aber doch hier und heute? Malina: Ja

Ich: Hat es eine Geschichte? Malina: Nicht mehr. Ich: Kannst du es berühren?

Malina: Niemals Ich: Aber du mußt mich behalten!

OUTSIDE THE BOX #6

Malina: Muß ich? Wie willst du denn genommen werden? (Bachmann 2012, S. 348ff)

Der Tod des weiblichen Ichs ist unausweichlich und wird durch ein Verschwinden in der Wand symbolisiert.

Ich sehe Malina unverwandt an, aber er sieht nicht auf. Ich stehe auf und denke, wenn er nicht sofort etwas sagt, wenn er mich nicht aufhält, ist es Mord, und ich entferne mich, weil ich es nicht mehr sagen kann. Es ist nicht mehr ganz furchtbar, nur unser Auseinandergeraten ist furchtbarer als jedes Aneinandergeraten. (Bachmann 2012, S. 354)

Malina trinkt noch immer seinen Kaffee. Es ist ein „Holla“ zu hören vom anderen Hoffenster herüber. Ich bin an die Wand gegangen, ich gehe in die Wand, ich halte den Atem an. Ich hätte noch auf einen Zettel schreiben müssen: Es war nicht Malina. Aber die Wand tut sich auf, ich bin in der Wand und für Malina kann nur der Riß zu sehen sein, den wir schon lange gesehen haben. Er wird denken, daß ich aus dem Zimmer gegangen bin. (Bachmann 2012, S. 354)

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Das erste, was einem Subjekt zugestanden wird, ist für sich zu sprechen.

Ingeborg Bachmann sieht das für eine weibliche Hauptfigur nicht ohne

weiteres gegeben und entwickelt eine Doppelfigur - Malina und Ich. Der Tod des weibl ichen Malina ist die Instanz für das Ich, um überhaupt sprechen zu können. Das Ichs ist unausweichlich. weibliche Ich verleiht dem eine Stimme, was die Vernunft verleugnen

muss.

1971 sagt Bachmann in einem Interview:

Für mich ist das eine der ältesten, wenn auch fast verschütteten Erinnerungen: [..] Daß ich immerzu nach dieser Hauptperson gesucht habe. Daß ich wußte: sie wird männlich sein. Daß ich nur von einer männlichen Person aus erzählen kann. Aber ich habe mich oft gefragt: warum eigentlich? Ich habe es nicht verstanden, auch in den Erzählungen nicht, warum ich so oft das männliche Ich nehmen mußte. Es war nun für mich wie das Finden meiner Person, nämlich dieses weibliche Ich nicht zu verleugnen und trotzdem das Gewicht auf das männli- che Ich zu legen (...). (Bachmann im Interview mit Toni Kienlechner, Archiv der „ZEIT“)

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Malina, die Titelfigur des Romans, ist nicht, wie üblich Anfangspunkt des Romans, sondern der Endpunkt. Nachdem das Ich über dreihundert Seiten mit ihrem Leiden und Überleben kämpft, überlässt sie in der Schlussszene den Platz Malina. Die Literatur- und Kulturwissen- schaftlerin Sigrid Weigel beschreibt in ihrem Buch Ingeborg Bachmann: Hinterlassenschaf- ten unter Wahrung'des Briefgeheimnisses sehr treffend, wie das Ich im Verhältnis zu Malina steht: Das Ich ist das Andere von Malina, [...] es wird gewesen sein, wenn er erzählen wird. (Weigel 2003, S. 530)

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Die weibliche Figur, das namenlose Ich, ist krisenhaft und verzweifelt. Malina hilft ihr immer wieder, ihre wirren Gedanken zu ordnen. Die beiden stehen im stetigen Dialog und erst im Verlauf wird deutlich, dass es sich um eine Doppelfigur handelt. Es handelt sich also vielmehr um eine Romanfigur, die im inneren Zwiegespräch steht, wobei ihre wider-

‚, sprüchlichen Positionen, Ausdrucksweisen und Gefühlswelten in männliche und weibliche Anteile organisiert sind.

Zu fragen habe ich mich nur mehr, seit alles so geworden ist zwischen uns, wie es eben ist, was wir denn sein können für einander, Malina und ich, da wir einander so unähnlich sind, so verschie-

den [...]. (Bachmann 2012, S. 19)

Malina und Ich, ein Gegensatzpaar:

AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln...

Das Ich ist voller Bewunderung, Malina hingegen ist nie verwundert oder erstaunt. Er ist die Stimme der Vernunft, steht ganz für sich - abgegrenzt, autonom, souverän - in jedem Moment des Überlebens. Malina ist in Sorge um das Ich. Das Ich dagegen ist völlig affektiv und ent- grenzt, sie wird beherrscht von Leidenschaft, Ängsten und Vergangenem.

[Malina hat] nie ein so konvulsivisches Leben geführt wie ich, nie hat er Zeit verschwendet mit Nichtigkeiten, herumtelefoniert, etwas auf sich zukommen lassen, nie ist er in etwas hineingeraten, noch weniger eine halbe Stunde vor dem Spiegel gestanden, um sich anzustarren, um danach irgendwohin zu hetzen, immer zu spät, Entschuldigung stotternd, über die Frage oder um eine Antwort verlegen. (Bachmann 2012, $.19)

Das weibliche Ich tritt also einerseits ins Verhältnis zu Malina, ihrem männlichen Gegenüber, der für sie jedoch sexuell indifferent ist. Andererseits zu Ivan, den das Ich begehrt. Der gekommen ist... um die Konsonanten wieder fest und faßlich zu machen, um die Vokale wieder zu öffnen, damit sie voll tönen, um [...] die Worte wieder über die Lippen kommen zu lassen. (Bachmann 2012, S. 29)

Alles was das Ich im ersten Kapitel sieht, tut, denkt und wahrnimmt bezieht sie auf Ivan. Er ist das Schlüsselwort für Liebe und Sehnsucht. Er ist das Glücksversprechen, der für das Ich einer Hoffnung auf Erlösung und Auferstehung gleichkommt, um die ersten zerstörten Zusam- menhänge wiederherzustellen und die Probleme zu erlösen, [...] da wir die Auferstehung‘ wollen und nicht die Zerstörung. (Bachmann 2012, S. 29 f)

Doch in diese Illusion der Liebe brechen immer wieder banale Satzgruppen, die ausgetauscht werden bei Begegnungen und am Telefon.

Um sich an Ivan wenden zu können und vor allem, dass er sich an sie wenden kann, besitzt das Ich ein Telefon. Das Telefon ist nicht nur die Brücke zum einzigen Außen, was zählt - Ivan -, sondern auch sakraler Gegenstand, das Schrillen ruft zur Anbetung.

Nur Ivan weiß das nicht, er ruft an oder er ruft nicht an, er ruft doch an. (Bachmann 2012, S. 40)

Das Ich stammelt in den Hörer, sobald Ivan an dem anderen Ende der Leitung zu vernehmen ist - Gespräche werden keine geführt, eher oberflächliche, inhaltsarme Wortfetzen ausge- tauscht. Ivan unterbricht das Ich.

Wie nett, daß du mich - - Nett, warum nett? - Einfach so. Es ist nett von dir. (Bachmann 2012, S. 41)

Ein “Einfach so” nimmt Ivan eigentlich nicht hin - er fragt und ergründet. Das Ich geht ganz aufin dem Wunsch, angerufen und im besten Falle - worauf natürlich nur zu hoffen bleibt - besucht zu werden.

Das Telefon klingelt:

Mein Mekka und mein Jerusalem! Und so auserwählt bin ich vor allen Telefonabonnenten und so werde ich gewählt, mein 72 31 44, denn Ivan weiß mich schon auswendig auf jeder Wählscheibe zu finden. (Bachmann 2012, S. 41)

Mit einer zynischen Leichtigkeit wird das unterwürfige Verhältnis des Ichs unter das Telefon - und Ivan - beschrieben. Es ist grotesk witzig. Die Situation: Eine Frau kauert auf dem Boden, nur um die Telefonschnur im richtigen Winkel zu halten. Die Telefonate mit Ivan nehmen eine zentrale Stellung in der Charakterisierung des Ichs ein. Sie sind die Leitplanke, die das Ich durch ihren Alltag führt. Sie schleicht in der Wohnung herum, um darauf zu warten, dass ER endlich anruft. Die Wortfetzen bestimmen, wie der restliche Zeitvertreib aussehen wird.

OUTSIDE THE BOX #6

Ivan hat also keine Zeit, und der Hörer fühlt sich eiskalt an, nicht aus Plastik, aus Metall, und rutscht hinauf zu meiner Schläfe, denn ich höre, wie er einhängt, und ich wollte dieses Geräusch wäre ein Schuß, kurz, schnell, damit es zu Ende sei, ich möchte nicht, daß Ivan heute so ist und daß es immer so ist, ich möchte ein Ende. Ich hänge auf, bleibe auf dem Boden knien, dann schleppe ich mich zu dem Schaukelstuhl und nehme ein Buch vom Tisch RAUMFAHRT - WOHIN? Ich lese fieberhaft, was für ein Unsinn, er hat ja angerufen, er hat es auch anders gewollt, und ich muß mich gewöhnen, daß er es nicht dazusagt, wie ich nichts weiter sage. (Bachmann 2012, S. 42)

Dass Ivan nicht weint und fleht und um Zeit bettelt, ist die eigentliche Tragödie, die das Ich ereilt. Würde es so scheinen, als wäre es genauso schmerzhaft für ihn,wie für sie, wäre der Tag gerettet, denn geteiltes Leid ist halbes. Das Warten auf, das Kauern vor und die Leere nach dem Telefon scheinen eine zur Wiederholung verdammte Tradition zu sein.

Würde Ivan aber immer „Ja“ sagen, würde er zerfließen in Sehnsucht nach ihr, hätte er keinen Sinn mehr. Denn er ist ganz fest, und nur so kann das Ich sich festhalten und begehren. |

Die Liebesverhältnisse, die Bachmann in den Telefonszenen zutage treten lässt, muten an wie eine literarische Übersetzung dessen, was Simone de Beauvoir 1949 in Das andere Geschlecht beschrieb:

Männer mögen in bestimmten Zeiten ihrer Existenz leidenschaftliche Liebhaber gewesen sein, doch gibt es keinen einzigen, den man als „großen Liebenden“ definieren könnte. Auch in den heftigsten Aufwallungen ihres Lebens, danken sie nie vollständig ab. [...] Sie bleiben als souveräne Subjekte im Zentrum ihres Lebens. Die geliebte Frau ist nur ein Wert unter anderen. [...] Für die Frau dagegen ist die Liebe eine totale Selbstaufgabe zugunsten eines Herrn. (Beauvoir 2009, S. 800)

Das Telefon, genau dieses Telefon durch das das Ich mit Ivan sprechen kann, schreibt später, im dritten Teil des Buches, ihr Nicht-(mehr)-Vorhandensein fest. Durch dieses Telefon sagt Malina Nein, gibt es nicht. Hier ist keine Frau - den Satz, der das Verschwinden, den „Mord“ zementiert.

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_ Die Beziehung zu Ivan verändert sich im Lauf der Seiten, er ruft seltener an, sie sehen sich nur noch sporadisch, er spielt eine kleinere Rolle in ihren Gedanken. Und doch ist die Gewissheit, dass sie für Ivan ersetzbar ist, unerträglich.

Nun weiß ich es doch, dass es der Tisch ist, an dem Ivan mit jemand anderen sitzen wird. [...] Es ist der Tisch an dem ich heute meine Henkersmahlzeit esse. (Bachmann 2012, 5.318)

Zum Ende hin versucht das Ich noch einmal, Kontakt zu einem Außen herzustellen, einem Außen, welches nicht das „Innen“ von Malina bedeutet und auch nicht das gerechte Urteil Ivans. Früher hatte sie Korrespondenzen vehement vermieden, sich mit Händen dagegen gesträubt, die sozialen Regeln und Anständigkeiten einhalten zu müssen. Nun versucht sie es doch noch einmal: |

Sehr geehrter Herr Richter Lieber Herr Doktor Richter

Sehr geehrter und lieber Doktor Richter

Ich habe ja immerzu in größter Unordnung gelebt Ich schreibe Ihnen in höchster Angst, ich möchte noch einige Dinge in Ordnung bringen

Können Sie mir, Sie, ein Jurist von so großen Kenntnissen im Recht, verraten,

AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln...

wie man ein gültiges Testament macht? (Bachmann 2012, S. 345 -347)

Sie versucht, eine Hinterlassenschaft anzulegen, ein Vermächtnis aus Briefen. Damit etwas bleibt.

Ich suche nach einem besonderen Platz in der Wohnung, nach einem Geheimfach [...].“ [Ich] zwänge sie in einen Spalt in der Lade, ziehe sie aber sofort wieder heraus, vor Furcht, die Briefe könnten schon verschwunden sein. (Bachmann 2012, S. 350 f.)

Vor der Auflösung des Ichs, vor ihrer völligen Entgrenzung, nimmt sie sich noch einmal zusammen, um etwas zu formulieren, um das, was ihr gehört, zu sortieren, um die Möglichkeit eines Kontakts, der in der Zukunft liegt, herzustellen. Die Nach- und Außenwelt gewinnt in einem letzten Aufbäumen an Bedeutung. Das Ich versucht sich erinnerbar zu machen. Sie hat sich durch Briefe in der Zeit verankert - vorausgesetzt, diese könnten gefunden werden. Die Zeit, in der das Ich sich befindet, ist mit „Heute“ betitelt. Eine Vergangenheit ist nur in ihren Erinnerungen und Traumbildern präsent. Ihre Zukunft gibt es nicht, nur die Malinas, denn in ihm stirbt sie.

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Obwohl sie als intellektuelle,

berufstätige und schreibende Frau

Obwohl sie als intellektuelle, berufstätige und schreibende Frau Versuche selbstständiger Handlungsfähigkeit

Versuche selbststä ndiger Hand- unternimmt, zerbricht sie doch. An der Vergangenheit, an

lungsfähigkeit unternimmt, zerbricht

sie doch.

gesellschaftlichen und persönlichen Zurichtungen, die sie nicht mehr ertragen kann. Letztendlich überwiegen destruktive Ausbruchsversuche aus der Krise: Entgren- zung und Möglichkeiten der Selbstaufgabe spiegeln sich in ihrer Beziehung zu Ivan wieder, in ihrem Wahn und am Ende im vollendeten Verschwinden in der Wand, wo sich ein Raum auftut, dem andau- ernden Leiden ein für alle Mal zu entgehen. Die Dichotomie der Romanfigur zerfällt. Es besteht nur noch Malina. Damit ist auch die Krise der Schriftstellerin passe - die Eskala- tion hat zur Folge, dass alles verschwindet, was die Existenz des weiblichen Ich bezeugt.

Er hat meine Brille zerbrochen, er wirft sie in den Papierkorb, es sind meine Augen, er schleudert den blauen Glaswürfel nach, es ist der zweite Stein aus einem Traum, er lässt meine Kaffeeschale verschwinden, er versucht, eine Schallplatte zu zerbrechen, sie bricht aber nicht, sie biegt sich und leistet den größten Widerstand, und dann kracht es doch, er räumt den Tisch ab, er zerreißt ein paar Briefe, er wirft mein Vermächtnis weg, es fällt alles in den Papierkorb. (Bachmann ao12, $. 355)

Das weibliche Ich ist kaum greifbar, nicht fest, diffus. Verliert sich zunächst in einer unausgewogenen Liebesbeziehung mit Ivan und im weiteren Verlauf mehr und mehrin ‚wirren Gedanken, bis zur Entgrenzung, verliert letztendlich völlig die Fassung und verschwindet in einem Riss der Wohnzimmerwand.

Von der Romanfigur bleibt also nur noch Malina übrig, da der weibliche Anteil für immer in der Wand verloren ist. Ein Drama. Und zur gleichen Zeit ein zynischer Vor-

schlag zur Bewältigung des existentiellen Konflikts?

Sigmund Freud beschrieb 1914 die psychoanalytische Technik in dem Aufsatz Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. (Freud, Gesammelte Werke, Bd. 10, S. 126 - 136)

Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. Diese Elemente lassen sich auch im Roman erkennen. Der Vorgang erinnert an einen psychoanalytischen Prozess.

Die fundamentalen Elemente des therapeutischen Prozesses [innerhalb einer Psychoana- Iyse] sind das wiederbelebte Vergangene, die Übertragung, Gegenübertragung' und die

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OUTSIDE THE BOX #6

Bearbeitung’ des Widerstands. In diesem Prozeß werden verdrängte Erinnerungen, Triebimpulse und Affekte durch genaues Verständnis verborgener Bedeutungen des verbalisierten sowie nonverbalen Materials und von Fehlleistungen im Rahmen der therapeutischen Beziehung’ ins Bewusstsein gebracht. Die der Neurose zugrundeliegen- den Konflikte als Wiederholungen der Vergangenheit und der entwicklungsgeschichtli- chen Defizite im Sinn nicht-gemachter Erfahrungen können in der Übertragung wieder- erlebt, vom Analytiker rekonstruiert und schließlich durch ein neues Verständnis aufgelöst werden. (Stumm/Pritz 2007, S. 548-549)

Die feministische Psychoanalytikerin Jessica Benjamin lehnte ihren Satz „Wo Objekte waren, sollen Subjekte sein“ an Freuds psychoanalytische Theorie an, mit der Aufforde- rung, auch Frauen die Möglichkeit zu geben, einen Subjektstatus zu erlangen. In ihrer Theorie der Intersubjektivität beschreibt sie eine gelungene Entwicklung so, dass die Menschen sich mit ihrer Außenwelt als Subjekte in Beziehung setzen können, ohne als Objekt völlig angeeignet zu werden oder sich das Gegen- über selbst als ein Objekt anzueignen (Benjamin, 1993).

Wie kann weibliche Subjektivität überhaupt gedacht werden, wenn

Subjekte per Begriffsverstä ndnis als Bachmann lässt ihrer weiblichen Romanfigur den Ausweg

vernunftbega bte handlungsfähige zu verschwinden. Sie stirbt nicht, weil sie nie gelebt hat. h Sie verschwindet endgültig, obwohl sie vorher schon kaum

Menschen seit jeher eigentlich nur da war. Der Ausgang des Prozesses ist fragwürdig. Bewälti- männlich gedacht waren? gung oder Aufgeben?

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Ingeborg Bachmann erzählt in erschreckender Manier

eine Geschichte vom Scheitern weiblicher Subjektivität. Schreckliches Vergangenes, Verdrängtes wird erinnert, in Traumsequenzen wiederholt und durchgearbeitet. Die Möglichkeit, jemals eine Stimme zu haben, die gehört wird, wird dem weiblichen Ich jedoch durchgehend versagt.

Aber dann merke ich, daß [...] von Anfang an gar kein Ton in meiner Stimme ist, ich schreie, aber es hört mich ja niemand [...]. (Bachmann 2012, $. 189)

Das weibliche Ich wird niemals als Subjekt anerkannt werden. Lediglich in Malina kann sie bestehen und sich durch dessen pragmatische und nüchterne Art überhaupt gefühls- mäßig über Wasser halten. Der Konflikt, dass immer etwas fehlt, das Gefühl, nicht gehört zu werden, sich ständig nur in Abhängigkeiten mit der männlichen Außenwelt in Beziehung setzen zu können, bedeutet für das Ich die größte Anstrengung und zuletzt den Tod. In Ivan findet sie einen Anker, der ihr das Gefühl von Stabilität und Routine gibt, dem entgrenzten Ich Grenzen aufzeigt. Am Ende hält sie den Grausamkeiten der männlich dominierten Gesellschaft nicht stand, verstrickt sich in traumatischen Erinnerungen und löst sich letztendlich völlig in Malina auf.

Ich habe in Ivan gelebt und ich sterbe in Malina. (Bachmann 2012, S. 354)

Es drängen sich Fragen auf: Wie kann weibliche Subjektivität überhaupt gedacht werden, wenn Subjekte per Begriffsverständnis als vernunftbegabte, handlungsfähige Menschen seit jeher eigentlich nur männlich gedacht waren? Bedeutet Therapie in diesem Verständnis für Frauen Subjektivierung in dem Sinne, dass Irrationalität und Abhängigkeiten abgeschüttelt werden, um sich an die männliche Form von Subjektivität und Handlungsfähigkeit anzunähern?

Aber weiter: Warum findest du Männer nicht so ungemein interessant wie ich? Malina sagt: Vielleicht stelle ich mir alle Männer wie mich selber vor. Ich erwidere: Das ist die verkehrteste Vorstellung, die du dir machen kannst. Eher dürfte sich eine Frau vorstellen, sie sei wie alle anderen, und das aus besseren Gründen. Es hängt nämlich wieder mit den Männern zusammen. [...] Die Männer sind nämlich verschieden voneinander, und

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AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln...

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eigentlich müsste man in jedem einzelnen einen unheilbaren klinischen Fall sehen ... Von den Frauen könnte man höchstens sagen, dass sie mehr oder weniger gezeichnet sind durch die Ansteckungen, die sie sich zuziehen, durch ein Mitleiden an dem Leiden.

(Bachmann 2012, S. 282 f.)

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Christa Wolf und Ingeborg Bachmann entwerfen Charaktere, Stimmungen und Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die beschriebenen Frauen erscheinen fast als gegensätzliche Pole: Medea hat Ideale und Ideen, ist stark und unabhängig -sie kann in den vorgefundenen Gesellschaften nicht leben und muss beide verlassen, doch bleibt sie dabei sie selbst.

Das Ich in Malina füllt ihre Gedanken mit Ivan und handelt mit Malina, sie kann nicht alleine in der Außenwelt bestehen. Auch sie unterliegt dem Zwang, die Welt zu verlassen - doch geht sie in ihr auf, während nichts von ihr bleibt.

Das Ich verschwindet in der Wand, sie tritt hinein, doch geschieht dies fast ohne ihr Zutun:

Aber die Wand tut sich auf, ich bin in der Wand, und für Malina kann nur der Riß zu

‚sehen sein, den wir schon lange gesehen haben. (Bachmann 2012, S. 354)

Ihr Weggehen, ihr Hinaus- oder eigentlich Hineintreten ist kein Schritt von ihr. Das Nichtmehrvorhandensein bestätigen Malina und Ivan, denn sie bleiben. .

Das Telefon läutet wieder. Malina zögert, aber er geht doch wieder hin. Er weiß, es ist Ivan. Malina sagt: Hallo? Und wieder sagt er eine Weile nichts. [...]

Nein, gibt es nicht.

Hier ist keine Frau.

Ich sage doch, hier war nie jemand dieses Namens. Es gibt sonst niemanden hier.

Meine Nummer ist 723144.

Mein Name?

Malina.

(Bachmann 2012, S. 355 f.)

Malina bestätigt Ivan, der im Außen verortet ist, dass es nie ein weibliches Ich gab. Es hat nie existiert und wird nicht mehr hörbar werden:

Es ist eine sehr alte, eine sehr starke Wand, aus der niemand fallen kann, die niemand aufbrechen kann, aus der nie mehr etwas laut werden kann. (Bachmann 2012, $. 356)

Der letzte Satz: Es war Mord.

Die Grenzen des Ichs sind so fluide geworden, dass sie in eine Wand treten konnte, dass es niemand vernommen hat, als sie verschwand. Malina spricht es aus: Es gibt sonst niemanden hier.

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Christa Wolf entwirft Frauen, die feste Grenzen haben, die für sich stehen, die keinen Ivan brauchen und keinen Malina haben. Medea steht für sich selbst, ist nicht auf andere angewiesen, um überhaupt sprechen oder handeln zu können. Sie wehrt sich gegen Zuschreibungen von außen, sie will selbst bestimmen, wer sie ist. Subjekt-Sein heißt hier, die Deutungsmacht über die eigene Identität zu haben, sich selbst zu setzen, statt von außen bestimmt zu werden.

OUTSIDE THE BOX #6

Das Objektmachen: ist es nicht die Hauptquelle der Gewalt? fragt sich Christa Wolf in ihren Notizen. (Wolf 1983, S. 114)

Wo Objekte waren sollen Subjekte sein - Christa Wolf reflektiert über eine Gesellschaft,

in der es zwangsläufig Herrscher und Beherrschte, Subjekte und Objekte gibt, denkt nach über das, was hier trotzdem noch auf Besseres hoffen lässt.

Das Objektmachen: ist es nicht die In der patriarchalen Gesellschaft ist auch die Freiheit der H aupt qu ell e d er G ewalt? & fra gt Herrschenden letztlich nur eine Illusion.

sich Christa Wolf in ihren Notizen. In Medea. Stimmen erinnert sich ein Mann aus dem Gefolge des korinthischen Königs:

Warum, konnte [Medea] fragen, warum gibt es diese zwei Kreons. Der eine steif im Thronsaal, der andere locker bei Tisch, wenn wir unter uns sind. Mir war nie der Gedanke gekommen, dass es anders sein könnte. Damals nämlich speiste König Kreon mit Jason, Medea und mir, da fühlte er sich wohl und ließ sich gehen. [...] Auf ihre ahnungslosen Fragen versuchte ich Medea klarzumachen, dass Kreon als König nicht Kreon ist oder irgendein anderer beliebiger

Mann, überhaupt keine Person, sondern ein Amt, eben der König. Der Arme, sagte sie dann. (Wolf 2008, S. 113)

Medea übt Kritik an der entleerten Rationalität der korinthischen Gesellschaft. Willman ' dort als handlungsmächtiges Subjekt bestehen, will man ernstgenommen werden, herrschen und Macht ausüben, gilt es, das eigene Begehren, die eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Ängste zu verdrängen.

Die beherrschenden Männer sind angehalten, sich in die herrschenden Wahnsysteme zu integrieren, wie Christa Wolf schon 1983 schreibt (Wolf 1983, S. 114). Die Notwendigkeit, die eigenen Gefühle zu unterdrücken, beinhaltet die Möglichkeit, hinter das eigene Menschsein zurückzutreten, grausam zu handeln, unmenschlich zu sein. Und doch können die menschlichen Regungen nie völlig vergessen werden. Sie bleiben Teil des Unbewussten - gesellschaftlich und individuell. In der Vorstellung Christa Wolfs haben Frauen leichter Zugang zu diesen abgespaltenen Sehnsüchten, sie haben als Unterdrück- te leichter Zugang zum gesellschaftlich Unbewussten, zu dem, was in der Öffentlichkeit keinen Platz hat. 1978 schreibt sie:

Das dem herrschenden Selbstverständnis Unbewusste, das Unausgesprochene, Unaus- sprechliche findet sich immer bei den Unterprivilegierten, den Randfiguren, den für unmündig Erklärten und Ausgestoßenen; da, wo Elend und Entwürdigung ein Subjekt, das sprechen könnte, gar nicht aufkommen lassen: bei jenen, die die niedersten und stumpfsinnigssten Arbeiten machen; in den Gefängnissen, Kasernen, in Kinder- Jugend- und Altersheimen, in Irren- und Krankenhäusern. Und eben, lange Zeit: bei den Frauen, die beinahe sprachlos blieben. (Wolf 1988, S.12)

So ist es denn auch kein Wunder, dass Medea, eine Frau, in Christa Wolfs Roman für eine andere Subjektivität, einen neuen Subjekt-Entwurf steht.

Die Frau’ sei zu schlau, fand er, und zu vorlaut. Sie war, wie soll ich das ausdrücken, zu sehr Weib, das färbte auch ihr Denken. Sie fand, aber warum spreche ich von ihr eigent- lich in der Vergangenheitsform, sie glaubt, die Gedanken hätten sich aus den Gefühlen heraus entwickelt und sollten den Zusammenhang mit ihnen nicht verlieren. |...] Krea- türliche Dumpfheit, sagte ich dazu. Schöpferische Quelle sie. (Wolf 2008, S. 115)

Medea verkörpert ein sprechendes, ein handelndes Subjekt, das die Balance zwischen Gefühl und Ratio hält. Sie ist nicht einfach „weiblich“, sondern „menschlich“ - sie empfindet ihre Emotionalität, ihre Empathiefähigkeit nicht als Bedrohung, sondern als Notwendigkeit für rationales Handeln. Ihre Rationalität ist darauf ausgerichtet, „Gutes” zu tun, eine gerechte Gesellschaft für alle zu schaffen.

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| | AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln... i

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Götter! Wie hat sie mich und vor allem sich selbst mit diesem Wörtchen „gut” gequält! | Sie gab sich Mühe, mir zu erklären, was sie in Kolchis angeblich unter „gut“ verstanden hätten. Gut sei gewesen, was die Entfaltung alles Lebendigen befördert habe. (Wolf 2008, S. 114) »

Medea ist klar abgegrenzt, unabhängig, standhaft, mutig. Sie traut sich zu sprechen, für

ihre Ideale einzustehen. In jeder Sekunde weiß sie, was “gut” ist und misst sich selbst

daran. Zwar hat sie Zweifel und Unsicherheiten, doch nur im Bezug darauf, ob sie N | | “richtig” handelt, ob sie wirklich “gerecht” ist. Die Frage nach ihrem eigenen Stand-

| punkt in der Welt stellt sich nicht, die Frage ist nur, ob sie die Möglichkeit hat, diesen

überhaupt einzunehmen, ob sie ihren Platz in der Gesellschaft bekommt - nicht, ob sie

ihn ausfüllen kann.

|| Christa Wolfs Antwort auf diese Frage ist negativ. Die patriarchale Gesellschaft Korinths

hat keinen Platz für sie. Ihr Da-Sein, ihr Handeln stellt eine Bedrohung für die gesell-

N schaftliche Ordnung dar, weswegen sie immer weiter ausgegrenzt wird, die Drohungen

gegen sie immer heftiger werden. Und doch - erst einmal bleibt sie. Obwohl die Gesell- schaft Korinths sie treibt, nicht in Ruhe lässt und

| keinen Platz für sie bereithalten kann. Medea bleibt

| Es wird klar, dass es die richtigen gesell- sie selbst, hält an ihren Hoffnungen und Idealen fest,

|

f f s llen Widrigkeiten zum Trotz. Erst ganz zum schaftlichen Bedingungen braucht, d- gung x Schluss geht sie, um ihre Söhne zu schützen, die

mit Subjekte so sein können wie Christa dann - grausame Ironie - doch getötet werden. In der

Wolf sich ihre Medea träumt. Stadt geht das Gerücht um, Medea hätte sie selbst umgebracht.

Auch Medea ist am Ende gebrochen. Ihr Subjekt-Sein bleibt eine Utopie. Es wird klar, dass es die richtigen gesellschaftlichen Bedingungen braucht, damit Subjekte so sein können, wie Christa Wolf sich ihre Medea träumt.

| Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort. (Wolf 2008, S. 224)

Enttäuschung über das Scheitern einer Utopie, die einmal hätte real werden können?

1929 stieß Virginia Woolf auf die historische Leerstelle weiblichen Schreibens. In ihrem Essay Ein eigenes Zimmer schreibt sie, die Frau sei in der Literatur lediglich durch einen

männlichen Blick repräsentiert. Den Projektionen und Interpretationen von Männern unterliegend, erschien sie ihr als bizarres Geschöpf.

Sie war ein sonderbares Ungeheuer, das man sich vorstellen musste, wenn man'erst die Historiker und dann die Dichter las - ein Wurm mit Adlerflügeln, die Inkarnation des Lebens und der Schönheit, in der Küche Talg hackend. (Woolf 1992, S. 44 f.)

Woolfs Frage war es, wie Frauen unter diesen Umständen weibliche Charaktere schaffen könnten, ohne beim Füllen der Leerstelle die gleichen sonderbaren Ungeheuer zu kreieren.

Sie stand vor einem zentralen Problem: Vor welchem Hintergrund können Frauen schrei- ben, wenn es für sie keinen Maßstab gibt und keine weibliche literarische Tradition oder Geschichte, auf die sie sich beziehen können?

| Es gibt kein Zeichen an der Wand, nach dem man die genaue Größe von Frauen messen

| könnte [...]. Vielleicht war das Erste, was sie feststellte, als sie den Stift auf das Papier

| setzte, dass es keinen gebräuchlichen Satz gab, der sich für ihre Zwecke eignete.

| (Woolf 1992, S. 84 ff)

Der Anfang musste also sein, die bis dahin männlich besetzte Position des Schreibens und Sprechens selbst einzunehmen - als Bedingung dafür, Frauen eine Stimme zu verlei- hen, weibliche Perspektiven überhaupt sichtbar zu machen. Somit plädierte Woolf für

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weibliches Schreiben, um eine Fackel [zu] entzünden in der riesigen Kammer, die bisher niemand betreten hat. (Woolf 1992, S. 83) }

Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Frauen schreiben, haben sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts geändert. Die Autorinnen, deren Werken wir uns gewidmet haben, hatten das, was Virginia Woolf zu ihrer Zeit noch einfordern musste - ein eigenes Zimmer.

Doch was tritt zutage, wenn Autorinnen die von Woolf beschriebene Kammer betreten? Die weiblichen Subjektivitäten, die da beleuchtet werden, sind nach wie vor ein konflik- treicher Gegenstand, der die verschiedensten Interpretationen und Schlüsse nach sich zieht. Es ging uns darum, zu untersuchen, wie die Autorinnen ihre Protagonistinnen beschreiben, danach zu suchen, welche Perspektiven sie auf weibliche Subjektivität eröffnen. Wir haben den Blick auch darauf gerichtet, wie sich die Zurichtung weiblicher Subjektivität nach wie vor in Literatur niederschlägt.

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Die Protagonistinnen von Bachmann und Wolf können zeigen, wie unterschiedlich diese Entwürfe ausfallen. |

Bachmanns Ich kann nicht für sich stehen, sondern nur vermittelt und in Abhängigkeit von männlichen Instanzen. Dabei fungiert Ivan als Verbindung zum Außen und Malina als Vermittlung zu ihrem Innen, als ihr männliches Gegenüber, der jede Situation objektiviert und alles, was an ihr wirr und subjektiv ist, wieder zurechtrückt (Bach- mann, S. 1991 S. 74). Schließlich verschwindet das Ich, das Weibliche löst sich auf, nur Malina, das Männliche, bleibt bestehen. Die Geschichte des Ichs bei Bachmann ist eine Geschichte des Scheiterns weiblicher Subjektwerdung- ein Negativentwurf.

Das Untergehen des weiblichen Ichs geschieht jedoch nicht erst mit dem Verschwinden in der Wand, dem Mord, sondern stellt sich als ein andauernder Prozess dar. Bachmann selbst beschreibt die Zerstörung des Ichs als ein Schon-Beinahe-Vernichtetsein durch. eine Vorgeschichte. (Bachmann, 1991 S. 89) Malina, dieser männliche und ihr überlegene Doppelgänger, also dieses denkende Ich, hilft ihr am Ende, den Tod zu finden, weil sie nicht mehr weiter kann. (Bachmann 1991, S. 102). Er begleitet sie somit lediglich dabei, den letzten Schritt zu tun und hält ihr vor Augen, dass sie bereits zerstört wurde.

Das gesamte Buch ist eine Innensicht. Die Gesellschaft wird nie direkt beschrieben und spielt nur vermittelt eine Rolle - das Äußere kann nur über die Zustände und Zurich- tungen des Ichs vermutet werden.

Eine Aussage von Ingeborg Bachmann in einem Interview, in dem sie über ihren Roman Malina spricht, klingt, als wolle sie sich keine gesellschaftskritische Absicht unterstellen lassen:

Für mich stellt sich nicht die Frage nach der Rolle der Frau, sondern nach dem Phäno- men der Liebe - wie geliebt wird. [...] Vielleicht ist das sehr merkwürdig für Sie, wenn ausgerechnet eine Frau, die immer ihr Geld verdient hat, sich ihr Studium verdient hat, immer gearbeitet hat, immer allein gelebt hat, wenn sie sagt, dass sie von der ganzen Emanzipation nichts hält. Die pseudomoderne Frau mit ihrer quälenden Tüchtigkeit und Energie ist für mich höchst seltsam und unverständlich gewesen. (Bachmann 1991, S. 109)

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Christa Wolf verfolgt einen klar politischen Anspruch: Sie entwirft in Medea ein Subjekt, das in sich geschlossen und integer ist und deswegen im sozialen Gefüge Korinths nicht aufgehen kann. Auch wenn Medea innerhalb dieser patriarchalen Verhältnisse nicht bestehen kann, so konstruiert Wolf doch ein positives Bild eines weiblichen Subjekts und verweist damit auf eine Utopie. Zwar wird Medea zuletzt verbannt, als Individuum bleibt sie sich jedoch treu - sie kann nur aufgrund der äußeren Umstände nicht bestehen.

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AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln...

Indem sie dieses Bild zeichnet, übt Wolf eine eindeutige Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und macht diese für den Ausschluss und das Scheitern ihrer Protagonistin verantwortlich.

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Wir haben nach möglichen Perspektiven auf weibliche Subjektivität gesucht und unsin diesem Prozess gefragt, was wir mit dem, auf das wir da stoßen, anfangen können.

In Wolfs Utopie scheint das Subjekt-Sein möglich. Die Verwirklichung des Subjekts - in der Vereinigung von Gefühl und Ratio, gesetzt den Fall, die Gesellschaft macht mit. Medea

vereint Weiches und Hartes, Emotionalität und Rationalität, Natur und Kultur - genau hier wird Wolfs klare Trennung von Individuum und Gesellschaft aber zum Problem. Das ai Gewordensein in und die Abhängigkeit von gesellschaftlichen Strukturen klammert

Christa Wolf in ihrer Medea-Konzeption aus. Individuen und die Vorstellung von Subjekt- haftigkeit sind aber an die gesellschaftliche Realität gekoppelt und können nicht unabhän-

gig von dieser gedacht werden.

Außerdem verbleibt Wolf in ihrem Traum von Subjekthaftig- keit in Kategorien verhaftet, die als spezifisch moderne verstanden werden müssen. Die polaren Kategorien Natur Wo Theorie notwendigerweise

- Aa Emotion - Ratio; Schaffen und Erschaffen-Werden abstrahi eren muss, kan n Literatur sind als solche erst mit der Herausbildung der modernen

Geschlechtscharaktere entstanden und waren schon immer konkret werden. komplementär aufeinander bezogen. Christa Wolf versucht

ein utopisches Subjekt zu erschaffen, der „Ausweg”, den sie

mit Medea aufzeigt, ist aber nur die Wiederholung der modernen Kategorien - vereint in einer Figur, die alles kann und ist. Sie ist das hoffnungsvolle Bild eines in sich geschlosse- nen, unabhängigen und unerschütterlichen weiblichen Charakters.

Bei Bachmann werden Brüche oder Unmöglichkeiten einer weiblichen Subjektwerdung aus einer radikalen Innenperspektive des Ichs drastisch sichtbar. Das Verschwinden des Ichs in Malina, ihr Aufgehen im männlichen Subjekt, erscheint beinahe als eine Art Erlösung von einem nicht zu bewältigendem Ringen.

Das Ich kann nicht mehr um Gehör kämpfen wollen. Bereits durch Vorgegangenes und gesellschaftliche Bedingungen zugerichtet, erkennt sie die Unmöglichkeit an, mit ihrem ziellosen Zeitvertreib irgendeine Lücke füllen zu können. Stattdessen verschwindet sie in einer Lücke. Gerade dieser Aspekt der Anerkennung der Ohnmacht, der Sinnlosigkeit, macht den Roman in der Postmoderne so reizvoll. Die Erleichterung besteht darin, dass es keinen Appell gibt, kein Vorbild, kein „Du musst”, stattdessen ist es erlaubt, mit dem Ich zu leiden und die Ausweglosigkeit nachzufühlen. Gleichzeitig wird auf diese Weise auch eine absolute Handlungsunfähigkeit und Perspektivlosigkeit zementiert.

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Zwischen beiden Perspektiven auf weibliche Subjektivität besteht ein Spannungsverhält- nis. Eine Spannung zwischen der vollkommenen Auflösung weiblicher Subjektivität, ihrer absoluten gesellschaftlichen Unmöglichkeit, und der Schaffung eines ganzheitlichen, mit sich selbst versöhnten weiblichen Subjekts.

Vielleicht ist dieses Spannungsverhältnis zwischen völliger Auflösung und vollkommener Festigkeit ein grundlegendes Dilemma bei dem Versuch, weibliche Subjektivität zu beschreiben.

Und gerade hier liegt das Potenzial von Literatur. In ihr kann dieses Spannungsverhältnis sichtbar werden. Wo Theorie notwendigerweise abstrahieren muss, kann sie konkret werden. Am Beispiel nachvollziehen, Ambivalenzen und Widersprüche gelten lassen, Innenwelten sichtbar machen.

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LITERATUR Bachmann, Ingeborg (2012) [1971]: Malina. Frankfurt a. M. Suhrkamp Verlag

Bachmann, Ingeborg (1991): Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. Hrsg. von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum. München. Piper Verlag

Bachmann, Ingeborg (1971), im Gespräch mit Toni Kienlechner, in: DIE ZEIT 15/1971 http://www.zeit.de/1971/15/ich-schreibe-keine-programm-musik (abgerufen am 22.10.2016)

de Beauvoir, Simone (2009) [1949]: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Hamburg. Rowohlt Verlag GmbH

Benjemin, Jessica (1993): „Gleiche Subjekte und doch Liebesobjekte: Identifikatorische Liebe und die Herausbildung geschlechtlicher Identität.“ In: Jessica Benjamin, Phantasie und Geschlecht. Studien über Idealisierung, Anerkennung und Differenz. Frankfurt am Main. Stroemfeld/Nexus, S. 13-38

Freud, Sigmund (1999) [1914]: „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten.“ In: Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. 10, Frankfurt am Main. Fischer Taschenbuch Verlag, S. 126-36.

Stumm, Gerhard / Pritz, Alfred (Hrsg.) (2007): Wörterbuch der Psychotherapie. Wien. Springer Verlag

Weigel, Sigrid (2003) [1999]: Ingeborg Bachmann. Hinterlassenschaften unter Wahrung

des Briefgeheimnisses. München. Deutscher Taschenbuch Verlag

Wolf, Christa (1983): Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Frankfurter Poetik- Vorlesungen. Darmstadt. Luchterhand Literaturverlag

Wolf, Christa (1988) [1980]: „Berührung. Ein Vorwort.“ In: Maxie Wander, Guten Morgen, du Schöne. Frauen in der DDR. Protokolle. Darmstadt. Luchterhand Literaturverlag

Wolf, Christa (2008) [1996]: Medea. Stimmen. Frankfurt a. M. Suhrkamp Verlag Wolf, Christa (2013) [2010]: „Von Kassandra zu Medea. Impulse und Motive für die Arbeit an zwei mythologischen Gestalten.“ In: Christa Wolf, Medea. Stimmen. Frankfurt a. M.

Suhrkamp Verlag

Woolf, Virginia (1992) [1929]: Ein eigenes Zimmer. Drei Guineen. Leipzig. Reclam Verlag

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Sharon Kivland „Madame La Marchandise"

DEPARTEMENT DE L’AUBE

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Barbara Sichtermann

„VON EINEM

Über die Schwierigkeiten für

Aus: Barbara Sichtermann: Weiblichkeit. Zur Politik des Privaten. © Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1983

Einer der ersten Frauen-Songs aus den frühen Siebzigern schloß mit dem martialischen Refrain: „Frauen, zerreißt eure Ketten / Schluß mit Objekt-Sein in Betten / Frauen gemeinsam sind stark.“ Der letzte Vers war eine ältere Losung, die, wenn ich mich recht erinnere, schon 1969 auf einer Berliner Demonstration skandiert wurde: Zum 1. Mai, als das Wort Feminismus noch selten vorkam, der Anlaß mit Frauenproblemen nicht spezifisch zu tun hatte, ein Frauenblock dennoch ‚für sich‘ schon loszog. Das, was zwei Jahre später als Neue Frauen- bewegung ‚massenhaft‘ hervortrat, hatte seine vielfältig vereinzelten, aber prägnanten Vorgeschichten.

Der Text jenes frühen Protestsongs spiegelte ganz gut die Inhalte der feministischen Empörung: es ging um das Ende des Objektstatus. Nicht bloß im Bett, auch die Ökonomie kam vor, das Lied war gründlich. „In der Werbung Puppen“ reimte sich auf „Leichtlohngruppen“, das „Objekt-Sein in Betten“ aber stand im Refrain, wurde also wiederholt, mit ihm war vorzüglich Schluß zu machen.

„Beendigung des Objektstatus“, so läßt sich die Frauenrevolte ganz allgemein umschreiben (läßt sich ganz allgemein jede Revolte umschreiben). Die Implikationen sind wichtig. Wer

SILBERMESSER ZERTEILT-"

„We've got to get out of this place“, sagten die Frauen mit Blick auf

die Herzen, die Betten, die Häuser, aber auch die Worte, die Verse, die Schwüre ihrer Männer.

OUTSIDE THE BOX #6

Mit einem Nachwort

von Charlotte Mohs.

Frauen,

Objekte zu bilden, und über die Folgen

dieser Schwierigkeiten für die Liebe

Objekt (von was immer) nicht mehr sein will, entthront ein Subjekt, das ihn oder sie zu etwas gemacht hat und setzt

sich selbst - nein, nicht unbedingt an dessen Stelle, setzt sich selbst als Subjekt: zunächst mal einer Veränderung des Status quo. Wer Objekt nicht mehr sein will, entzieht sich: der Behandlung, Degradierung, Manipulation, Defi- nition etc. eines anderen. Er oder sie bricht aus einem Verhältnis aus, das, sagen wir es vorsichtig, von Zeichen der Unterwerfung, von Malen des Zwangs in irgendeiner Weise behaftet war. Wenn der Ausbruch gelingt,

ist das ehemalige Objekt nun ‚frei‘. - Damit ist noch nicht gesagt, wie es weitergeht. Das Verhältnis kann sich umkehren (wie bei einem Ringkampf, in dem Angreifer und Verteidiger Rollen sind, die - bis zur Entschei- dung - beide Beteiligten alternierend spielen), es kann sich auch einfach nur auflösen. Die Befreite läßt dann ihren Bedränger von einst stehen und entfernt sich. Schluß.

Klar ist, daß sich alle Verhältnisse von Menschen zu Menschen und von Menschen zu Dingen in Termini von Subjekt und Objekt fassen lassen, auch solche, in denen Unterwerfung und Herrschaft höchstens in sehr sublimierter Weise vorkommen. Meine formalisierte Beschreibung von der ‚Beendigung des

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BARBARA SICHTERMANN: „Von einem Silbermesser zerteilt“ ...

Objektstatus‘ hat also ihre schwache Seite, weil sie auf zu vieles paßt. Sie kann aber einen erhellenden Zweck erfüllen, wenn wir ihre Einfachheit zur Formulierung einer Frage ausnutzen, die vielleicht weiterführt. Und wenn wir im Auge behalten, daß das Objektsein, das hier gemeint ist, ein geschichtlich spezifisches war, jenes den Feminismus mit- auslösende Objektsein war „in Betten“, die sich seit 1970 auf Ketten reimten. „We’ve got to get out of this place“, sagten die Frauen mit Blick auf die Herzen, die Betten, die Häuser, aber auch die Worte, die Verse, die Schwüre ihrer Männer. „These places“ waren ihnen zu Käfigen geworden. Sie zogen aus und waren nun ‚frei‘. i

Über die Folgen ist schon manches gesagt worden. Die ent- thronten Subjekte versuchten, ihre Position zu halten,

wo dies mißlang, gaben sie auf und zagten. Die Zeit der Debatten um ‚emanzipationsgeschädigte‘ Männer begann. „Weibliche Utopien - männ- liche Verluste“ hieß eine headline zum Thema. Das alte Subjekt- Objekt-Verhältnis war zerstört (nicht für die Majorität, aber für die femi- nistische Avantgarde und ihren männlichen Anhang), an seine Stelle trat zunächst nichts als Triumph, Klage, Reflexion, als die emotionale oder gedank- liche Bemächtigung der Zerstörung. Aber keine erkennbare neue Konstellation.

Die Frage, die ich jetzt aus der formalisierten Beschreibung der Revolte folgen lassen möchte, lautet: Wie kommen

die Frauen, die ‚befreiten Objekte‘, dazu, selbst Objekte zu bilden? Können sie es? Versuchen sie es? Dürfen sie? Wollen sie? ‚Objekte bilden‘, das ist wieder sehr allgemein gesagt. Aber lassen wir es eine Weile so stehen. Wir haben damit die Chance, uns von den Betten, die sich auf Ketten reimen,

ein wenig noch entfernt zu halten und können uns erst ein- mal darüber verständigen, welchen Radius diese Frage hat. ‚Objekte bilden‘ - das muß nicht gleich ein Bezwingen

sein. Objekte können ja Widerstand bieten. Es heißt zunächst nur: sich selbst in ein aktives Verhältnis zur Welt setzen. Jedes neugierige Kind macht die Welt zum Objekt seiner Erkenntnis, seiner Experimentierlust, aber es ‚bezwingt‘ an ihr nur ihm geneigte, ihm entgegenkommende Partikel. ‚Objekte bilden‘ hieße dann zugreifen, aneignen. Aber auch: Distanz herzustellen, um zu beobachten, zu betrachten und um die Aufmerksamkeit wieder abzuwenden. Es hieße,

ein Ding, einen Menschen oder eine Vielfalt von Dingen und Menschen für sich setzen, isolieren und wissen wollen,

was es mit ihm, mit ihr auf sich hat. Und irgendwann zum nächsten übergehen. Es hieße: den Gegenstand ergreifen, halten, etwas mit ihm machen, ihn loslassen, ihn ansehen, ihn beurteilen. Ein Prozeß, in dem beide, Subjekt und Objekt, sich verändern können.

Frauen sind beim Objekte-Bilden in der sozialen Welt von einer historischen Schwäche behindert. Sie haben es in Jahrhunderten kaum erlernt. Wie sollten sie nun, in unserem Emanzipationszeitalter, quasi aus der Hüfte dazu fähig sein! Das Bilden von Objekten, das Er-, Begreifen von Welt, oder noch allgemeiner: Aktivität als Bemächtigung, das ist nicht bloß etwas schlicht Menschliches, das ist eine Potenz, die Ermutigung braucht und Tra- i dition, Ansporn und Geschichte, 1

Willst du behaupten, daß Frauen nicht begehren können? Ich müßte sagen: Doch, aber... Das weibliche Begeh- ren ist ein gebrochener, zerstückelter, verbogener, entstellter Trieb.

Vorbild und Nachklang. Frauen fehlen diese Stimuli. Sie müssen die erst aus sich erzeugen. Ausnahmen, also Frauen, die gleichsam aus dem Nichts heraus objektivieren konnten, gibt es sicherlich in einer Fülle, die zu rekonstruieren

heute ebenfalls neue Frauensache ist. Für die Mehrheit aber gilt, daß sie sogar die Bedingungen ihrer Emanzipation, also die für jeden eigenen Schritt fundamentale Fähigkeit: das Bilden von Objekten - erst herzustellen haben. Ein wahnsinniges Stück Arbeit.

„Der Feminismus fordert die Frauen auf, sich des Stoffs zu bemächtigen. Er ruft sie auf: Wir müssen uns hermachen über die Geschichte, müssen Philosophie und Naturwissen- schaft überfallen,müssen Logik und Dialektik zwischen

die Zähne nehmen, die Kunst kapern, die der männliche Geist, vampiristisch ernährt aus

dem gefesselten weiblichen Ego, im Verlaufe von Jahrtausenden errichtet hat.“

So ein feministischer Text aus der Zeit des Aufbruchs vor acht Jahren. Er bringt mich auf ein anderes Wort. Aggressivität, das ist es, was Frauen ‚aus dem Nichts‘ lernen, entwickeln, herzeigen müssen - als Gefühl, als Bewegung, als Tat. Die neue Frauen- bewegung hatte es - als Pose und als Ausdrucksqualität, aber auch als polemisches Talent - von Anfang an. Sie hat gleich im Auftakt den richtigen Ton getroffen. Das machte sie so furchterregend - und verschaffte ihr Publizität.

Sicher haben auch Frauen, zu allen Zeiten, ‚ihre‘ Objekte besessen. Die Kinder, die sie trugen, von denen sie gleichwohl besetzt blieben; die Wäsche, die sie wuschen, von der sie zu- gleich umhüllt und umspannt blieben; die Männer, die sie in ihren Herzen bargen, von denen sie gleichwohl abhängig blieben. Auch Umsorgen ist eine Form von Objektivieren, die kann sogar zur Bemächtigung sich festigen und hat das

auch sicher oft getan. Sie hat aber den Nachteil, daß sie das Objekt nie weit genug isoliert, heraustrennt aus seinem Kontext und entfernt hält vom Subjekt, um es (vorübergehend oder für immer) auch aufzugeben. Das Zugreifen und das Loslassen-Können machen erst ein Objekte-Bilden im Sinne einer souveränen Aneignung, die sich auch wieder

hergeben kann und will, aus.

Angesichts der ‚historischen Schwäche‘ von Frauen halte

ich es für eine Perfidie, die besseren Fähigkeiten der Männer zum ‚Isolieren von Objekten‘ als biologischen geschlechts- spezifischen Unterschied zu rubrizieren. Ein Buch, in dem solches Zeug steht, mache ich dergestalt zum Objekt, daß

ich es in die Ecke feuere. Es gibt solche Thesen immer noch, auch unter progressiven Autoren, die der Sache der Eman- zipation dienen, dabei aber ‚realistisch‘ bleiben wollen. Schwach im Bilden von Objekten, das sind wir historisch ge- worden - als Geschlecht. Wir werden es nicht bleiben und damit eine neue Form des Objektivierens, das heißt ja auch: des Herstellens von Verhältnissen und Dingen, in die Welt setzen. Einstweilen schlingert noch vieles in der Konsequenz unserer Schwäche, welche ja erst benennbar, objektivierbar geworden ist als sie selbst, seit wir den Objektstatus aufgege- ben haben. Unsere Schwäche und

aus: Schwarze Protokolle, Heft 124, Berlin 1974, S. 20.

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der Anfang von ihrem Ende: das macht die Situation so schwierig.

Welche Situation? Lassen wir jetzt von der Formalisierung, von der Verallgemeinerung wieder ab, sie hat uns bis hierher geholfen, alles weitere würde sie in Beliebigkeit einebnen. Die Situation, die wir jetzt befragen, ist die der Geschlechter, ihres Verhältnisses. Wir kehren zurück zu den ‚Betten‘.

Vor einigen Jahren, etwa zu der Zeit, in der auch der oben stehende feministische Aufruf zur ‚Bemächtigung‘ von Kunst und Wissenschaft verfaßt wurde, las ich in einer Zeitschrift eine Kritik an jenem frühen Frauensong (oder auch an einem anderen Zusammenhang, in dem die Männer als fühllose Objektivierer im Bett angeklagt'wurden):

„Frauen, die sich im Bett als Objekte fühlen, sind selber schuld. Warum schlafen sie mit Männern, die sie nicht begehren.“

Leider ist mir der Name der Autorin entfallen, ich weiß

nur noch: es war eine Autorin. Offensichtlich ist, daß diese Frau denselben Fehler gemacht hat wie der progressive Biologe, der die Fähigkeit zum Isolieren von Objekten für genetisch ungleich auf die Geschlechter verteilt ausgab.

Sie setzte sich über die ‚historische Schwäche‘, besser: über das Historische an unserer Schwäche (zum Objekte-Bilden) hinweg. Begehren heißt Objektivieren, heißt es sogar

auf radikale Weise. Wie sollen Frauen, belastet von ihrem drückenden, jahrhundertealten Defizit, von heute auf morgen dazu imstande sein?

Die kritische Autorin würde mir jetzt wohl antworten:

Willst du behaupten, daß Frauen nicht begehren können? Ich müßte sagen: Doch, aber... Das weibliche Begehren ist ein gebrochener, zerstückelter, verbogener, entstellter Trieb. Schon während er sein Objekt noch sucht, wird er gehemmt, umgeleitet, zum Schweigen, zur Flucht genötigt. Nicht nur, weil Frauen wie gesagt subjektive Schwierigkeiten haben, Ob- jekte zu bilden, sondern auch, sondern vornehmlich, weil die potentiellen Objekte dem Ergriffen- werden einen zähen Widerstand bieten - bis hin zum schlichtwe- gigen Ignorieren des Versuchs, sie zu ergreifen. Das weibliche Un- vermögen, Objekte zu bilden, ist nicht nur eine geschichtlich be- dingte Verkümmerung, weil Lern- möglichkeiten fehlten, sondern auch eine stets aktuell, stets erneut zugefügte Verstümm- lung, weil sich die Objekte, die da zu erfassen wären, gegen die Isolierung, gegen den Zugriff, die Betrachtung, die Entlassung wehren. Sie tun dies quasi reflexhaft, und ein ganzer Überbau von Normen, Moralen, Gebräuchen und - wenn ich so sagen darf - sozialen Stimmungslagen legitimiert sie darin. Das sind Prozesse, die ablaufen, ohne daß die Betei- ligten wüßten, was sie der (ohnehin reduzierten) Objekti- vierungsfähigkeit der Frauen damit antun.

Wenn richtig ist, was ich hier über die Männer sage, folgt zweierlei: Erstens: die Männer wollen (oder können) sich nicht begehren lassen. Zweitens: die Frauen müssen ihre Fähig- keit, zu begehren, entweder rückbilden oder umlenken. Zum letzten Punkt zuerst: Mir scheint wirklich, daß beides ge- schieht. Das weibliche Begehren ‚traut sich nicht‘, es greift zu

kurz, und wenn es nicht weit vor- und ausgreifen kann, wenn es sich nicht aufbäumen darf, kann es sich nicht diffe- renzieren, kann es sich nicht konzentrieren. Es wächst und wird doch nur am Objekt. Wenn das Objekt sich drückt, wird der Zugriff zag, die Phantasie bleibt kindisch und an Klischees gebunden. Was übrig bleibt, kehrt zum Subjekt zurück und umkreist das eigene Ich. Die sogenannten erotischen Frauen, die viel mit der Liebe im Sinn haben und hinter denen die Männer her sind, haben es oft nur gelernt, ihre libidinösen Energien auf sich selbst zu konzentrieren. Der weibliche Narzißmus in dieser Gestalt ist eine Zurichtung. Zum ersten Punkt: Wollen die Männer sich wirklich nicht begehren lassen? Sie wollen vielleicht schon, aber sie können selten. Hier haben sie jahrhundertelang nicht gelernt. Wenn es um das Verhältnis der Geschlechter selbst geht, kehrt Unterdrückung stets als Selbstunterdrückung wieder, fließt die Rache unmittelbar aus der Dialektik, ohne daß die Unterdrückten die Zähne zu zeigen brauchen. Sich-zum- Objekt-machen-Lassen, das können die Männer auch nicht so aus der Hüfte, hier haben sie ihre historische Schwäche, und damit wird vielleicht endlich deutlich, was das für kom- plizierte, doppelt geschlungene Ketten sind, auf die sich die Betten seit zehn Jahren reimen. Die Frauen, die damals sagten ‚Schluß mit..., schlugen nicht vor, daß jetzt das Objekte-Machen, das Subjekt-Sein für die Frauen ‚in Betten‘ zu folgen habe. Sie versuchten nicht, das Verhältnis umzukehren. Das ist ein wichtiger Punkt. Die Frauen, viele Frauen lösten vielmehr ihr Verhältnis zu Männern ganz auf und wandten sich, sofern das Objekte- Bilden in der Sexualität für sie Thema, Wunsch, Impuls wur- de, anderen Frauen zu. Nur hier, unter gleichen, schien die historische Schwäche als Schwäche, Liebesobjekte zu bilden, schrittweise überwindbar. Verena Stephans Erfolgsroman ‚Häutungen‘, auch vor acht Jahren geschrieben, berichtet aus dieser Zeit. Weibliches Begehren, das sich äußern, ausschwei- fend äußern und damit es selbst erst werden wollte, igno- rierte den Mann mit einer programmatischen Selbstverständ- lichkeit. Als sei er, der als Objekt

Die Bezauberung durch die Liebe lenkt versagt hatte und als Objektivierer den Blick nicht nur ab, sie konzentriert ihn auch (auf den Mann) und ist in dieser Befähigung die entschiedenste Objektivatorin, die sich denken läßt.

zu weit gegangen war, hinfort

als sexuelles Wesen außer Betracht. Ich rede jetzt nicht von einzelnen Frauen oder Paaren. Was weiß ich schon davon. Ich rede von der femi- nistischen (bzw. der sonst interes- sierten und ‚progressiven‘) Diskussi- on, soweit sie öffentlich wurde. Ansätze zu einem Versuch weiblichen Objekte-Bildens gab es in der Sexualität außerhalb des Lesbianismus fast nicht.

Das ist insofern bemerkenswert, als sich in anderen Berei- chen, in Politik, Kunst, Wissenschaft und Publizistik,

ein Nachvollzug, quasi ein ‚Training‘ des Objekte-Bildens stürmisch vollzog. Der 1974er Aufruf aus den ‚Schwarzen Protokollen‘ „Wir müssen uns hermachen...“ konnte

wohl nur deshalb so euphorisch-aggressiv ausfallen, weil der Zugriff der Weiber auf die ihnen bislang verschlossenen Domänen längst vorbereitet, längst unabwendbar war. Stadtbilder machten Frauen mit der Kamera, die unter- schlagene Historie weiblicher Unterdrückung mit der For- schung zum Objekt, Parlamente und Gerichte machten

sie mit Eingaben, die öffentliche Diskussion mit dem Zünd-

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BARBARA SICHTERMANN: „Von einem Silbermesser zerteilt“ ...

stoff ‚Feminismus‘ zum Objekt. Sie beanspruchten für sich die Straße, die Mattscheibe, manche Tribüne. Man mußte ihnen zuhören. Man mußte Gesetze novellieren. Man mußte sie ernst nehmen, mit ihnen rechnen. Überall Zugriff, Aneignung, Umgestaltung. Kleine Triumphe, weltgeschicht- lich betrachtet, aber große Schritte raus aus der historischen Schwäche.

Nur im Bett war es offenbar Tat genug, den Objektstatus abgestreift zu haben, da kam es zu keiner Objektivierung, die den Mann gemeint hätte. Da geschah nichts als ein Bruch.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Sicherlich gab es weiter- hin Liebespaare. Es mag auch sein, daß die jüngere Gene- ration sich schon manches traut, von dem ich nichts ahne, für sie mag ich nicht sprechen. Mir schien, als sei damals (und auch heute noch) lediglich ein ‚Problembewußtsein‘ als eine Dauerstörung, als ein Verhängnis zwischen das Paar ins

Bett mit eingezogen, als gäbe es keine Aussicht auf eine wirk- liche Neuerung des Verhältnisses, keine ‚strategische‘ Lösung. Man verzeihe den kriegerischen Ausdruck. Das Schlimme (wenn es denn schlimm sein soll) ist nicht, daß ich ihn hier gebrauche, sondern daß er hinpaßt.

Auch in der Sexualität, in den ‚emanzipierten Betten‘, gibt

es letztlich keine andere Lösung für die Frauen als das Wagnis des Objekte-Bildens (und damit für die Männer, die hier ausnahmsweise von den Frauen abhängig sind, keine andere Lösung als das Wagnis des Sich-zum-Objekt- machen-Lassens). Die allgemeine Formulierung der Revolte: Schluß mit dem Objektstatus, Ernst-Machen mit dem Selbst-Objekte-Bilden ist wirklich allgemein, das heißt sie dul- det keine Ausnahme. Frauen gemeinsam mögen stark sein in vielerlei Hinsichten, ihre historische Schwäche im Verhältnis zu Männern (im Liebesverhältnis oder: in der Sexualität) können sie miteinander nur sehr begrenzt besiegen. Die Ver- schonung des potentiellen Objekts mit dem Interesse ist,

in der Sexualität, nicht nur eine Kränkung, sondern auch - in versteckter, verschwiegener Form - Anerkenntnis seiner Überlegenheit, seiner Unerreichbarkeit und damit, noch einmal, Unterwerfung.

Die Befreiung der Sexualität war in den sechziger Jahren noch das Eingeständnis, daß es sie gebe und daß sie ihr Recht fordere. Es war wirklich die Sexualität, die zu befreien war, weniger die Geschlechter in ihr. Jetzt sind die Indivi- duen dran. Sofern sie weiblich sind, müssen sie auch hier den Schritt zum Objekte-Bilden vollziehen, sonst lauern gleich hinterm Bettpfosten die alten Rollen. Die Männer, die ja auch an einer historischen Schwäche leiden, haben es etwas leichter: Ihnen ist der Rückfall in die alten Rollen erschwert, weil die Objekte, die zu bilden sie gewohnt sind, ihren Part verweigern. Da es ja viele Männer gibt, die der Frauenbe- wegung dienen möchten und nur nicht wissen wie, hier ein Hinweis: Sie könnten sich ihrerseits mit dem Objekte-Bilden (Isolieren, Zugreifen, Betrachten, Entlassen s. 0.) etwas zurückhalten und damit den Frauen einen möglichen Rück- fall erschweren.

Wer von Sexualität und Befreiung redet, sollte wissen, daß der Atemzug, in dem beide: ‚Sexualität‘ und ‚Befreiung‘ genannt werden können, ein Seufzer ist. Die Sexualität läßt

Wenn ich einem Mann sage, sein Mund sei wie ein Granatapfel, von einem Silbermesser zerteilt, so erwarte ich, daß dieser Mund schweigt.

sich vielleicht wirklich befreien - aber die Individuen in ihr? Sie, die Sexualität, ist ja doch auch eine Fessel, und gerade wenn sie für uns frei ist, sind wir in ihr gefangen. Statt ‚be- freien‘ sollten wir vielleicht lieber sagen: nach unseren eigenen Wünschen in ihr leben.

Die Sexualität hat die Kraft, uns zu ihrem Objekt zu machen (Frauen und Männer), vermittelt über die/den jeweils ande- ren, über die Geliebten. Der Begehrende ist Objekt seiner Begierde und so auch seines Objekts: In dieser Form kennen auch Männer den Objektstatus im Bett. Als (vermittelte) Objekte ihrer eigenen Begierde sind sie aber ‚freier‘ im Sinne des ‚nach eigenen Wünschen in der Sexualität Lebens‘ als die Frauen, die eigenes Begehren nicht entwickeln dürfen und deshalb abhängig bleiben von fremdem Begehren. Da liegt die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Zeichen der Venus.

Ich könnte auch so sagen: das Sich-zum-Objekt-machen-Lassen (die alte Frauenrolle) ist, als ‚freiwilliger‘ Part, schwierig, es setzt Mut voraus, denn es ist an ein Risiko gebunden. Wenn ich selbst handle, selbst wähle (also: ein Objekt bilde), habe ich eine größere Gewißheit, daß das, was geschieht, mir frommt, als wenn ich mit mir tun lasse (Objekt bin). Diese offene Stelle, diese zur Verletzung freigegebene Partie, die Achilles- ferse, das, was wohl Hingabebereitschaft in einem älteren Wörterbuch der Liebe heißt, sie erst macht Lust wirklich. Wird der ganze Leib zur verwundba- ren Ferse (alte Frauenrolle) - dann besiegt die Angst alle Lust, das Objekt wird zum Opfer. Fehlt aber selbst die Ferse, fehlt jede unge- schützte, fremdbestimmbare Zone im Liebesspiel, im Liebesakt (alte Männerrolle), dann besiegt Sicher- heit die Lust, dann kann sie, die Lust, ihre überra- schend-grenzensprengende Potenz nicht mehr ausgießen. Es gibt, mittlerweile, eine umfangreiche Literatur von Frauen über ihre quälende Bettgenossenschaft mit Männern, die zu gut objektivierten. Eigenartig, daß nicht mehr Männer

ihre Enttäuschung über Nächte mit zu passiven Frauen aus- drücken. Was muß das für eine Lust sein, die sich ausschließ- lich aus eigenen Projektionen speist.

Da gibt es aber doch ein männliches Zeugnis wider das Nicht-Objekt-Sein-Dürfen: die vergleichsweise reiche Geschichte der männlichen Homosexualität. In der Literatur leuchtet da ein Versdrama, ein kleines dekadent-verzücktes Opus: die ‚Salome‘ von Oscar Wilde. Hier haben wir eine per- fekte Verkehrung der Rollen: Die Frau ist es, die ihr Objekt mit unbeirrter, ergreifender Emphase bildet, monomanisch wie es sonst nur den Tenören und jugendlichen Helden unterm Fenster der Erwählten ansteht. Und das besungene Objekt - es wehrt sich, mit Schauder. Gewiß, im Stück ist

es seine Mission, seine religiöse Inbrunst, die den Propheten Jochanaan dazu bestimmt, eine Objektivierung durch die lüsterne Prinzessin zurückzuweisen. Wir dürfen das Stück aber ruhig für unsere Belange interpretieren. Sein Autor, homosexuelles enfant terrible im viktorianischen England und im bourgeoisen Paris, wird schon gewußt haben, warum der Stoff ihm gefiel.

Salomes Hymnen auf den Jochanaan zeigen uns alle Ele- mente der Objektivierung in der Liebe: die Isolierung,

die Zergliederung und - als das Entfernthalten. vom Subjekt -

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die Ästhetisierung. Sie kennt, im Augenblick, da sie sich den Propheten in den Kopf oder besser: in die Sinne gesetzt

hat, nur noch ihn, sie isoliert ihn und sich selbst in ihrem Begehren vom Rest der Welt. Und sie zerlegt ihn in Teil- objekte, in einzelne Reize. Sie besingt sein Haar, seinen Leib, seinen Mund. „Dein Mund ist wie ein Granatapfel/von einem Silbermesser zerteilt.“ Wie beantwortet der (zu Höherem, Besserem, Ernsterem berufene) Mann diese Attacke einer ausgreifenden, zupackenden, benennenden, fixierenden Be- gierde? „Zurück, Tochter Sodoms!“ Das sagt der Mann zu

der Frau, die ihn zu ihrem (Liebes-)Objekt bildet. Der Prophet, der übrigens noch einen schwachen Versuch macht, Salomes Seele zu retten, hat seine eigenen religiösen Gründe, das lüsterne Weib abzuweisen; der weltliche Mann von der Straße trägt da ein Erbe. Erst wenn er sich wirklich auch zum Objekt machen läßt mit all den angsterregenden Setzungen, Isolierungen, Distanzierungen, die das impliziert, erst dann wird er wirklich hineingezogen in das ‚Sodom‘ der Sinnen- lust. Bislang kam er drumrum: die historische Schwäche der Frauen hielt Anfechtungen rar. Aber wenn nun die Frauen anfingen, nach Beendigungihres Objektstatus, das Verhältnis, langsam und anteilweise, umzukehren?

Ich will nicht länger darüber nachdenken, was dann aus den Männern würde - ihnen sind meine Überlegungen in zweiter Linie gewidmet. Es geht um uns, um die Frauen. Wir können, objektivierend, nur gewinnen. Also hoffe ich, daß wir es proben, es lernen.

Ich sollte eingestehen, daß mich auch persönliche Gründe

an dieser Hoffnung festhalten lassen. Eine schützende Hand der Göttin Venus hat mich davor bewahrt, mein Begehren ganz zurückzunehmen, und so bin ich - trotz aller Verachtung für seine Prätentionen - doch rettungslos verliebt in das andere Geschlecht, es erscheint mir mit seiner vorweltlichen Behaarung, seinen überständigen Posen, seinen kantigen Konturen, ja selbst seinem ‚emanzipationsgeschädigten‘ Ge- brumme und Gemaule so hinreißend, so begehrenswert. Eine Verblendung? Gewiß, aber eine, die auch neu sehen lehrt. Simone de Beauvoir hat gesagt, die Liebe sei eine Falle, frau solle sich, zum Wohle ihrer Emanzipation, hüten, hineinzugeraten. Wahrscheinlich hat sie jene Bezauberung gemeint, die die Geschlechterliebe beginnen läßt und

die bekanntlich die klare Urteilskraft trübt. Wie einwegig gedacht, wie unähnlich der berühmten Philosophin! Die Bezauberung durch die Liebe lenkt den Blick nicht nur ab (u.U.: von der Emanzipation), sie konzentriert ihn auch

(auf den Mann) und ist in dieser Befähigung die entschie- denste Objektivatorin, die sich denken läßt. Kaum je wieder bilden wir mit einer solchen Gesammeltheit ein Objekt, als wenn wir uns der Bezauberung durch die Liebe überlassen. Es liegt doch in der hymnischen Bewunderung, in der zärtlichsten Umkreisung immer auch eine strenge Distanz, gerade weil sie, die Bewunderung, die Umkreisung, etwas Unangemessenes, etwas den Proportionen des Alltags Frem- des haben. Wir isolieren, wir ergreifen, wir handhaben

das Objekt, indem wir es begehren, wir tun ihm was an und sei es zunächst in Gedanken. Wir antizipieren seine Bewe- gungen, wir verfolgen es, belauschen es. Wir lassen es los, probeweise. Wir ergreifen es erneut, von einer anderen Seite diesmal. Wir verändern es. Warum diese hohe Schule des Objekte-Bildens den Frauen vorenthalten?

Als Frau, die das Objekte-Bilden im Zustand der Bezau- berung nicht aufgegeben hat, kenne ich die Tücken der Situ- ation. Tatsächlich neigen wir als Objektivierende dazu, die Rollen einseitig festzuschreiben. Der Rausch des ‚Objekte- Bildens‘ im Zustande der Bezauberung hat eine eigene Dyna- mik, die die Bereitschaft zur Passivität, also zum Objekt- Sein, hemmen mag. Wenn ich einem Mann sage, sein Mund sei wie ein Granatapfel, von einem Silbermesser zerteilt,

so erwarte ich, daß dieser Mund schweigt. Daß er sich leicht öffne, aber nicht, um mir eine Schmeichelei zu sagen, die eh kaum an das Bild vom Granatapfel und dem Silbermesser heranreichte. Gewiß habe ich zu dieser Erwartung heute ein historisches Recht - aber in der Zukunft, wenn sie denn die Frauen das Objekte-Bilden und die Männer das Objek- te-Sein lehren sollte, hätte ich es nicht mehr. Diese Zukunft müßte um die Nähe wissen, die die Objektivierung zur Herrschaft hat und müßte eine Balance jenseits von Herr- schaft durch Verflüssigung der Positionen herstellen. Lust setzte dann Objektivierung ebenso voraus wie Objekt-

Sein, also Passivität.

Stellen wir uns vor: die Frauen zücken ihr Silbermesser, vorsichtig und unnachsichtig, und öffnen mit ihm die Münder der Männer. Ein zu aggressives Bild? Nein, längst fällig unsererseits. Ein utopisches Bild? Vielleicht nicht. Was das denn hier sei, das Silbermesser? Blicke, Worte, Zunge? Auch. Die Kunst der Objektivierung mitten in der Bezaube- rung durch die Liebe.

CHARLOTTE MOHS: Nachwort zu „Von einem Silbermesser zerteilt“...

Nachwort

Der hier dokumentierte Text „Von einem Silbermesser zer- teilt -“ von Barbara Sichtermann wurde das erste Mal 1982 im Sammelband Liebesgeschichten, herausgegeben von Christel Göbelsmann und Jochen Schimmang, veröffentlicht und im darauffolgenden Jahr erneut in einer Aufsatzsamm- lung von Sichtermann unter dem Titel Weiblichkeit. Zur Poli- tik des Privaten publiziert. Die in diesem Band versammel- ten zehn Texte behandeln alle im weitesten Sinne das Thema weibliche Sexualität. Sichtermann unternimmt darin den Versuch einer kritischen Selbstverständigung über die in der Frauenbewegung neu aufgekommenen Diskussionen über das weibliche Begehren als eine unerkannte, unterdrückte und zu befreiende Potenz. In der Einleitung zum Band erklärt Sichtermann ihr Motiv: Der Frauenbewegung mangele es

am „Streit mit Niveau“. Nach deren Erfolgen seien ihr die „Warum-Frager/innen“ und die „Zahl ihrer (ernstzunehmen- den) Gegner“ abhanden gekommen, „die sie zur Kritik

ihrer Thesen anhielten“. Eine soziale Bewegung ohne Kriti- ker_innen würde jedoch zwangsläufig in eine Phase der Stagnation geraten. In dieser Situation helfe „nur noch eins: innerhalb der eigenen Reihen den Posten einer advocata diaboli auszuschreiben, mit der Selbstkritik also ernst zu machen und mit ihr an die Öffentlich-

keit zu gehen“. Und Sichtermann macht der Rolle der advocata diaboli alle Ehre, denn es gelingt ihr, einige der drängendsten Fragen der Frauenbewegung über die weibliche Lust aufzugreifen und deren Beschränkungen, Wider- sprüche und unabgegoltenen Momente zu beleuchten.

So beschäftigt sich „Von einem Silbermesser zerteilt -“ in sehr aufschlussreicher Art und Weise mit dem weiblichen Begehren, der sexuellen Bezie- hung zwischen Frauen und Männern und der Schwierigkeit, diese konstruktiv zu verändern. Ausgangspunkt bilden Überlegungen zu der Fähigkeit der Frauen, Objekte zu bilden. Gemeint ist die Fähigkeit, sich als Subjekt in ein aktives Verhältnis zur Welt zu setzen, ein Ding oder einen Menschen „für sich [zu] setzen, [zu] isolieren und wissen [zu] wollen, was es mit ihm, mit ihr auf sich hat“.? Das Objekte-Bilden steht damit für Sichtermann im Gegensatz zum bisherigen Objekt- status der Frau und macht sie zu aktiv-begehrenden Sub- jekten. Es hieße, das Vergnügen an der eigenen Lust zu finden und den Anderen als Subjekt zu begehren, was ebenso das Entdecken und Zulassen aggressiver Regungen einschlösse. Mit dieser Charakterisierung wendet sich Sichtermann gegen zeitgenössische Positionen, die dazu tendierten, weib- liche Lust auf ihre zärtlichen, harmonischen Anteile zu reduzie- ren und das Aggressiv-Bedroh-

näckig reproduziert.

2 Alle Zitationen in diesem Abschnitt sind aus dem Vorwort zu: Sichtermann, Barbara: Weiblichkeit. Zur Politik des Privaten. Berlin

1983. 5.9.

liche als vermeintliche männliche 3 Dies.: „Von einem Silbermesser zerteilt - “. In: dies.: Weiblichkeit.

Zutat zurückzuweisen. Entspre- a.a.0. 5.72.

chend attestiert sie der Frauenbe- lichkeit. «0.0. $.$.18.

wegung auf dem Gebiet der 5 Die anderen Aufsätze des erwähnten Sammelbandes seien an dieser Stelle gleichermaßen zur Lektüre empfohlen.

weiblichen Lust und der sexuellen

4 Dies.: Der Mythos von der Herbeiführbarkeit. In: dies.: Weib-

DZ ı

Beziehungen Nachholbedarf. Ihrem Urteil zufolge blieb die Auseinandersetzung zwischen weiblich-passivem und männlich-aktivem Begehren das rote Tuch der Frauenbe- wegung und die heterosexuelle Beziehung einer Umwälzung schuldig. Frauen schreckten davor zurück, innerhalb der Beziehung zu Männern etwas Neues an die Stelle des Altbe- kannten zu setzen. „Statt der fälligen Auseinandersetzung zogen sich die Frauen in Frauen- und die Männer in Männer- gruppen zurück.“ Die eine oder andere Leser_in stellte sich während des Lesens womöglich die Frage, warum gerade dieser Text über die weibliche Lust und heterosexuelle Beziehungen aus der Mot- tenkiste gekramt wurde? Wenn man der Cosmopolitan Glauben schenken darf, dann gehört es heute zum Frau-Sein dazu, eine selbstbestimmte und aktive Sexualität zu leben. Und ist die Auseinandersetzung mit der heterosexuellen Zweierbeziehung in Zeiten des queeren Feminismus nicht sowieso Relikt aus alter Vorzeit? Wissen wir nicht längst, dass die heteronormative Matrix uns alle in zwei beschränk- te Identitäten zwängt und deshalb aufgehoben gehört? Ohne Frage! Aber bis es soweit ist, lasst uns die Diskussion über (weibliche) Lust fortführen. Dafür sind die Überlegungen von Sichtermann aufgrund ihrer theoretischen Tiefe sehr erhel- lend und immer noch aktuell. Zudem nimmt die Autorin eine erfrischende materialistische Pers-

Und doch scheint es unwahrscheinlich, pektive ein, die es gerade in Hinblick dass das patriarchal organisierte Geschlechterverhältnis sich ausgerech- ich beginne mit ein paar Überlegun- net im Bereich der Sexualität gänzlich aufgelöst haben soll, während es

sich auf anderen Gebieten, etwa der geschlechtlichen Arbeitsteilung, hart-

auf die heutige Diskussion ins Ge- dächtnis zu rufen gilt.”

gen zur Frage der Aktualität einer spe- zifisch männlichen und weiblichen Sexualität. Natürlich hat die Zeit

in den letzten 30 Jahren nicht stillge- standen. Die Subjekte, ihr Begehren und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen haben sich gewandelt. Der klitorale Orgasmus ist kein- Fremdwort mehr, die meisten Frauen trauen sich vermutlich weitaus häufiger, ihre sexuellen Bedürfnisse zu formulieren und nicht wenige Männer haben gelernt, aufmerksam und zärtlich zu sein. Und doch scheint es unwahrscheinlich, dass das patriarchal organisierte Geschlechterverhältnis sich ausgerechnet im Bereich der Sexualität gänzlich aufgelöst haben soll, während es sich auf anderen Gebieten, etwa

der geschlechtlichen Arbeitsteilung, hartnäckig reproduziert. Indizien für dessen Fortwirken gibt es denn auch einige. Schon in den spektakulären Bildwelten, die wir tagtäglich konsumieren, zeigt sich die Aktualität der Dualität zwi- schen weiblich-passiv-begehrenswert und männlich-aktiv- begehrend. Die glatten Frauenkörper der Werbeplakate zeigen deutlich, dass Frau-Sein weiterhin wesentlich bein- haltet, gut auszusehen und begehrenswert zu sein, anstatt zu begehren. Wer aus diesem Bild ausschert, läuft Gefahr, als Luder oder Schlampe abgestem- pelt zu werden und die verbreitete Frauenverachtung zu spüren zu kriegen. Ebenso zeugt das auto- aggressive Verhalten vieler Frauen gegenüber ihren Körpern von der Persistenz einer dezidiert weib- lichen Begehrensstruktur. Immer

38

ll

mehr Frauen ist ihr Körper derart verhasst, dass er statt

zur Erfahrung von Lust zum bevorzugten Austragungsobjekt ihrer psychischen Konflikte werden konnte. Der steigende Zwang zur äußerlichen Optimierung und Leistungssteige- rung des eigenen Körpers tut sein Übriges, diesen nicht mehr als lustvoll erleben zu können. Unwahrscheinlich daher,

dass das Bild des omnipotenten Mannes und der Frau, die be- gehrt werden will, nicht mehr bis in die Schlafzimmer gelangt. Entsprechend äußert eine 16-Jährige in einer Online- Reportage über die sexuellen Erfahrungen von Jugendlichen: „Zuerst geht es um die Bedürfnisse der Jungs. Wenn man etwas mehr Erfahrung hat, darf man auch als Frau Ansprü- che stellen.“

Die Sexualität der Subjekte ist auch heute nicht unabhängig von deren weiblicher bzw. männlicher Subjektwerdung. Bereits in unseren ersten Kinderjahren machen wir Erfah- rungen, die unser körperliches Lustempfinden prägen. Schon wenn man Kinder beim Spielen beobachtet, springt der Unterschied des Verhältnisses von Jungen und Mädchen zu ihrem Körper ins Auge: In den meisten Fällen sieht man Jungs ihre Aggressionen an einem Fußball und im Spiel mit anderen Jungs auslassen, dabei stürmisch und mit körper- lichem Selbstbewusstsein die Außenwelt beherrschend. Das Spiel der Mädchen zeichnet sich eher durch eine sorgfältige Gestaltung der Umgebung aus, in der aggressive Fantasien kaum einen Platz haben. Sie lernen früh- zeitig, nicht zerstörerisch auf

ihre Umgebung einzuwirken: kör- perliche Grenzen zu wahren, die Bedürfnisse der Anderen zu achten und für andere da zu sein. Dieser wesentliche Aspekt in der weiblichen Subjektwerdung, körperliche Empfindungen und Aggressionsfantasien frühzeitig zu Kontrollieren, prägt ihre Begehrensstruktur auch in späteren Jahren.

Vor diesem Hintergrund der Kontinuität männlichen

und weiblichen Begehrens wird Sichtermanns Schilderung der Sexualität als tief in den Subjekten verankerte Begeh- rensstruktur interessant. Denn die Kritik des Geschlechter- verhältnisses geht nicht allein in der Frage auf, wer die Kinder betreut und die Wäsche wäscht oder ob Frauen arbei- ten gehen. Weil die Geschlechtsidentität so tief in unserer Sexualität verankert ist, muss die Kritik immer auch die psy- chosexuelle Dimension und die Beziehungen, die aus ihr folgen, in den Blick nehmen.

Wenn Sichtermann schreibt, dass 4 sich das weibliche Begehren in

einer patriarchalen Gesellschaft

überschrittene.“

ch/-68f3.

Kunz, Nina/ Kuratli, Micha: Und dann muss man an diesem Sex auch noch höchsten Gefallen finden, siehe: https://www.woz.

OUTSIDE THE BOX #6

lichkeit, das unter ganz konkreten gesellschaftlichen Bedin- gungen so geworden ist, wie es ist.? Damit bringt sie die

fast vergessene psychoanalytische Einsicht über das mensch- liche Triebleben wieder ins Bewusstsein, gemäß der die sexuelle Identität Ergebnis einer langen konflikthaften Ge- schichte von Wünschen, Versagungen und Fantasien ist. Hinter dieser Geschichte steht die leibliche Lust, die sich im Spannungsfeld zwischen Natur und Gesellschaft ihren Weg bahnt. Indem der Mensch nicht nur als gesellschaftliches sondern auch als leibliches Wesen begriffen wird, wird ge- wissermaßen auch die Idee einer Dekonstruktion von männlich und weiblich, die in den letzten Jahrzehnten mit der Queerbewegung Aufschwung erhalten hat, materia- listisch zurückgebunden an die Realität körperlicher Lust. Wird Begehren als gleichzeitig leiblich und durch die Gesellschaft Gewordenes gedacht, beinhaltet dies auch die Möglichkeit der Veränderung, die in einer anderen Vergesell- schaftung des Natürlichen läge. Das heißt, wenn das der menschlichen Natur innewohnende Potential im Laufe der individuellen Geschichte nicht verstellt und gehemmt, sondern realisiert würde: „Geschichte ist es, die in der Sexu- alität Natur möglich macht, den Körper in sein Recht setzt,

- ihm sein eigenes, uns manchmal unverständliches, aber

freundliches Leben gestattet.“ Natürlich Natur nicht verstan- den als reine, sondern als durch

„Die Natur wäre dann nicht die ‚echte‘ die Gesellschaft geprägte: „Die (also bloße Natur), sondern die als eigene erlebte, die selbst gefühlte und aıs eigene erlebte, die selbst gefühlte

Natur wäre dann nicht die ‚echte‘ (also bloße Natur), sondern die

und überschrittene. Eine als Vor-

wand für Unterdrückung hergenom-

mene Natur wird ja immer beschä- digt - sie wird gerade ‚unrein‘, wird zum Krüppel. Das heißt aber, daß die Arbeit heraus aus der Unterdrückung doch wieder auf Natur rekurrieren muß - nicht auf eine unbeschä- digte, aber auf eine anders, heilsam zu vergesellschaftende. [...],Befreiung auf Basis der Natur‘ hieße also: die den Körpern innewohnenden Möglichkeiten entwickeln.“? Was wäre diese dem Körper innewohnende Potentialitätin Bezug auf das weibliche und männliche Begehren? Laut Sichtermann könnten wir dieser näherkommen, indem die lange eingeübten Rollen von Subjekt-Objekt und Männlich- Weiblich in der direkten Auseinandersetzung miteinander verflüssigt werden. Denn erst in der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber kann das als heterosexuell beschränkte Be- gehren über seine Grenzen hinaus- gelangen. Beide Seiten müssten sich dafür die psychischen Reprä- sentanzen nicht nur des eigenen

kaum anders entwickeln kann, als ein „gebrochener, zerstückel- ter, verbogener, entstellter Trieb“, thematisiert sie genau diese notwendig beschränkte, im Un- bewussten entstandene Begeh- rensstruktur. Dabei wird die materialistische Perspektive des Textes deutlich: Sichtermann betrachtet - in diesem Fall das heterosexuelle - Begehren in dessen individueller Geschicht-

Sichtermann, Barbara: „Von einem Silbermesser zerteilt -", a.a.O. 5.74.

8 Dasses in Sichtermanns Text ausschließlich um das heterosexuelle

Begehren geht, mag heute etwas beschränkt anmuten, sind wir

es doch gewohnt, die Unterschiedlichkeit sexueller Identitäten zu betonen. Aus feministischer Perspektive sollte man die Ausführun- gen dennoch ernst nehmen. Denn zum Einen ist sie immer noch

die gesellschaftlich dominante Form der Zweierbeziehung und ver- dient schon deshalb unsere Aufmerksamkeit. Zum Anderen ist

die von Sichtermann thematisierte Struktur von Subjekt und Objekt (und damit von Aktivität und Passivität etc.) kein Alleinstellungs- merkmal heterosexuellen Begehrens, sondern spielt - wenn auch in anderer Weise - ebenso in anderen Beziehungen eine Rolle. Dies.: Über die verlorene Erotik der Brüste. In: dies.: Weiblichkeit. a.a.O. 5. 64.

39

sondern auch die verworfenen und verdrängten des anderen Ge- schlechts aneignen. Frauen, indem sie ihre aktiv-aggressiven Impulse entdecken und sich

der „überraschend-grenzenspren- genden Potenz“'° ihrer Lust

mit neuem Mut hingeben. Män- ner, indem sie sich in der Fähig- keit üben, als Objekt Lust zu empfangen, um ihre ganz eigene historische Schwäche zu über-

CHARLOTTE MOHS: Nachwort zu „Von einem Silbermesser zerteilt“...

winden. „Lust setzte dann Objektivierung ebenso voraus wie Objekt-Sein, also Passivität.“" Durch eine „Verflüssigung der Positionen“ von Aktiv und Passiv könnte das hetero- sexuelle Begehren in etwas Neues überführt werden. Diese Perspektive eines Wandels der Liebesbeziehungen durch und im Streit zwischen den Geschlechtern wendet sich nicht zuletzt gegen individualistische Lösungen, in der die Verantwortung allein den Frauen zukommt. Zum Geschlech- terverhältnis gehören - dies liegt bereits in dessen Begriff -. seit jeher zwei, und die Auseinandersetzung um die verhär- teten binären Geschlechtsidentitäten muss wohl oder

übel miteinander ausgetragen werden, wollen wir darin vorankommen, sie aufzulösen.

Literatur:

Göbelsmann, Christel/Schimmang, Jochen (Hg.): Liebes- geschichten. Frankfurt a.M. 1982.

Kunz, Nina/Kuratli, Micha: Und dann muss man an diesem Sex auch noch höchsten Gefallen finden. https://www.woz.ch/-68f3.

Sichtermann, Barbara: Weiblichkeit. Zur Politik des Privaten. Berlin 1983.

Dies.: Über die verlorene Erotik der Brüste. In: dies.: Weib- lichkeit. Zur Politik des Privaten. Berlin 1983. S. 57-69.

Dies.: Das Phantom „weibliche Sexualität“. In: Weiblichkeit. Zur Politik des Privaten. Berlin 1983. S. 114-125.

10 Dies.: „Von einem Silbermesser zerteilt - ". In: dies.: Weiblichkeit. RO 11 Ebd. S. 80.

40

OUTSIDE THE BOX #6

Outside the box

\ IQ N

Space Berlin (IWS)

International Women Space ist eine feministische Gruppe nach Deutschland migrierter und geflüchteter Frauen, ebenso wie von Frauen ohne diesen Hintergrund, die sich während der Besetzung der ehemaligen Gerhart-Haupt- mann-Schule im Dezember 2012 in Berlin gegründet hat. Während der 17 Monate dauernden Besetzung hatten die Frauen sich innerhalb des Gebäudes einen Trakt nur für Frauen angeeignet, den Women Space. « Der Women Space bot den Frauen Raum für Austausch und RS Gespräche über ihre Fluchtgründe, Fluchtwege und ihre verschiedenen Erfahrungen. Dabei ist die Idee entstanden, die Geschichten der Frauen zu sammeln und zu veröffentli- chen, um auf die spezifische Situation von nach Deutschland geflüchteten Frauen und Transgender aufmerksam zu machen. Am 25. November 2015, dem International Day for the Elimination of Violence against Women, erschien das im Selbstverlag publizierte Buch des IWS „In Our Own Words. Geflüchtete Frauen in Deutschland erzählen von ihren Erfahrungen“. Es enthält Erfahrungsberichte und Texte auf Deutsch, Englisch und in der jeweiligen Sprache, in der die Frauen berichtet haben. Mit dem Buch sollen gerade Frauen sichtbar gemacht werden, die Zwangsehen, weibliche Genitalverstümmelung, sexuelle Gewalt und Vergewalti- gung im Krieg erlitten haben. Herausgegeben wurde das Buch mit dem Ziel, es unter Refugee Frauen zu verbreiten, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Erfahrungen.

Im März 2016 waren Aktivistinnen des IWS auf Einladung des Kulturraum e.V. (KREV) zu Gast in Leipzig um ihr Buch vorzustellen. outside the box hat die Frauen dort getroffen und sie zu ihrer politischen Arbeit gegen die patriarchalen Verhältnisse und zu ihrem Kampf für das Recht auf Asyl für Frauen aufgrund geschlechtsspezifischer Verfolgung interviewt.

"WE MUST ACT AND FOR THAT WE NEED A POLITICAL SOLIDARITY

INSTEAD OF CHARITY AND HELP"

Outside the box sprach mit International Women

International Women Space is a group of migrant and refugee women who came to Germany and of women without this background. The group was founded during the refugee occupation of the former Gerhart-Hauptmann School in Berlin in December of 2012. In the 17 months of the occupation the women created a separate space within the building for women only, the Women Space. Following dialogues and discussions they decided to collect the lives and stories of refugee women in Germany. As aresult of these dialogues they released a self-published book “In our own words. Refugee Women in Germany tell their stories” on the 25th November 2015 which is The International Day for the Elimination of Violence against Women.

“In our own words” is adocumentation of their experiences as female refugees living in Germany. The personal testi- monials are in English, German and the mother tongue of the women who wrote them. The aim is primarily to spread the book among refugee women to show them that they are not alone with their experiences. The book creates a room for the perspectives of refugee women who experienced specific gender-persecution like forced marriage, female genital mutilation, violence against women, and rape as weapon of war.

In March 2016 activists of the IWS were invited by the Kulturraum e.V. (KREV) to present their book in Leipzig. outside the box met the women of IWS there and inter- viewed them about their political work against patriarchy and about their fight for the right of women to be granted asylum on specific gender-persecution grounds.

Homepage IWS: https://iwspace.wordpress.com/

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OUTSIDE THE BOX: „We must act and for that..."

1. During the discussion in Leipzig you mentioned that you had been “fighting the support-system”. You later ex- plained, that the idea of “help” or “support” often implies

- a moment of paternalism, and you compared it to the rela-

tionship between coloniser and colonised people. Can you give us actual examples of “help” or “support” that gave you the impression of being patronised?

We are referring to structures, not to single actions. The support structures create a relationship of dependency. To avoid reproducing these relations and to focus on self-organi- sation is something we still struggle with. Many times supporters try to instrumentalise refugees and migrantsin order to legitimise their participation in the refugee mo- vement. The fact that language and knowledge about the laws and regulations in Germany are of extreme importance to those coming to seek asylum or to pursue a migrant status can create an environment where the power tends to be in the hands of the supporter and this can be very damaging for the political process, for the self-organisation of those get tired. affected by the perversity of asylum/

migration system.

The dependency goes both ways. On one side supporters can start making decisions in the name of refugees. To camou- flage this power-imbalance, supporters will back up all decisions made by refugees, without questioning or leaving space for debate as if refugees/migrants were little children with no political position, as if amongst refugees there were no reactionaries or right wing people as well as progressive people. On the other side, many refugees/migrants will believe supporters are indispensable and by doing so will run the risk of losing all the strength they certainly have otherwise they wouldn’t have been able to find their way to Europe through those dangerous routes. And last, but not least: the patronising behaviour comes from racism, this white people phenomenon that degrades everyone and everything. It is pathetic to see young supporters treating grown up women as if they were kids learning to make their first steps in life.

| The result of such dynamics, in the long run, is unsustai-

nable because by investing in co-dependency, there is a reproduction of the same power structures and racism we

were supposed to be fighting against.

When the refugee movement became strong in Berlin, atthe Oranienplatz camp, the representation of women came basically from the supporters and very few activists, who « couldn’t be identified as feminists. Many feminists who went there soon left because the main role available for women in the movement was to be a helper. There was no space for an active critical voice. To discuss the sexism, overwhelmingly present in a male dominated space such as Oplatz was, remained an avoidable topic, basically never tackled. The many actions promoted by supporters also left little space for other discussions which are important for the movement to mature and continue. Sometimes, the feeling was that many supporters were doing a sort of hobby-activism,

You cannot raise a flag for someone else’s cause because sooner than later your arm will

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something they would do in their spare time, a charity work for someone, completely disconnected to their own lives, with no real commitment to the long term political struggle for the rights of all, for the emancipation of all, including their own emancipation. This is a real obstacle for a political movement because people should engage if and when they feel they need to change their lives, their environment. You cannot raise a flag for someone else’s cause because sooner than later your arm will get tired.

There is also the aspect of continuity which is very import- ant. The commitment of people should engage in a respon- sible way, considering that refugees and migrants are the ones facing the everyday discrimination and racism and to fight against it is an urgent matter. There are not so many other choices apart from fighting back, but in the end, if you get distracted by too many actions for example, when you stop to analyse, you realise you’ve been fighting the fight of the Germans, the Berlin left wing conflicts, against one politician the scene dislikes and the whole aim of the movement gets reduced to local disputes, which we as migrants and refugees don’t understand and don’t really have the time to understand. We must act and for that we need political solidarity instead of charity and help because in the end we can easily find ourselves helping students to finish their graduation, masters, doctorates, post-doctoral degrees; helping people with lots of free time to find something “exciting” to do with “exotic” people and so on.

From our point of view all this must be reflected in order to develop a real political work and its demands.

2. What do you miss or expect concerning the political practices of (white) European feminists? Is there a way to collaborate in solidarity while still taking into account our concrete inequalities?

Our group is awomen* mixed group and we come from different countries, and different backgrounds. We fight politically against all forms of oppression we know of and that is maybe why we usually find no common ground with white European feminists. There are forms of oppression that only those who have seen extreme poverty, puppet regimes being installed through coups, extreme state and its police violence, where sexism kills, not only offends, but kills women in large numbers daily on the streets, inside their homes, crimes which will never be punished, etc.

In Europe, for its visible economic superiority, there is much time and space to discuss topics suggested or originated in the academia. Feminists seem to enjoy long theoretical discussions about identity politics. They seem to want to invest lots of time discussing why someone might be feeling fragile inside a political group and such themes can take | enormous dimensions, making it difficult for us migrants to work at the speed we need to because our problems vary from livingin a Lager to running the risk of being deported

OUTSIDE THE BOX #6

back to a country that is in turmoil. These two agendas and

different interests can really take the motivation from refugee

and migrant women because it can be so contradictory tobeina

political group which is fighting for the dignity and survival of

women in danger but at the same time stops everything to

discuss theories conceptualised in German language orin

German universities, based or developed out of another imperi- %

al country. RE The Caravan for the rights of refugees once created a slogan

that we very much agree with: “We are here because you

(colonisers) destroyed our lands”. That’s it. Most of us didn’t But back to the capitalism, Once we are

choose to be here to begin with and many will return to here and start experiencing your capitalism their families, friends, familiar environment as soon as the

situation of their countries gets better. Therefore it is it becomes depressing because we see all important for white western feminists to understand that the comfort sat ha nd, ready to be u sed, our attachment with Germany is being formed, maybe it

will never come to stay, but that we are open to work to- but at the expense of whom?

gether whilst we are here ifthe Europeans can find a way to

enrich their own understanding of life and world politics.

3. Our approach to feminism is - probably similar to yours - that it is not useful to see patriarchy as a singular power-structure, but that it is necessary to criticise society in total.

How do you experience capitalistic structures especially as migrant/ refugee women?

Again, the capitalism the western rich countries experience is totally different from the capitalism we migrants and refugees experience in our so-called “Global South”. Patriarchy also operates differently depending on where you stand. Female Genital Mutilation, Honour Killing, Forced Marriage, rape as spoils of war, discrimination, persecution and killing of gender non-conformed persons are very present in some parts of the world, where patriarchy is combined with religious fundamen- talism, fascism and dictatorship, and that creates a deadly environment for women‘. But back to the capitalism, once we are here and start experiencing your capitalism it becomes depressing because we see allthe comforts at hand, ready to be used, but at the expense of whom? At the expense of plundered countries, where most migrants and refugees come from, and these are the very same people who will be denied a visa or refugee protection, who will run the risk of being deported back to a devastated area so that the richness we see allaround can grow endlessly.

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OUTSIDE THE BOX #6

Jeanne Neton, Maya Gonzalez

DIE LOGIK DES GESCHLECHTERVERHÄLTNISSES

Über die Sphärentrennung und den Prozess der Abjektion.

aus: Endnotes #3: Gender, Race, Class, and Other Misfortunes

Aus dem Englischen übersetzt von Divina Detlefsen,

Anna Kow, Charlotte Mohs und

Katharina Zimmerhackl.

Innerhalb des marxistischen Feminismus begegnen uns ver- chen, ohne sich dabei auf Biologie oder urzeitliche Vorgeschich- schiedene begriffliche Gegensatzpaare, die zur Analyse ge- te beziehen zu müssen.

schlechtlich konnotierter Herrschaftsformen im Kapitalismus Wir beginnen mit der Definition des Geschlechterverhältnisses herangezogen werden.' Dazu gehören: produktiv und unpro- als eines der Trennung von Sphären. Im nächsten Schritt duktiv, bezahlt und unbezahlt, öffentlich und privat, sex und bestimmen wir die Individuen, die diesen Sphären zugeordnet ' gender. Uns erschienen diese Begriffe zur Untersuchung der werden. Es ist wichtig zu beachten, dass wir den Begriff der Geschlechterfrage zu unpräzise, theoretisch unzureichend und Sphären nicht in einem räumlichen Sinne verwenden, sondern, teilweise irreführend. Mit diesem Artikel möchten wir Katego- so wie Marx von zwei getrennten Sphären der Produktion

rien vorschlagen, die zu einem besseren und der Zirkulation spricht, als Be-

1 Grob umrissen beschreibt der marxistische Feminismus eine

Perspektive, die die Unterdrückung aufgrund des Geschlechts arte, ie Blue nlerielie eg

Verständnis der Transformation des

Geschlechterverhältnisses seit den als in der Form gesellschaftlicher Reproduktion und vor annehmen.

Siebzigern, und, noch wichtiger, seit der allem der Reproduktion der Arbeitskraft verankert sieht. Meist Die oben aufgelisteten Gegensatz- letzten Krise beitragen werden. wird kritisiert, dass diese Thematik bei Marx und an ihn an- paare scheinen ein Verständnis

Die folgende Darstellung ist stark vom knüpfenden Theorien des Kapitalismus vernachlässigt wurde. davon, wie diese Sphären gegenwär-

Hinsichtlich den Debatten zur „unhappy marriage“ (vgl. Heidi

I. Hartmann: The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism. tig wirken, eher zu behindern, da

Konzept der systematic dialectics®?

beeinflusst, einer Methode, die versucht, Towards a More Progressive Union) und des „dual system“ ihnen die historische Verortung fehlt gesellschaftliche Erscheinungen als (vgl. Lise Vogel: Marxism and the Oppression of Women), und sie ein Verständnis geschlecht- miteinander vermittelte Momente einer Debatten, die im deutschsprachigen Raum unter den Schlag. ]icher „Herrschaft“ begünstigen, das

wörtern Hauptwiderspruch/Nebenwiderspuch bzw. Haus-

arbeitsdebatte behandelt wurden, wird hier die These eines vom Patriarchat als einem Merkmal

Totalität zu erfassen.? Um die Entfal-

tung des Geschlechts als eine „Realab- einzelnen, geschlossenen Systems bevorzugt. Es ist wichtig des Kapitalismus ausgeht, ohne es straktion“ nachzuvollziehen, werden zu betonen, dass wir mit diesem Artikel eine Auseinanderset- als ein historisches Spezifikum des wir daher von den abstraktesten zu den zung aus den 1970ern, die „domestic labour debate”, fort- Kapitalismus zu bestimmen. Wir hof-

setzen wollen. Diese widmete sich dem Verhältnis von Wert

konkretesten Kategorien kommen. Uns und gesellschaftlicher Reproduktion und entfaltete marxis-

fen, dass es uns gelingen wird, Kate-

interessiert dabei ausschließlich die tische Kategorien, um zu bestimmen, ob „häusliche“ und gorien zu entwerfen, die dem Kapita- spezifische Ausformung des Geschlech- „reproduktive“ Tätigkeiten wertschöpfende und demnachpro- lismus so eigen sind wie das „Kapi- terverhältnisses im Kapitalismus. Wir duktive Arbeit sind. tal“ selbst. Wir behaupten, dass diese

Be 2 Anm. d. Ü.: Vgl. zum Begriff der systematic dialectic bspw. ; E gehen grundsätzlich davon aus, dass es Christo Gegensatzpaare auf kategorischen

möglich ist, über Geschlecht zu spre- 3 Vgl. Communisation and Value-Form Theory, Endnotes #2, Fehlern aufbauen, deren Mängel deut- April 2010. lich werden sobald wir versuchen, die

45

JEANNE NETON, MAYA GONZALES: Die Logik des Geschlechterverhältnisses

Veränderungen der kapitalistischen Gesellschaft seit den Siebzigern zu beleuchten. Häusliche und sogenannte „Repro- duktions“-Tätigkeiten werden in zunehmendem Maße markt- förmig und selbst wenn diese Tätigkeiten sich nach wie vor in der „Sphäre“ des Hauses abspielen und die gleichen konkre- ten Merkmale aufweisen wie bisher, so nehmen sie doch nicht mehr dieselbe strukturelle Position innerhalb der kapi- talistischen Totalität ein. Aus diesem Grund schien es uns notwendig, die Kategorien, die uns der marxistische Feminis- mus bereitstellt, zu erläutern, zu revidieren und neu zu bestimmen - nicht um der Theorie willen, sondern um zu verstehen, warum die Einteilung der Menschheit in zwei Geschlechter noch immer fortdauert.

I. PRODUKTION / REPRODUKTION

„Welches immer die gesellschaftliche Form des Pro- duktionsprozesses, er muß kontinuierlich sein,oder periodisch stets von neuem dieselben Stadien durch- laufen. Sowenig eine Gesellschaft aufhören kann

zu konsumieren, kann sie aufhören zu produzieren. In einem stetigen Zusammenhang und dem beständi- gen Fluß seiner Erneuerung betrachtet, ist jeder Produktionsprozeß daher zugleich Reproduktions- prozeß.“*

Wenn Marx von Reproduktion spricht, meint er damit nicht die Produktion und Reproduktion einer bestimmten Ware

- es geht ihm vielmehr um die Reproduktion der gesellschaft- lichen Totalität. Wenn marxistische Feministinnen’ von Reproduktion sprechen, zielt dies dagegen meistens darauf ab, die Produktion und Reproduktion der Ware Arbeitskraft zu bestimmen. Das liegt daran, dass in der marxschen Theorie die Analyse der Beziehung zwischen der Reproduk- tion der Ware Arbeitskraft und der Reproduktion der kapi- talistischen Totalität unvollständig ist.

i. Wenn Marx von Arbeitskraft spricht, behauptet er, dass es sich dabei um eine Ware mit eigentümlichem, von andren Waren klar unterschiedenem

Charakter handle.

Auch wenn Marx die spezifischen Besonderheiten der Ware Arbeits- kraft thematisiert‘, gibt es doch einige Aspekte dieser Spezifikation, die es näher zu betrachten gälte. Zuerst wollen wir die Trennung zwi- schen der Arbeitskraft und ihrem Träger untersuchen. Der Austausch von Arbeitskraft hat zur Vorausset- zung, dass diese Ware von ihrem Träger zum Markt getragen wird. In diesem speziellen Fall sind die Arbeitskraft und ihr Träger aller- dings ein und dieselbe Person. & Arbeitskraft ist die Lebens- und

1962, 5. 591.

Verkauf der Arbeitskraft.

4 Marx-Engels-Werke (MEW), Band 23, Das Kapital, Band 1, Der Produktionsprozeß des Kapitals, Dietz Verlag, Berlin/DDR

5 Anm. d. Ü.: Während „feminist“, „bearer of labour-power", „proletarian“ etc. im Englischen sowohl weiblich als auch männlich sein können, kommt mit der Übertragung ins Deut- sche die Notwendigkeit zur Entscheidung für ein gramma- tisches Geschlecht. Wir haben eine am Inhalt orientierte prag- ' matische Mischvariante gewählt: Proletarier und Feminis- tinnen, Bürger und Träger von Arbeitskraft. Dass diese sprach- liche Form tendenziell eher den historisch-gesellschaftlichen Verhältnissen und weniger dem Ideal entspricht, ist kein Zufall und scheint uns in Bezug auf das, was in diesem Text ver- handelt wird, sinnvoller als andere mögliche Varianten (wie zum Beispiel Unterstrich oder generisches Femininum).

Vgl. MEW 23, Das Kapital, Band 1, Kapitel 4.3, Kauf und

Arbeitskapazität dieser Person und kann als solche von ihrem Träger nicht getrennt werden. Die Besonderheit der Ware Arbeitskraft stellt uns somit vor ein ontologisches Problem.

Wenden wir uns nochmal dem Kapital zu. Am Anfang

des ersten Kapitels stoßen wir auf die Ware, und es wird nur

wenige Kapitel dauern, bis sie sich uns in ihrer eigentüm-

lichsten Erscheinungsform zeigen wird: der der Arbeitskraft.

In Übereinstimmung mit Marx ist es richtig, mit dem „natür-

lichen“ und selbstverständlichen Bereich des Warentauschs

zu beginnen, um die Ware als in der Tat merkwürdiges und unnatürliches Ding zu enthüllen. Wir werden allerdings nicht nur nach der Ordnung dieser „Dinge“, dieser Objekte fragen, sondern uns - im Sinne einer Analyse des Geschlech- terverhältnisses - vor allem diesen anderen Körpern zu- wenden, den menschlichen Objekten, die ebenfalls auf ihre eigene „natürliche“ Art und Weise herumspazieren, und

die, wie die fetischisierte Ware, keine Geschichte zu haben

scheinen. Die sie jedoch mit Sicherheit haben.

Im Zentrum der Warenform steht der Doppelcharakter der

Arbeit - sowohl abstrakt als auch konkret -, und dement-

sprechend etabliert das erste Kapitel des Kapitals den Unter-

schied zwischen Gebrauchswert und (Tausch)Wert. Dies ist der Widerspruch, der von der ersten bis zur letzten Seite

von Marx’ Abhandlung entfaltet wird. Die Spaltung zwischen

diesen beiden unversöhnlichen Aspekten der Warenform

ist geradezu der rote Faden, anhand dessen es Marx gelingen

kann, all die andren gegensätzlichen Formen, die die kapi-

talistische Produktionsweise konstituieren, aufzuspüren und offenzulegen.

Charakterisieren wir kurz diesen Widerspruch: Einerseits

existiert die Ware in ihrer Eigenschaft als Gebrauchswert als

ein besonderes, singuläres Objekt, von anderen Waren verschieden. Sie hat einen bestimmten Nutzen, der, wie Marx behauptet, für ihre Produktion als Tauschwert notwendig ist. Aufgrund ihrer Singularität ist sie außerdem eine Einheit, von der sich mehrere zusammen addieren lassen zu einer

Summe, einer bestimmten Menge einzelner Dinge. Daraus

ergibt sich keine Summe homogener abstrakter Arbeit,

sondern eine Summe konkreter und voneinander unter- scheidbarer Einzelarbeiten. Andererseits steht die Ware in ihrer Eigenschaft als Tauschwert für einen bestimmten

Anteil an der „gesellschaftlichen Gesamtarbeit“ - eine Menge

gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, bzw. die Zeit, die

durchschnittlich für deren Reproduktion benötigt wird.

Dieser Widerspruch, der Widerspruch überhaupt, ist - weit davon entfernt, nur für „Dinge“ zu gelten - für einen Proletarier die Bedingung der Vergesellschaftung schlechthin. Von diesem Stand- punkt aus tritt der Proletarier der Welt entgegen, in der die kapita- listische Produktionsweise als eine Ansammlung von Waren herrscht.

_ Der Proletarier tut dies als Ware - und deswegen ist diese Gegenüber- stellung sowohl ein Aufeinander- treffen zweier Waren als auch eine Begegnung zwischen Subjekt und Objekt.

46

OUTSIDE THE BOX #6

Diese ontologische Spaltung kann es deswegen geben, weil Arbeitskraft weder eine Person noch bloß eine Ware ist. Laut Marx ist die Ware Arbeitskraft eigentümlich und anders als alle anderen. Die Besonderheit der Ware Arbeitskraft ist

das, was ihr in einer auf Wert basierenden Produktionsweise einen zentralen Platz gibt - denn der Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft (oder die lebende Arbeitskapazität) ist nichts weniger als die Quelle des (Tausch-)Werts an sich. Der Wider- spruch zwischen Gebrauchswert

und (Tausch-)Wert hat zusätzliche Implikationen, wenn wir die tat- sächliche Produktion und Repro- duktion von Arbeitskräften be- trachten. Diese „Produktion“ ist so speziell, dass sie zusätzliche Auf- merksamkeit verdient - denn soweit wir wissen ist noch nie eine Ware Arbeitskraft vom Fließband gegangen. i Wie also wird die Arbeitskraft produziert und reproduziert? Marx stellt die Besonderheiten des Gebrauchswerts der Ar- beitskraft heraus. Aber unterscheidet er die Produktion der Arbeitskraft deutlich genug von der Produktion anderer Waren? Er schreibt:

„Die zur Produktion der Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit löst sich also auf in die zur Produktion dieser Lebensmittel notwendige Arbeitszeit [...].“

In der Behandlung des Problems des Werts der Arbeitskraft zieht Marx den Schluss, dass er der zu ihrer Produktion not- wendigen Arbeitszeit entspricht, wie es auch für andere Waren der Fall ist. In diesem Fall jedoch reduziert sich diese Arbeitszeit auf mysteriöse Weise auf die zur Herstellung der lebenserhaltenden Mittel des Arbeiters notwendige Arbeits- zeit. Aber ein Einkaufswagen „lebenserhaltender Mittel“

ist noch nicht die fertig produzierte Ware Arbeitskraft. Vergliche man die Produktion der Arbeitskraft mit der Pro- duktion anderer Waren, würde deutlich werden, dass die

im Produktionsprozess benutzten „Rohstoffe“, also die lebens- erhaltenden Mittel, ihren Wert auf das Endprodukt über- tragen, während die neue (zusätzlich) notwendige Arbeits- kraft, die diese Waren in funktionierende Arbeitskraft umwandelt, nichts zum Wert beiträgt. Wollte man die Ana- logie weiter treiben, könnte man behaupten, dass - bezüglich des Werts - die Ware Arbeitskraft ausschließlich aus „toter Arbeit“ besteht.

Im obigen Zitat reduziert Marx die zur Produktion der Ware Arbeitskraft notwendige Arbeit auf die zur Erfüllung ihrer (Re-)Produktion erworbenen „Rohstoffe“. Jedwede Arbeit, die notwendig wäre, diese „Rohstoffe“, den gefüllten Warenkorb, in die Ware Arbeitskraft zu verwan- deln, wird somit bei Marx nicht als „lebendige Arbeit“ betrachtet - und in der Tat wird sie innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise in keinster Weise als notwendige Arbeit gedacht. Das heißt: Egal, wie notwendig diese Arbeiten zur Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft auch sein mögen - strukturell werden sie zur

Wenn marxistische Feministinnen

von Reproduktion sprechen, zielt dies dagegen meistens darauf ab, die Produktion und Reproduktion der Ware Arbeitskraft zu bestimmen.

7 MEW 23, Das Kapital, Band 1, S. 185.

8 Anm. d. Ü.: „Autonom" hat hier eine andere Bedeutung als im Kontext der deutschen Linken; es bezieht sich auf eine tendenziell operaistische Richtung, der u.a. Silvia Federici und Mariarosa Dalla Costa zugerechnet werden können.

9 Wie bspw. Leopoldina Fortunati: The Arcane of Reproduction: Housework, Prostitution, Labor and Capital.

10 Wir sind in diesem Punkt stark von Roswitha Scholz und ihrer Theorie der Wertabspaltung beeinflusst, auch wenn es wichtige Unterschiede in unserer Analyse gibt, besonders hinsichtlich der Dynamik des Geschlechterverhältnisses. Vgl. Roswitha Scholz: Das Geschlecht des Kapitalismus.

„Nicht-Arbeit“ gemacht. Diese dennoch notwendige Arbeit wird von Marx nicht berücksichtigt, weil die Aktivität, diese dem Arbeitslohn entsprechenden „Rohstoffe“ in Arbeitskraft zu verwandeln, in einer von der Zirkulations- und Produk- tionssphäre des Werts getrennten Sphäre stattfindet. Diese notwendigen „Nicht-Arbeiten“ produzieren keinen Wert - nicht aufgrund ihrer konkreten Eigenschaften, sondern weil sie in einer Sphäre der kapitalistischen Produktion statt- finden, die nicht direkt durch die Wertform vermittelt ist.

Es muss also ein „Außerhalb“ des Werts angenommen werden, damit er existieren kann. Analog dazu muss es ein „Außerhalb“ der Arbeit geben, damit diese existieren

und als Maß des Werts dienen kann (darauf kommen wir in Kapitel 2 zurück). Während autonome marxistische Feministinnen® den Schluss ziehen würden, dass jede Tätigkeit, die Arbeits- kraft reproduziert, auch Wert produziert,” ist unsere An- nahme die, dass der Wert der Ware Arbeitskraft auf der Ab- trennung und Loslösung dieser Tätigkeiten aus der Sphäre der Wertproduktion fußt.'?

ii. Daher setzt die Reproduktion von Arbeitskraft die Sphärentrennung voraus.

Wie oben ausgeführt gibt es eine Sphäre der Nicht-Arbeit oder zusätzlich notwendiger Arbeit, in der sich der Transfor- mationsprozess „toter“ Arbeit - das heißt: von vom Lohn gekauften Waren - in lebendige, marktfähige Arbeitskraft, vollzieht. Wir müssen uns die Eigenheiten dieser Sphäre nun etwas genauer ansehen.

Begriffe wie „Reproduktionssphäre“ reichen nicht aus,

um diese Sphäre zu begreifen, weil das, was wir benennen wollen, nicht durch eine Ansammlung von Tätigkeiten

mit entsprechendem Gebrauchswert oder konkreter Eigen- schaft definiert werden kann. Im Gegenteil: Dieselbe kon- krete Tätigkeit wie Kochen oder Putzen kann in beiden Sphä- ren stattfinden; sie kann, je nach sozialem Kontext, sowohl wertschöpfende Arbeit als auch Nicht-Arbeit sein. Reproduk- tive Aufgaben wie Putzen kann man als Dienstleistung erwerben, und Fertigessen kann man kaufen anstatt selbst zu kochen (das heißt, Zeit für die Zubereitung aufzuwenden). Um wirklich zu verstehen, wie Geschlecht - jenseits von Arbeitskraft - reproduziert wird, ist es notwendig, die waren- förmigen, wertschöpfenden und massenproduzierten reproduktiven Tätigkeiten von denjenigen zu unterscheiden, die nicht auf diese Weise vergesell- schaftet sind.

Weil die existierenden Konzepte von Produktion und Reproduktion in sich begrenzt sind, müssen wir prä- zisere Begriffe finden, um diese beiden Sphären zu bezeichnen. Von nun an verwenden wir daher

zwei sehr deskriptive (und daher eher umständliche) Begriffe, um sie zu benennen: (a) die direkt-markt-

47

JEANNE NETON, MAYA GONZALES: Die Logik des Geschlechterverhältnisses

vermittelte Sphäre (DMV) und (b) die indirekt-marktver- mittelte-Sphäre (IMV). Anstatt mit selbstgenügsamen Neolo- gismen aufzuwarten betrachten wir diese Begriffe eher als Platzhalter und fokussieren uns im Folgenden auf die struk- turellen Eigenschaften dieser beiden Sphären. Im Verlauf unserer Analyse (siehe Kapitel 2) werden wir noch ein weite- res Begriffspaar (entlohnt/nicht-entlohnt bzw. bezahlt/ unbezahlt) hinzufügen, um die spezifischen Charakteristika dieser Sphären ausreichend zu analysieren. Die Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft erfolgt durch eine Ansammlung von Tätigkeiten; manche vollziehen sich in der direkt-marktvermittelten oder DMV Sphäre (diejenigen, die als Ware gekauft werden, sei es als Produkt oder als Dienstleistung), während andere in der Sphäre stattfinden, die nicht direkt durch den Markt vermittelt ist: der IMV Sphäre. Der Unterschied dieser Tätigkeiten liegt nicht in ihren konkreten Eigenschaften. Jede dieser Tätigkei- ten - Kochen, sich um Kinder kümmern, Kleider waschen oder flicken - kann in einem Fall Wert schöpfen und im anderen nicht, je nachdem in welcher „Sphäre“ sie stattfinden. Der tatsächliche „Ort“, an dem sie ausgeübt werden, spielt dabei keine Rolle. Die Sphäre ist also nicht notwendigerweise ' das Haus bzw. der private Raum. Sie zeichnet sich auch nicht dadurch aus, ob sich in ihr Tätigkeiten zur Reproduktion

‚| der Arbeitskraft vollziehen. Sie wird definiert über die Be- 1] ziehung dieser reproduktiven Tätigkeiten zu Tausch, Markt

und Kapitalakkumulation. , Die konzeptuelle Unterscheidung hat materielle Konsequen- zen. In der direkt-marktvermittelten Sphäre vollziehen sich

, reproduktive Tätigkeiten unter kapitalistischen Bedin- gungen, das heißt, mit all den Erfordernissen, die der Markt stellt, sei es in der Herstellung oder im Dienstleistungssektor. Unter den Zwängen des Kapitals und des Marktes muss

die Produktion von Gütern und Dienstleistungen hinsichtlich Produktivität, Effizienz und Einheitlichkeit der Produkte

auf wettbewerbsfähigem Niveau geleistet werden - ohne Rück- , sicht auf ihren jeweiligen Inhalt. Das Maß der Produktivität

\ ist zeitlich bestimmt, während Effizienz darauf abzielt, die Arbeitskraft bestmöglich ökonomisch nutzbar zu machen, das heißt zu rationalisieren. Die Vereinheitlichung des Arbeits- produkts verlangt zusätzlich sowohl die Vereinheitlichung der Arbeitsprozesse als auch die der Beziehung zwischen Pro- dukt und Produzent.

Man kann den Unterschied zwischen den Tätigkeiten, die sich in dieser Sphäre vollziehen, und jenen, die sich außer- halb abspielen, direkt sehen. In der DMV Sphäre ist die Rendite kapitalistischer Investitionen vorrangig und daher müssen alle Tätigkeiten - auch wenn sie ihrem Gebrauchs- wert nach „reproduktive“ Tätigkeiten sind - die Rationalisie- rungsraten und Profiterwartungen stets einhalten oder übertreffen. Außerhalb der DMV Sphäre folgt die Art und Weise, wie der Lohn genutzt wird - durch diejenigen, die den Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft reproduzieren (qua Reproduktion seiner Träger) -, jenen Erfordernissen nicht. Auch wenn diese Tätigkeiten als solche vergleichbar sind, sind sie trotz

Was heißt Küche putzen, was bedeu- tet es, sich für eine Stunde um ein Kind zu kümmern: Ist deine Stunde Kinderbetreuung das gleiche wie meine Stunde der Kinderbetreuung?

11 Das heißt, die gleichförmige Zeit. Vgl. Moishe Postone: Time, Labour and Social Domination, Cambridge University Press 1993, Kapitel 5, ‘Abstract Time‘.

12 MEW 23, Das Kapital, Band 1, S. 59.

allem höchst unterschiedlich hinsichtlich der notwendigen Nutzbarmachung von Zeit, Geld und Rohstoffen. Im Gegen- satz zur DMV Sphäre werden hier nicht alle Aspekte des Reproduktionsprozesses durch die Bedingungen des Marktes bestimmt. (In Kapitel 2 werden wir die indirekt-markt- vermittelte Sphäre der staatlich organisierten Reproduktion thematisieren.) .

Die indirekt-marktvermittelte Sphäre hat einen anderen Zeitcharakter. Die Sieben-Tage-Woche mit ihren 24-Stunden- Tagen" strukturiert immer noch alle darin stattfindenden Tätigkeiten, aber die „gesellschaftlich notwendige Arbeits- zeit“ ist niemals der direkt organisierende Faktor. Die gesell- schaftlich notwendige Arbeitszeit bezieht sich auf einen

sich in der Vermittlung auf dem Markt vollziehenden Abstraktions- prozess. Dieser ermittelt die im Produktionsprozess durchschnitt- lich benötigte Arbeitszeit, um ein Produkt oder eine Dienstleistung gewinnbringend verkaufen zu können. Konkurs oder Profitverlust sind in diesem Prozess gewichtige

. Faktoren; ebenso der innovative Einsatz von Technologien

zur Verringerung der notwendigen (Güter-)Produktionszeit. Daher dominieren das Streben nach Profitsteigerung und Marktbeteiligung die DMV Sphäre. j Mechanisierung ist natürlich auch in der IMV Sphäre möglich, und es gab viele solcher Innovationen. In diesem Fall ist das Ziel aber nicht die gesteigerte Produktion von Gebrauchswerten in einer vorbestimmten Zeit, sondern die Reduktion der Zeit, die mit einer bestimmten Aktivität verbracht wird, üblicherweise um dadurch mehr Zeit für andere IMV Tätigkeiten zu haben. Betrachtet man zum Beispiel die Kinderbetreuung, wird deutlich, dass - selbst wenn sich manche Tätigkeiten schneller erledigen lassen - die Kinder doch prinzipiell den ganzen Tag versorgt werden müssen, und diese Zeitspanne ist nicht flexibel. (Wir kom- men darauf in Punkt 5 zurück.)

Darüber hinaus werden die jeweiligen Sphären durch verschiedene Formen der Herrschaft charakterisiert. Markt- abhängigkeit, bzw. unpersönliche abstrakte Herrschaft, organisiert die Beziehung zwischen Produktion und Repro- duktion in der DMV Sphäre über den Mechanismus der Wertabstraktion (des gleichmachenden Werts) hinsichtlich der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Die Form der „direkten Marktvermittlung“ in dieser Sphäre ist abstrakte Herrschaft, und als solche beschreibt sie einen indirekten Zwang durch den Markt („hinter dem Rücken der Produzen- ten“). Daher gibt es keine strukturelle Notwendigkeit, direkte Gewalt anzuwenden oder planvoll zu operieren, um Arbeit zuzuteilen.

Im Gegensatz dazu gibt es in der IMV Sphäre keinen Mecha- nismus, der die verschiedenen Tätigkeiten vergleicht -

das heißt: sie als gesellschaftliche bestimmt. Sie können nicht durch die abstrakte Herrschaft des Marktes und die objek- tiven Zwänge der „gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit“ vorgegeben werden, höchstens indirekt, da die Verände- rungen der Produktionsbedingun- gen wiederum die Wiederherstel- lung der erforderten Arbeitskraft außerhalb der DMV Sphäre ver-

Di ——

OUTSIDE THE BOX #6

ändern. Stattdessen spielen bezüglich der Arbeitsteilung innerhalb der IMV Sphäre andere Faktoren und Mechanismen eine Rolle, von direkter Herrschaft und Gewalt zu hierar- chischen Kooperationsformen, oder, im besten Fall, geplanter Verteilung der Tätigkeiten." Es gibt keinen objektiven Mecha- nismus um die mit diesen Tätigkeiten verbrachte Zeit zu quantifizieren bzw. „rationalisierend“ gleichzusetzen oder um zu bestimmen, wer die Tätigkeiten auszuüben hat. Versucht man diese Tätigkeiten „gleich und gerecht“ aufzu- teilen, ist eine ständige Verhandlung notwendig, weil es keine Möglichkeit gibt, die aufgewendete Zeit und Energie zu quantifizieren oder „rational“ aufzuteilen. Was heißt Küche putzen, was bedeutet es, sich für eine Stunde um ein Kind zu kümmern: Ist deine Stunde Kinderbetreuung das gleiche

wie meine Stunde der Kinderbetreuung? Diese Verteilungs- fragen müssen notwendig konflikthaft bleiben.

Il. BEZAHLT / UNBEZAHLT

Zu der Unterscheidung zwischen Produktion und Reproduk- tion haben marxistische Feministinnen häufig noch eine weitere hinzugefügt: die zwischen bezahlter und unbezahl- ter Arbeit. Wie viele vor uns finden auch wir diese Kategorien zu unpräzise und präferieren die Unterscheidung zwischen entlohnt und nicht entlohnt. Wenn wir im Folgenden die Sphären der DMV und IMV in Relation zu dem, was entlohnt

nicht in den Bereich der Entlohnung fällt, erscheint als ein Bereich der Nicht-Arbeit. Aus diesem Grund scheint tauto- logisch jegliche „Arbeit“ als das bezahlt zu werden, wasin den Bereich „Arbeit“ fällt, da niemand für das bezahlt zu wer- den scheint was er oder sie tut, wenn er/sie nicht „auf der Arbeit“ ist. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass Marx gezeigt hat, dass Entlohnung nie die lebendige Arbeit bezahlt.

Dies bedeutet offenbar nicht, dass die Frage, ob eine Tätig- keit entlohnt wird oder nicht, irrelevant ist. Tatsächlich bekommt derjenige, der nicht zur Arbeit geht, keinen Lohn. Lohnarbeit ist für die Arbeiter die einzige Möglichkeit, Zugang zu den Mitteln zu bekommen, die für seine Repro- duktion und die seiner Familie nötig sind. Die Validation durch den Lohn verändert zudem den Charakter der Tätig- keit. Wenn eine Tätigkeit, die zuvor nicht entlohnt war,

zur Lohnarbeit wird, nimmt sie Merkmale an, die jenen ab- strakter Arbeit ähneln, und zwar auch dann, wenn es sich um eine unproduktive Tätigkeit handelt. Die Tatsache, dass Arbeitskraft gegen Lohn getauscht wird, macht die Arbeits- leistung rationalisier- und vergleichbar. Dafür wird von der Arbeitskraft mindestens die gesellschaftlich durchschnitt- liche Arbeitsleistung erwartet - mit ihren jeweiligen Anforde- rungen und Eigenschaften - und diese entsprechend dem gesellschaftlichen Durchschnitt für diese Art von Arbeit regu- liert. (Die Abwesenheit von (Tausch-)Wert macht es unmög- lich sie mit irgendeiner anderen Art von Arbeit zu ver-

bzw. nicht entlohnt wird, definieren, erklären wir die

Überschneidung dieser beiden Sphä- ren mit dem Prinzip der gesell-

gleichen.) Einem Individuum, das in einem bestimmten

Zeitraum keine angemessene Leistung abliefern kann,

N Re, j 13 Die geschlechtsspezifische Verinnerlichung der Verteilung schaftlichen Validation. Nebenbei von IMV Tätigkeiten, etwas, das wir als „Naturalisierung“ werden wir versuchen heraus- bezeichnen werden, spielt hierbei offensichtlich eine wichtige zufinden, auf welcher Grundlage Rolle. In Kapitel 4 werden wir uns ausführlicher mit diesem

FOR : R R Mechanismus beschäftigen. Tätigkeiten als Arbeit bezeichnet 14 Die Tatsache, dass es keinerlei Anleitung für die Verwendung werden; also ob sie sich innerhalb des Arbeitslohnes gibt, ist interessant. Man darf damit machen dieser Produktionsverhältnisse „was man will“ - vor allem diejenigen, die ihn direkt beziehen als Arbeit qualifizieren oder nicht. - und somit wird er nicht den spezifischen Notwendigkeiten der Der Unterschied zwischen bezahlt/ IMV Sphäre (wie zum Beispiel die Größe der Familie, der

R Lebensstandard, oder die vernünftige, ökonomische Nutzung

unbezahlt auf der einen und eines bestimmten Einkommensstroms) entsprechend verteilt. entlohnt/nicht entlohnt auf der an- Dieser Punkt verdient eigentlich mehr Aufmerksamkeit, aber an deren Seite wird verschleiert durch dieser Stelle reicht es festzustellen: Der Kapitalist ist

R schlichtweg nicht dafür verantwortlich. BER GEIN EIN ORSENRRTRAREENE: 15 Vgl. MEW 23, Das Kapital, Band 1, Abschnitt Ill, Kapitel 5, dureh das, en: Nun are „Lohn- Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß. fetisch“ bezeichnen würden. 16 Zweifelsohne sind alle Tätigkeiten, die innerhalb kapitalisti-

Der Lohn ist nicht das monetäre Äquivalent der Arbeit, die der Arbeiter leistet, sondern vielmehr der Preis, den der Arbeiter für

den Verkauf seiner Arbeitskraft er- hält, gleichbedeutend mit einer bestimmten Menge an Wert, der auf die eine oder andere Weise in den Prozess der Reproduktion des Arbei- ters eingeht, da dieser am nächsten Tag wieder arbeitsfähig am Arbeits- platz erscheinen muss." Es scheint jedenfalls so zu sein, dass dieje- nigen, die für Lohn arbeiten, ihre täglichen gesellschaftlichen Ver- pflichtungen erfüllt haben, sobald der Arbeitstag zu Ende ist. Was

scher Produktionsverhältnisse stattfinden, gesellschaftlich, aber manche reproduktiven Tätigkeiten werden aufgrund die- ser Gesetzmäßigkeiten als nicht-gesellschaftlich zurückge- wiesen; sie bilden ein „Außen“ innerhalb der Totalität kapita- listischer Produktionsverhältnisse. Daher benutzen wir

die Gegenüberstellung von gesellschaftlich und nicht-gesell- schaftlich, wie sie in feministischen Ansätzen manchmal auftaucht, mit Vorsicht. Ein Problem mit dem Begriff ist, dass er die Vorstellung implizieren kann, „reproduktive Arbeit“ fände in einer „nicht-gesellschaftlichen Sphäre“ außerhalb der kapi- talistischen Produktionsverhältnisse statt, entweder in einer Art „häuslichem Produktionsverhältnis“ (siehe Christine Delphy: Close to Home. A Materialist Analysis of Women's Oppression, Hutchinson 1984), oder als Überbleibsel vergangener Produk- tionsverhältnisse. Auf dieser Grundlage könnte man argumen- tieren, dass es sich hierbei um eine andere Produktionsform handle, die aufgrund einer fehlenden Rationalisierung unge- sellschaftlich geblieben sei, und dass daher eine Vergesell- schaftlichung dieser Sphäre nötig sei. Wir denken, dass es weniger verwirrend und deutlich aufschlussreicher ist, sich den Prozess der gesellschaftlichen Validation selbst anzuschauen.

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wird es nicht gelingen, zukünftig seine Arbeitskraft zu verkaufen. Daher validiert der Lohn die Tatsa- che, dass Arbeitskraft angemessen genutzt wurde, und erkennt

sie universell als gesellschaftliche Arbeit an, egal um welche konkrete Tätigkeit es sich gehandelt haben mag, oder ob sie „produktiv“ konsu- miert wurde.

Wir müssen nun die Unterschei- dung zwischen entlohnt und nicht entlohnt betrachten, insofern als sie sich mit der zwischen IMV und DMV Sphäre überschneidet.

Wenn wir diejenigen Tätigkeiten betrachten, die entlohnt werden, beziehen wir uns auf gesellschaft- lich bestimmte Tätigkeiten;' die- jenigen, die nicht entlohnt werden, sind das Nicht-Gesellschaftliche des Gesellschaftlichen: Sie sind nicht gesellschaftlich (als „Arbeit“) anerkannt, sind aber nichtsdesto- trotz Teil der kapitalistischen Pro- duktionsweise. Dennoch, und

das ist wichtig zu beachten, gibt es keine vollkommene Entsprechung zwischen dieser Unterscheidung und jener zwischen IMV und DMV Sphäre.

| |

JEANNE NETON, MAYA GONZALES: Die Logik des Geschlechterverhältnisses

Arbeitskraft

nicht entlohnte Tätigkeiten

entlohnte IMV Sphäre (Staat, unproduktive Arbeit)

Abbildung 1: Grafische Repräsentation zum Verhältnis der IMV/DMV zu den Sphären der Entlohung/Nicht-Entlohnung

Wir stellen fest, dass es innerhalb des Zusammenspiels dieser , vier Kategorien ein paar entlohnte Tätigkeiten gibt, die in die | IMV Sphäre fallen: diejenigen, die staatlich organisiert sind

‚| (der Staatssektor). Hier kreuzt sich die IMV Sphäre innerhalb

dieser miteinander verschachtelten Kategorien mit der der Lohnarbeit. Die entlohnten IMV Tätigkeiten sind Formen staatlich organisierter Reproduktion, die nicht direkt markt- vermittelt sind (siehe Abbildung 1). Diese Aktivitäten stellen den Gebrauchswert der Arbeitskraft wieder her, aber sie sind

| entlohnt und somit gesellschaftlich als Arbeit anerkannt.

Dennoch sind diese Tätigkeiten nicht produktiv im Sinne der Wertschöpfung, und sie sind auch nicht im gleichen Maße

| von der direkten Marktvermittlung betroffen. Sie sind gesell- schaftlich, weil sie durch die gesellschaftliche Wertform

| vergütet werden. Da sie selbst keinen Wert produzieren, han-

. ) delt es sich bei diesen Tätigkeiten um Formen der Repro-

| duktion, die kollektive Kosten für das Kapital darstellen: Sie | werden indirekt durch Lohnnebenkosten und Wert-Über-

| schuss in Form von Steuern bezahlt.

Wir wollen nun die Dinge noch einmal auf den Kopf stellen

|| und uns anschauen, was der Lohn einkauft - woraus

|| der Lohn sich zusammensetzt, und was den Tauschwert der

| Arbeitskraft konstituiert. Der Lohn kauft die Waren ein,

| die für die Reproduktion der Arbeitskraft nötig sind, und er | kauft auch Dienstleistungen ein, die an dieser Reproduktion

| || mitbeteiligt sind, ob direkt (indem zum Beispiel für eine

Tagesmutter oder -vater bezahlt wird) oder indirekt (indem

| man zum Beispiel durch Steuern staatliche Aufwendungen

| für Bildung finanziert, was Teil des indirekten Lohnes ist).

| | Diese Dienstleistungen, ob sie

| wertschöpfend sind oder nicht,”

‚| haben Kosten, die sich im Tausch-

| wert der Arbeitskraft nieder- schlagen: Sie bedeuten eine Ver-

| minderung des Mehrwerts.

| Was übrig bleibt, sind die Tätig- keiten, die nicht entlohnt sind und die daher den Tauschwert der

| Arbeitskraft nicht erhöhen. Sie sind das Nicht-Gesellschaftliche des,

Sphäre.

17 Dienstleistungen, die vom Einkommen bezahlt werden, sind unproduktiv, und in diesem Sinne Teil der entlohnten IMV

18 Marx bietet eine brauchbare Beschreibung dieses Prozesses der Naturalisierung: „Die Vermehrung der Population ist eine Naturkraft der Arbeit, die nicht gezahlt wird. Naturkraft nennen wir auf diesem Standpunkt die gesellschaftlich Kraft.

Alle Naturkräfte der gesellschaftlichen Arbeit sind selbst historische Produkte.“ Vgl. MEW 42, Grundrisse, S. 314.

19 Für Marx steht die bürgerliche Gesellschaft - oder das, was in der politischen Theorie zumeist als „natürliche“ Gesellschaft bezeichnet wird - dem Staat entgegen.

Gesellschaftlichen, die Nicht-Arbeit der Arbeit (siehe Adden- dum 1). Sie sind von der gesellschaftlichen Produktion ab- geschnitten: Sie dürfen nicht nur nicht als Arbeit erscheinen, sei müssen Nicht-Arbeit sein, das heißt, sie werden natura- lisiert.' Sie konstituieren eine Sphäre, die notwendig abge- spalten sein muss um die Produktion von Wert zu ermög- lichen: die vergeschlechtlichte Sphäre.

Im nächsten Teil werden wir uns endlich den Individuen zuwenden, die dieser Sphäre zugeordnet werden.

Zuerst sollten wir uns jedoch eine andere Binarität anschau- en: öffentlich/privat.

ADDENDUM .: Über Arbeit

Wir definieren Arbeit - als Gegenstück zur Nicht-Arbeit - als eine aufgrund ihrer spezifischen Funktion und ihres spezifischen sozialen Charakters innerhalb eines gegebenen Produktions- verhältnisses gesellschaftlich validierte Tätigkeit. Es gibt auch andere mögliche Ausgangspunkte für eine Definition von Arbeit, um nur ein paar zu zitieren: der Austausch zwischen Mensch und Natur, die Verausgabung von Energie, die Unterscheidung zwischen angenehmen und unangenehmen Tätigkeiten. Wir denken allerdings, dass keine dieser Definitionen dazu nützt, den Charakter nicht entlohnter IMV Tätigkeiten zu verstehen. Diese Definitionen beziehen sich ausschließlich auf konkrete Merkmale bestimmter Tätigkeiten, und in Hinblick auf nicht entlohnte IMV Tätigkeiten führt das zu banalen oder absurden Bezeichnungen. Ist ein Kind zu trösten ein Austausch mit der Natur? Ist Schlafen eine Arbeit, mithilfe derer Arbeitskraft wiederhergestellt wird?

Ist Zähneputzen Arbeit? Oder die Zähne einer andren Person putzen? Wir glauben, dass unsere Definition von Arbeit, möge sie auf den ersten Blick auch banal erscheinen, die einzige

ist, mit der man nicht an diesen sinnlosen Fragen hängen bleibt, und dass sie den richtigen Ausgangspunkt bildet, um den spe- zifischen Charakter dieser Kategorien zu erforschen.

Ill. ÖFFENTLICH / PRIVAT

Viele benutzen die Kategorie des „Öffentlichen“ zur Bestim- mung des staatlichen Sektors. Und marxistische Feminis- tinnen benutzen den Begriff des „Privaten“ um all das

zu bezeichnen, was sich innerhalb der Sphäre des Hauses abspielt. Wir halten es für sinnvoll, an der traditionellen Dichotomie von privat und öffentlich festzuhalten, die eine Trennung des Ökonomischen vom Politischen, der Zivilge- sellschaft vom Staat, des Bourgeois vom Citoyen bedeutet.” Vor Beginn des Kapitalismus bezog sich der Begriff des Privaten auf den Haushalt bzw. oikos, und wur- de als die Sphäre des Ökonomi- schen angesehen. Mit dem Anbruch der Ära des Kapitalismus verlagerte sich die private Sphäre in ein Außen jenseits dieses Haushaltes.

Hier zeigt sich nun die Unzuläng- lichkeit des unter anderem in der feministischen Theorie gebräuchli-

50

OUTSIDE THE BOX #6°

chen Begriffs der „privaten Sphäre“ als ein Raum außerhalb der das Ökonomische mit einschließenden „öffentlichen Sphäre“. Denn das Private ist nicht nur das in der häuslichen Sphäre Angesiedelte und mit häuslichen Aktivitäten Assozi- ierte. Es ist vielmehr die Gesamtheit der Tätigkeiten inner- halb und außerhalb des Hauses. Aufgrund der strukturellen Trennung zwischen dem Ökonomischen und dem Politi- schen (politische Ökonomie) - der Ausbreitung kapitalistisch- gesellschaftlicher (Produktions-)Verhältnisse entsprechend

- wird die private Sphäre zunehmend ungreifbarer und um- fasst das Häusliche nur noch als einen Aspekt des „Ökono- mischen“ oder „Privaten“. Anders als die meisten feministi- schen Ansätze behaupten, kann daher ausschließlich für vormoder- ne Verhältnisse - hier verstanden

als vor der kapitalistischen Trennung zwischen dem Politischen und dem Ökonomischen - gesagt werden, dass die private Sphäre dem Haushalt entsprach. In der Ära des modernen Kapitalismus umfasst die Reich- weite der privaten Ausbeutung dagegen die Gesellschaft im Ganzen. Was aber ist das „Öffentliche“, wenn das Private die Gesamt- heit aller produktiven und reproduktiven Tätigkeiten um- fasst? Marx behauptet, dass das Öffentliche eine Abstraktion der Gesellschaft in Form des Staates sei. Diese politische

und juristische Sphäre, jenseits der tatsächlichen Spaltungen und Differenzen, die die Zivilgesellschaft ausmachen, ist

die Realabstraktion des Rechts. Für Marx muss es diese Abstraktion oder Trennung geben, damit die formale Gleich- heit (die natürlich mit Klassenunterschieden einher geht), die für den eigennützigen Privatbesitzer notwendig ist, um ohne staatliche Einschränkung Kapital zu akkumulieren, erreicht und erhalten werden kann. Das ist es, was den mo- dernen, den kapitalistischen Besitzverhältnissen entspre- chenden Staat von anderen Produktionsverhältnissen unter- scheidet, ob monarchisch oder antik demokratisch.

Das bedeutet, dass im modernen kapitalistischen Staat die „öffentliche Sphäre“ kein tatsächlich existenter Ort, sondern eine abstrakte „Gemeinschaft“ „gleichberechtigter Bürger“ ist. Die Unterscheidung zwischen der Sphäre der ökono- mischen Beziehungen und der des Politischen - inklusive ungleicher Verhältnisse vermittelt durch Beziehungen zwischen „abstrakt gleichen Bürgern“ - macht die „Bürger“ hinsichtlich des Staats und seinen Bürgerrechten somit ausschließlich formal gleich. Als Ergebnis dessen erscheinen diese „Individuen“ auf dem Markt als Gleiche - obwohl sie im „realen Leben“ (der privaten Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft) alles andere als gleich sind.?° Diese Abstraktion, „das Öffentliche“, existiert, genau weil die direkt marktver- mittelte Sphäre durch den Markt vermittelt ist, als Ort

der Vermittlung zwischen privaten Arbeiten, die unabhän- gig voneinander in privaten, von (eigennützigen) Privat- Individuen geführten Betrieben produziert werden.

Was ist das Verhältnis von einerseits den Sphären des Öffentlich/Privaten, Politischen/Ökonomischen, Staat und Zivilgesellschaft, und andererseits der Sphären der direkten und der indirekten Markt-Vermittlung? Der Treffpunkt die- ser Sphären markiert den Moment - ihrer konstitutiven Trennung und

Wenn eine Tätigkeit, die zuvor nicht entlohnt war, zur Lohnarbeit wird, nimmt sie Merkmale an, die jenen abstrakter Arbeit ähneln, und zwar auch dann, wenn es sich um

eine unproduktive Tätigkeit handelt.

20 Vgl. MEW 1, Zur Judenfrage.

definiert diejenigen, die zur einen, nicht aber zur andren ge- hören, als verschieden. Der Unterschied bestimmt sich da- nach, ob die Individuen, die vom Staat als solche anerkannt werden, die ihnen innewohnende Ware Arbeitskraft direkt als ihr Eigentum tauschen, oder - falls dieser Tausch indirekt vermittelt ist - durch diejenigen, die untereinander formal gleich sind. Nun sind wir bereit, uns die Individuen anzuschauen, die den jeweiligen Sphären zugeordnet wurden. Was wir als erstes sehen, wenn wir zum Anbeginn dieser Produktions- weise zurückgehen, sind Individuen, die unterschiedliche Rechte haben, die qua Gesetz zu zwei verschiedenen juristi- schen Einheiten erklärt werden: Männer und Frauen. Wir werden später, wenn wir die sex/gender- Binarität untersuchen, sehen, wie diese juristische Ungleichheit in die „biologischen“ Körper der Indi- viduen eingeschrieben wurde. Zunächst müssen wir begreifen, wie die Dichotomie zwischen öffentlich und privat den Ausgangspunkt dafür bildet, die Individuen als Männer und Frauen in den verschiedenen Sphären zu verankern. Darin reproduzieren die Individuen die kapitalistische Totalität nicht nur durch ihre unterschiedliche Rechte auf Besitz allgemein, sondern auch durch unterschiedlichen Rechte in Bezug auf jenes Eigentum, das sie als und in ihrer Person besitzen. Diese besondere Form des Besitzes ist für die generalisier- ten Lohnverhältnisse notwendig, weil der Wert formale Gleichheit zwischen den Warenbesitzern voraussetzt, damit der „freie“ Tausch (Kapital und Arbeitskraft) stattfinden kann; trotz der Tatsache, dass es eine strukturelle „reale“ Ungleichheit zwischen zwei unterschiedlichen Klassen gibt: denen, die die Produktionsmittel besitzen, und denen, die von dieser Art Besitz enteignet sind. „Freier Tausch“ kann aber nur auf Grundlage der Verleugnung dieses Klassen- unterschiedes stattfinden, durch eine Verschiebung zuguns- ten einer anderen Binarität: Bürger und Andere, also als ein Unterschied nicht zwischen zwei einander entgegen ge- setzten Klassen, sondern zwischen den Mitgliedern der jeweils eigenen Klasse. Um die bourgeoise Form der Produk- tion zu begründen war es nicht notwendig, unter dem Zeichen des „Bürgers“ allen Arbeitern und Arbeiterinnen Gleichheit zu garantieren. Historisch bezeichnet der Begriff des „Bürgers“ nur eine bestimmte Kategorie, zu der sowohl Besitzende als auch gewisse Proletarier gehören können. Während die kapitalistischen Rechtsverhältnisse Klasse durch die Wiederherstellung des Unterschieds zwischen Bürgern und Anderen verleugnen, stellen die historischen Bedingun- gen, unter denen sich die bürgerliche Produktionsweise konstituiert hat, selbst verschiedene Formen der Unfreiheit dar. Aus diesem Grund entspricht die Aufteilung in Bürger und Andere den Kategorien männlich (weiß) und nicht-(weiß) männlich. Im Kontext der Sklaverei in Nordamerika war die Klassifika- tion als „weiß“ beispielsweise notwendig um den Besitzan- spruch der Herren über die Sklaven zu erhalten. Auch Frauen wurden als „Andere“ klassifiziert, aber, wie wir noch sehen werden, aus anderen Gründen. Ein Aspekt der hier erwähnt werden

JEANNE NETON, MAYA GONZALES: Die Logik des Geschlechterverhältnisses

soll, ist, dass innerhalb des Verhältnisses weiß/person of colour/Frau die Erhaltung der Reinheit des „weißen Herrn“

- als Gegenstück zum „schwarzen Sklaven“ - von größter Bedeutung war; genau wie die strenge Erhaltung des Herren- signifikanten der Gleichheit („weißes Blut“ und deswegen „weiße Mütter“) über kommende Generationen der bürgerli- chen Gesellschaft hinweg. Aus diesem Grund wurde auch die Trennung zwischen weißen und nicht-weißen Frauen sowohl bezüglich der plantagenbasierten Warenproduktion in der Neuen Welt als auch im Kontext des erstarkenden industriellen Kapitalismus streng kontrolliert, um eine solche Klassensystematik zu erhalten.?'

Dennoch konstituiert sich die Bürger/Andere-Binarität inner- halb dieser Produktionsform nicht auf Grundlage einer negativen Definition der Sklaverei (als konstituierende Form des gesellschaftlichen Ausschlusses), sondern auf der der „freien Arbeit“, bestehend aus denjenigen, die im Besitz der- selben formalen Gleichheit sind (im Gegensatz zu denen,

die diesen Status nicht haben). „Freie Arbeit“, wie Marx sie definiert hat - also die technische Definition von Freiheit

für den Lohnarbeiter - erfordert das, was man als „doppelte Freiheit“ bezeichnen könnte:

„Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Waren- markt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er

als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware , verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Ver- wirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“??

Aber sind Frauen nicht immer schon Lohnarbeiterinnen gewesen? Natürlich sind sie das. Seit Beginn des Kapitalismus || waren Frauen Trägerinnen von Arbeitskraft, und ihre Kapa- zität zu arbeiten ist vom Kapital genutzt worden - aber

|| erst seit relativ kurzer Zeit sind sie auch Besitzerinnen ihrer

| | Arbeitskraft mit „doppelter Freiheit“. Vor Beginn des letzten | Vierteljahrhunderts waren Frauen zwar in der Tat frei von Produktionsmitteln, aber sie hatten nicht die Freiheit, ihre Arbeitskraft als ihre eigene zu verkaufen.? Die Freiheit

I) des Rechts auf Eigentum, welche die Freiheit der Arbeitswahl

beinhaltet, galt historisch nur für manche und auf Kosten

' anderer. Diejenigen, die für politische und „öffentliche“ Frei- heit kämpften, befanden sich in einer Zwickmühle. Sie

| waren gezwungen sich argumentativ auf ihre („andersar-

|) | tige“) Gleichheit zu beziehen, während sie gleichzeitig in

| | einem Interessenkonflikt mit denjenigen Anderen standen, | die den gleichen Kampf um Frei- || heit unter anderen Bedingungen | kämpften.

| Dies stimmt insbesondere für die 23 | Frauen, die gefangen waren zwi-

' schen der Forderung nach Freiheit als vollständige, gleiche Menschen, und der Freiheit als Andere. Das liegt daran, dass ihre „tatsächliche , Differenz“ im Kapitalismus

nicht bloß ideell oder ideologisch, sondern im Körper verankert ist, und dass sie strukturell repro- duziert wird durch Praktiken, die

#3, September 2013.

selbst zur Sprache brächte.

21 Vgl. Chris Chen: The Limit Point of Capitalist Equality, Endnotes

22 MEW 23, Das Kapital, Band 1, S. 183.

In Frankreich war es Frauen bis 1965 nicht erlaubt, ohne das Einverständnis ihres Ehemanns Lohnarbeit auszuüben. In Westdeutschland dauerte es sogar bis 1977 - siehe Teil V unten. 24 Wir glauben an die Notwendigkeit einer Klassenanalyse, die die Verstrickungen diverser Unterschiede innerhalb einer Klasse zu begreifen versucht, dabei jedoch gleichzeitig den je spezifischen Formen der Unterdrückung im Verhältnis zum Kapital gerecht wird. Kurz gesagt konnte die proletarische Identität, als eine auf einer gängigen Form der Unfreiheit basierenden Abstraktion, noch nie jeden Einzelnen erfassen, noch nicht mal auf der denk- bar abstraktesten Ebene. Eine deutlich nuanciertere Analyse wäre vonnöten - eine, die die Problematik der „Arbeiteridentität“

Frauen als anders definieren. Diese „tatsächliche Differenz“ ist gefangen in einem Netz einander begründender und ver- stärkender Beziehungen, die notwendigerweise Bürger,

Staat und Öffentlichkeit voraussetzen und von denen Frauen einerseits Bürger- und Menschenrechte, andererseits aber auch reproduktive Rechte einklagen.

Auch wenn es daher stimmt, dass die formale Freiheit eine Vorbedingung für Wertschöpfung und Tausch war, war das, was sich dadurch organisiert hat - die Gesellschaft bürger- licher Individuen -, dennoch notwendig für die fortdauernde Reproduktion der öffentlichen bzw. rechtlichen Sphäre.

Das Recht, „gleich zu sein“ und damit gleich frei, organisiert nicht selbst die Verteilung von Besitz, genauso wenig wie

es die Bedingungen der Möglichkeiten von Kapitalakkumu- lation organisiert. Diese beiden Sphären ziehen sozusagen an einem Strang. Wenn dies nicht der Fall wäre, wäre es mög- lich, die aktuell existierenden Formen historisch-spezifischer „Unterschiede“ durch gesetzliche und politische Handlun- gen innerhalb des Staates zu beseitigen. Dies würde auf eine Abschaffung der privaten durch die öffentliche Sphäre hinauslaufen - eine Revolution durch Reformation, struk- turell unmöglich.

„Gleichheit“ als doppelte Freiheit bedeutet Freiheit zur strukturellen Enteignung. Das soll nicht heißen, dass es sich nicht lohnt. Die Frage ist, ob es sich auch für das Kapital,

den Staat und die mit ihm einhergehenden Unterdrückungs- apparate lohnt? Wie die meisten von uns persönlich bezeu- gen können, dauert die Einteilung in zwei Geschlechter wei- ter an, lange nachdem rechtliche Gleichstellung und öko- nomische Freiheit für die Mehrzahl der Frauen erreicht wur- de. Wenn es tatsächlich die juristische und ökonomische Ungleichheit war, die Frauen in der indirekt marktvermittel- ten Sphäre gehalten hat, warum hat ihre zunehmende Abschaffung die Frauen dann nicht von der Kategorie „Frau“ und der vergeschlechtlichten Sphäre der Reproduktion „befreit“?

Doppelte Freiheit und der geschlechtsblinde Markt

Wenn man sich die Geschichte des kapitalistischen Produk- tionsverhältnisses anschaut, fällt auf, dass Ungleichheiten, sobald sie durch gesetzliche Mechanismen abgesichert sind, häufig ein Eigenleben entwickeln, womit ihre gesetzliche Grundlage überflüssig wird. Als Frauen in vielen Ländern langsam aber sicher gleiche Rechte in der öffentlichen Sphäre bekamen, waren die Mechanismen, die die Ungleichheit in der „pri- vaten Sphäre“ - auf dem Arbeits- markt - verstärkten, bereits so

sehr etabliert, dass sie erscheinen konnte, als läge ihr eine mysteri- öse natürliche Ordnung zugrunde. Ironischerweise ist es niemand anderes als der „geschlechtsblinde Markt“, der die Reproduktion der beiden vergeschlechtlichten Sphä- ren und die Verankerung von Frauen in der ihnen zugewiesenen Sphäre konstant aufrechterhält.

52

n ganz konkret dafür, ein Geschlecht

OUTSIDE THE BOX #6

Er tut dies nicht durch eine direkte Unterscheidung von Männern und Frauen, sondern durch Preisunterschiede bzw. den Tauschwert ihrer Arbeitskraft. Wenn Arbeitsmärkte

als Märkte funktionieren wollen, müssen sie tatsächlich „ge- schlechtsblind“ sein. Märkte, als Ort des Tauschs von Äqui- valenten, sollen logischerweise konkrete Unterschiede durch den bloßen Vergleich abstrakter Werte verwischen. Wie

aber kann dieser geschlechtsblinde Markt nun die Geschlech- terdifferenz reproduzieren?

Wenn eine Gruppe von Individuen, Frauen, bestimmt wird als „die, die Kinder bekommen“ (siehe Addendum 2), und wenn diese soziale Tätigkeit, „Kinder bekommen“, strukturell gesehen ein Handicap? darstellt, sind Frauen diejenigen,

die mit einem potentiellen Nachteil in den Arbeitsmarkt ein- treten. Diese systematische Differen- zierung - durch das marktbestimm- te Risiko des „Schwangerschafts- Potentials“ - verankert diejenigen, die den Signifikanten „Frau“ verkörpern, in der IMV Sphäre. Das Kapital als „geschlechtsblinde“ Abstraktion bestraft Frauen also

zu haben; und das obwohl die „sexuelle Differenz“ von den kapi- talistisch-gesellschaftlichen Verhält- nissen hergestellt wird und für die Reproduktion des Kapitalismus selbst notwendig ist. Man könnte sich eine hypothetische Situation vorstellen, in der ein Arbeitgeber nicht nach dem Geschlecht der Bewerber fragt, sondern schlichtweg nur diejenigen in Betracht zieht, die über „die höchste Mobilität verfügen“ und rund um

die Uhr, sieben Tage die Woche, belastbar und zuverlässig sind - die Geschlechterdiskriminierung würde auch hier genau so stark ausfallen wie immer. Als ein offensichtlicher Widerspruch wird die Frau, sobald die geschlechtliche

Differenz strukturell definiert und reproduziert wird, als

Trägerin der Arbeitskraft mit den höheren sozialen Kosten

" zuderen Gegenteil: die Ware Arbeitskraft mit dem gerin-

geren Preis. Tatsächlich sind die besser entlohnten Arbeiten - solche, die tendenziell für mehr als die Reproduktion einer einzigen Person aufkommen können - diejenigen, die ein gewisses Level an Fähigkeiten erfordern. Innerhalb der qualifizierten Arbeitssektoren sind Kapitalisten bereit, in die Qualifikation ihrer Arbeiterinnen und Arbeiter zu investieren, weil sie wissen, dass sie auf lange Sicht davon profitieren. Aus diesem Grund werden sie diejenige Arbeitskraft bevorzugen, die

mit größter Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum zur Verfügung stehen wird. Wenn es ein höheres Risiko gibt, dass die Arbeiterin das Arbeitsverhältnis vorzeitig beendet, ist sie keine so gute Investition und wird aus diesem Grund zu einem niedrigeren Preis gehan- delt. Dieses Billigpreisschild, das jenen aufgeklebt wird, die so aussehen, als könnten sie „Kinder kriegen“, steht mit den Fähigkeiten, die sich im Kontext der IMV Sphä- re ausbilden, in keinem direkten Zusammenhang. Obwohl die Sphä- re, in die die Frau verbannt wird,

Das Kapital als „geschlechtsblinde“ Abstraktion bestraft Frauen also ganz konkret dafür, ein Geschlecht zu haben, und das obwohl die „sexuelle Differenz“ von den kapitalistisch- gesellschaftlichen Verhältnissen herge- stellt wird und für die Reproduktion des Kapitalismus selbst notwendig ist.

25 Weil die Herstellung der nächsten Arbeitergeneration, die für einen bestimmten Zeitraum ihres Lebens keine ArbeiterInnen sind, Kosten für das Kapital darstellt, die es verleugnet, und weil diese Tätigkeit (der Herstellung zukünftiger Arbeiter) zur Nicht-Arbeit erklärt wird, die der Arbeit Zeit stiehlt.

26 Anm. d. Ü.: Anders als im Englischen ist die Trennung von sex und gender im Deutschen jenseits akademisch/linker Kreise eher nicht gängig: Der deutsche Begriff des „Geschlechts“ beinhaltet beides. In der Übersetzung finden sich, je nach Kontext, sowohl die englischen als auch der deutsche.Begriff.

voller Tätigkeiten ist, die eine lebenslange Ausbildung erfor- dern, erhöht dies den Preis der weiblichen Arbeitskraft nicht - denn kein Arbeitgeber muss für den Erwerb dieser Quali- fikationen bezahlen. Infolge dessen kann das Kapital die Arbeitskraft von Frauen kurzfristig und zu niedrigen Prei- sen für sich nutzen.

Tatsächlich bedeutet die generelle Tendenz der „Feminisie- rung“ also keine Vergeschlechtlichung des geschlechts- blinden Marktes, sondern eher die Entwicklung des Kapitals hin zur Nutzung billiger, flexibler und kurzfristig verwend- barer Arbeitskräfte, die zunehmend unqualifizierter sind und unter postfordistischen, globalisierten Bedingungen der Akkumulation auf Zuruf bereitstehen. Wir müssen diese De- finition von Feminisierung als grundlegend erkennen bevor wir uns dem Anwachsen des Dienst- leistungssektors sowie der stei- genden Bedeutung von Pflege- und Sorgearbeit zuwenden - die wie- derum integraler Bestandteil des sogenannten „feminisation turn“ ist. Dieser Wandel kommt zustande aufgrund der sich historisch aus den kapitalistisch-gesellschaftlichen Verhältnissen entfaltenden Dyna- mik, einem Prozess, den wir unsin den letzten beiden Kapiteln anse- hen werden. Aber zuerst müssen wir zusammenfassen, was wir bisher über Geschlecht herausge- funden haben und den Versuch einer Definition wagen. Dies erfordert die Analyse und Kritik einer anderen gängigen Binarität:?° sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht).

IV. SEX / GENDER

Wir sind nun bereit die Geschlechterfrage anzugehen.

Was also ist Geschlecht? Für uns ist es die Verankerung einer bestimmten Gruppe von Menschen in einer spezifischen Sphäre sozialer Tätigkeiten. Das Resultat dieses Veranke- rungsprozesses bedeutet gleichzeitig auch die kontinuierliche Reproduktion zweier voneinander getrennter Geschlechter. Diese Geschlechter konkretisieren sich als eine Ansammlung idealer Eigenschaften, die sie als „weiblich“ oder „männlich“ definieren. Diese Eigenschaften selbst, als eine Liste von Handlungs- und psychologischen Verhaltensweisen, haben sich jedoch mit der Entwicklung des Kapitalismus verändert; sie gehören zu spezifischen Zeiten; sie korrespondieren

mit bestimmten Teilen der Welt; und selbst innerhalb dessen, was wir den „Westen“ nennen, werden sie nicht in gleichem Maße allen Menschen zugeschrieben. Als Binarität jedoch existieren sie ohne Rücksicht auf Zeit und Raum in Relation zueinander, auch wenn ihre Erscheinungsform sich beständig verändert.

Sex ist das Gegenstück zu gender. Im Anschluss an Butler kritisieren wir die Binarität von sex/gender wie man sie in der feministischen Literatur vor 1990 findet. Butler zeigt zu Recht auf, dass sowohl bio-

JEANNE NETON, MAYA GONZALES: Die Logik des Geschlechterverhältnisses

ADDENDUM 2: Frauen, Biologie und Kinder

Die Definition von Frauen als „diejenigen, die Kinder bekom- men‘, setzt eine notwendige Verbindung voraus zwischen 1. dem „Besitz“ eines bestimmten Organs, des Uterus, 2. dem Austra- gen eines Kindes, also Schwangerschaft, und 3. einem spezifi- schen Verhältnis zum Ergebnis dieser Schwangerschaft. Wenn man diese drei Gegebenheiten miteinander vermengt, wird dadurch zweierlei verdeckt:

1) Zum Einen die gesellschaftlichen Mechanismen, die verhin- dern, begünstigen oder erzwingen, dass und wie oft eine Person mit Uterus schwanger wird.?’ Zu diesen Mechanismen gehört: die Institution der Ehe, die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln, die Durchsetzung der Heterosexualität als Norm, und (zumin- dest früher und an manchen Orten der Welt noch immer) das Verbot bzw. die Scham angesichts sexueller Praktiken, denen kein Schwangerschaftsrisiko innewohnt (oral, anal, etc.).

2) Zum Anderen die sich wandelnde Definition dessen, was ein Kind ist und welches Ausmaß an Fürsorge es benötigt. Während Kinder zu früheren Zeiten als halb-tierische, halb-menschliche Kreaturen angesehen wurden, die lediglich gesäubert und gefüttert werden mussten bis aus ihnen irgendwann kleine Erwachsene wurden - das heißt: bis sie in der Lage waren zu arbeiten -, tendieren die modernen Annahmen über die Kindheit und deren Erfordernisse dazu, aus dem „Kinderkriegen“ ein lebenslanges Projekt zu machen.

logisches als auch soziales Geschlecht gesellschaftlich konstituiert sind und darüber hinaus, dass es die „Verknüp- fung“ oder Paarung von gender und Kultur ist, die sex auf die Naturseite im Gegensatzpaar Natur/Kultur verwiesen hat. Auch wir behaupten, dass sex/gender binäre gesellschaftliche Kategorien sind, die gender denaturalisieren während sie

sex gleichzeitig naturalisieren. Für uns ist sex die Naturalisie- rung der auf Körper projizierten Dualität der Geschlechter, bei der verschiedene biologische Differenzen zu vereinheit- lichten Ähnlichkeiten verdichtet und naturalisiert werden. Während Butler über eine Kritik der existentialistischen Onto- logie des Körpers zu diesem Schluss kam, ® sind wir über

die Analogie mit einer anderen gesellschaftlichen Erschei- nung darauf gestoßen. Der Wert benötigt, wie das soziale Geschlecht, einen „natürlichen“ Pol (das heißt (s)eine konkre- te Manifestation). Die doppelte Beziehung zwischen sex

und gender, als zwei Seiten der gleichen Medaille, entspricht in der Tat dem Doppelcharakter der Ware und dem darin liegenden Fetischmoment. Wie zuvor ausgeführt besitzt jede Ware, auch Arbeitskraft, sowohl einen Gebrauchswert als auch einen Tauschwert. Das Verhältnis zwischen Waren beschreibt ein gesellschaftliches Verhältnis von Dingen auf der einen und eine verdinglichte Beziehung der Menschen auf der anderen Seite.

Dieser Analogie folgend ist sex der materielle Körper, der

sich wie der Gebrauchswert am Tauschwert festmacht. Der Geschlechts-Fetisch beschreibt ein gesellschaftliches Verhältnis, das auf diesen Körpern ausgehandelt wird und es dadurch als natürliche Eigenschaft dieser Körper erschei- nen lässt. Während gender die Abstraktion der sexuellen Differen-

27 Vgl. Paola Tabet: Natural Fertility, Forced Reproduction, in: Diana Leonard/Lisa Adkins (Hg.): Sex in Question. French Materialist Feminism, Taylor and Francis 1996.

28 Vgl. ihre Kritik an Simone de Beauvoirs "unkritischelr] Reproduktion der Cartesianischen Unterscheidung zwischen Freiheit und Körper...”. Judith Butler: Gender Trouble, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, S.31.

zen von allen ihren konkreten Charakteristika ist, transfor- miert und bestimmt diese Abstraktion den Körper, dem

sie zugeschrieben wird - eben so wie die Realabstraktion des Werts den materiellen Körper der Ware verwandelt. Ge- schlecht als gleichzeitig Biologisches und Soziales verleiht dem Körper, dem es zugeschrieben wird, eine natürliche Erscheinung („mit einer geisterhaften Objektivität“), als wäre der soziale Inhalt des gender in die Haut der einzelnen Personen eingeschrieben.

Die Postulierung einer Übergeschichtlichkeit des sex gleicht in seiner Form einer verkürzten Kritik des Kapitals, die be- hauptet, dass der Gebrauchswert eine anthropologische Kon- stante und keine historische, dem Kapitalismus eigene Erscheinung ist. Der Gebrauchswert wird hier gedacht als das, was als positiver Rest nach der Revolution erhalten bleibt - er erscheint als das aus der Umhüllung durch den Tausch- wert Befreite. Bezüglich unserer Analogie zu sex/gender wür- den wir einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass sowohl gender als auch sex geschichtlich bestimmt sind. Beide sind vollkommen gesellschaftlich und können nur gemein- sam abgeschafft werden - wie auch Tauschwert und Gebrauchswert beide abgeschafft werden müssen im Prozess der Kommunisierung. In diesem Sinne entspricht unsere feministische, wertkritische Analyse Butlers Kritik insofern, als wir beide die Binarität des Geschlechts als gesellschaft- lich bestimmt und durch der Moderne inhärente gesellschaft- liche Verhältnisse produziert sehen.

Die Denaturalisierung des sozialen

Geschlechts (gender)

Aber Geschlecht ist keine statische gesellschaftliche Form. Gender als Abstraktion wird zunehmend denaturalisiert und lässt sex immer mehr als das Konkrete und Biologische erscheinen. Anders gesagt - wenn sex und gender zwei Sei- ten der gleichen Medaille sind, ist das Verhältnis von gender zu seinem naturalisierten Gegenstück nicht gleichbleibend. Es gibt eine potentielle „Unstimmigkeit“ zwischen den beiden, die von manchen als „troubling“ bezeichnet wird und die wir unter dem Begriff „Denaturalisierung“ fassen. Mit der Zeit wird gender immer abstrakter und definiert damit das biologische Geschlecht mit wachsender Willkür. Die zunehmende Markt- und Warenförmigkeit des sozialen Geschlechts scheint es mehr und mehr von naturalisier-

ten biologischen Belangen zu de-naturalisieren. Man könnte sagen, der Kapitalismus selbst dekonstruiert und denatura- lisiert gender. Natur - deren wachsendes Überflüssig-Werden in Kontrast zur beständigen Notwendigkeit des gender steht - erscheint eher als Voraussetzung von gender denn als

sein Effekt. In gewohnteren Begriffen, die das „Problem“ des Kapitals mit Arbeit reflektieren: „Natur“ (die „natürliche“ Seite der sex/gender-Zweiheit) wird zunehmend überflüssig für die generationelle Reproduktion des Proletariats, wäh- rend die „Kosten“ die dem „weib- lichen“ Körper zugeschrieben sind - oder dem Gegenstück zum sex - als Tendenz zur Feminisierung zunehmend zwingende Notwendig- keit der Kapitalakkumulation werden.

OUTSIDE THE BOX #6

Daher ist die Reproduktion des Geschlechts von äußerster Bedeutung - als Arbeitskraft mit geringen Kosten - während eine proletarische Reservearmee als überflüssige Bevölke- rung zunehmend unbrauchbar wird.

Was das weibliche Geschlecht darstellt - das, was als gesell- schaftlich in den „naturalisierten“ und „sexualisierten“ Körper eingeschrieben ist - ist nicht nur eine Anzahl „weib- licher“ oder geschlechtlicher Eigenschaften, sondern im Grunde ein Preisschild. Biologische Reproduktion ist ein gesellschaftlicher Kostenfaktor,

der der durchschnittlichen (männ- lichen) Arbeitskraft äußerlich ist; sie wird zur Bürde derjenigen, denen diese Kosten zugeteilt werden - egal ob sie Kinder haben können oder wollen. Auf diese Weise wird eine Abstraktion, ein geschlechtlicher Durchschnitt, auf die Verwaltung der Körper zurückgespiegelt, genau so wie der Tauschwert, ein blin-

der Marktdurchschnitt, auf die Pro- duktion einwirkt und damit den organisierenden Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Arbeitsteilung formt und verändert. In diesem Sinne spielen sich die Ver- änderungen der Bedingungen des Geschlechterverhältnisses hinter dem Rücken derer ab, die es bestimmt. Und in die- sem Sinne wird Geschlecht fortwährend durchgesetzt und naturalisiert.

V. DIE GESCHICHTE DES GESCHLECHTS IM KAPITALISMUS: Von der Entstehung

der IMV Sphäre zur Kommodifizierung von geschlechtsspezifischen Tätigkeiten

Um den dialektischen Prozess von Naturalisierung und Denaturalisierung zu verstehen, müssen wir zunächst noch einmal die Veränderungen innerhalb des Geschlechterver- hältnisses im Laufe der kapitalistischen Produktionsweise nachvollziehen und versuchen, diese geschichtlich einzuord- nen. Dafür könnte man mehrere Aspekte als Ausgangspunkt nehmen. Wir entscheiden uns für eine geschichtliche Ein: ordnung entlang der Entwicklung der Familie, weil diese die ökonomische Einheit ist, in der die beiden Sphären (IMV und DMV), die die Reproduktion der Lohnabhängigen bestimm- ten, zusammenkommen. Damit wollen wir herausfinden, in- wiefern ein Wandel der Familienform mit Veränderungen im Verwertungsprozess von Arbeit korrespondiert.

a) Die ursprüngliche Akkumulation und

die Großfamilie

Eines der wesentlichen Probleme, das sich der kapitalis- tischen Klasse in der Epoche der ursprünglichen Akkumula- tion stellte, war, wie man ein Verhältnis zwischen der DMV und der IMV Sphäre herstellen konnte, innerhalb dessen Ar- beiter einerseits gezwungen sind, einzig durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft zu überleben, und

Was das weibliche Geschlecht dar- stellt - das, was als gesellschaftlich in den „naturalisierten“ und „sexualisi- erten Körper eingeschrieben ist - ist nicht nur eine Anzahl „weiblicher“ oder geschlechtlicher Eigenschaften, sondern im Grunde ein Preisschild.

29 Vgl. Michael Perelman: The Invention of Capitalism. Classical Political Economy and the Secret History of Primitive Accumu- lation, Duke University Press 2000.

andererseits gerade genug Privateigentum besitzen um sich weiterhin selbst erhalten zu können ohne die Kosten für die Arbeitskraft zu steigern.?” Tatsächlich musste die IMV Sphäre in ihrer Entstehung zwar so viel der Reproduktion der Arbeitskraft wie möglich übernehmen - um so umfassend wie möglich zu sein -, aber doch nur gerade so viel, dass durch die Selbstversorgung die Notwendigkeit des Verkaufs der Ware Arbeitskraft auf dem Markt nicht gefährdet wurde. War die IMV als Ergänzung zum Lohn der DMV Sphäre untergeordnet, so bildete sie zugleich die notwendige Voraussetzung des Lohnverhältnisses und der kapitalis- tischen Ausbeutung sowie deren unmittelbares Resultat.

Im Übergang vom 18. zum 19. Jahr- hundert wurde die Familie - zentral verortet im Eigenheim als Produk- tionseinheit - die wirtschaftliche Einheit zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft, in der die beiden Sphä- ren miteinander vermittelt sind.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es noch keine Rentenversicherung gab und Kinder bereits im jungen Alter arbeiten gehen mussten, hauste die Familie jedoch noch

mit mehreren Generationen unter einem Dach. Zudem wur- den die Tätigkeiten der IMV Sphäre nicht von den verheira- teten Frauen allein, sondern mit der Unterstützung von Kin- dern, Großmüttern, weiblichen Verwandten und sogar Untermieterinnen geleistet. Und obwohl nur der männliche Erwachsene der Familie auf legalem Weg einen Lohn erwer- ben konnte, bedeutete dies keinesfalls, dass nicht auch Frauen und Kinder außerhalb des Hauses arbeiteten.

So waren zu Beginn der Industrialisierung ein Drittel aller Arbeitskräfte Frauen. Genauso wie Kinder konnten sie nicht selbständig darüber entscheiden, ob und wo sie einen Job annahmen, oder welcher Arbeit sie nachgehen wollten;

sie wurden mehr oder weniger direkt von ihren Ehemän- nern und Vätern angestellt. (Marx verglich diese Praxis auch mit bestimmten Formen des Sklavenhandels: Der männliche Kopf der Familie verhandelte über den Preis der Arbeits- kraft seiner Frau und Kinder und konnte das Angebot akzep- tieren oder ablehnen. Nicht zu vergessen, dass Frauen in einigen Ländern wie Frankreich und Deutschland erst seit den 1960er oder 70er Jahren das Recht haben, ohne Einwil- ligung des Ehemannes zu arbeiten.) Die Tatsache jedoch, dass Frauen außerhalb des Hauses arbeiteten, war alles ande- re als Ausdruck der Emanzipation der Frauen oder der modernen Ansichten ihrer Ehemänner, sondern ein deutli- ches Zeichen von Armut. Auch wenn von einigen Frauen erwartet wurde, dass sie zu Hause blieben, sofern die Familie es sich leisten konnte (wo sie dann oft häusliche Produktions- arbeit leisteten, insbesondere für die Textilindustrie), gab

es viele Frauen, die nie heirateten - weil es schlicht zu teuer war -, die nicht schwanger werden und keine eigene Familie gründen sollten. Junge Frauen wurden häufig als Dienst- mädchen und Hausarbeiterinnen in andere Familien gesandt und blieben „offiziell“ Single. Für diese Zeit gilt daher, dass Frauen zwar immer für die IMV Sphäre und Männer für den Lohn (man könnte sagen: per Defi- nition) verantwortlich waren, dass

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JEANNE NETON, MAYA GONZALES: Die Logik des Geschlechterverhältnisses

aber dennoch die beiden Geschlechter nicht mit den beiden Sphären in eins fielen.

b) Die Kleinfamilie und der Fordismus

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die auch als die zweite industrielle Revolution bezeichnet wird, gab es einen großen Sprung in Richtung der Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen. Zunächst, nach Jahrzehnten der Arbeitskämp- fe, kam es erstmals zu einer Einmischung von Seiten des Staates, der die Arbeit von Frauen und Kindern beschränken wollte, weil er sich mit einer Krise der Reproduktion der Arbeitskraft konfrontiert sah. Höher qualifizierte Arbeits- kräfte wurden erwartet (so wurde etwa die Lese- und Schreibfähigkeit zunehmend wichtig, um einen Job zu bekommen), und der Erziehung und Bildung von Kindern wurde wachsende Aufmerksamkeit geschenkt. Es entstand die neue Kategorie der Kindheit, mit all ihren Anforde- rungen und Entwicklungsphasen. Die Betreuung von Kin- dern wurde zu einer komplexen Aufgabe, die nicht mehr länger einfach von älteren Geschwistern übernommen wer- den konnte.”

Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt im Fordismus und seinen neuen Standards des Konsums und der Reproduktion. Mit der Verallgemeinerung von Rentenansprüchen wie bei-

spielsweise der Unterbringung im Altersheim wurden die Haushalte individualisiert und damit die Generationen von- einander getrennt. Die familiären Zuständigkeiten wurden strikt entlang der beiden Sphären zwischen Ehemann und Ehefrau aufgeteilt. IMV Tätigkeiten, die vorher in der Regel von vielen Frauen gemeinsam verrichtet worden waren (etwa Wäsche waschen), wurden nun zur alleinigen Verant- wortung einer erwachsenen Frau innerhalb ihres eigenen Haushalts. Das Leben einer verheirateten Frau beschränkte sich damit oftmals vollständig auf die IMV Sphäre. Sie wurde zum Schicksal vieler Frauen, und ihr ganzes Leben (einschließ- lich ihrer Persönlichkeit, ihres Begehrens etc.) wurde durch dieses Schicksal geprägt.

Das Geschlechterverhältnis entwi- ckelte sich also mit der Kleinfamilie (in einer spezifischen Epoche des Kapitalismus, und vor allem in einer bestimmten Region der Welt) zu jener starren Binarität, in der das Geschlecht jeweils einer bestimm- ten Sphäre entspricht. Geschlecht wurde zu einer strikten Norm/Ordnung, was nicht heißt, dass jede und jeder sich dieser voll und ganz fügte. Aber viele Feministinnen, die sich auf die Kategorie Geschlecht als ein Ensemble von spezifisch weiblichen und männlichen Eigen- schaften beziehen, haben die Normen dieser Epoche im Kopf. Von diesem Monient an waren Individuen, die als Frauen definiert wurden, mit einem anderen Lebensschicksal kon- frontiert als männlich definierte - beide lebten sozusagen auf zwei unterschiedlichen Plane- ten (die einen auf dem Mars...) und bildeten in ihrer Sozialisation je Decline, Verso 1993.

Selbst wenn also die Zubereitung von Mahlzeiten, das Wäschewaschen und ähnliches effizienter wird, kann die aufgewandte Zeit für Kinderbetreuung nur schwerlich reduziert werden. Man kann sich nicht schneller um Kinder kümmern, sondern muss 24 Stunden am Tag für sie da sein.

30 Zur Auswirkung der Schulpflicht auf Familien der Arbeiter- klasse vgl. Wally Seccombe: Weathering the Storm. Working- Class Families from the Industrial Revolution to the Fertility

spezifische Subjektivitäten aus. Dieser Unterschied ging durch alle Klassen hindurch.

Da Frauen bei den Tätigkeiten der IMV Sphäre nun nicht mehr von anderen Familienmitgliedern unterstützt wurden, trugen sie die ganze Last dieser Tätigkeiten allein und ver- richteten sie isoliert in ihren vier Wänden. Diese Isolation wurde nicht zuletzt durch die Einführung neuer Haushalts- geräte möglich, die zuvor extrem mühevolle körperliche Arbeiten in allein zu bewerkstelligende Haushaltstätigkeiten verwandelte. Innovationen wie die Waschmaschine, flie- ßendes Wasser und der Warmwasserboiler sorgten dafür, dass die Zeit, die für IMV Tätigkeiten verausgabt werden musste, immens reduziert werden konnte. Der Gewinn an Zeit bedeutete jedoch mitnichten ein Mehr an freier Zeit

für die Hausfrau. Vielmehr wurde die frei gewordene Zeit genutzt, um die Standards der Reproduktion weiter zu erhöhen: So wurde nun die Wäsche öfter gewaschen, das Essen abwechslungsreicher und gesünder, und, vor allem, die Kindererziehung, von der Säuglingspflege bis hin zur Organisation von Freizeitaktivitäten, zu einer allumfassen- den, zeitintensiven IMV Tätigkeit.

c) Die 70er: Reelle Subsumtion und Kommodifizierung von IMV Tätigkeiten

Die Kommodifizierung von IMV Tätigkeiten ist natürlich kein völlig neues Phänomen. Seit Beginn des Kapitalismus war es möglich, sich ein gemachtes Gericht servieren zu lassen, statt es selbst zuzubereiten, Kleidung zu kaufen, statt sie zu flicken und ein Dienstmädchen für die Kinderbe- treuung oder die Hausarbeit zu bezahlen. Aber dies blieb lange ein Privileg der oberen Klassen. Denn in dem Moment, wo eine IMV Tätigkeit kommodifiziert wird, muss für sie ein Lohn gezahlt werden. Der massenhafte Konsum solcher Waren war deshalb immer nur in Zeiten stetig wachsender Löhne möglich, weil diese Dienstleis- tungen, solange sie nur formal sub- sumiert waren, den Tauschwert der notwendigen Arbeit im umge- kehrten Verhältnis zum (dadurch sich verringernden) Mehrwert erhöht haben.

Erst durch die reelle Subsumtion wird es möglich, dass der Wert einiger dieser Waren sinkt und sie zu einem Produkt des Massen- konsums werden. Steigerungen der Produktivität lassen diese Waren immer erschwinglicher werden, sodass einige von ihnen - insbesondere Fertiggerichte und Haushaltsgeräte - langsam aber sicher vom Lohn bezahlt werden können. Nichts- destotrotz gibt es einige IMV Tätigkeiten, die schwerer in die Warenform zu überführen sind, wenn sie einen für alle erschwinglichen Preis haben sollen. So ist es etwa nicht mög- lich, die Kinderbetreuung zu kommodifizieren, indem die Produktivität gesteigert und so Kosten gesenkt werden. Selbst wenn also die Zubereitung von Mahlzeiten, das Wäsche- waschen und ähnliches effizienter wird, kann die aufgewandte Zeit

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OUTSIDE THE BOX #6

für Kinderbetreuung nur schwerlich reduziert werden. Man kann sich nicht schneller um Kinder kümmern, sondern muss 24 Stunden am Tag für sie da sein.

Möglich ist es dagegen, die Kindererziehung zu rationalisie- ren, indem der Staat sie organisiert und so das Verhältnis von Erwachsenem pro Kind reduziert. Es gibt allerdings eine Grenze dessen, wie viele Kinder ein Erwachsener am Tag betreuen kann, insbesondere wenn dieser Erwachsene in der Betreuung einen gewissen Standard an Sozialkompetenz, Wissen und Disziplinierung vermitteln soll. Diese Arbeit kann auch von den billigstmöglichen Arbeitskräften geleistet werden; das bedeutet: von Frauen, deren Lohn niedriger sein wird, als der der arbeitenden Mutter. In diesem Fall werden die Arbeiten einfach auf die am schlechtesten bezahlte Schicht der Bevölkerung verschoben. Dadurch wird aber das Problem nicht kleiner. Vielmehr werden ihre negativen Auswirkungen umverteilt, meistens auf ärmere Migrantin- nen und women of colour.

Man sieht also, dass all diese Optionen äußerst beschränkt sind: Es gibt immer einen Rest - im Folgenden als das Abjekte°' bezeichnet -, der nicht subsumiert werden kann bzw. der es nicht wert ist, subsumiert zu werden. Natürlich ist es nicht abjekt per se - es existiert als das Abjekte nur aufgrund des Kapitals und erhält durch dieses seine Form. Es gibt immer diesen Rest, der dem Markt äußerlich bleibt, und die Frage, wer sich in der Familie um diesen Rest zu kümmern hat, wird - gelinde gesagt - immer zu Konflikten führen.

VI. KRISE UND AUSTERITÄT: Der Aufstieg des Abjekten

In der bestehenden Krise deutet vieles darauf hin, dass der Staat aufgrund der zusätzlichen Kosten immer weniger gewillt ist, die IMV Tätigkeiten zu organisieren. Ausgaben für Kinderbetreuung, Altenpflege und Gesundheitsversorgung sind als erstes von Kürzungen betroffen, ganz zu schweigen von Bildung und Freizeitangeboten für Schülerinnen und Schüler. Diese Bereiche werden dann für all jene, die es sich leisten können, zu DMV Tätigkeiten (Privatisierung) oder

sie werden wieder in die unbezahlte IMV Sphäre verschoben - wodurch sich das Abjekte ausweitet.

Es bleibt abzuwarten, wie genau sich diese Verschiebungen entwickeln, aber in den krisengeschüttelten Staaten zeigt sich schon jetzt recht deutlich eine Tendenz. In den USA und den meis- 31 ten EU-Ländern (mit der besonde- ren Ausnahme von Deutschland) haben Regierungen ihre Ausgaben zurückgefahren, um die staatliche 33 Schuldenquote zu verringern.”?

und Spanien, aber auch Großbri-

tannien, haben ihre Zuwendungen 19. Juli 2010.

für Gesundheit und Kinderbe- 36 Im englischen Original „in and against the state“, ein Ver- weis auf eine Publikation, die sich mit den Widersprüchlich- keiten der Arbeit im öffentlichen Sektor und der sozialen Arbeit befasst. Vgl. London Edinburgh Weekend Return Group, a working group of the Conference of Socialist Eco- nomists: In and Against the State.

37 Feminist Fightback Collective: Cuts are a Feminist Issue.

treuung radikal gekürzt. In Grie- chenland und Portugal werden öffentliche Kindergärten geschlos- sen. In Griechenland, Portugal, Italien und Tschechien gab es

Wir verwenden diesen Begriff aufgrund seiner etymologischen Bedeutung: das ab-jekt, das, was verworfen, abgetrennt

ist von etwas, zu dem es ursprünglich gehört.

32 Vgl. Endnotes #3: The holding pattern, online unter: https://endnotes.org.uk/en/endnotes-the-holding-pattern. Vgl. Francesca Bettio: Crisis and recovery in Europe.

The labour market impact on men and women, 2011.

Länder wie Griechenland, Portugal 34 Feminist Fightback Collective: Cuts are a Feminist Issue, Soundings 49, Winter 2011.

35 Rede von David Cameron über die ‚Big Society’, Liverpool,

Berichte über Verstöße gegen das Recht auf Mutterschutz, Sozialleistungen für schwangere Frauen und gegen den Anspruch auf eine Rückkehr zum Arbeitsplatz nach dem Mutterschutz.°° Eine antikapitalistische feministische Gruppe, die sich innerhalb der Hackney-Pflege-Kampagne Feminist Fightback engagiert, beschreibt die Situation in Großbritannien, wo ein öffentliches Krankenhaus nach dem anderen geschlossen wird:

„In ganz Großbritannien haben kommunale Behör- den angekündigt, die Finanzierung für Sozialleistun- gen zu kürzen, angefangen bei Bibliotheken und Gesundheitsversorgung über Spielplätze und Künst- ler_innengruppen bis zu Zentren gegen sexuelle

und häusliche Gewalt. Von besonders großer Bedeu- tung für Frauen sind die Konsequenzen bei Leis- tungen für Kinder, sowohl in staatlichen und kommu- nalen Krankenhäusern als auch in den Sure Start Centres - dem Aushängeschild der New Labour Partei -, die Eltern eine Vielzahl an Diensten an einem Ort gebündelt bereitstellen.“**

In einem Land, in dem der Premierminister persönlich die Organisation von kommunalen Diensten auf ehrenamtlicher Basis anpreist - unter dem Ideal der „Big Society“ (der „gro- ßen Gemeinschaft“) -, also eine Kultur, in der „Menschen sich in ihrem Alltag, zu Hause, in ihrer Nachbarschaft und am Arbeitsplatz... sowohl frei als auch stark genug fühlen, sich selbst und ihr nahes, soziales Umfeld („community“) zu unterstützen”, befinden sich staatskritische Feministinnen in einem Dilemma:

„Unsere Forderungen finden innerhalb eines staat- lichen Rahmens statt, richten sich gleichzeitig aber auch gegen ihn.°® Dies wirft im Kampf sowohl um öffentliche Güter und kollektive Ressourcen als auch Arbeit eine zentrale Frage auf: Wie können wir sicherstellen, dass unsere eigenen Anstrengungen in der Reproduktion unserer ‚communities‘ nicht zugleich auch Cameron’s ‚Big Society‘, wie er sie sich vorstellt, mit aufbauen - und damit der Logik folgen, dass, wenn der Staat nicht mehr für uns sorgt, wir für uns selbst sorgen müssen?”

In dem Kampf um Kindergärten, der 2012 in Poznan (Polen) geführt wurde, drückt sich genau dieses Dilemma aus.

Die Kommune privatisierte nach und nach alle öffentlichen Kinder- gärten, um Kosten zu sparen. Als die Beschäftigten von einem der Kindergärten gemeinsam mit Eltern und Aktivistinnen protestier- ten, schlugen die kommunalen Be- hörden den Beschäftigten vor, den Kindergarten selbst zu verwalten, allerdings ohne sie dabei mit finanziellen Mitteln unterstützen zu wollen. Dieses ziemlich miserable Angebot wurde von den Beschäftig-

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JEANNE NETON, MAYA GONZALES: Die Logik des Geschlechterverhältnisses

Selbst wenn wir, in der Krise, keine andere Wahl haben, als die reproduk- tiven Tätigkeiten selbst zu organisieren - und selbst wenn die Reproduktion dieses gesellschaftlich Abjekten

am Ende höchstwahrscheinlich Frauen aufgedrängt werden wird -, müssen wir gegen diese Entwicklung kämpfen, a esaikonisn, die traditionelle Geschlechtervor-

auf dem die Ökonomie beruht, dann stellungen stärkt. sind es die Frauen, die historisch

Hausarbeiter_innen und Gefangene des Haushalts

gewesen sind, die die Initiative ergreifen müssen, um

den Haushalt wieder zum Zentrum des kollektiven

Lebens zu machen: zu einem Zentrum, an dem sich zahlreiche Menschen und Kooperationsformen treffen,

das Schutz bietet, ohne zu isolieren und zu fixieren,

ten und Eltern schließlich abge- lehnt.°®

Trotzdem scheinen einige marxisti- sche Feministinnen diese Art der Selbstorganisierung der IMV Sphäre durch Frauen als einen notwendi- gen Schritt zu einer anderen Gesell- schaft zu verklären. So etwa

Silvia Federici in ihrem Text „Der Feminismus und die Politik der Commons”:

Es ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass unbezahlte IMV Tätig- keiten und das Abjekte sich zwar auf die gleichen konkreten Arbeiten beziehen, wir aber trotzdem beide Begriffe unterscheiden müssen. Die Kategorie des Abjekten bezieht

sich auf Tätigkeiten, die an einem bestimmten Zeitpunkt zu bezahlten Tätigkeiten, schließlich aber wieder in die IMV Sphäre verlagert wur- den, weil sie Staat oder Kapital zu teuer wurden. Während IMV eine reine Strukturkategorie ist, und damit unabhängig von irgendeiner Dynamik, zielt der Begriff des Abjekten auf die spezifischen Inhalte dieser Tätigkeiten und den gegenwärtigen Prozess ihrer Zuschreibung. Während wir tatsächlich sagen können, dass unsere Mütter und Großmütter an die IMV Sphäre gefesselt waren, ist das Problem, mit dem wir es heute zu tun f 2 haben, ein anderes. Es besteht nicht darin, dass wir „zurück

und, wie wir hinzufügen können, auch eine der Macht und der Sicherheit.“°?

Silvia Federici hat Recht - wir er- achten diese Möglichkeit für schlim- mer als den Tod. Und ihre Antwort auf diesen Einwand, in der sie Dolo- res Hayden recht frei zitiert, ver- fehlt den Punkt: Die Frage der Arbeit ist eine Frage der Identität.“ Selbst wenn wir, in der Krise, keine andere Wahl haben, als die reproduktiven Tätigkeiten selbst zu organisieren -

Wir müssen sie als das behandeln was es ist: eine Selbst-Verwaltung des Abjekten, dessen, was niemand anderes zu tun gewillt ist.

das den Austausch und die Zirkulation gemeinschaft- lichen Eigentums erlaubt und das dabei vor allem auch als Grundlage für kollektive Reproduktionsfor- men fungiert. [...] Es muss jedoch klargestellt werden, dass es keine Konzession an eine naturalistische Vorstellung von ‘Weiblichkeit’ ist, wenn die Aufgabe einer Vergemeinschaftung und Kollektivierung der Reproduktion Frauen zugeteilt wird. Verständlicher- weise würden dies viele Feministinnen als ‘ein Schicksal schlimmer als der Tod’ ansehen. [...] Doch gilt, was Dolores Hayden festgestellt hat: Die Reorga- nisierung der Reproduktionsarbeit, und somit auch unserer Wohnweise und des öffentlichen Raums,

ist keine Frage der Identität, sondern eine der Arbeit,

38

32

40

Vgl. Women with Initiative (Inicjatywa Pracownicza-Workers’ Initiative): Women workers fight back against austerity in Poland, in: Industrial Worker #1743, März 2012.

Silvia Federici: Der Feminismus und die Politik der Commons, in: Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, Edition Assemblage, Münster 2012, S. 103.

Damit wollen wir natürlich nicht sagen, dass wir Federicis Beitrag zur marxistisch-feministischen Debatte in seiner Gän- ze ablehnen. Neben Dalla Costas und James’ „Die Macht der Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“ zählen Fede- ricis Texte sicherlich zu den interessantesten Beiträgen in

der Hausarbeitsdebatte der Siebziger Jahre. Was wir hier kri- tisieren wollen ist eine Position, die innerhalb der Diskussion über „commons" verbreitet ist und die wir sehr problematisch

finden.

nur wenige, die einen beachtlichen Teil des Abjekts über- nehmen. Und sie lernen dabei das kennen, was viele Frauen erleben: dass das Abjekte sich im eigenen Körper verankert. Viele dieser Männer, insbesondere wenn sie den größten Part in der Kindererziehung übernehmen, scheinen so etwas

wie einen Prozess der sozialen Kastration durchzumachen.

58

an den Herd“ müssen - schon alleine weil wir uns das

nicht leisten können. Unser Schicksal ist eher, uns mit dem Abjekten herumschlagen zu müssen. Im Gegensatz zu

den IMV Tätigkeiten der Vergangenheit wurde dieses Abjekte schon weitgehend denaturalisiert. Für diejenigen, die es verrichten, erscheint es nicht mehr als ein trostloses, natür- liches Schicksal, sondern vielmehr als eine zusätzliche Last neben der Lohnarbeit, um die man sich eben kümmern muss.“ In der Tatsache, sich darum kümmern zu müssen, offenbart sich die hässliche Fratze der heutigen Geschlech- terverhältnisse - was dabei hilft, Geschlecht als das zu sehen, was es ist: eine machtvolle Zurichtung.*?

Der Prozess der Denaturalisierung ermöglicht es in der Tat, Geschlecht als diesen externen Zwang zu erkennen. Das

heißt nicht, dass der Zwang des Geschlechts weniger mächtig ist als vorher, sondern, dass er überhaupt als ein dem Individuum äußerlicher und daher aufhebbarer erkenn- bar wird.

Um mit einem letzten Gedanken abzuschließen: Wenn es wahr ist, dass die Gegenwart es uns erlaubt, unsere Klassenzugehörigkeit

und unsere Geschlechtszugehörig- keit als äußerliche Zwänge zu erkennen, dann kann das kein Zu- fall sein. Oder doch? Diese Frage

und selbst wenn die Reproduktion *! = sei a Wera of ae We ist entscheidend für ein Verständnis . . . amiliar as it might have been in an opaque and forgotten life,

dieses gesellschaftlich Ahieklen How harten mies radistiirweparaie; leuten Ne des Kampfes, der zur Abschaffung

am Ende höchstwahrscheinlich Not that. But not nothing, either. A ‘something’ that | do not des Geschlechts führt, das heißt, zu

Frauen aufgedrängt werden wird -, recognise as a thing. A weight of meaninglessness, about einer Form der gesellschaftlichen

müssen wir gegen diese Entwick- ee is De an cha te me” Reproduktion durch nicht-ver-

lung kämpfen, die traditionelle Ge- Colu I he ka s ie ea geschlechtlichte Individuen, in der

schlechtervorstellungen stärkt. 42 Natürlich gibt es heute auch ein Salar Männer; Wenniauch alle getrennten Sphären von

Aktivitäten abgeschafft wären.

OUTSIDE THE BOX #6

| | |

59

H6

A. SCHMIDT: eh

ne

AK UNBEHAGEN: Ein Wurm mit Adlerflügeln, in der Küche Talg hackend $.3

SHARON KIVLAND: Madame La Marchandise 5.19

BARBARA SICHTERMANN:

„Von einem Silbermesser zerteilt —“

Über die Schwierigkeiten für

Frauen, Objekte zu bilden, und über die Folgen dieser Schwierigkeiten für die Liebe (mit einem Nachwort

von CHARLOTTE MOHS) $.33

„We must act and for that we need

political solidarity instead. of charity

and help“ - outside the box sprach

mit INTERNATIONAL WOMEN Fr SPACE BERLIN (IWS) S.41 . N

Gesellschaftskritik www.outside-mag.de

JEANNE NETON, MAYA GONZALEZ: Die Logik des Geschlechter-

verhältnisses - Über die Sphären-

—E BOX > Zeitschrift für Feministische

<OUTSI-— DE TH

trennung und den Prozess der Abjektion 5.45

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Eine positive Lebenseinstel- lung hilft einem, Probleme leichter zu bewältig 3

BETTINA WILPERT: Eine Kündigung und 1000 Möglichkeiten Bettina Wilpert

EINE KÜNDIGUNG UND 1000 MÖGLICHKEITEN

2 Du forderst keinen Lohn. Du kochst Spargeleremesuppe zur

1 Vorspeise für das Team, backst Erdbeerkuchen als Nachspeise. Du arbeitest als Köchin ineinem Beim gemeinsamen Essen sitzt du an einem anderen Ende des Cafe in Leipzigs hippem Ökofami- Tisches als Michael und Hannes. Als die beiden ihren Lohn lienkiez Schleußig. Du magst einfordern, tust du so, als würdest du nichts hören und redest deinen Job, backst Schokokuchen, mit einem Kollegen über experimentelle Musik. Rhabarberkuchen, Quiche. Du kochst die Mittagssuppe, machst Frühstück, manchmal alles gleichzeitig, dann steigt der Puls (fünfmal Rührei, zweimal Müsli, einmal klassisch). Du hast deine Ruhe, arbeitest allein in der Küche, jeweils vier Stunden am Tag, vormittags. Nachmittags gehst du in die Bibliothek und machst was für die Uni. Der Job ist eine schöne Abwechslung zu deinem drögen Studentinnenleben, das bestimmt ist von Seminarbesuchen, Texte Lesen, Hausarbeiten Schreiben. Der Job

Lies weiter bei 17.

Ole sagt: „Ach, Arbeitsrecht.“

im Cafe ist einer von vielen Nebenjobs, die du schon hattest. Du bekommst zwar BAföG, aber nur einen geringen Satz, der nicht zum Leben reicht, und so musst du schon dein ganzes Studium lang nebenher arbeiten.

Eines Tages lädt dein Chef Ole zur Dienstbespre- chung mit anschließendem Essen ein - Team- building; Montagnachmittag, wenn das Cafe geschlossen hat. Du und die beiden anderen Köche, Michael und Hannes, sollt für das ganze Team kochen, selbstverständlich freiwillig, es haben ja alle etwas davon.

Am Tag vor dem Treffen ruft dich dein Kollege Michael an: Das findet er nicht gut mit dem kostenlosen Kochen und will es nicht machen, oder will es nur machen, wenn er dafür bezahlt wird. Er schlägt vor, dass ihr.drei Köche zusam- menhaltet und gemeinsam euren Lohn fordert. Was hältst du davon?

Wenn du kostenlos für deinen Chef arbeiten willst, lies weiter bei 2.

Wenn du mit Michael und Hannes zusammen Lohn einfordern willst, lies weiter bei 3.

3 Der Montag kommt, Hannes, Michael und du habt euch abge- sprochen. Ihr kocht für das ganze Team: Hummus, Erdbeer- soufflee, Spargeltarte, Guacamole und Zucchinilassi. Ihr braucht drei Stunden dafür, zu dritt ist esengin der Küche. Die Dienst- besprechung dauert nicht lange, es geht um die Einführung längerer Schichten; das Essen ist nett, das ganze Team ist gekom- men, alle duzen sich, ihr unterhaltet euch über die Gentrifizie- rung im Leipziger Osten. Du guckst immer wieder auf die Uhr, weil du nach Hause gehen willst, und überlegst, ab wann es nicht mehr unhöflich wäre. Nach zwei Stunden reicht es dir. Du nickst Michael und Hannes zu, ihr steht auf, geht zur Kasse und wollt euch euren Lohn nehmen - wie immer. Der Chef Ole bekommt mit, was passiert, ist erst verdutzt - eure Strategie scheint aufgegangen zu sein: Überrumpelung - dann sagt er, dass das irgendwie schräg sei. Dass das Cafe doch Familie sei und ihr ja schließlich freiwillig gekommen wäret, zur Bespre- chung, und zum Essen. Dass das keine Arbeitszeit sei, sondern eine schöne Zeit, gemeinsam. Hättet ihr gewusst, dass das freiwillig sei, wäret ihr nicht gekommen, sagt ihr. Dass ein Job immer ein Geben und Nehmen sei, sagt Ole. Ihr schüttelt den Kopf, ihr werdet lauter, ihr wollt euren Lohn. Dass ein Lohnar- beitsverhältnis keine Familie sei und dass „Duzen“ noch lange keine Hierarchien abbaue. Ole sei euer Chef, sagt ihr. Ihr stündet in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm. Jetzt ist es Ole, der den Kopf schüttelt: Er sei auch nur ein Mensch, und er sei immer noch Ole. Ihr lacht. Er gefällt sich nicht in der Rolle des Chefs. Ihr weist ihn auf das Arbeitsrecht hin, darauf, dass Dienstbe- sprechungen in der Regel bezahlt seien. Ole sagt: „Ach, Arbeits-

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recht.“ Eure Argumente wiederholen sich, bis ihr es aufgebt, ihr seid nicht hartnäckig genug. Ihr nehmt nicht euren Lohn; ihr geht nach Hause. Für die nächste Woche wirst du nicht in den Dienstplan eingetragen. Dann kommt eine SMS: „Hallo Nina. Da wir so grundsätzlich verschiede- ne Auffassungen von Arbeit haben, was ja auch okay ist, möchte ich in Zukunft nicht mehr mit dir arbeiten. Es wäre gut, wenn wir noch mal einen kurzen Termin machen wg deiner Unterlagen, ich kann dir aber auch alles schicken. Gruß Ole.“ „Unterschiedliche Auffassungen von Arbeit“, das musst du dir erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Dir

ist beinahe zum Lachen zumute, du kannst Ole nicht wirklich ernst nehmen. Du findest ihn lächerlich. Er tut dir leid, weil er Arbeit und Freizeit nicht trennen kann, weil er sein Leben für das Cafe opfert und darin seine „Familie“ sieht. Du sprichst mit Michael und Hannes: Nur

OUTSIDE THE BOX #6

4A Solidarische Grüße? Genosse? Wofür hält er sich? Wie lächerlich ist das denn? Du schreibst eine wütende SMS zurück: „Steck‘ dir deine Solidarität sonst wohin, für dich ändert sich ja nichts, ich wurde gekündigt und nicht du! P.S: Kannst mir gern die Miete bezahlen ;)“ Was genau soll Solidarität in diesem Moment heißen? Ist Solidarität nur ein Gefühl? Ist Solidarität das Gefühl, zusammen auf einer Demo für die gute Sache zu laufen? Ist Solidarität nur die Bekun- dung, dass Leute zu dir stehen, und wenn ja, was heißt das für dich in diesem Augenblick? Was bringt es dir, außer der Gewissheit, gute Freund*innen zu haben? Muss Solidarität praktisch werden? Was würde das in deinem Fall bedeuten?

Wenn du willst, dass die Solidarität praktisch wird, lies weiter bei 10.

Wenn du wissen willst, was deine Freunde unter Solidarität ver- stehen, lies weiter bei 5.

Die Wut kommt.

Michael wurde ebenfalls gekündigt. Natürlich

kann Ole nicht alle drei Köche auf einmal entlassen. Ihr anderen beiden wart lauter als der

Dritte.

Aber dein erster Impuls, über die Kündigung nur zu lachen, hält nicht lange an: Es ist Ende des Monats, du brauchst Geld, dein BAföG reicht

gerade, um die Miete zu bezahlen. Die kommt.

5

Deine Freunde sind solidarisch. Sie backen Waffeln. Sie spre- chen dich im Club auf deine Kündigung an, oder in der Biblio- thek, oder auf der Straße. Sie klopfen dir auf die Schulter. Sie erzählen dir von ihren Erfahrungen. Sie wollen ein Flugblatt schreiben. Sie boykottieren das Cafe. Sie treffen sich sogar, diskutieren, schreiben Beschlüsse auf, und treffen sich nächste Woche wieder.

Wut

Im Freundeskreis verbreitet sich schnell, dass

du gekündigt wurdest, die erste SMS trudelt ein, eine Solidaritätsbekundungen von einem

Wenn du wissen willst, wie es mit deinem Leben weitergeht, lies weiter bei 6.

Bekannten: „Liebe genossin, was für ne fiese nummer, melde dich also gerne, wenn du die situation noch mit anderen leuten besprechen und möglicherweise etwas unternehmen willst.“ Außer- dem schickt er dir Infos zur Beratungsstelle der

Gewerkschaft und solidarische Grüße.

Wenn du deinen Genossen bescheuert findest und eine patzige SMS zurück- schreiben willst, lies weiter bei 4. Wenn du zur Beratungsstelle der Gewerkschaft gehen willst, lies weiter auf Seite 7.

Wenn du deinem Genossen antwor- ten möchtest, dass du gemeinsam etwas unternehmen willst, lies weiter bei 8.

6 Du guckst Fernsehen. Du gehst Bier trinken. Du gehst zur Uni. Du schläfst bis mittags. Du gehst ins Schwimmbad und dannin die Sauna. Du surfst im Internet und liest dir Stellen- anzeigen durch. Mit jüdischer Geschichte und früher Neuzeit kennst du dich leider nicht aus. Jahrelange Berufserfahrung hast du leider auch nicht. Du hast Durchfall. Du telefonierst mit deinen Eltern. Du vergisst den Semesterbeitrag fürs nächste Semester zu überweisen. Du brichst dein Studium ab. Du beantragst Hartz IV.

BETTINA WILPERT: Eine Kündigung und 1000 Möglichkeiten

7 Die Beratungsstelle der Gewerkschaft istin Wirklichkeit ein Anwalt, der einmal in der Woche seine Dienste für Student*innen anbietet und sie zu allen möglichen Themenfeldern berät. In seinem Büro in der Innenstadt ist es stickig, der Anwalt scheint genervt. Du schil- derst ihm deine Lage, du sagst, dass du keine schriftliche Kündigung bekommen hättest und fragst, ob dir irgendwelche Möglichkeiten blieben. Er sagt, dass du Recht hättest, dass eine Kündigung per SMS nicht rechtskräftig sei, dass sie schriftlich vorliegen müsse. Deine Kündi- gungsfrist betrage einen Monat, ob du in diesem Monat nicht noch arbeiten könntest? Der Anwalt

8 Du willst etwas tun. Du willst, dass dein Chef sich genauso dumm fühlt wie du dich. Du verabredest dich mit deinem Genossen, ihr geht verschiedene Möglichkeiten durch.

Wenn du dich mit deiner Freundin Diana treffen willst, die in einer linksradikalen Gruppe organisiert ist, lies weiter bei 9.

Wenn du mit Hannes reden willst, dem einzigen Koch, der nicht gekündigt wurde, lies weiter bei 10.

Wenn du deine Kündigung öffentlich machen willst, lies weiter bei 12.

holt ein großesschweres Buch hervor und schaut

ein Gesetz nach. Wenn der Chef dich nicht in

den Dienstplan eintrage, sei da nichts zu machen, im Vertrag

sei keine genaue Stundenzahl pro Woche vereinbart. Das Gespräch ist sehr kurz; als du die Kanzlei verlässt, hast du trotzdem das Gefühl, deine Zeit verschwendet zu

haben. Du willst etwas anderes tun,

deine Wut braucht ein Ventil.

9 Diana ist in einer linksradikalen Gruppe. Wie die Gruppe heißt und was sie genau machen, weißt du nicht - keine Namen, keine Adres- sen. Diana bietet dir an, dass sie da etwas organisieren könne, quasi Denkzettel erteilen, Vendetta. Du willigst ein, beteiligst dich aber selbst nicht an der Aktion. Am nächsten Tag fährst du mit dem Fahrrad am Cafe vorbei. An der Fassade steht in großen Buchstaben: „Wenig Lohn und scheiß Arbeit, dafür ham wa keine Zeit!“, daneben der Klecks eines Farbbeutels. In der Zeitung liest du: „Schwar- zer Mob zieht randalierend durch Schleußig. Die Leipziger Antifa hat es jetzt auch auf junge Eltern abgesehen.“

Lies weiter bei 8.

10 Hannes wurde nicht gekündigt, obwohl auch er seinen Lohn eingefordert hat. Natürlich braucht Ole zumindest einen Koch. Du diskutierst mit Hannes (den du ursprünglich aus dem Marx-Lese- kreis kennst), du sagst, dass Praxis ohne Theorie zwar nicht funktio- nieren könne, dass er nun aber langsam mal genug gelesen habe und jetzt endlich die Praxis folgen müsse! Dass sein Gerede von Proletari- at, Kommunismus und Revolution nun auf die Probe gestellt würde. Du zitierst Friedrich Engels: „Eines schönen Morgens legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes oder gar der ganzen Welt die Arbeit nieder und zwingen dadurch in längstens vier Wochen die besitzenden Klassen, entweder zu Kreuz zu kriechen oder auf die Arbeiter loszuschlagen, so daß diese dann das Recht haben, sich zu verteidigen und bei dieser Gelegenheit die ganze Gesellschaft über den Haufen zu werfen.“ Du appellierst an Hannes, sagst, dass der Generalstreik der einzige Weg zur Revolution sei. Hannes wirft ein, Generalstreik seiin 11 Deutschland verboten. Du lässt dich davon nicht Hannes streikt. Er geht zur Arbeit, aber kocht nicht und backt nicht, irritieren, du sagst, dass man irgendwo ja anfangen lehnt am Ofen und starrt auf sein Smartphone. Die Gäste beschwe- müsse. Du forderst praktische Solidarität. ren sich. Die Gäste bleiben aus. Hannes wird gekündigt. Das Jobcenter wird auf ihn aufmerksam. Bisher haben sie ihn in Ruhe gelassen, weil er den Nebenjob im Cafe hatte. Hannes bekommt eine Sanktion.

Lies weiter bei 13.

Was genau soll Solidarität in diesem Moment heißen?

Wenn du wissen willst, was Hannes tut, lies weiter bei 11.

Lies weiter bei 13.

OUTSIDE THE BOX

12 Du machst deine Kündigung öffentlich. Du postest deine

Erfahrungen bei facebook und bekommst viele Likes. Du schreibst

einen Artikel in der outside the box. Du erfährst viel Solidarität.

Nachdem du bzw. deine Freund*innen etwas Konkretes unternommen haben, Lies weiter bei 13. fühlst du dich besser. Du fühlst dich nicht mehr so ausgeliefert und lächerlich. Doch deine Gefühle ändern sich schnell wieder, der Alltag setzt ein, du guckst auf dein leeres Bankkonto. Dir war bewusst, dass du ein Risiko eingehen würdest, wenn du deinen Lohn einforderst. Das Risiko der Kündigung hast du in Kauf genommen. Anders als Hannes, der durch den Job vom Amt in Ruhe gelassen wurde, war die Arbeit im Cafe für dich nur ein Studentenjob. Du wirst einen neuen finden. Aber du findest

keinen neuen Job. Dir geht das Geld aus Leben, deine wenigen Ersparnisse sind

Wenn du deine Eltern nach Geld fragen

14

Deine Eltern sind geschieden, deine Mutter ist Sekretärin, hat euch Kinder allein großgezogen, du würdest sie niemals um Geld fragen, weil du weißt, dass du, als du noch gearbeitet hast, mehr Geld zur Verfügung hattest als sie. Dein Vater ist Lehrer, er hat genug Geld. Du hast kein gutes Verhältnis zu ihm, ihr seht euch zwei Mal in Jahr, dann redet ihr über die Schule und dein Studium. Dass du Kultur- wissenschaften studierst, versteht er nicht, warum

nicht Lehramt oder Jura? Er weiß nichts über dein

Privatleben, wenn du von deiner Freundin erzählst, Eine deiner Freundinnen kommt aus einer Arbeiter*innenfamilie denkt er, du redetest von irgendeiner Freundin. Ihr und ist Halbwaise. Zwei andere Freund*innen schreiben ihre

habt das letzte Mal vor drei Monaten telefoniert, alser Doktorarbeit

Geburtstag hatte. Du nimmst all deinen Mut zusam- von ihren Eltern finanziert, sie sind Lehrer und Ärztin, die Freun- men und fragst ihn nach Geld. Es ist, wie zu erwarten din studiert selbst Medizin, sie bekommt 600 Euro im Monat. Zwei war, sehr unangenehm. Er redet von den Krediten für deiner Freund*innen beziehen Hartz IV. Eine Freundin ist Schrift-

das Haus, die er noch abbezahlen muss, und den stellerin und

Rechnungen für den Tierarzt (er hat einen Hund). Du kannst nicht schlafen, starrst nachts an die Decke, denkst an Aber er geht auf deine Bitte ein. Er überweist dir 200 dein leeres Konto und überlegst, wie du am besten vorgehen könn- Euro im Monat. test. Die beste Möglichkeit scheint dir zu sein, nicht von einer Person Leider sind 200 Euro immer noch zu wenig, und du ganz viel, sondern von allen ein bisschen zu leihen, je nachdem wie

musst auch deine Freund*innen nach Geld fragen. viel sie selbst

Britta anrufst, fängst du am Telefon an zu weinen, nicht weil du

Lies weiter bei 15. traurig bist, s

16 Du beendest deinen Master in Kulturwissenschaften erfolgreich mit 1,6 und beantragst Hartz IV beim Jobcenter.

17 Du arbeitest noch ein Jahr in dem Cafe. Es geschehen keine weiteren Vorfälle. Du beendest deinen Master in Kulturwissenschaften erfolgreich mit 1,9 und bean- tragst Hartz IV beim Jobcenter.

#6

13

‚der niedrige BAföG-Satz reicht nicht zum | bald aufgebraucht. Du brauchst Geld.

willst, lies weiter bei 14. Wenn du deine Freunde nach Geld fragen willst, lies weiter bei 15.

15

und bekommen ein Stipendium. Eine Freundin wird

arbeitet im Call-Center.

geben können und wollen. Als du deine Freundin

ondern weil du dir so blöd vorkommst, so abhängig, hilflos. Daraufhin schreibst du deinen anderen Freunden Emails und rufst nicht an. Aber auch durch die Emails glaubst du ihr Mitleid zu spüren. Eine Freundin, Andrea, antwortet per Mail nur kurz: „Lass uns Bier trinken gehen!“ In der Kneipe erzählt sie - dann, dass sie selbst mal in einer ähnlichen Lage war, | dass sie weiß, wie sich das anfühlt, dass sie aber Glück | hat und ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und den Geschwistern, die alle gut verdienen, und dass es für sie immer leicht ist, Geld zu leihen. Dass aber für sie die Freund*innen die eigentliche Familie sind, und dass man sich immer unterstützen müsse, vor allem in solchen Situationen, bedingungslos. Du bist erleichtert und froh zu wissen, dass du Freund*innen hast, auf die du dich verlassen kannst.

Lies weiter bei 16.

66

Fabian Hennig

MATERIALISMUS IST KEIN SYNONYM FÜR KRITIK

Thesen zu New Materialism,

Posthumanismus und Feminismus

Der New Materialism ist eine akademische Strömung, die als Reaktion auf die poststrukturalistische Diskurs- und Sprachorien- tierung entstanden ist. Andere Begriffe, die ähnlich verwendet werden sind „material turn“, „naturalistic turn“, „Neo-Materialis- mus", „neue Ontologie“ oder auch „Posthumanismus“ und „neue Metaphysik“. In diesem Zusammenhang wichtige Namen sind:

Stacy Alaimo, Karen Barad, Rosi Braidotti, Claire Colebrook, 1. Der neue Moterialismus präsentiert sich als Diana Coole, Manuel DeLanda, Rick Dolphijn, Andreas Folkers, Innovation gegenüber Diskurstheorien

Samantha Frost, Elizabeth Grosz, Donna Haraway, Isabelle

Stengers, Susan Hekman, Myra J. Hird, Iris van der Tuin, Vicky

Kirby oder Elizabeth A. Wilson u.v.m. Spätestens seit der Jahrtausendwende ist in den Universitä- Die unten stehenden Thesen sind weder eine Einleitung in den ten zusehends von einem neuen Materialismus die Rede. Ob New Materialism noch eine Diskussion differierender Positionen in der Philosophie, der Kunst,' der Soziologie oder in den innerhalb dieses Denkgebäudes, sondern versuchen eine kriti- Kulturwissenschaften, seit einigen Jahren scheint es fast, sche Würdigung zentraler Gedankengänge neomaterialistischen als könnte es selbst in den von Butlers Performativitätstheo- Denkens. Dafür zieht Fabian Hennig insbesondere Veröffent- rie so stark geprägten Gender Studies mit der hegemonialen lichungen Karen Barads, Jane Bennetts und Elisabeth Groszs Stellung diskurstheoretischer Provenienz bald ein Ende zurate, beschränkt sich jedoch nicht auf diese. haben. Butler, eigentlich als Säulenheilige nicht nur des aka- Eigenständige Einleitungen zum New Materialism gibt es bis demischen Feminismus verehrt, hatte Geschlecht’als eine dato keine, Neugierige seien deshalb auf folgende Sammel- soziale Handlung verstanden, die ähnlich dem Zitieren von bandeinleitung verwiesen: Sätzen immer auf bereits existie- Coole, Diana H./Frost, Samantha (2010): Introducing the New 1, Im VoreldiderDöcumentä rende Normen rekurriert und diese Materialisms. In: Dies. (Hrsg.): New Materialisms. Ontology, 13 war die Kuratorin u.a. somit festigen aber auch subversiv agency, and politics. Duke University Press 2010. mit provokativen Aussagenzur unterlaufen kann. Sie hatte dort die

Kultur von Tomaten oder darüber, dass der Kampf für das

Online verfügbar ist ein weiterer Sammelband, in dem sich u.a. Annahme, dass es sich bei Ge-

Interviews mit Karen Barad, Rosi Braidotti und Manuel Delanda inewShlschl@fckiser: schlecht nicht um ein biologisches befinden: http://quod.lib.umich.edu/o/ohp/11515701.0001.001 zung des feministischen Projekts Faktum, sondern um ein normati- sei, aufgefallen. Im Rahmen ves Konstrukt handelt, radikalisiert:

der Documenta veröffentlichten Dolomiten Ausasihdie zudem etwa Karen Barad oder Graham Harman philoso- & Ei

phische Beiträge zum neuen Materialismus. Angemalte Hunde „grundlegenden Kategorien des wurden als ko-konstituierende Teile künstlerischer Anordnun- Geschlechts, der Geschlechtsidenti- gen präsentiert und Bücher Haraways sowie anderer feminis- tät und des Begehrens als Effekte

tischer Autorinnen in einer zur Hälfte von Enten bewohnten & N : 3 einer spezifischen Machtformation Holzhütte zur Lektüre angeboten.

2 Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp L.] enthüllen“? lassen, war ihr 1991. 5.9. die Rede von einem biologischen

FABIAN HENNIG: Materialismus ist kein Synonym für Kritik

Geschlecht suspekt. In Folge wurde es in den Gender Studies, und in feministischen Diskussionen überhaupt, Usus, Begriffen wie „Substanz“ oder „Natur“ mit dem Vorwurf

des Essentialismus zu begegnen. Dies hatte u.a. die Ver- drängungälterer materialistisch-feministischer Ansätze,

die Dethematisierung von sexualisierter Gewalt und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung zur Folge. Auch öko- logische Fragestellungen wurden marginalisiert. Natur

und Materialismus waren feministisches Anathema.

Zwar gab es immer auch vereinzelte Stimmen, die beklagten, dass der Butlersche Dekonstruktivismus einen erkenntnis- theoretischen Fehlschluss begeht, weil er Seins- in Wissens- fragen auflöst, dies konnte die Hegemonie diskurstheore- tischer Ansätze dennoch nie ernsthaft gefährden. Größtenteils gab man sich offensichtlich mit Butlers wenig belastbaren Beteuerung zufrieden, dass Körper Gewicht hätten und der Vorwurf des linguistischen Idealismus bzw. der Entkörperung haltlos sei.

Deswegen ist es erst einmal bemerkenswert, dass in den letz- ten Jahren gleich eine ganze Reihe von Sammelbänden

und Monographien zu Themen des neuen Materialismus und materialistischen Feminismus erschienen ist. Auf Konferen- zen avanciert Materialität geradezu zu einem Modethema. In wissenschaftlichen Kolloquien tummeln sich Promovieren- de, die ‚Materialisierungen beschreiben‘, ‚Körper mitdenken‘ und ‚Ontologien schreiben‘ wollen. Selbst der Begriff der Natur stößt in feministischen Debatten auf wachsendes Inte- resse. Immer wieder wird das Vergessen der Materie, die feministische Flucht oder Angst vor der Natur gescholten und ein neuer Materialismus angemahnt.

Während feministische Ökologie und marxistischer Femi- nismus nun hoffen, endlich wieder Gehör in akademischen Debatten zu finden, mühen sich Ideologiekritik und femi- nistische Kritische Theorie noch immer mit der Butlerschen Sprechakttheorie ab. Ökologie und Marxismus übersehen deshalb die problematischen Aspekte des New Materialism ebenso, wie Ideologiekritik und Kritische Theorie. Folgende Thesen sollen Ansatzpunkte für eine Kritik des New Mate- rialism sein.

2. New Maoterialism erscheint zunächst als lose Sammelbezeichnung, ist aber post- strukturalistisch dominiert

Karen Barad, theoretische Physikerin und Feministin, ist einer der Shootingstars des neuen Materialismus. In diesen reichlich zitierten Worten karikiert sie die ermüdende Redundanz post- moderner Sprachspielchen: “Lan- guage has been granted too much 4 power. The linguistic turn, the semiotic turn, the interpretative turn, the cultural turn: it seems that at every turn lately every ‚thing‘ - even materiality - is turned into a matter of language or some other form of cultural representation. [...] Language matters. Discourse 6 matters. Culture matters. There is

2013. 41 (3). $. 28.

University Press 2008.

Materialism.

3 Barad, Karen: Meeting the Universe Halfway. Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. Durham: Duke University Press 2007. S. 132.

Coole, Diana: Agentic Capacities and Capacious Historical Materialism: Thinking with New Materialisms in the Political Sciences. In: Millennium: Journal of International Studies

5 Dies ist wohl’auch der Grund, warum in einigen Sammelbän- den von Materialismus lediglich im Plural geschrieben wird. Coole, Diana H.; Frost, Samantha: New Materialisms. Ontology, agency, and politics. Duke University Press 2010. Alaimo, Stacy;/ Hekman, Susan: Material Feminisms. Indiana

Coole, Diana: Agentic Capacities and Capacious Historical

an important sense in which the only thing that doesn't seem to matter anymore is matter.“

Schon die Übersetzung des englischen ‚to matter‘ macht Probleme. Wenn Materie in den aktuellen Diskussionen wie- der ‚mehr Relevanz erlangt‘, endlich ‚für wichtig erachtet wird‘, überhaupt wieder ‚eine Rolle spielt‘ oder sich schlicht ‚materialisiert‘, dann ist hiermit abseits davon, dass eine Aussage über die Wirklichkeit getroffen werden soll, noch nicht allzu viel gesagt. ‚Materialismus‘ fungiert dementspre- chend als unpräziser Sammelbegriff für alle möglichen Ansätze, die sich, in welcher Form auch immer, mit Materie oder Materialität beschäftigen und deren Vorrangigkeit

in ihrer Theorie anerkennen. Diese Anerkennung kann sich folglich auf so unterschiedliche Phänomene wie biologische Konstitution des menschlichen Körpers, von Menschen ge- schaffene Objekte, nichtmenschliches Leben oder auf Natur- gewalten beziehen, denen menschliches wie tierisches Leben unterworfen ist. In manchem Sammelband finden sich gar sozioökonomische Strukturen mit erbarmungslosen kos- mischen Bewegungen in ihrer Materialität vereint. Dass dies problematisch ist, schwant jeder, die zwischen erster und zweiter Natur zu unterscheiden weiß.

Der „umbrella of new materialism“* scheint sogar dermaßen weit gespannt, dass es schwer fällt, vom Materialismus im Singular zu sprechen.” Die Pluralität des unter den Begriff des Neuen Materialismus gefassten ist jüngst aber auch

von neumaterialistischer Seite problematisiert worden. Diana Coole ist eine der wenigen, die darum bemüht sind, den neuen Materialismus als eine Erweiterung des historischen Materialismus darzustellen. Sie monierte, dass sich der begrifflichen Offenheit entsprechend fast jede aktuelle For- schung neumaterialistisch labeln kann.° Dabei hat der neue Materialismus die Möglichkeit sich auf sehr unterschied- liche, sich teils widersprechende Lehren zu berufen. Bezüge finden sich zum antiken Atomismus oder modernen Vitalis- mus, auf Hobbes, Spinoza, Marx und Nietzsche und auf Phänomenologie ebenso wie auf die Ökologie. New Materia- lism kann sich an Deleuze, Foucault und Derrida, dem Kri- tischen Realismus, spekulativen Realismus oder dem histo- rischen Materialismus ebenso orientieren, wie an Bruno Latour oder Pierre Bourdieu, Systemtheorien, Komplexitäts- oder Chaostheorie. Erscheint der New Materialism zunächst als buntes Potpourri der Materialismusgeschichte, ist er

aber in erster Linie eine inner-poststrukturalistische Ange- legenheit. Beim Lesen neumaterialistischer Ontologien fällt immer wieder auf, dass gerade mit Foucault, Derrida und Deleuze nun ausgerechnet jene französischen Philosophen materialistisch interpretiert werden, die bisher als Stich- wortgeber poststrukturalistischer Diskurstheorie galten. Dem Selbst- verständnis nach ist er ein Mate- rialismus, der durch die linguisti- sche Wende hindurch gegangen

ist und diese nun um ihre verdräng- te materielle Seite ergänzt. Es

mag marxistische und pragmatisch- empiristische Ausprägungen geben, die hegemoniale Position aber ist dem Poststrukturalismus ver- pflichtet.

68

OUTSIDE THE BOX #6

3. Neuer Maoterialismus radikalisiert poststrukturalistische Subjektkritik

Die Dezentrierung des Subjekts zieht sich von Heideggers Humanismusbrief und Althussers Antihumanismus über den Foucaultschen ‚Tod des Menschen‘ bis in die aktuellen materialistischen Diskussionen. Dass im Namen mensch- licher Emanzipation der Begriff des Humanismus in Frage gestellt wird, ist erst einmal nichts Neues. Neu ist, dass

das Subjekt nicht mehr in Diskurse, soziale Praxen oder per- formative Sprechakte aufgelöst wird, sondern, wie Barad

es nennt, in Apparate materieller Produktion oder posthuma- nistische Performativität. Marxistinnen dürften an dieser Stelle enttäuscht werden: mit materieller Produktion sind hierbei nicht etwa Produktionsverhältnisse oder Produk- tionsweise gemeint, sondern eine materielle Performanz, die den repressiven Strukturen gegenüber immer einen, wenn auch kleinen, Überschuss aufweist. In diesem Zusammen- hang ist immer wieder von der unerschöpflichen Offenheit oder Kreativität der Materie die Rede.

Als posthumanistisch versteht sich neuer Materialismus auch insofern, als dass er Handlungsfähigkeit (agency) nicht mehr allein in den Subjekten verortet, sondern diese nun auch den Objekten, den Dingen oder der Materie gegenüber zuzugeste- hen gewillt ist. Die neumaterialisti- che Politikwissenschaftlerin Jane Bennett beklagte, dass eigentlich gar nicht genau angegeben werden könne, was die Spezifik menschli- cher agency ausmache. Sie wandte gegen einen überschwänglichen Gebrauch von Kategorien menschli- cher Handlungsmacht ein, dass diese immer schon aus einer Ver- netzung von menschlicher und nichtmenschlicher ‚agency‘ bestand. Was erst einmal nach einer postmodernen Reformu- lierung des sinnvollen Korrektivs gegenüber idealistischer Hybris klingt, dass Subjekt immer auch Objekt ist,” bzw. der Mensch Teil der Natur, entpuppt sich bei genauerem Hinse- hen als höchst problematisch.

Der Begriff der agency findet in neumaterialistischen Diskussionen eine dermaßen inflationäre Verwendung, dass man sich fragen muss, was dieser überhaupt noch meinen kann. Bezogen auf alle nur erdenklichen Entitäten führt er zu einer anthropomorphisierenden Sprache, in der Politik, Handlung und Erkenntnis nicht mehr nur Menschen, sondern auch Materie, Schlüsseln, Hurricanes, selbst Wür- mern, Mikroben oder Elektronen zugetraut werden.

Durch die Subjektivierung der Objektseite verlieren die Subjekte

anerkennen.

sondern auch sich selbst, weil sie in ihrem Handeln und Erkennen

radikal vom „Willen“ der Objekte Press 191.5. 264.

abhängen. Das erinnert nicht 9 So fragt Jane Bennett etwa rhetorisch: „How did Marx’s notion of materiality - as economic structures and exchanges that provoke many other events - come to stand for the materialist perspective per se?" Bennett, Jane: Vibrant Matter. A Political Ecology of Things. Duke University Press 2010.S. xvi.

10 Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Suhrkamp 1997. S. 344.

zufällig an den Fetischismus, den Marx den Ökonomen unterstellte. Im Gegensatz zu Marx formuliert der New Materialism aber keine

‚Materialismus’ fungiert dementspre- chend als unpräziser Sammelbegriff für alle möglichen Ansätze, die sich, in welcher Form auch immer, mit Materie oder Moterialität beschäftigen und deren Vorrangigkeit in ihrer Theorie

7 Was Adorno Vorrang des Objekts nannte oder Marx den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur.

nicht nur ihren Gegenspieler, 8 Diese konstitutive Abgrenzung findet sich etwa bei Braidotti,

die als eine der ersten von einem neuen Materialismus

schreibt. Braidotti, Rosi: Patterns of Dissonance: A Study of

Women and Contemporary Philosophy. Cambridge: Polity

Kritik der politischen Ökonomie, sondern eine dynamische Ontologie.

4. Neuer Materialismus kritisiert Marx als Theoretiker der Performativität

Entgegen dem eingängigen (und in den Gender Studies frei- lich recht beliebten) Narrativ vom Fortschreiten von lingu- istischen zu materialistischen Paradigmen, dient die Selbst- inszenierung als „neu“ nicht nur dazu, eine Innovation gegenüber diskurstheoretischen Vereinseitigungen zu mar- kieren. Denn vor dem Hintergrund des Neuen ist es vor allem der Marxsche Materialismus, der nun alt aussieht. Von Anfang an ist für den New Materialism die Abgrenzung vom Marxismus konstitutiv.® Ähnlich dem Ökonomismus- vorwurf wird Marx zunächst dafür gescholten, dass er jeg-

liche Materialität auf ökonomische Strukturen und Tausch-

vorgänge reduziere.” Dies aber nicht deshalb, weil er menschliche Handlungsfähigkeit deterministisch aus öko- nomischen Bewegungen ableitet, sondern weil er allge- meiner die Dynamik der Materie selbst aus den Augen ver- löre. Obwohl die Abgrenzung zu Marx für den neuen Materialismus konstitutiv ist, bleibt die Auseinandersetzung mit dem Marxschen Denken oberflächlich. Im Grunde steht Marx im New Mate- rialism für einen Prototyp dekon- struktivistischer Theorie. Das ist zwar theoriegeschichtlich nicht ganz falsch, insofern der Poststruktura- lismus sich selbstverständlich

an Marx und seinen strukturalis- tischen Anhängern abgearbeitet hat. Schließlich hat auch der Poststruk- turalismus Marx für sich vereinnahmt. So behauptete Butler, gegen deren sprachtheoretischen Fokus sich der New Mate- rialism ja primär richtet, etwa, dass es Marx in den Feuer- bachthesen darum gegangen sei, „Praxis zu berücksichtigen als das, was gerade die Materie der Gegenstände ausmacht“; sie sei zu verstehen „als konstitutiv für Materialität selbst“.' Marx wäre nach dieser Lesart der heimliche Begründer der Performativitätstheorie. Ironischerweise übernimmt der New Materialism dieses reduktionistische Marxverständnis. Dementsprechend wäre Marx eigentlich gar kein Materia- list, weil er alle Materialität auf die sie konstituierende Praxis zurückführt, die ja Butler zufolge in performativen Akten besteht. Der Marx, um den es hier geht, ist nur noch schwer zu erkennen. Wenn er etwa im Fetischkapitel behauptet, dass