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3. 128

Katharina Zimmerhackl:

Verschmelzung: - sehnsüichte = Überlegungeri zum Verhältnis von Erfahrung, Nattır und Geschlecht anhand der Aenogenesis-Reihe von Octavia Butler

3. 13B

' Sabrina Zachanasslan:

Das Glück der Geburi - Erfahrungen mit der

Ideologie der natürlichen

Geburt

S.146 Alexandi’a Ivanoya:

Die Mutter der Erfahrung

Eın Bericht oder die

theoretische Annäherung an ein großes Dilemma

5.158 Sarah Freng: Auf den Spuren von Erfahrung - Gegen schlecht allgemeine Geschichtsdeutungen

S. 166 „Wir wollten Linser

Leben umkrempein, von

oben bis unten”. Wespräch mil Imma

5.178 Feministische Näturlvrik 2

5.184 Impressum

S.4 Editorial

S.8 Constanze Stutz:

Auf dem Fleischmarkt untenrum frei unterwegs Zum Wiederholungs- zwang pop-feministischer Erfahrungsliteratur der Gegenwart

ab S. 16 Kajsa Dahlberg: Ein Zimmer für sich Ein eigenes Zimmer Ein Zimmer für sich allein Vierhundertdreiund- dreißig Bibliotheken

$. 20 Koschka Linkerhand: Die andere Frau Weibliche Erfahrungen als Grundlage feminis- tischer Politik

S.28 Daria Kinga Majewski: Nie ganz sie selbst trans und cis Weiblich- keit als zu betrauernde Erfahrungskategorien Ein Kommentar

S.32 Tina Kaden: ohne Titel

$. 38 Jennifer Löcher, Lisa Buhl & Janna Tegeler:

Die Feminismos Populares und die Frauenbewegung in Argentinien

S. 44 Janna Tegeler & Martina Resnik: Poner el cuerpo: Körper im Protest -— Erfahrungen aus Argentinien

S. 50 „Ich wollte Filme machen, und ich wollte mir die Bedingungen dafür schaffen.“ Gespräch mit Helke Sander

S. 64 Katharina Lux: „Es liegt nicht in unserem Interesse, Erfahrungen in eine vorgefaßte Theorie einzupassen...“ Erfahrung und feminis- tisches Bewusstsein in der autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre

S. 76 Melusine:

Das Dilemma von Köln oder: Welchen politischen Raum haben rassifizierte Frauen?

S. 86 Barbara Schnalzger: Love sex Hate sexism

S. 102 „Ich kann doch nicht sagen: Ihr seid fremd und habt völlig andere Erfahrungen.“ Gespräch mit Frigga Haug

S.12 Anna M. Kempe & Anna Kow: COME CLOSER

S. 124 Elisa Paulus:

„Wie ist die Emanzi- pation der Frau mit der Beziehung zu einem Mann zu vereinbaren?“ Zu Verena Stefans Häutungen

S. 128 Katharina Zimmerhackl: Verschmelzungs- sehnsüchte - Überlegungen zum Verhältnis von Erfahrung, Natur und Geschlecht anhand der Xenogenesis-Reihe von Octavia Butler

S. 138 Sabrina Zachanassian: Das Glück der Geburt Erfahrungen mit der Ideologie der natürlichen Geburt

S. 146 Alexandra Ivanova: Die Mutter der Erfahrung - Ein Bericht oder die theoretische Annäherung an ein großes Dilemma

S. 158 Sarah Freng: Auf den Spuren von Erfahrung - Gegen schlecht allgemeine Geschichtsdeutungen

S. 166 „Wir wollten unser Leben umkrempeln, von oben bis unten“ Gespräch mit Irma

S. 178 Feministische Naturlyrik °2

S. 184 Impressum

In diesen Zeiten eine Ausgabe zu Erfahrung

In diesen Zeiten eine Ausgabe zu Erfahrung? Wird die outside the box jetzt immer konkretistischer, redet nur noch über das Beson- dere? Reiht die einzelnen Erfahrungen der Unterdrückung anei- nander, das Leid, die Traurigkeit in dieser patriarchalen, kapitalis- tischen Gesellschaft, wobei die Reflexion darauf flöten geht? Man stelle sich vor: eine ganze Ausgabe nur aus subjektiven Erlebnis- sen! Oder wird die outside jetzt ganz im Gegenteil völlig abgeho- ben, befasst sich nicht mehr mit der Veränderung der Gesellschaft, sondern nur noch mit Begriffsgeschichte? Keine Ausgabe zu(m) Aufstehen, kein Streik-Heft, kein Magazin gegen die Wahlen in Sachsen, gegen $218 und 219a? Gerade jetzt eine Ausgabe zu einer ganz abstrakten Frage?

Ihr werdet es schon ahnen, es geht um beides. Es geht zuallererst | um die Erfahrungen selbst, darum, ihnen gerecht zu werden, sie endlich zu ihrem Recht kommen zu lassen, denn es wurde noch lange nicht alles gesagt, nicht alles Unrecht in Worte gefasst. | Schon in der Art, wie Du es in Worte fasst, es kommunizierst und vermittelst, steckt Erkenntnis. Aber warum habe ich manchmal Scheuklappen auf, und warum kannst Du manche Erfahrungen kaum versprachlichen? Indem wir von unserem Leid berichten, werden wir der Unterdrückung zumindest ein bisschen gewahr. Es geht aber auch darum, dass die Wiedergabe von Einzelmomen- ten allein nicht reicht, dass sie auch trennen und spalten und verblöden und aufhetzen kann, dass das Besondere falsch verall- gemeinert eine Totalisierung darstellt, die alle anderen Erfah- rungen negiert und gerade dazu führt, dass ich den Kopf in den Sand stecke, anstatt mich am eigenen Schopf heraus- zuziehen.

Das ist es doch: „Die Menschen erneuern durch ihre eigene Arbeit eine Realität, die sie in steigendem Maß versklavt. Das Bewusstsein dieses Gegensatzes stammt nicht aus der Phantasie, sondern aus Erfah- rung.“! Der Moment, in dem wir mit der Gesell- schaft, der historischen Natur und der bis zur Ge- genwart aufgetürmten menschengemachten Geschichte in Berührung kommen und begreifen, dass wir Menschen selbst eine Welt eingerichtet ha- ben, in der wir unfrei sind; dass durch unser eigenes Tun eine Gesellschaft reproduziert wird, in der wir weiterhin erniedrigte und verächtliche Wesen sind. Das Moment, in dem wir das alles nicht nur erleben, sondern begreifen; es nicht nur wissen, sondern erfahren - da setzen wir an: bei Erkenntnis und Erfah-

rung, bei der Frage nach Huhn undEi.

Erfahrung als Ausgangspunkt theoretischer und praktischer Kritik?

Braucht es vielleicht keine gleichen, sondern verbindende Erfah- rungen, um gemeinsam kämpfen zu können? In Teheran haben die Männer applaudiert, als die Frauen das Fußballstadion betraten. Braucht es vielleicht keine aus Erfahrung gezogene Identität,

1 Max Horkheimer, Traditionelle und Kritische Theorie, 1937, S.25.

sondern eine selbstkritische Bewusstwerdung, Empathie, Solida- rität und Kommunikation? Vielleicht ja, aber wieso gibt es dann so wenige Feministen? Braucht es den gemeinsamen Feind? Ein gemeinsames Interesse? Einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Und was passiert dann mit all dem, was wir nicht teilen?

Weil eben die Erfahrungen, die wir machen, uns auch trennen kön- nen, war diese Ausgabe nicht leicht für uns, als Redaktion, als Ein- zelne, als Autorinnen in der Redaktion und nicht zuletzt auch für unsere externen Autor*innen. Von ihnen, von uns, erwarteten wir ganz schön viel und auch Widersprüchliches: Erfahrung in ihrer Körperlichkeit und Konkretheit vermitteln, aber dies zugleich

auch theoretisch durchdringen, Selbstreflexion und Vermittlungs- arbeit. Ich bin (k)eine Mutter und hatte (k)eine gewaltvolle Geburt, ganz zu schweigen von den Monaten danach. Ich bin (nicht) weiß

und kann (nicht) trennen, ob mich die Gesellschaft erst zur Frau

und dann zu allem anderen machte. Ich bin (nicht) lesbisch, ich habe

Sex bisher (nicht) immer als etwas Schönes erlebt. Ich bin (k)eine

Frau und wäre gern (k)eine. Ich wurde (nie) geschlagen, darf (nicht)

auf ein Erbe hoffen, ich musste mir als Kind (keine) Gedanken um

Geld machen. Ich habe (k)eine Angst, alleine in Bars zu gehen, ich

würde (nie) wieder alleine verreisen. Ich wurde (nicht) als Hyste- rikerin klassifiziert und durfte (keine) Grenzen passieren. Ich

arbeite (nicht), um zu überleben, und meine Arbeit macht mich

(nicht) kaputt. Erfahrungen sind nicht vergleichbar, gerade weil

sich gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse in ihnen ausdrücken. Und dann auch wieder doch: Ich erlebe Zurichtung in dieser Gesell- schaft, und ich bin gleichzeitig Kompliz*in dieser Verhältnisse. Im

Alltag erlebe ich Momente einer möglichen Emanzipation. Manch- mal gelingt es uns, einander in zärtlicher Solidarität zu begegnen. Kurz: Ich erfahre den Gegensatz zwischen dem, was sein könnte

und dem, was ist.

Wie viel Mut braucht es, preiszugeben, wovon das eigene Denken ausgeht! Was dich geprägt hat, woran ich verzweifle, wie wütend Du bist, wie viel uns trennt, aber auch, was uns zusammenschweißt. Und wie prekär ist die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen, eigene Gefühle nicht auszuklammern, aber auch nicht als Schirm gegen Kritik hochzuhalten, die uns (auch wenn sie nicht immer berechtigt sein sollte) doch wachsen lässt. Bei keiner Ausgabe der letzten Jahre war das so schwierig, weil Kritik besonders dann schwer erträglich ist, wenn sie sich gegen eigene Erfahrungen, oder besser gesagt, gegen deren Interpretation und Theoretisie- rung wendet. Und umgekehrt trifft das auch zu - wie schmerzhaft ist es, auszuhalten, dass ich die Leidenserfahrung, von der eine andere erzählt, zwar auch gemacht habe, aber bisher ganz gut weg- schieben konnte? Oder eben, dass ich sie nicht gemacht habe, dass sie aber dennoch sagbar ist und etwas Wahres daran erkennbar wird, was ich vielleicht nicht wahrhaben will.

Huhn oder Ei. Es ging natürlich auch früher schon um Erfahrung: Sie war es, die uns zu dieser Unternehmung, eine feministische Zeitschrift herauszugeben, antrieb, weil uns die Notwendigkeit einer Emanzipation (#1) der Gesellschaft durch die Erfahrung des Kapitalismus und das Fortdauern des Patriarchats immer (wieder) präsent war. Auch, als wir darauf stießen, dass die Krux schon in der Form (#2) der Dinge liegt, in der Spezifik der weiblich-männ- lichen Vergesellschaftung, den Formen der Gewalt in der patriar- chalen Totalität, stand sie heimlich im Zentrum. Als wir alle vor

5.6 outside the box #7

den Kopf stoßen wollten mit einem Heft voller feministischer Gesellschaftskritik zu Gebären (#3), kam sie aus ihrem Versteck und zwang uns, die Karten offen zu legen und zu zeigen, wie wir wurden, was wir sind. Wir wurden sie nicht mehr los. Beim Thema

Arbeit (#4) war ein Gespräch ums andere, ein Treffen ums andere

von ihr gefüllt: So sehr wir abstrahieren wollten, wir mussten doch

immer wieder zu ihr zurück und durch sie hindurch. Das Editorial

der Ausgabe bildeten kurze persönliche Berichte der Redakteurin- nen, eine gemeinsame Reflexion der eigenen Erfahrung mit Arbeit zwischen produktivem Tun und zurichtender Überlebensnotwen- digkeit. Der Streit (#5) hat uns als Quelle von Erfahrung gereizt. Er ist die große Widersacherin, die Nemesis der weiblichen Soziali- sation, die auf Harmonie und Zuwendung, Sorge und Zurück- haltung, Passivität und Kontinuität beruht, und doch immer wie- der zänkische Subjekte hervorbringt, die sich nicht in das fügen

können und mögen, was sie sein sollen. Die Namenlose #6 löste

uns (durch ihr Tempo) etwas vom persönlichen Durcharbeiten andererseits steckte auch in ihr die Erfahrung drin, nämlich als

Suche nach einigen für uns relevanten Erfahrungen des letzten

Jahrhunderts. Das Veröffentlichen von öffentlich Weggeschobenem, die Angst vor der Wiederholung, das Anknüpfen an Reflexionen

von Vorgänger*innen.

Diese Ausgabe #7: Erfahrung.

Diese Ausgabe #7 ist zum Bersten gefüllt mit Reflexionen auf eigene

Erfahrungen, aber auch auf kollektive. Denn „von sich selbst und

den eigenen Erfahrungen auszugehen, ist bis heute Grundlage

feministische Theorie und Praxis“, so hören wir von der feministi- schen Bewusstwerdung in der autonomen westdeutschen Frauen- bewegung (Katharina Lux, S.64). Diese macht sich ab den 1968er Jahren daran, die Widersprüche einer Emanzipationsbewegung zu

kritisieren, die fast gänzlich auf „Männerphilosophie“ beruhte, da- bei aber Alltagserfahrung, die Sorge um sich und andere, Kinder, Haushalt und Reproduktionsfragen ausklammerte oder verdrängte

(Gespräch mit Helke Sander, S.50). Die Selbsterfahrungsgruppen, die das Politische im Privaten in gemeinsamen Gesprächen heraus- arbeiteten, wurden verbunden mit Theoriearbeit (Gespräch mit Irma, 5.166). Noch heute lässt sich daran anknüpfen: Auf die Frage, wer über wessen Zeit verfügt, entwickelt die „4-in-1-Perspektive“ eine Antwort - eine feministisch-marxistische „Vision, die über das

Jetzige hinausgeht und doch ihre Füße in der Realität dieser Gesellschaft hat“ (Gespräch mit Frigga Haug, S.102).

Wie aber von der Realität der Gesellschaft zu dieser kritischen Theorie und Vision gelangen? Empeiria (griech.), die systematisch durch Erfahrung gewonnene Erkenntnis, ist in dieser Gesellschaft meist der traditionellen Wissenschaft überlassen. Diese will nicht (bewusst) kritisieren, was uns an einer Selbstbefreiung hindert, sondern ächtet die Kritik der Verhältnisse, in denen wir leben, als „politisch“ und „normativ“ und trennt sie von deren „objektiver“ Erforschung. Wir aber suchen die vernünftige Auseinanderset- zung mit dieser Welt - und das heißt für uns: Kritik als Weg zur Erkenntnis. Auch die theoretische Vermittlung von Besonderem und Allgemeinem war diesmal expliziter Gegenstand unserer Arbeit. Für diese Ausgabe gründete sich eine Interview-AG, die nach Geschichte und Erinnerungsarbeit, nach Bedeutung der Form des Interviews und des Gesprächs fragte. Die Fragen kamen

Erfahrung

aus der Erkenntnis der letzten Ausgaben heraus, uns unserer Geschichte und der geführten Kämpfe bewusst zu werden, ihnen auf die Spur zu kommen. Sich in der generationsübergreifenden Begegnung höchstpersönlich der Erinnerung und Erfahrung älte- rer Feministinnen zu stellen und dafür Methoden der Befragung zu erarbeiten, hat uns nicht nur gezeigt, wie lange es schon die gleichen feministischen Kämpfe gibt, sondern auch, wie wichtig das gemeinsame Durcharbeiten für eine feministische Kritik ist.

Eine praktische Kritik, die ebenfalls mit beiden Füßen in der Reali- tät verankert ist, sind auch feministische Massenbewegungen der letzten Zeit: In Argentinien verbinden sich in den Feminismos Populares Proteste gegen die Allgegenwärtigkeit von Frauen*- morden, Netzwerke zur Unterstützung beim Schwangerschafts- abbruch und eine feministische Selbstverwaltung von Suppen- küchen und Kinderläden in ärmeren Vierteln Jennifer Löcher/Lisa Buhl!/Janna Tegeler, 5.38). Sie bekämpfen den Zugriff von Kirche, Staat und Markt auf den Körper der Frau* und erproben dabei ein kollektives Wir, in dem die Einzelne nicht untergeht Jenna Tege- ler/!Martina Resnik, 5.45). Auch im Globalen Norden verdeutlichte die #metoo-Debatte, was es heißt, zur Frau zu werden - und doch beißt frau* oft auf Granit, denn auch unter Vertrauten ist die Ver- ständigung über das Gemeinsame, das Strukturelle der patriar- chalen Gewalt nicht immer möglich (Barbara Schnalzger, S.86). Selbst unter Freund*innen herrscht Entfremdung und Unver- ständnis (Anna Kempe, S.112) und, da es um den eigenen Körper und das Private geht, eine große Verletzlichkeit. Im besten Fall führen die Differenzen nicht zur fruchtlosen Kränkung, sondern zum freundschaftlichen Streit: um Privilegien der einen und Projektionen der anderen, und um das gemeinsame Interesse an einer Überwindung von Kapital und Patriarchat (Daria Kinga Majewski, 5.28).

Aber die Erfahrung, zur Frau geworden zu sein, führt nicht immer zu geteilter Kritik und kollektiver Praxis. Denn: „Eine Frau ist nie nur eine Frau: Sie ist eine arabische Frau, eine weiße Frau, eine arme Frau; und damit ist Frau nicht mehr genau dasselbe“ (Melu- sine, S.76). Das Verhältnis von Gleichheit und Differenz zwischen Frauen* ist in Bewegung, es bleibt Gegenstand der Diskussion. Wir können es „als dialektischen roten Faden sehen, der die Geschichte des feministischen Wir durchzieht“ (Koschka Linkerhand, S.20). Beim Schreiben über weibliche Erfahrungen wie Geburt und Mut- terschaft verschlägt es uns gelegentlich die Sprache - zu sehr riecht das nach Biologismus und Esoterik, selten finden wir Spu- ren von Künstler*innen, die ihre eigenen Bilder dagegensetzen (Veronika Russel, S.146). Statt eines Austauschs darüber und Kritik daran erleben wir einerseits „linke und rationalisierende Abwehr der Themen Gebären und Mutterschaft“ (Alexandra Iva- nova, 5.146) und andererseits die gesamtgesellschaftliche Verdrän- gungsleistung, die oft auch brutale Erfahrung des Mutterwerdens zum „Glück der Geburt und dem schönsten Tag ihres Lebens“ zu verklären (Sabrina Zachanssian, 5.138).

Diese riesigen Widersprüche zwischen Autonomiebestreben und Abhängigkeit, dieses Zurückgeworfensein auf Natur (als histori- sche, menschengeprägte), diese plötzlich kaum vermeidbare Wiederholung längst überwunden geglaubter Geschlechterrollen werden in der Kulturindustrie 2,0 kaum thematisiert. Stattdessen finden wir andere Bilder: die herzerwärmend rotzigen Darstel-

otb Editorial

lungen junger Frauen* in Film, Roman und Fernsehen, die heute unter dem Schlagwort Popfeminismus laufen, verdeutlichen die Anziehungskraft eines „Identifikationsangebot[s] feministischer Selbstermächtigung im Kapitalismus“, demzufolge »Wahlfrei- heit<schon eine revolutionäre Praxis sei (Constanze Stutz, S.8). Den Rahmen, der in dieser Gesellschaft unserer Handlungsfähig- keit gesetzt ist, sparen diese Darstellungen aus. Er ist einfach zu eng - unsere Körper begrenzt er (Tina Kaden, S.32), unser Begeh- ren sprengt ihn (Feministische Naturlyrik, S.178). Viele Seiten könnten gefüllt werden mit all dem, was innerhalb dieses Rahmens nicht vorkommt (Kajsa Dahlberg, S.16). Manchmal können wir ihn probeweise auflösen und unsere unbewussten Sehnsüchte nach Verschmelzung und Einheit, nach Bedürfnisbefriedigung ohne Enttäuschung in der Fiktion, in der Kunst einlösen (Katha- rina Zimmerhackl, S.128). Aber selbst dann findet sich die Spur des Mangels. Ja: Weibliche Subjektwerdung hängt am Patriarchat, und egal wie oft wir uns häuten, wir werden die Prägung nicht ganz los - es gibt kein authentisches, freies Etwas darunter (Elisa Paulus, S.124).

Diese Ausgabe #7 zur Erfahrung riskiert viel und sie will beides: Dem „Versuch, ein politisches Subjekt Frau zu reformulieren, das von der strukturellen patriarchalen Benachteiligung aller Frauen ausgeht“ (Koschka Linkerhand) steht die Einsicht gegenüber, dass es für Feminist_innen „unabdingbar [ist], auf dem Partikularen zu beharren, denn Herrschaft ist auch Herrschaft des Allgemeinen über das Besondere“ (Sarah Freng, S.158). Angesichts der gemein- samen und vielen einzelnen, oft widersprüchlichen Erfahrungen die Kritik an Kapitalismus und Patriarchat weiterentwickeln: Das will diese Ausgabe #7.

2019 ist der zehnjährige Geburtstag der outside the box. Theorie als Praxis, das bleibt unser Ziel.

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Zum Wiederholungszwang

pop-feministischer Erfahrungs- literatur der Gegenwart

Constanze Stutz

Wem ich nie begegnete, das bin ich, sie mit dem Gesicht eingenäht

in den Saum meines Bewusstseins. Sarah Kane

In wenigen Jahren sind Laurie Penny und Margarete Stokowski zu Feministinnen der unmittelbaren Gegenwart geworden, oder eben zu jenen, die genannt werden, wenn nicht begriffslos vom Netzfeminismus geraunt wird. Sie sind jung, radikal und erfolg- reich mit ihrer zugänglichen, unterhaltenden und kathartischen Darstellung einer zu oft unausgesprochenen Wut über das bei- ßende Unbehagen an der eigenen weiblichen Subjektwerdung. Ihre Bücher Fleischmarkt, Unsagbare Dinge und Untenrum frei haben einen Aufschwung an feministischer Erfahrungsliteratur mit sich gebracht und stehen vielfach am Anfang feministischer Suchbewegungen von jungen Frauen, die davon träumen, in einer Welt zu leben, in der sie nicht darauf zurückgeworfen sind, wie ihre Körper aussehen oder wen oder was sie begehren. Gerade darin ist vieles von dem, was sie schreiben, richtig, notwendig und Ausdruck der Erfahrung, dass noch immer nicht alle Versprechen von Gleichberechtigung eingelöst sind. Vor allem die Britin Laurie Penny stellt in ihren Büchern große Fragen nach dem Zusammen- hang von Weiblichkeit, Feminismus und Kapitalismus. Im bren- nenden besetzten Haus mit dem Laptop auf dem Schoß, verlangt sie nach Veränderung, Meuterei und Revolution des Geschlechter- verhältnisses und der Gesellschaft als ganzer. In den Texten von Penny und Stokowski zeigt sich das widersprüch- liche Verhältnis von Pop und Feminismus in der Gegenwart: Trotz und entgegen eines formulierten Emanzipa- tionsversprechens in den Texten selbst, steht am Ende ihrer Überlegungen eine immer wieder herzustellende weibliche Handlungsfähigkeit und das schlagende Identifikationsangebot feministischer Selbstermäch- tigung im Kapitalismus. Die gegenwärtige pop-feminis- tische Literatur spielt mit dem Spannungsverhältnis von Erfahrung als Selbsterfahrung und Erfahrung als Grund- lage für individuelle und gesellschaftliche Veränderung!, löst es jedoch zugunsten individualistischer Selbstermächtigung auf. | Neben der popkulturellen Verankerung, einer performativen Rot- zigkeit und Redeweisen von Selbstverwirklichung und Inspiration

1 Ein Spannungsverhältnis, das sich durch die Geschichte und die Auseinandersetzungen feministischer Theorie und Praxis zieht, wie Katharina Lux in ihrem Artikel „Es liegt nicht in unserem Interesse, Erfahrungen in eine vorgefaßte Theorie einzupassen...“- Erfahrung und feministisches Bewusstsein in der autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre in dieser Ausgabe eindrücklich entlang der autonomen Frauen- bewegung nachzeichnet.

2 Angela McRobbie hat den post-feministischen Gesellschafts- vertrag entlang beliebter Produkte der Kulturindustrie in ihrem Buch 70p Girls ausführlich kritisiert. Vgl.: McRobbie, Angela: Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neolibera- len Geschlechterregimes. Springer 2016.

3 Ziesler, Andi: We Were Feminists Once: From Riot Grrrl to CoverGirl®, the Buying and Selling of a Political Movement. PublicAffairs 2016. S. 8.

Auf dem Fleischmarkt untenrum frei unterwegs

S.9

treffen sich Penny und Stokowski entlang dreier symptomatischer Motive. Ihr Schreiben eint das Motiv des Wiederholungszwangs durch eine grundlegende Abwehr der Zweiten Frauenbewegung, das Heranziehen der eigenen Erfahrung als Legitimation eines feministisch-körperzentrierten Subjektideals sowie das Motiv der freiheitlichen Wahl als Grundlage feministischer Politik.

Feministisches Schreiben in post-feministischen Zeiten

Penny und Stokowski schreiben die ersten Sätze ihrer feministi- schen Erfahrungsliteratur in Zeiten, da die endlose Gegenwart im kaum begonnenen 21. Jahrhundert den Feminismus eigentlich längst beerdigt hat: Die nach-feministische Gesellschaftsordnung gewährt gerade jungen Frauen sexuelle und berufliche Freiheiten

und Möglichkeiten in einem historisch bisher unbekannten Maße, im Gegenzug muss jedoch der Feminismus als eine kollektive

Bewegung für umwälzende gesellschaftliche Veränderung auf- gegeben werden.? Wenn alle BürgerInnen vor dem Markt und dem

Recht gleich sind und selbst der Staat mittlerweile für Gleich- stellung ist, wird es mehr oder weniger unmöglich, das gleichwohl

noch vorhandene hierarchische Geschlechterverhältnis als solches

zu artikulieren, geschweige denn zu politisieren. Als sichtbarer Ausdruck dieser gesellschaftlichen De-Thematisierung von

Geschlecht haben sich feministische Aushandlungen, Kämpfe und

Debatten in den letzten Jahrzehnten, aber spätestens seit den

1990er Jahren, in unterschiedlichste Spielarten ausdifferenziert, die mal mehr, mal weniger institutionalisiert um Gelder, Sichtbar- keit und Identitäts- und Sprachpolitiken ringen. Neben dem kon- servativen Feminismus der Gleichstellungspolitik, dem elitären

Feminismus der Führungsetagen-Neoliberalistas und dem

Queer-Feminismus zwischen Identitätspolitik und Hedonismus

hat sich der Pop-Feminismus mit seinen Anrufungen der Selbst- ermächtigung und Wahlfreiheit als umfassendste Varianz durch- gesetzt. Er fungiert als Kitt zwischen den einzelnen feministischen

Ausläufern: Über eine entpolitisierte und aus dem Kontext gerissene

Aufbereitung feministischer Inhalte und Ideen verbinden sich die

unterschiedlichen feministischen Spielarten und Teilöffentlich- keiten zwischen Professionalisierung, Institutionalisierung und

Selbstausbeutung. Während die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Feminismus notwendig machten, noch immer fortwirken, exis- tiert eine kommodifizierte und popkulturell aufbereitete Version, die Feminismus zu einer aufregenden, coolen und „empowernden“ Identität umfunktioniert und gleichzeitig wohl die populärste

Wiederauflage des Feminismus in seiner Geschichte ist.’

In Zeiten einer verstörenden Gleichzeitigkeit von Feminismus und

Anti-Feminismus mit ausschlagendem Frauenhass bietet sich im

Pop-Feminismus ein integrierendes Modell, das allem Rechnung

tragen kann und doch individualisiert neutralisiert verbleibt. Das

Glücksversprechen der weiblichen Teilhabe im Gegenzug für die

feministische Entsagung bleibt unangetastet: Auch wenn Frauen

mehr (sexuelle) Freiheiten und (berufliche) Möglichkeiten einge- räumt werden, geschieht dies nur unter der Voraussetzung, dass

vom Feminismus als radikaler und gesellschaftsverändernder kollektiver Bewegung abgesehen wird. Dieser Pakt wird auch von

Laurie Penny und Margarete Stokowski nicht aufgekündigt, ob- wohl gerade Pennys große Sätze etwas anderes erwarten lassen.

Wiederholungszwang dank Muttermord (history is a straight line)

Karina Korecky hat gezeigt, wie feministische Politik immer wie- der und immer noch in einen Wiederholungszwang gebracht wird:

Da die grundlegende patriarchale Geschlechterpolarität aller Beto- nung geschlechtlicher Vielfalt und Flexibilisierung zum Trotz fort- wirkt und der Hass auf Frauen und alles Weibliche nicht vergeht, müssen Feministinnen immer wieder aufs Neue um eigene Ant- worten auf weithin unabgegoltene Fragen ringen.? Vorangetrieben

wird der Wiederholungszwang durch die grundlegende Schwierig- keit feministischer Geschichtsschreibung und das gesellschaft- liche Vergessen bereits gemachter und erstrittener Erkenntnisse. Wieder und wieder muss die Geschichte erst freigelegt werden, an

die man eigentlich anschließen möchte.’ Der feministische Wie- derholungszwang speist sich aus dem Fortleben der patriarchalen

Unterdrückung und kapitalistischen Produktionsweise, die wieder und wieder gegen die mehrheitsgesellschaftliche Vorstellung der längst vollzogenen Gleichstellung nachgewiesen werden muss. Bei

aller Flexibilisierung bleibt also Altes im Neuen, auch wenn stets

das Gegenteil und generell die Überwindung jeglicher Ungleichheit

beteuert wird.

Um feministische Theorie und Praxis auf den neusten Stand zu

bringen, beginnen Penny und Stokowski ihr Ringen um neue Ant- worten auf alte und unabgegoltene feministische Fragen bei dem

eigenen weiblichen Gewordensein. Auf die Frage, wie man von die- ser Gesellschaft zur Frau gemacht wird und was gegen die Gewalt- tätigkeit zu tun wäre, die diesem Prozess eingeschrieben ist, ant- worten sie mit ihren eigenen Erfahrungen, ihrem Weg der Erkenntnis zum Feminismus. Anstatt sich dem eingeschriebenen

Wiederholungszwang zu stellen, sind die literarischen Pop-Femi- nistinnen jedoch zunächst einmal damit beschäftigt, die Angst zu

nehmen vor dem großen, bösen, haarigen Feminismus. Stokowski

wirft gar die Liebe zur deutschen Autobahn in die Waagschale:

„Nein, keine Angst, der Feminismus wird niemandem die Auto- bahn wegnehmen.‘

Angstbesetzt ist auch die Erinnerung an die verstaubten Feminis- tinnen der Zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren. Penny und Stokowski betonen zwar, dass sie auf großen Schultern und in schwerer Schuld stehen bei jenen, die vor ihnen waren, räumen jedoch im nächsten Absatz beflissen ein, dass die Frauenbewegung

4 \Vgl.: Korecky, Karina: Unter Wiederholungszwang. In: konkret 10/2014. S. 45 - 47. Oder zum Nachhören unter https://audioarchiv.k23.in/Radio/FSK/Immer_noch_und_ Immer_wieder-Karina_Korecky_im_Gespraech.mp3

5 „Kein Wunder, dass wir suchen müssen. Wo und wie können wir Splitter finden von solchen Streiten, an die wir eigentlich hätten anschließen wollen?“ fragt so auch Lena Dorrzn in der 5. Ausgabe der outside the box zum Thema Streit. Dorrzn, Lena: Streit um Geschichte. In: outside the box. 5/2015. Umschlag.

6 Stokowski, Margarete: Untenrum frei. Rowohlt 2018. S.9.

7 Penny, Laurie: Fleischmarkt: Weibliche Körper im Kapita- lismus. Nautilus 2012. S. 70.

outside the box #7

Erfahrung

damals leider gescheitert sei. Penny identifiziert das Fehlgehen der Bewegung in Fleischmarkt in folgenden Annahmen:

„Die Auffassung dieser Feministinnen der Zweiten Welle ist, dass es hinter der frauenfeindlichen Verpackung aus Schuhen, Shoppen und netten sexuellen Stereotypen ein ‚echtes‘ weib- liches Wesen gibt, das in einem ‚echten‘ weiblichen Körper steckt. Wenn wir Zugang zu ihnen hätten, könnten wir die Verletzungen der jahrhundertelangen Unterdrückung heilen. Diese Auffassung ist äußerst unangebracht.“ ?

Diese Einschätzung, die zu kurz greift, verdichtet und reduziert eine mannigfaltige und widersprüchliche politische Bewegung in Theorie und Praxis auf einen Strang ihrer Auseinandersetzungen. Diese Reduzierung basiert auf der Annahme, dass all diese Femi- nistinnen knallharte Essentialistinnen gewesen seien, die an so etwas wie eine richtige „weibliche Natur“ geglaubt hätten. Diese Auffassung müsse als theoretische Fehlleistung der Vergangenheit getilgt, weil anders, neu und besser gemacht werden. Über die Abgrenzung zur und Nivellierung der autonomen Frauenbewe- gung der 1970er schreibt der literarische Pop-Feminismus mit an einer ewigen Fortschrittsgeschichte gescheiterter Revolutionen, die nun endlich richtig angegangen werden müssen, und treibt damit den Wiederholungszwang unweigerlich voran. Indem sich gerade Penny gänzlich auf einen bestimmten Strang der diffe- renz-feministischen Ausschläge der Frauenbewegung bezieht, auch hier raunt anstatt zu benennen und gerade die Auseinander- setzungen und Konfliktlinien innerhalb der Bewegung ignoriert, gelingt es, die eigene Politik als radikalen und aufregenden femi- nistischen Neubeginn zu stilisieren. Die neue feministische Gene- ration versichert, die Fehler der dogmatisch-repressiven „alten Feministinnen“ nicht zu wiederholen. Anstatt bewusst zu machen, welche Forderungen und Theorien in den vergangenen feminis- tischen Kämpfen und Auseinandersetzungen sichtbar und notwen- dig geworden sind und weiterhin der Umsetzung harren, bleibt man in der Wiederholungsschlaufe gefangen. Nicht allein nach falschen Theorien und Idealen in der Vergangenheit und Gegen- wart wäre zu suchen, sondern vielmehr nach den realen gesell- schaftlichen Bedingungen zu fragen, die das Fortdauern der hierar- chischen Polarisierung des Geschlechterverhältnisses trotz der theoretischen und praktischen Veränderungen in den letzten vier- zig Jahren erklären. Pennys und Stokowskis Fortschrittsgeschich- te dient letztlich der Legitimierung eines neuen Anfangs und nicht einem notwendigen Eingedenken des grundlegenden Wiederho- lungszwangs feministischer Politik.

Erfahrung als Legitimation eines feministischen körperzentrierten Subjektideals

Auch die in den Büchern verhandelte Selbsterfahrung wird Teil dieser Fortschrittsgeschichte, die auf Wiedererkennung und Iden- tifizierung angelegt ist. In ihrem Buch Aleischmarkt beschreibt Penny ihre eigene Erfahrung mit Magersucht als Ausgangspunkt einer gnadenlosen Abrechnung mit der Vermarktlichung des weib- lichen Körpers. Später in Unsagbare Dinge beginnt ihre Erzählung

Constanze Stutz

bei ihren Erfahrungen mit sexueller Gewalt und digitalem Frauen- hass. In ihrem Buch Untenrum frei geht Stokowski sogar noch einen Schritt weiter. Sie verdichtet eigene und fremde Erfahrun- gen hin zu einem universellen Abbild weiblicher Subjektivität in der Gegenwart:

„Ich werde also eine Geschichte erzählen. Dabei werde ich mein eigenes Versuchskaninchen sein. Denn ich glaube, dass Sex und Macht so grundlegende Themen sind, dass wir viel über sie erfahren können, wenn wir unser eigenes Leben betrachten. Ich werde Dinge erlebt haben, und ich werde mir Dinge aus- gedacht haben, und es ist schwer zu sagen, was davon per- sönlicher ist. Alle Geschichten in diesem Buch sind passiert, aber Umstände, Namen und persönliche Informationen sind geändert, um die Anonymität und Würde von Beteiligten zu wahren.‘“®

Um ein vermeintlich vollständiges und durch die Ich-Perspektive

legitimiertes Bild weiblichen Erlebens liefern zu können, müssen

Erfahrungen, sofern nicht selbst durchlebt, durch andere ergänzt werden. Was der Ergänzung bedarf, ist hierbei kein Zufall, die zu

verhandelnde weibliche Erfahrung setzt sich größtenteils aus kör- perlichen Leiderfahrungen zusammen: Magersucht, Selbstverlet- zung, Erfahrung sexueller Übergriffe und Gewalt, das körperliche

Herstellen normierter Weiblichkeit durch Shoppen, Rasieren und

Zupfen sind ihr Inhalt. Diese Erfahrungen müssen aus der Ich- Perspektive, am eigenen Leib nachvollziehbar gemacht werden, um den unhintergehbaren Nachweis zu führen, dass die patriar- chale Geschlechterordnung noch immer wirkmächtig ist. Die Not- wendigkeit der eigenen feministischen Politik legitimiert sich aus

der Erfahrung des vollständigen Repertoires weiblicher Zurich- tung und wird damit mindestens über eine der Erfahrungsschnitt- stellen für jede Leserin nachvollziehbar und bietet sich zur Identi- fizierung an.

Stokowskis Verdichtung in der Ich-Perspektive erscheint notwen- dig, um ihre feministische Position glaubhaft zu machen. Es soll

ein ganzheitliches Bild der gegenwärtigen weiblichen Erfahrung gezeichnet und keine leidvolle Erfahrung ausgespart werden. Die- ses Begehren nach Vollständigkeit und Abgeschlossenheit wird

notwendig, wenn dem Besonderen allein nicht zugetraut wird, noch etwas über das Allgemeine aussagen zu können. Penny und

Stokowski schaffen Erzählungen und Einordnungen, um ihre

Erfahrungen von Schmerz, Leiden oder Scheitern als vielfach ge- teilte und gesellschaftlich vermittelte zu veranschaulichen. An die

Stelle eines politischen Subjekts Frau? tritt bei ihnen jedoch die

Verdichtung einzelner Erfahrungen hin zu einer weiblichen Sub- jektivität des Leids.

Neben der verdichteten Leiderfahrung konstituiert sich diese Sub- jektivität über eine spezifische Fokussierung auf die eigene Körper- lichkeit. Bei Penny findet sich die Grundannahme:

8 Stokowski, Margarete: Untenrum frei. Rowohlt 2018. S. 10.

9 Zu einer möglichen Bestimmung eines politischen Subjekts Frau siehe Koschka Linkerhands Artikel Die andere Frau in diesem Heft.

10 Penny, Laurie: Fleischmarkt, S.36.

11 Ebd., S. 122.

Auf dem Fleischmarkt untenrum frei unterwegs

„Der weibliche Körper in der westlichen Welt, der überall zur Schau getragen wird, ist in Wirklichkeit marginalisiert und von der Kultur der mone- tarisierten Sexualität in Besitz genommen, die uns von unse- ren authentischen persönli- chen und politischen Identitä- ten entfremdet.“!'

Auch Stokowski setzt den weib- lichen Körper und den eigenen Blick darauf als Ausgangspunkt ihrer Ich-Erzählung. Beide tragen mit diesem klaren Fokus der überragenden Betonung und Aus- beutung des weiblichen Körpers in der Gegenwart Rechnung. Die an Frauen gerichtete Aufforde- rung, an ihrem Körper zu arbeiten und ihn zu perfektionieren, die Landnahme des weiblichen Körpers durch das Patriarchat ist so weit fortgeschritten, dass sie längst im Wollen der Einzelnen ver- schwunden und ein mögliches Scheitern nur noch als persönliches zu fassen ist. Das macht die eigene Erfahrung mit Körper- und Schönheitsidealen, dem Scheitern und Verzweifeln daran, zu einem notwendigen Ansatzpunkt der Kritik des gegenwärtigen pat- riarchalen Zugriffs. Bei Penny und Stokowski verbleibt es jedoch der einzig ausschlaggebende. Andere Objekte oder Schlachtfelder außerhalb der eigenen körperlichen und sexuellen Selbstbespiege- lung im Kampf um Handlungsfähigkeit wie Lohndifferenz, unglei- che Verteilung der Arbeit oder Zugang zu Ressourcen verschwin- den in endlosen Aufzählungen von Themenfeldern, die noch zu behandeln und zu erkämpfen sind, werden jedoch nicht zum Gegenstand der Erzählung oder gar der Analyse gemacht.

Als Gegenstrategie wird von den Autorinnen ein besserer Umgang mit sich selbst, eine trotzige Zurückweisung der gesellschaftlichen Anforderungen an den eigenen Körper gefordert. So werden bei Penny weibliche Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung durch Strategien der individuellen Verweigerung als feministische und individuell erfolgreiche Gegenstrategie angeführt:

"U9UUOY NZ U9YI3AdS YIOU Jyyeuu

-UUO U2JQ9]13 A9p UOA u UOUIS ‘SIPUIMJOU Jq19]q „no4 Yang“ SUIJLOMaS SunyydIy 3ıy1A aIp UI UI pun ‘SJ[OJAA AAYISLIAOFSIU u19 yIne I9WWI HWIEP IST NOYSIyeJsSunjpueH KAIAYIITIIOM UOA SUN]JJSJSIAIH IYIIIAZJOJI IA

„Nur indem die Frauen des 21. Jahrhunderts sich daran erinnern, wie man ‚Nein‘ sagt, werden sie ihre Stimmen wieder hörbar machen und ihre Kraft spüren. ... Nein, wir weigern uns. Wir werden eure Kleider und Schuhe und chirurgischen Lösungen nicht kaufen. Nein, wir werden nicht schön sein und wir wer- den nicht brav sein. Vor allem anderen weigern wir uns, schön und brav zu sein.“!!

Bei Stokowski findet sich ein vergleichbares Moment in der Forde- rung nach einer besseren „Fuck-You-Attitüde“:

„Wenn die Dinge, die wir für Anerkennung von anderen tun, uns einschränken, dann sollten wir sie ersetzen durch Dinge, die wir aus Liebe zu uns selbst tun. Es bringt mehr Fun und ist ehrlicher und aussichtsreicher.“!?

Und auch wenn zumindest Penny bewusst ist, „dass dies keine leichte Aufgabe ist, und

auch keine, die rein auf der Basis von indi- vidueller sexueller und körperlicher Selbst- ermächtigung erfolgen kann“'?, wie es an

anderer Stelle heißt, bleibt sie die Antwort schuldig, wie es zur kollektiven Erkenntnis

eines Neins kommen soll und ob ein solches

ausreichen würde.

Selbstermächtigung war in der Geschichte

für Frauen nie einfach zu erlangen. Die

erfolgreiche Herstellung von weiblicher Handlungsfähigkeit ist damit immer auch

ein historischer Erfolg, und ein in die rich- tige Richtung geworfenes „Fuck you“ bleibt notwendig, schon um von der erlebten Ohn- macht noch sprechen zu können. Die

pop-feministische Erfahrungsliteratur von

Penny und Stokowski ist daher auch Aus- druck einer spezifischen Erfahrungswirklichkeit von Mädchen und

Frauen, die trotz Zugang zu Bildung, Lohnarbeit und Popkultur noch immer marginalisiert und unterrepräsentiert, ausgebeutet und ausgeschlossen sind. Als solcher sind ihre Texte Befreiungsver- suche, allerdings Befreiungsversuche, die nie zu sich selbst oder zu

ihrer Erfüllung kommen, arbeiten sie doch nicht auf ihre eigene

Abschaffung hin, sondern auf die stetige und immer wieder neu

ansetzen müssende Herstellung und Behauptung von weiblicher Handlungsfähigkeit. Gerade auch deswegen spiegeln sich ihre Lö- sungsversuche in der gegenwärtigen weiblichen Subjektivierung. Die angebotene individuelle Auflösung gesellschaftlicher Wider- sprüche in einer optimierten Handlungsfähigkeit doppelt die ge- sellschaftliche Ohnmacht und den narzisstischen Sozialcharakter der Gegenwart: Wenn ich das große Ganze schon nicht ändern

kann, dann kann ich zumindest (wie die Boys) meine Einstellung

anpassen und hoffen, dass viele andere es mir gleichtun werden. Pop-Feminismus bietet so die Möglichkeit der Einhegung poten- zieller weiblicher Aggression und Wut, die gegenwärtig auch in

Ermangelung revolutionär-feministischer Beziehungsweisen und

Bewegungen ortlos verbleibt. Die eigene prekäre Anerkennung

und Aufwertung des Weiblichen, des eigenen Frau-Seins, hat seine

Grenzen an der grundsätzlichen und permanenten gesellschaftli- chen Abwertung und Gewaltandrohung. Selbst wenn man sich

dank bester und schönster „Fuck-you“-Poesie allem schlichtweg

verweigert und drei Mal laut „Fuck you“ in den Spiegel spricht, verschwindet das Patriarchat noch lange nicht.

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-uU9NbISUOY IUIJaM ‘yIeuep III IA

12 Stokowski, Margarete: Untenrum frei. Rowohlt 2018. S.9.

13 Penny, Laurie: Fleischmarkt, S.119.

14 Vgl.: Benjamin, Jessica: Fesseln der Liebe - Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Stromfeld/Nexus 2015.

15 Die Frage „Wie kann ich im Job eine bessere Bitch werden?“ ist einem Redebeitrag auf einer Lesung von Laurie Penny im Frühjahr 2017 in Leipzig entliehen.

16 Vgl.: Crispin, Jessa: Why I Am Not a Feminist - A Feminist Manifesto. Melville House 2017. S. 37 - 52.

17 Stokowski, Margarete: Untenrum frei. Rowohlt 2018. S.9.

outside the box #7

Erfahrung

Wahl und Freiheit (Gesellschaftstheorie, where art thou?)

In Pennys und Stokowskis selbstbestimmten Strategien der Ver- weigerung oder poetischen „Fuck-You-Attitüde“ taucht die Ebene

der weiblichen Beteiligung an und Identifizierung mit der eigenen

Unterdrückung nur peripher in Nebensätzen auf. Die Spannung

zwischen Abhängigkeit und Selbstbehauptung in der weiblichen

Subjektwerdung!? lösen die beiden Autorinnen zu einer Seite hin

auf. Da ein Eingestehen von Abhängigkeit und die Identifizierung

mit der eigenen Unterdrückung mit dem selbstermächtigten Sub- jektangebot der Texte in Streit geraten würde, werden sie nicht in

aller Konsequenz mit verhandelt. Der Subjektauftrag, eine „bessere

Bitch“! zu werden, muss nicht erst von feministischen Texten an

Frauen und Mädchen in der Gegenwart herangetragen werden, das

besorgen die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse schon gut genug. Als integrierende Legitimation gelingt es Pop-Feminismus jedoch, ein Identifizierungsangebot zu schaffen, in dem man sich rebellisch

in der eigenen Zurichtung fühlen darf. Entlastung, eine Befrie- dung des gesellschaftlichen Status quo und die Möglichkeit, jede

Lebensentscheidung ganz unbeachtet der gesellschaftlichen Impli- kationen moralisch mit gutem Gewissen als reflektierte Feministin

treffen zu können, stehen am Ende dieser Auseinandersetzung. Die

individualistische Auflösung, die angeboten wird, bewegt sich in

einem Zirkelschluss der Wahl: Jede Wahl, die ich als Feministin

treffe, ist automatisch und grundlegend feministisch, da ich sie als

Feministin reflektiert wähle und als Frau wählen allein schon revo- lutionär ist.!% Was dabei verschwindet, ist die andere Seite des viel

zitierten Slogans „Das Private ist politisch.“ Diese Formulierung

hat nicht allein die Politisierung der eigenen Erfahrung als gesell- schaftliche auf den Punkt gebracht, sondern auch, dass vermeint- lich private Entscheidungen politische sind und als solche auch zur Disposition gestellt werden können und müssen. Die Frage danach, welche Konsequenzen vermeintlich rein individuelle Entscheidun- gen nach sich ziehen, ist noch immer eine politische.

Statt einer Reflexion auf diese Zusammenhänge steht bei Penny

und Stokowski am Ende feministischer Aushandlungen die Forde- rung nach mehr individueller Freiheit und Anerkennung für alle. Stokowski proklamiert:

„Um Selbstbestimmung wird es viel gehen. Denn Feminismus ist keine Bewegung, die alte Zwänge durch neue Zwänge erset- zen will oder alte Tabus durch neue. Es ist ein Kampf gegen Zwänge und für mehr freie, eigene Entscheidungen. Und zwar nicht die Entscheidung ‚vor oder zurück‘, sondern die Ent- scheidung: Was für ein Mensch willst du sein?“'?

Wie die staatliche Gleichstellungspolitik trägt dieses Subjektan- gebot dazu bei, den gesellschaftlichen Status quo zu erhalten, bes- ser zu verwalten und Kritik oder Aufbegehren gegen etablierte Strukturen ruhigzustellen. Eine Ahnung um die Notwendigkeit einer kommenden feministischen Bewegung wird fortwährend befriedet. Den vereinzelten Einzelnen bleibt die kulturindustrielle Ausschmückung der eigenen Ohnmacht oder ein Kaputtgehen, Verrücktwerden an den Verhältnissen in unterschiedlichen For- men. Diese Ohnmacht nicht allein aushalten zu wollen und die eigene Erfahrung in den Geschlehten anderer Frauen zu ent- decken, ist ein notwendigen Bedürfnis, dem Penny und Stokowski

Constanze Stutz

entgegenkommen. Durch die stetige Betonung und Hervorbrin- gung weiblicher Handlungsfähigkeit wird jedoch der Pol der Abhängigkeit im Subjekt der feministisch-selbstreflexiv Wählen- den negiert und dieses damit zu einem traurigen, weil nicht zu erreichenden Abziehbild des gegenwärtig universellen und damit männlichen Subjekts.

Um hier ein Stück weiterzukommen, wäre zunächst zu fragen, was gegenwärtig den Rahmen der weiblichen Wahlfreiheit und Hand- lungsfähigkeit bestimmt und warum sich das Patriarchat dem Kapitalismus gleich ungeachtet aller vorangegangenen Kämpfe noch immer durchsetzt. Sichtbar werden diese Leerstellen am deutlichsten in der Sprach- und Bilderlosigkeit von Penny und Stokowskis Beschreibungen der Ziele feministischer Aushandlun- gen. Blättert man durch die Werke der beiden, stößt man immer wieder auf eine unspezifische Freiheit von den Zwängen norma- tiver Geschlechter- und Körpervorstellungen als letztes Ziel jeg- licher feministischen Bemühung. So heißt es bei Stokowski:

„Und wenn wir dafür kämpfen, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Sexualität und ihrem Körper die gleiche Freiheit haben sollen, dann heißt dieses Gewebe Femi- nismus.“!?

„Feminismus bedeutet, dass ich mir die Zeit sparen kann zu überlegen, ob ich mit meinem Körper rausgehen kann und ob er schön genug für alle ist.“'?

Das Ziel des Feminismus wäre nach Penny:

„Das Ende der schädlichen und erniedrigenden Tyrannei der Geschlechterstereotypen herbeizuführen und gegen die Margi- nalisierung von Körpern einen kohärenten Widerstand aufzu- bauen.“

Frauen die Freiheit zu erkämpfen, am Tisch der großen Privilegien zu sitzen und sich vom Katzentisch zu verabschieden, also wirk- lich und endlich richtig an der männlichen Herrschaft durch Indi- vidualität und Rationalität teilhaben zu können, verbleibt so ent- gegen aller antikapitalistischen und anarchistischen Beteuerung der beiden das Ziel. Daher ist es auch kein Zufall, dass Pennys Kri- tik an Ausbeutung „...immer gerade da aufhört, wo gut bezahlt wird“! und Stokowski noch nicht einmal einen Begriff vom Kapi- talismus, geschweige denn vom Patriarchat entwickelt und allein kurz und zwischendurch den Anarchismus als gesellschaftliche Utopie preist.?? Individuelle Dissidenz, subversive Slogans und

18 ebd., S.199.

19 ebd., S.202.

20 Penny, Laurie: Fleischmarkt, S.86.

21 Spuhr, Virginia: Die Furcht vor dem weiblichen Fleisch und Fett. In: outside the box - Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik. 4/2013. S. 127.

22 Vgl.: Stokowski, Margarete: Untenrum frei. Rowohlt 2018. S.184.

23 Penny, Laurie: Bitch Doktrin. Gender, Macht und Sehnsucht. Nautilus 2018. S. 143.

24 Penny, Laurie: Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution. Nautilus 2015. S. 154.

Auf dem Fleischmarkt untenrum frei unterwegs

Strategien werden so zu politischen Aktionen aufgewertet, und eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse bleibt trotz des spielerischen Andeutens vermeintlich radikaler Begriffe wie Anarchismus oder Anti-Kapitalismus ein loses Einfordern ohne die notwendige Begriffsentwicklung oder Analyse.

Was immer wieder hergestellt wird, ist die individuelle Handlungs- fähigkeit der Einzelnen durch die emphatische Anrufung der abge- glichenen Erfahrung. Was jedoch unthematisiert bleibt, sind die eigentlichen Bedingungen dieser Zustände: Ein Verständnis, warum sich der Hass auf konkrete Frauen und alles Weibliche weiter seine Bahn bricht, und woher der immerwährende Wiederholungszwang in der feministischen Geschichte rührt, wird nicht entwickelt. Auch wenn gerade Penny nie vergisst, über den Kapitalismus und das Patriarchat zu schreiben, werden beide doch in letzter Konse- quenz, als reine Erzählungen verstanden, denen andere entgegen- gesetzt werden müssen:

„Kapitalismus ist nur eine Geschichte. Religion ist nur eine Geschichte. Das Patriarchat und die Vorherrschaft der Weißen sind nur Geschichten. Es sind die großen Ordnungsmythen, die unsere Gesellschaften definieren und unsere Zukunft bestimmen, und ich glaube - ich hoffe -, dass sie nun eine nach der anderen endlich umgeschrieben werden. (...) Es ist nicht einfach - aber niemand behauptet, dass es einfach ist, die Welt zu verändern. Das habe ich von Harry Potter gelernt.«”°

Als eine weitere Erzählung, die nur umgeschrieben werden muss, reiht sich hier die populäre Geschichte unbegrenzter weiblicher Handlungsfähigkeit ein und fordert letztlich und maximal einen

radikalen Kulturwandel, der Freiheit für alle und vor allem gesell- schaftliche Anerkennung für Frauen, Queers und Marginalisierte

mit sich bringen soll. Die Selbsthervorbringung des feministischen

Selbst durch ständige Bestätigung eines Kataloges an leidvollen

Erfahrungen, die am eigenen Körper durchexerziert und damit glaubhaft gemacht werden, findet damit ihr Ziel in der Herstellung

größtmöglicher Freiheit der Einzelnen, die ungefüllt und zu kurz

gegriffen verbleibt. Wie ganz nebenbei wird so eine anziehende

feministische Identität kreiert: Das pop-feministische Selbst ist handlungsfähig im Alltag, aufmüpfig, wo es nicht wehtut, und

grundsätzlich gut gestylt. Was hinzutritt ist die Möglichkeit, sich

noch radikal in der eigenen Zurichtung fühlen zu können:

„Wir sind die, die zu laut lachen und zu viel reden und zu viel wollen und für sich arbeiten und eine neue Welt sehen, die knapp außer Reichweite ist, die am Rand der Sprache darum ringt, ausgesprochen zu werden. Und manchmal, zu später Nachtstunde, nennen wir uns Feministinnen.“*

Gerade weil es ein Lifestyle- und Identitätsangebot ist, gespeist aus der Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen, befriedet der pop-kulturelle Erfahrungsfeminismus das nagende Unbehagen und wandelt es in machbare Handlungsoptionen um. Als Produkt wird die Hoffnung geliefert, dass diese Welt, die berechtigterweise von Frauen als unzureichende und zurichtende erfahren wird, veränderbar ist: Veränderbar, wenn wir nein sagen oder uns eben eine bessere „Fuck-you-Attitüde“ zulegen. Problematisch wird diese Bewegung selbst bei den besten Produkten der Kulturindus- trie, wenn die Trennung zwischen der Imagination des Möglichen und ihrer Umsetzung nicht mehr gezogen wird und politische

S. 14

Aushandlungen und Hoffnungen in die Popkultur verlagert wer- den. Was unangetastet bleibt, ist der Schmerz und die Schwierig- keit, die Emanzipationsprozesse auf gesellschaftlicher und indivi- dueller Ebene mit sich bringen, die Frage danach, warum das patriarchale Geschlechtersystem ungebrochen fortwirkt, und das Wagnis, diese gemeinsam anzugehen. Denn wie ließe sich so was auch verkaufen oder in die eigene Selbstvorstellung ungebrochen integrieren?

Bei Penny und Stokowski findet sich viel Richtiges. Und es darf nicht ignoriert werden, welchen Einfluss ihr Schreiben und Wir- ken auf viele, gerade junge Feministinnen hat, die im besten Fall mehr wollen und nicht allein bei neuen Erzählungen stehenblei- ben, sondern reale Veränderungen einfordern. Was notwendiger- weise an ihren Texten kritisiert werden muss, ist jedoch zum einen das individualisierte Herstellen von weiblicher Handlungsfähig- keit, die immer und immer wieder im Mittelpunkt und am Ende der Auseinandersetzungen liegt, und zum anderen das Bedürfnis, aus Feminismus einen Lebensstil zu machen in der Erwartung, dass Popkultur das Loch füllt, das das Schwinden der politischen Sphäre hinterlassen hat. Und so bieten Laurie Penny und Marga- rete Stokowski mit ihren Texten letztlich einen notwendigen An- fang, der jedoch von Anfang an auf die falsche Fährte führt.

xb

& ist Mitglied der Redaktion der outside ar the box und lebt ihre höchst ambivalente Beziehung zum Pop- X Feminismus in Leipzig aus.

cp

xD

outside the box #7

Erfahrung

Literatur

Benjamin, Jessica: Fesseln der Liebe Psychoanalyse, Feminis- mus und das Problem der Macht. Stromfeld/ Nexus 2015. Crispin, Jessa: Why I Am Not a Feminist - A Feminist Manifesto. Melville House 2017. S. 37-52.

Dorrzn, Lena: Streit um Geschichte. In: outside the box #5 (2015).

Korecky, Karina: Unter Wiederholungszwang. In: konkret 10/2014.

McRobbie, Angela: Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. Springer 2016.

Penny, Laurie: Bitch Doktrin. Gender, Macht und Sehnsucht. Nautilus 2018.

Penny, Laurie: Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus. Nautilus 2012.

Penny, Laurie: Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Nautilus 2015.

Sommerbauer, Jutta: Differenzen zwischen Frauen Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus. Unrast 2003.

Spuhr, Virginia: Die Furcht vor dem weiblichen Fleisch und Fett. In: outside the box #4 (2013).

Stokowski, Margarete: Untenrum frei. Rowohlt 2018.

Wolf, Naomi: Der Mythos Schönheit, Rowohlt 1993.

Ziesler, Andi: We Were Feminists Once. From Riot Grrrl to

CoverGirl®, the Buying and Selling of a Political Movement. PublicAffairs 2016.

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MONALIesA ‚= Feministische B1bLiothek

Kajsa Dahlbe Ein Zimmer sich/Ein eigenes Zimmer /Ein Zimmer für sich allein / Vierhundertdreiunddreißig Bibliotheken

Zusammengetragene Randbemerkungen vieler Leser_innen aus Berliner Bibliotheksexemplaren von Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“, „Ein eigenes Zimmer“, „Ein Zimmer sich“. Die zugrunde-

liegende Ausgabe „Ein Zimmer für sich“ in der Übersetzung von

Annette Charpentier erschien 1993 bei der Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main. Die Erstausgabe des Essays „A Room of One’s Own“ wurde im Oktober 1929 von Hogarth Press, England, publiz

Die Künstlerin dankt der Society of Authors für die Abdruckgenehmigung und Annette Charpentier für die Genehmigung zur Nutzung ihrer Über-

setzung sowie allen Bibliotheken.

Auflage: 10000 Exemplare Layout: Judith Gärtner/Druck: Reclam Print Die Nutzung des Erscheinungsbildes sowie der Wortmarke UNIVERSAL-BIBLIOTHEK erfolgt mit Genehmigung von Philipp Reclam jun. GmbH & Co.KG, Stuttgart. Besonderer Dank gilt hierfür Herrn Dr, Frank R. Max.

EIN ZIMMER FÜR SICH EIN EIGENES ZIMMER EIN ZIMMER FÜR SICH ALLEIN

Vierhundertdreiunddreißig Bibliotheken

Erstes Kapitel

Aber, aber, mögen Sie einwenden, wir haben Sie doch gebeten, über Frauen und Literatur zu sprechen - was hat das mit ei- nem eigenen Zimmer zu tun? Ich werde versuchen, es zu er-, klären. Als mich baten, über Frauen und Literatur zu reden setzte ich mich an ein Flußufer und fragte mich, was diese Worte eigentlich bedeuteten: Vielleicht ein paar Bemerkungen über Fanny ein paar über Ja en, einen Tribut an hreibung vom Pfarrhaus in Haworth

ter r Schneedecke, wenn möglich ein paar geistreiche Apergus über Miss Mitford, eine respektvolle Anspielung auf George Eliot, einen Verweis auf Mrs. Gaskell, und damit hätte es sich gehabt. Doch beim näheren Hinsehen schien es nicht gar so einfach. Der Titel Frauen und Literatur konnte bedeu- ten - und so haben Sie es vielleicht gemeint: Frauen und w

sie sind, oder Frauen und lie Lit: ? C rm m

irrbar mit yteinander Y ich das Thero von diesem Blickwin-

»m letzten Aspekt über

hdachte, der mir am interessantesten erschien,

e ich bald, daß er einen fatalen Nachteil hatte. Ich wür-

langen. Ich würde nie die

meiner Meinung nach höchste Pflicht einer Vortragenden er-

füllen können, Ihnen nach einstündigem Diskurs ein Körn- chen.reiner \

Seiten Ihres Notizbuches aufbewahren und für alle Ewigkeit

auf den Kaminsims stellen können. Ich könnte Ihnen lediglich

eine Meinung über einen nich htigen Punkt anbieten

eine Frau braucht Geld und e eL, went

Weibliche Erfahrungen als Grundlage feministischer £&

Auf die Frage, was das Frausein bedeute, haben Feministinnen

immer wieder mit der weiblichen Erfahrung geantwortet. Ihr Ar- gument, das es in vielfacher Abwandlung gibt, lautet kurz gefasst:

Als Frau in einer patriarchalen Welt zu leben bringt es mit sich, bestimmte Zwänge, Diskriminierungen und vielleicht auch positi- ve Erfahrungsmöglichkeiten zu teilen, die zwar häufig in einem

persönlichen und privaten Rahmen stattfinden, aber als gesell- schaftliche erkannt und damit politisiert werden können. Die weib- liche Erfahrung bewegt sich dabei zwischen der Annahme einer grundsätzlichen Gleichheit unter Frauen - die gleichzeitig eine

Differenz zum männlichen Subjekt ausdrückt - und der Betonung von Differenzen zwischen Frauen, die einen gemeinsamen weibli- chen Erfahrungshorizont dementieren.

Dieser Text will in groben Strichen nachzeichnen, wie weibliche

Erfahrung seit der Zweiten Frauenbewegung verhandelt wird; ich

beziehe mich dabei größtenteils auf den deutschsprachigen Femi- nismus und die politischen Entwicklungen in der BRD. Er mündet in den Versuch, ein politisches Subjekt Frau zu reformulieren, das

von der strukturellen patriarchalen Benachteiligung aller Frauen

ausgeht und gleichzeitig die gravierenden Unterschiede in den

Blick nimmt, die das globalisierte kapitalistische Patriarchat der weiblichen Subjektivität aufprägt. Das Subjekt Frau soll dabei wie- der als feministischer Kampfbegriff in Stellung gebracht werden - um angesichts des aktuellen politischen Rückschritts, der sich in

vielen Ländern auf verschiedenen Ebenen abzeichnet, frauenrecht- liche Forderungen mit einer globalen Perspektive auf den Punkt zu

bringen.

Die weibliche Erfahrung zwischen Gleichheit und Differenz

Die Zweite Frauenbewegung, die sich ab 1968 in Nordamerika und Westeuropa zusammenfand, bezog ihre Kraft aus einem feministi- schen Wir, das alle Frauen umfassen sollte - unabhängig von Alter und Bildungsstand und ihren sozialen Rollen als Ehefrau und Mut- ter, Studentin, Putzfrau oder Prostituierte. Feministinnen erkann- ten, dass bestimmte Leidenserfahrungen von sehr vielen Frauen geteilt werden: etwa sexuelle und intellektuelle Unterdrückung, die umfassende Zuständigkeit für Hausarbeit und Kindererzie- hung, häusliche Gewalt. „Wir sind Frauen, wir sind viele, wir haben die Schnauze voll!“, lautet ein populärer Slogan der 1970er. In der Annahme, dass ein frauenzentriertes Denken und Handeln unver- zichtbar für die Befreiung von der allgegenwärtigen Männerherr- schaft sei, wurden Frauenzeitschriften, Frauenzentren, Frauen- häuser und Selbsterfahrungsgruppen gegründet. Feministinnen versuchten, Worte für die am eigenen Leib erfahrene patriarchale Unterdrückung zu finden, sie debattierten, theoretisierten, gerie- ten in Wut und gingen auf die Straßen und in die Parlamente.!

In der Hoffnung, durch die Kritik grundlegender patriarchaler Strukturen diese abschaffen zu können, bezogen sich Feministin- nen auf ein politisches Subjekt Frau, vergleichbar dem revolutio-

1 Beeindruckende Zeugnisse dieser Zeit sind die Werke Frauen- befreiung und sexuelle Revolution von Shulamith Firestone (erschienen 1970) und Der kleine Unterschied und seine großen Folgen von Alice Schwarzer (1975).

nären Subjekt der ArbeiterInnenbewegung. Der positive Bezug auf das Frausein zeigte sich auch privat: Viele Feministinnen began- nen, den Beziehungen zu anderen Frauen einen höheren Stellen- wert einzuräumen, etwa durch das Zusammenleben in Frauen- WGs. Damit eröffnete sich die Möglichkeit, die feministischen Genossinnen in ihren Alltagserfahrungen, ihrer Kritik und ihrem Freiheitsbegehren wahr- und ernstzunehmen. Mit anderen Frauen politisch tätig zu werden, bedeutete im günstigen Fall, kollektive feministische Praktiken zu finden, um den Beschränkungen und Beschneidungen der gesellschaftlichen Existenz als Frau entge- genzuarbeiten. Beispielsweise wurde ausgehend von den eigenen Erfahrungen über weibliche Sozialisation und damit verbundene Emanzipationsmöglichkeiten reflektiert; während die Kinder- ladenbewegung ganz pragmatisch versuchte, die Betreuung von Kindern solidarisch zu organisieren, damit auch Müttern Zeit und Kraft für politische Aktivität blieb.

Dieser Umgang miteinander wurde oft als Schwesterlichkeit be- nannt. Darunter verstanden Feministinnen ein solidarisches und enthusiastisches Zusammenhalten gegen das mächtige Patriarchat, das sie in der nazistischen Elterngeneration ebenso verkörpert sahen wie in den sozialistischen Brüdern der StudentInnenbewe- gung, aus der die Frauenbewegung hervorgegangen war. Doch in den innerfeministischen Konflikten der nächsten Jahre und Jahr- zehnte erwies sich die universale Gleichheit unter Schwestern als Herausforderung. So formulierten schwarze und trans Feministin- nen früh ihre Differenz zu weißen Mittelstandsfeministinnen, die häufig über bessere Bildungsmöglichkeiten und eine besser gesi- cherte ökonomische Existenz verfügten, und deren Leib und Leben nicht zusätzlich von rassistischer und transfeindlicher Diskrimi- nierung gefährdet war. Der Lesben-Hetera-Konflikt nach 1973 brachte feministische Lesben zu der Einsicht, dass sie sich zumin- dest zeitweise von den heterosexuellen Genossinnen separieren müssten, um für ihre spezifischen Anliegen zu kämpfen, wie etwa die Anerkennung als sexuelle Minderheit. Jüdische Feministinnen in der BRD sahen oft keinen Weg, mit nichtjüdischen Genossinnen zusammenzuarbeiten, weil ihre bloße Präsenz an deren Ver- drängung des Holocaust rührte. Und im wiedervereinigten Deutschland kam nach 1990 der Erfahrungsgegensatz ostdeut- scher Feministinnen hinzu, die nach 40 Jahren realsozialistischer Gleichstellungspolitik irritiert waren, dass die westdeutschen Genossinnen so viel Aufhebens um die Doppelbelastung von Beruf und Haushalt machten.

Ein Teil der Verletzungen, die Feministinnen einander in diesen Kämpfen zufügten, resultierte aus der Schwierigkeit, weibliche Erfahrungen als Grundlage der feministischen Verschwesterung zu setzen, dabei aber mit den Differenzen zwischen Frauen kon- frontiert zu werden. Die Andere erwies sich nicht einfach als Frau, sondern als andere Frau. Das Andere zeigte sich aber nicht nur an den prägenden Unterschieden darin, auf welche spezifische Weise das Frausein im Patriarchat jeweils erfahren wurde - sondern auch in konträren politischen Positionen. Ein heißes Eisen war die feministische Kritik der Pornographie: Seit 1987 forderte die Por- NO-Kampagne ein Verbot von Pornographie, die als grundsätzlich sexistisch und frauenausbeutend analysiert wurde. Jedoch äußer- ten vor allem Lesben, die in der SM-Szene Möglichkeiten der sexu- ellen Emanzipation gefunden hatten, zunehmend Zweifel am zärtlichen und friedvollen Charakter weiblicher Lust und forderten

S.22

statt eines Verbots eine bessere Pornographie, die auf die Phanta- sien und Bedürfnisse von Frauen eingeht.? Bis heute werfen die Vertreterinnen beider Lager einander einen falsch verstandenen Feminismus und ein falsches Frauenbild vor und argumentieren dabei häufig mit der eigenen weiblichen Sexualität.

Ab 1976 nahm die Zeitschrift Die Schwarze Botin innerhalb der feministischen Debatte eine Dissidentinnenrolle ein, indem sie den diskussionslos vorausgesetzten Zusammenhalt und die Sehnsucht nach schwesterlicher Harmonie unter Feministinnen kritisierte. Statt auf gemeinsame weibliche Erfahrungen zu setzen, rief sie zum nüchternen Austausch politischer Argumente auf.?

Die Kämpfe innerhalb der Zweiten Frauenbewegung handelten also davon, wie ausgehend von der Erfahrung des Leidens an der patriarchalen Gesellschaft ein gemeinsames politisches Wollen erarbeitet werden könnte. Was hat sich gesellschaftlich verändert, dass das Subjekt Frau, auf das sich die Aktivistinnen der Zweiten Frauenbewegung streitend bezogen, heute nicht mehr selbstver- ständlich als Dreh- und Angelpunkt feministischer Theorie und Praxis vorausgesetzt werden kann?

Die Zweite Frauenbewegung stand ökonomisch auf den Schultern einer Veränderung der Produktionsverhältnisse. Die bundesdeut- sche Hausfrau der 1950er Jahre, die ausschließlich mit Töpfen und Windeln hantierte, und der dazugehörige männliche Alleinverdie- ner waren, als die ersten Feministinnen auf die Straße gingen, bereits ökonomisch obsolet geworden. Rechtliche Reformen, die den Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt erleichtern sollten, standen im Konflikt mit den patriarchalen Vorstellungen von Ehe und Familie, waren aber letztlich staatlicherseits erwünscht. Die Integration linkspolitischer Forderungen ins kapitalistische Laufrad und ihre rasch einsetzende Institutionalisierung wurden auch von Feministinnen früh erkannt: „Aus einem Projekt der Frauenbewegung ist eine sozial anerkannte Institution geworden, ein Vorzeigeprojekt der Stadt Hamburg“, bilanzierten die Ham- burger Autonomen Frauenhäuser 1987, zehn Jahre nach der Grün- dung des ersten Frauenhauses.

Diese Verquickung autonomer mit staatlicher Politik zeigt, dass die Fragen nach der Gleichstellung der Frau und ihrer sexuellen Befreiung ökonomisch und politisch in der Luft lagen. Regina Becker-Schmidt prägte die Formel von der „doppelten Vergesell- schaftung“: Frauen sollten sich zum arbeitsmarktfähigen Subjekt emanzipieren, ohne dabei ihre reproduktive Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung zu vernachlässigen. Die Frauenbewe- gung wirkte als Motor und gleichzeitig als scharfe Kritikerin dieser umfassenden gesellschaftlichen Entwicklung. Befeuert wurde sie davon, dass die Erfahrungen von männlicher Dominanz und gesellschaftlicher Unmündigkeit, die Feministinnen beschrieben sehr vielen Frauen vertraut waren und damit als weibliche Erfah- rungen verallgemeinert werden konnten.

2 Siehe dazu Kow, Anna: Gefährliches Vergnügen: Sex und Feminismus. Ein Abriss. In: outside the box #1 (2008).

3 Vgl. den großartigen Wutanfall der Schwarzen Botin in Lore Chevners Stück Der konkrete Mann - oder: Soll man Männer als Männer kritisieren? in outside the box #5 (2015).

4 Hier sei auf den wegweisenden Sammelband Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte ver- wiesen, 1986 herausgegeben von Katharina Oguntoye, May Ayim und Dagmar Schultz.

outside the box #7

Erfahrung

Von der Differenz zur Verleugnung der weiblichen Erfahrung

Diese sozioökonomischen Voraussetzungen weiblicher Subjek- tivität änderten sich erneut zu Anfang der 1990er Jahre. Mit dem

Zusammenbruch des Realsozialismus und dem weltweiten Sieg der kapitalistischen Marktwirtschaft verkomplizierten und indi- vidualisierten sich die Unterdrückungsverhältnisse. In der Linken

wurde das politische Subjekt Frau ebenso infrage gestellt wie der Arbeiterbewegungsmarxismus. Eine Ursache davon war der in der Nachwendezeit aufflammende Rassismus, der viele weiße deutsche

Feministinnen erstmalig Männer - nämlich migrantische Männer - als Opfer von Gewaltverhältnissen wahrnehmen ließ. Die be- sondere Diskriminierung, in der BRD nicht nur Frau, sondern

schwarze Frau zu sein, hatten afrodeutsche Feministinnen wie

Katharina Oguntoye und May Ayim bereits seit den 1980ern kriti- siert.“ Angesichts der nationalistischen Pogromstimmung im

wiedervereinigten Deutschland schien die Differenz zwischen wei- ßen Frauen und women of color genauso tief zu klaffen wie die

zwischen den Geschlechtern: Eine eindeutige emanzipatorische

Kollektivierung war unmöglich geworden.

Mit dieser ideologischen Niederlage ging einher, dass sich die

Voraussetzungen weiblicher Subjektivität auf der ökonomischen

Ebene erneut wandelten: Das Überleben der Einzelnen wurde un- ter neoliberale Vorzeichen gestellt. Das neoliberale Subjekt muss

die Identität mit sich selber durch permanente Selbstgestaltung

und -optimierung gewährleisten und unaufhörlich seinen Leis- tungswillen und seinen Willen zur Zugehörigkeit präsentieren. Zugehörigkeit besteht aber darin, mit einem individuellen Lebens- modell zu überzeugen, wozu längst nicht mehr nur die Art des

Broterwerbs gehört, sondern auch die Identifikation mit einer Nation (bzw. Kultur oder Religion), einem Geschlecht, einer Sexu- alität. Die Forderung lautet, in allen Dingen flexibel zu sein und

dennoch immer ganz bei sich: in der Wahl des Arbeitsplatzes, des

Liebesobjekts wie auch der Form, in der soziale Beziehungen

gelebt werden können. Das beinhaltet einerseits Freiheitsmöglich- keiten, die ältere Generationen nicht kannten: Die Lebensmodelle

der Karrierefrau, der politischen Aktivistin oder des lesbischen

Pärchens im Reihenhaus werden weithin akzeptiert solange sie

auf ihre jeweilige Weise ihre Arbeitskraft zu Markte tragen, und

zumindest, bis irgendwann die Kinderfrage aufkommt. Neolibera- lismus bedeutet aber auch einen neuen Zugriff des Marktes auf das

Intimste, der verlangt, die eigenen prekären Lebensbedingungen

- so schäbig sie auch sein mögen - aktiv zu bejahen und in Eigeni- nitiative zu gestalten. Auch die eigene Geschlechtlichkeit muss als

snadenlos individuell und selbstbestimmt umgewertet und sich

angeeignet werden. Weiblichkeit kann wahlweise sportlich, ver- spielt, verführerisch oder androgyn daherkommen, gern auch in

frischem Wechsel: „Lasst uns jeden Morgen entscheiden, wer wir heute sein möchten“, heißt es in der H&M-Werbung für die neue

Herbstkollektion. Dass die Einzelne ihren Typ und ihr Leistungs- angebot immer neu definiert und in der täglichen Selbstinszenie- rung unterstreicht, wird zur ökonomischen Notwendigkeit. Diese

Vereinzelung und verschärfte Konkurrenz zwischen Frauen auf dem Arbeits- und Beziehungsmarkt läuft dem feministischen

Grundsatz der Frauensolidarität zuwider und trug seit den 1990ern

dazu bei, ihn immer mehr zu unterhöhlen.

Koschka Linkerhand

Das politische Subjekt Frau im Namen der Differenz aufzulösen, wurde zur Agenda des intersektionalen oder Queerfeminismus, der sich in der US-amerikanischen Linken herausbildete und seit etwa 25 Jahren auch hierzulande die feministische Debatte dominiert. Wie alle anderen feministischen Strömungen ist der Queerfeminis- mus kein einheitliches Gebilde: Die akademische Theorieproduk- tion unterscheidet sich vom subkulturellen Queerfeminismus und parteipolitischen wie autonom organisierten queeren Zusammen- hängen; und diese Spielarten unterscheiden sich wiederum unter- einander. Jedoch kehren bestimmte politische und theoretische Prämissen immer wieder, die wesentlich auf der dekonstruktivisti- schen Methode beruhen: Frausein sei das Ergebnis einer umfas- senden normativen Konstruktion von Geschlecht. Diese müsse mit einer veränderten sprachlichen und sozialen Praxis dekonstruiert werden, indem ihr eine Vielfalt der Geschlechter und der Sexuali- täten entgegengestellt wird. Davon unterscheidet sich eine mate- rialistische Herangehensweise, die ich hier entlang der Kritik am Queerfeminismus entfalten möchte.

Was bedeutet die sprachpolitische Wende für den Gegensatz von Differenz und Gleichheit? Queerfeministinnen beanspruchen, die- sen Gegensatz dekonstruieren zu können, indem sie auch Differen- zen wie Lesbe/Hetera als heteronormative Konstrukte entlarven.’ Anders als in den oben beschriebenen Konflikten unter Feminis- tinnen wird nicht mehr gefragt, worin sich die Erfahrungen lesbi- scher Frauen von denen heterosexueller unterscheiden und welche Konsequenzen diese Unterschiede für eine feministische Theorie und Praxis haben. Stattdessen werden Hetero- und Homosexualität als mehr oder weniger machtvolle gesellschaftliche Erzählungen bezeichnet, die den Individuen als letztlich äußerliche Klassifizie- rungen und Zuschreibungen übergestülpt werden. Die queerfemi- nistische Intervention besteht folglich im Widerstand gegen die einengenden Bezeichnungen Lesbe, Hetera und Frau und lädt dazu ein, sich auf die Suche nach neuen Identitäten und Gegener- zählungen zu machen: etwa der Identifizierung als queer oder pansexuell bzw. genderfluid oder non-binary.

Trotz dieser Dekonstruktion der Differenz als solcher bleibt es queere Praxis, das politische Subjekt Frau mit dem Verweis auf die geschlechtliche, sexuelle und auch auf die rassistisch manifes- tierte Differenz unter den als Frauen klassifizierten Individuen abzulehnen. Der Queerfeminismus statuiert Differenzen, addiert sie mitunter ohne aber die Bedeutung der jeweiligen Differenz inhaltlich zu untersuchen. Stattdessen hebt er deren Konstrukti- onscharakter auf der Textoberfläche hervor, indem die Differenz- bezeichnungen kursiviert oder mit Sternchen und Unterstrichen versehen werden: Frau_en, lesbisch*, weiß.

Auf diese Weise schillert der Queerfeminismus zwischen einem extremen Differenzdenken, das die Klammer des gemeinsamen Frauseins verabschiedet hat, und der Abneigung, sich mit Differen-

5 Etwa bei Möser, Cornelia: Über die Erfindung des Gleich- heits- und des Differenzfeminismus. Vortrag unter http://agqueerstudies.de/corneliamoser-uber-die-erfindung- des-gleichheits-und-des-differenzfeminismus /#t=19:26.428 (2010).

6 Hark, Sabine/Villa, Paula-Irene: Unterscheiden und herr- schen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart. Bielefeld 2017.

Die andere Frau

zen, die ja bloße Konstrukte seien, auseinan- derzusetzen. Weil eine materialistische, auf subjekttheoretischen Füßen stehende Kritik des patriarchalen Geschlechterverhältnisses ausbleibt, wird Frausein eines von vielen möglichen Geschlechtern und die Selbstaus- sage zur einzigen Maßgabe, wer und was als Frau bzw. als weiblich zu gelten hat.

Damit gerät der feministische Erfahrungsbe- griff in einen enormen Zwiespalt. Einerseits wird besonders die Erfahrung von Diskri- minierung verabsolutiert und zur Identität verfestigt: Erst wer sexistische, rassistische, homo- oder transfeindliche Diskriminierung erlebt hat, ist als Betroffene legitimiert, femi- nistische Forderungen zu erheben. Erfah- rung gilt dabei als total gesellschaftlich und zugleich als total individuell. Dass die Diskri- minierungserfahrungen zweier empirischer Lesben jedoch nicht komplett gleich sind, ja dass eine sexuelle Identität wie Lesbe unmög- lich die vollständige Lebensrealität und auch nicht die libidinösen Konflikte eines Individu- ums abbilden kann, sorgt für ständige Un- ruhe. Jede soll eine Identität finden, in der sie voll aufgehen kann, und zwar eine, die die eigene Differenzerfahrung möglichst genau erfasst. Aus diesem Grund entwickelt sich innerhalb einer Szene, die eigentlich alle Kategorien dekonstruie- ren will, die paradoxe Notwendigkeit, immer neue (Sub-)Katego- rien aufzutun.

Das queerfeministische Subjekt FrauenLesbenTransInter* ist per se unabgeschlossen und nicht abgegrenzt; der queere Kampf kon- zentriert sich darauf, es vollständig zu benennen und um neue Differenzen zu erweitern. In diesem Kampf geht es um Anerken- nungspolitik, nicht aber um theoretische Durchdringung. Dadurch verkümmert die feministische Debatte zu Setzungen, die unver- mittelt nebeneinanderstehen und keine andere Art der Auseinan- dersetzung erlauben als die immer wiederkehrende Behauptung ihrer bloßen Existenz und Sichtbarkeit. Längst ist aus dem Blick geraten, dass feministische Theorie darüber hinausgehen könnte, detailliert Geschlechter und Sexualitäten zu klassifizieren und deren intersektionale Verschränkungen mit Migrationsgeschichte, sozialem Status, Behinderung oder religiöser Orientierung zu benennen. Die renommierte Geschlechterforscherin Sabine Hark stellt neuerdings ihren saarländischen Migrationshintergrund heraus, um ihre Rassismuskritik zu legitimieren.®

Während auf diese Weise marginalisierte Erfahrungen in den Vordergrund rücken, wird auf der anderen Seite ein gemeinsamer weiblicher Erfahrungshorizont geleugnet. In deutlicher Abgren- zung zur Zweiten Frauenbewegung erfährt die weibliche Differenz eine besonders gründliche Dekonstruktion: Weiblichkeit erscheint als Herrschaftserzählung, die besonders Transleute und Non- Binarys (Menschen, die sich weder als Männer noch als Frauen verstehen) normativ unterdrücke. In vielen transaktivistischen Kämpfen hingegen wird das Frausein zur positiven identitären Selbstaussage, die weder an Biologie, Sozialisation noch an Alltags- erfahrung gekoppelt sein muss. Weil Transweiblichkeit in queerer

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S. 24

Lesart einen Bruch mit diesen Signifikanten von Weiblichkeit markiert, wird sie als widerständig gewertet. Für die meisten

Queerfeministinnen jedoch wandelt sich in der Selbstbezeichnung

Frau die Emphase der Zweiten Frauenbewegung zum Schuld- bekenntnis. Das nicht-marginalisierte, nicht-transidente Frausein

gilt nunmehr als privilegiert: Weibliche Erfahrung wird häufig

nicht mehr als Unterdrückungserfahrung interpretiert, die zur Solidarität aufruft, sondern als weißes, cissexuelles Privileg. Wo

sich positiv etwa auf die Menstruation, die Klitoris als lustspenden- des Organ oder auf Arbeitskämpfe von Frauen bezogen wird, erfolgt

mit ziemlicher Sicherheit die Kritik, welche Ausschlüsse von Frau- en ohne Menstruation, Klitoris oder Lohnarbeitsverhältnis damit reproduziert würden: So wird der auch von vielen queeren Femi- nistinnen gern verwendete Slogan „Viva la Vulva“ immer wieder als

transfeindlich kritisiert.” Dass im Rahmen eines politisierten

Frauseins weibliche Genitalien und ihre Vergesellschaftung zur Sprache kommen, empfinden diese Kritikerinnen in einem identi- tären Kurzschluss als unerträglich ausschließend nicht als

Differenz zwischen Cis- und Transfrauen, die Kränkungen birgt, aber durchaus feministisch verhandelt werden kann.

Damit wird die individuelle Erfahrung als Teil einer Pluralität von

Erfahrungswelten gesetzt, die sich weder miteinander vermitteln

noch gesellschaftstheoretisch rückbinden lassen. Die andere Frau

wird zur nur noch Anderen, die in ihrer Differenz anerkannt und

fraglos akzeptiert werden soll. Sie in ihren konkreten Sozialisa- tions- und Alltagserfahrungen sowie in ihren politischen Ansich- ten verstehen zu wollen - sich ihr also mit Nachfragen und dem

Wunsch nach Diskussion zu nähern - gilt als respektlos. Das wird

besonders am queerfeministischen Umgang mit Musliminnen

deutlich, die in kultursensibler Haltung mit ihrer Herkunft und

ihrer Religion inklusive Kopftuch identisch gesetzt werden. Viel zu

wenig spricht man sie als Subjekte in ständigen Aushandlungen

mit ihrer sozialisierten Weiblichkeit, ihren davon geprägten Be- dürfnissen und ihren jeweiligen Lebenskompromissen an. Dabei

könnte ein streitbarer Austausch über weibliche Emanzipation

zwischen einer muslimischen und einer atheistischen Feministin

für beide Seiten höchst erhellend sein. Aber wenn der gemeinsame

Bezugspunkt des Frauseins wegfällt, werden Verständigung und

Solidarität unter Feministinnen, genauso wie ihre kritische Ausei- nandersetzung miteinander, erheblich erschwert.

Unter den Vorzeichen einer negativen feministischen Dialektik könnte die Verneinung des Frauseins eine große, wirkungsvolle

Geste sein. Sie könnte die Erkenntnis befeuern, dass Frausein im

Patriarchat oft beschissen ist und es darauf ankommt, frauenfeind- liche Zumutungen zu bekämpfen und sich ihnen individuell und

kollektiv zu verweigern, wo es geht. Dass Neinsagen die erste femi- nistische Tugend ist, hat die Frauenbewegung schon sehr früh

erkannt. Leider hat die queerfeministische Verneinung einer ge- meinsamen weiblichen Erfahrung stattdessen die Präsenz und den

7 Etwa in Solis, Marie: How the Women’s March’s „genital- based“ feminism isolated the transgender community. https:// mic.com/articles/166273/how-the-women-s-march-s-geni- tal-based-feminism-isolated-the-transgender-community#. z2EuDKSmE (2017).

8 Zit.n. Knapp, Gudrun-Axeli/Wetterer, Angelika: Traditionen- Brüche. Entwicklungen feministischer Theorie. Freiburg 1992.

outside the box #7

Erfahrung

Kampfeswillen des politischen Subjekts Frau kassiert, das die Zwei- te Frauenbewegung in den Jahrzehnten zuvor in Stellung gebracht hatte. Gerade die Identitäten Frau und Lesbe werden häufig als kränkende Fremdzuschreibungen zurückgewiesen. Neben der Angst, als vermeintlich Privilegierte die Legitimation zur feminis- tischen Äußerung zu verlieren, drücken sich darin die Abwehr und die Individualisierung weiblicher Unterdrückungserfahrungen aus.

Das politische Subjekt Frau

Es scheint mir sinnvoll zu sein, das Verhältnis zwischen Gleich- heit und Differenz der weiblichen Erfahrung als dialektischen

roten Faden zu sehen, der die Geschichte des feministischen Wir durchzieht. Die Argumentation mit einer solchen Dialektik ist ein

adäquates Analyseinstrument für die realen Lebensverhältnisse

von Frauen: Unsere Gesellschaft ist von der kapitalistischen Pro- duktionsweise bestimmt, die von Anfang an mit einer geschlechts- spezifischen Organisation von Produktion und Reproduktion

verbunden war. Seit jeher verdienen Männer mit ihrer Lohnarbeit mehr Geld als Frauen, sind besser ausgebildet, besser ernährt und

besetzen die besseren Posten in Wirtschaft und Politik. Frauen hin- gegen waren immer auch für die „Reproduktion des Lebens“ (Frigga Haug) zuständig und übernehmen damit eine überle- benswichtige gesellschaftliche Funktion, die dennoch weder angemessen entlohnt noch auf andere Weise anerkannt wird; viel- mehr wird die ökonomische und soziale Abhängigkeit der überwäl- tigenden Mehrheit der Frauen gerade mit ihrer Gebärfähigkeit

begründet. Dieses kapitalistische Patriarchat hat sich längst globa- lisiert und andere, vormoderne Formen der Männerherrschaft ab- gelöst. Weltweit werden Babys mit Vulven zu Frauen sozialisiert

und wachsen in weiblich bestimmte Handlungsspielräume hinein. Dort wird ihnen ein Großteil der gesellschaftlich anfallenden

Reproduktionstätigkeiten aufgebürdet, während ihnen sexuelle, intellektuelle und politische Autonomie oftmals verwehrt bleibt. Das geschieht in unterschiedlichen sozialen Schichten und in un- terschiedlichen Regionen der Welt mit unterschiedlichen Aus- maßen an Zwang und Alternativlosigkeit. Die kanadische Feminis- tin und Kapitalismuskritikerin Gayle Rubin hat schon vor vielen

Jahren festgestellt, dass das Geschlechterverhältnis gekennzeich- net ist von „einer endlosen Varietät und monotonen Ähnlichkeit“ quer durch die Kulturen und die Geschichte.® Um den Erfahrun- gen von Frauen gerecht zu werden, braucht es die Erkenntnis ihrer Ähnlichkeit ebenso wie die ihrer Varietät, ja, das eine ist ohne das

andere gar nicht denkbar: Varietät bzw. Differenz kann nur gedacht werden, wenn es vergleichende Momente gibt, an denen die Diffe- renz ansetzt. Ähnlichkeit bzw. Gleichheit kann nur dort als Über- einstimmung gedacht werden, wo es ein Anderes gäbe - etwa einen

mit Männern geteilten Erfahrungshorizont.

Demnach beruht ein Feminismus, der einseitig auf einen der beiden Pole stillgestellt wird, auf unreflektierten, unausgesproche- nen Voraussetzungen; er bedenkt seine eigenen erkenntnistheo- retischen Voraussetzungen nicht. Das ist keine gute Position, um

die gesellschaftliche Realität zutreffend zu beschreiben und Hand- werkszeug zu ihrer Veränderung bereitzustellen. Auch die vor- rangig sprachliche Auflösung der Differenz, die der Dekonstrukti- vismus betreibt, bietet keinen Ausweg aus der politischen

Notwendigkeit, sich eingehend mit der Lebenspraxis und der jewei- ligen Unterdrückungssituation von Frauen überall auf der Welt

auseinanderzusetzen. Dass das kapitalistisch-patriarchale Zwei- geschlechterverhältnis sich - mit entscheidenden Modifikationen weltweit durchgesetzt hat, erfordert, dass weibliche Unter- drückungssituationen miteinander in Beziehung gesetzt, auf Gemeinsames und Trennendes hin untersucht werden. Ein so verstandener materialistischer Feminismus setzt voraus, dass es im Feminismus zentral um Frauenrechte geht. Feministin- nen müssen ihre eigenen Unterdrückungserfahrungen und die anderer Frauen vergleichend untersuchen und auf dieser Grund- lage über eine feministische Theorie sowie politische Interventio- nen auf frauensolidarischer Basis nachdenken. Das Erkenntnis- interesse einer materialistischen feministischen Theorie soll dabei sein, von den eigenen Erfahrungen und dem Austausch darüber zur Analyse des kapitalistischen Patriarchats vorzudringen. Die Analyse wiederum muss sich von den Erfahrungsberichten anderer Frauen in Frage stellen lassen und mit diesen aufs Neue vermittelt werden. Sie stellt ein politisches Subjekt Frau in den Mittelpunkt, auf das sich so viele Frauen wie möglich beziehen können, und an das anknüpfend sie ihre feministischen Kämpfe verorten und be- schreiben können. Das praktische Ziel feministischer Theoriebil- dung soll sein, Frauen in die Lage zu versetzen, sich von patriarcha- len Zwängen zu befreien. Dabei geht es sowohl um Verbesserungen innerhalb der bestehenden Gesellschaft wie auch darum, das glo- bale kapitalistische Patriarchat in einen gesellschaftlichen Zustand zu transformieren, in dem Geschlecht und Sexualität keine Herr- schaftskategorien mehr wären. Beide Perspektiven müssen in der feministischen Theorie miteinander dialektisch vermittelt werden.!" Negative Erfahrungen werden bei diesem Abgleich weiblicher Erfahrungen vermutlich eine vorrangige Rolle einnehmen. Das Verwiesensein auf den reproduktiven Tätigkeitsbereich, ein objek- tivierendes Körperverhältnis und die Verweigerung sexueller Selbstbestimmung sind nur drei Beispiele von frauenfeindlicher Diskriminierung, die zu bekämpfen Heteras wie Lesben, Cis- und Transfrauen, weißen und rassistisch diskriminierten Frauen, Müt- tern und kinderlosen Frauen ein gemeinsames Anliegen sein muss. Von der queeren Kritik am Subjekt Frau bleibt aufrechtzuerhalten, dass es im Feminismus nicht darum gehen sollte, wie Frauen zu sein und zu empfinden haben - vielmehr darum, das gemeinsame Leiden zu bekämpfen, das aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Schweregraden erlebt wird. Weibliche Erfah- rungen inhaltlich zu diskutieren, muss die Kritik von Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit einbeziehen: aus der Erkenntnis heraus, dass viele Frauen mit Diskriminierung auf diesen Feldern zu kämpfen haben. Aber es darf nicht bei Lippenbekenntnissen wie diesem bleiben, dass Feminismus selbstverständlich antirassistisch zu sein habe; sondern konkrete feministische Analysen müssen mit antirassistischer Theorie vermitteln werden.

9 Katharina Lux beschreibt in dieser Ausgabe zu Überlegungen aus der Zweiten Frauenbewegung, wie feministische Theorie- bildung über den Austausch von Erfahrungen erfolgen kann.

10 Vgl. dazu Rosa Luxemburgs Idee der revolutionären Real- politik, etwa bei Bonavena, Marco/Hauer, Johannes: Grund- einkommen - macht Arbeiter und Unternehmerinnen glück- lich!? Teil 2. In: zehnplusfünf. politisches magazin (2015).

11 Siehe hierzu die sehr erhellenden Texte der Anti-Prostitu- tions-Aktivistin Huschke Mau: http://huschkemau.de.

Der Ruf nach Vermittlung muss auch in

eine andere Richtung ergehen. In jüngster Vergangenheit hat der antifeministische

Rechtsruck in weiten Teilen der Gesellschaft die alarmierende Fragilität feministischer Er- rungenschaften offenbart wie auch das Ver- sagen des neoliberalen Erfolgsversprechens, dass es tausende Möglichkeiten gäbe, sich geschlechtsunabhängig ein schönes Leben

zurechtzuzimmern. Im Zuge dieses rauer gewordenen Zeitgeists erheben sich, nach Jahrzehnten der queeren Dekonstruktion weiblicher Erfahrungen, vermehrt radikalfe- ministische Stimmen.

Die Autorinnen des radikalfeministischen Blogs Die Störenfriedas, aber auch die Zeit- schrift EMMA und die Frauenrechtsorganisa- tion Terre des Femmes weisen unermüdlich darauf hin, dass patriarchale Gewalt gegen Frauen nach wie vor ein Problem globalen

Ausmaßes ist und dass frauenfeindliche Ge- setzgebungen wie ein Abtreibungsverbot oder ein Verschleierungsgebot unterschiedslos alle Mädchen und Frauen betreffen, die im Geltungsbereich dieses Gesetzes leben - egal, wie sie sich hinsichtlich Geschlecht und sexueller Orientierung verorten. Radikalfeministinnen klagen die

queerfeministische Dethematisierung der weiblichen Biologie an, weil Frauenunterdrückung und -ausbeutung genau dort ansetzen

würden. Ein anonymer Sticker fasst den radikalfeministischen

Debattenbeitrag zusammen: „Frausein ist eine biologische und

soziale Realität - keine Identität, kein Gefühl, keine Ästhetik!“ Mit diesem Bezug auf ein übersichtliches und klar abgrenzbares weib- liches Wir wollen Radikalfeministinnen die Kampflinien der Zwei- ten Frauenbewegung wiederaufrichten und appellieren an die uni- versale weibliche Erfahrung patriarchaler Unterdrückung.

Das führt einerseits zu klaren Positionierungen gegenüber sexisti- schen Missständen auf der ganzen Welt, die der Queerfeminismus

nicht leisten kann und will. Die massenhafte Ausbeutung ökono- misch und psychosozial geschwächter Frauen in der Prostitution

oder die islamistische Zwangsverschleierung Minderjähriger kön- nen Queerfeministinnen nicht angemessen kritisieren: weil sie den

tendenziösen Erfahrungsberichten einzelner muslimischer und

sich prostituierender Aktivistinnen stärker verpflichtet sind als der Frauensolidarität. Radikalfeministinnen hingegen leiten aus ihrer Wiederaufnahme der feministischen Schwesternschaft das Recht und die Verpflichtung ab, auch für Frauen zu kämpfen, deren Not- lage ihnen nicht persönlich vertraut ist, und setzen sich daher etwa für ein Verbot der Mädchenverschleierung ein oder für das Nor- dische Modell, das Prostitution durch Freierbestrafung ein- dämmt.!!

Das Kraftvolle dieses frauenkämpferischen Ansatzes weht nach 25

Jahren Sprachpolitik als frischer Wind durch die feministische

Debatte. Seine heftige Abgrenzung zum Queerfeminismus spiegelt die queere Verachtung gegenüber der Zweiten Frauenbewegung. Hatten Queers die Differenz gegen das politische Subjekt Frau in

Stellung gebracht, betonen Radikalfeministinnen das gleichma- chende Moment der patriarchalen Frauenunterdrückung. Dabei

leugnen sie, dass Frausein auch Identität, Gefühl und Ästhetik ist.

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Queerfeministinnen affırmieren den Zwang des neoliberal geprägten Subjekts, sich über eine individuell gestaltete Geschlechts- identität zu verorten und zu vermarkten; Radikalfeministinnen tun ihn als Befind- lichkeit ab, als akademische Spielerei und Realitätsverweigerung, die die Augen vor der gleichartigen Situation aller Frauen verschließt.

Damit wird man den inneren Widersprü- chen der weiblichen Subjektivität nicht ge- recht. Zwar hantieren Radikalfeministinnen mit dem klassischen Gegensatzpaar sex (Biologie) und gender (Sozialisation und Gesellschaft), das auch dem materialisti- schen Feminismus ein wichtiges Werkzeug sein muss. Jedoch verfehlen sie, das Verhält- nis zwischen sex und gender sowie seine individuelle Vermittlung im Subjekt genau zu erforschen, und landen deshalb so treff- sicher im Biologismus wie die Queers in der Ablehnung jeglicher Geschlechtsnatur. Weibliche Sozialisation wird als einseitige Prägung verstanden, die ausschließlich von außen einwirkt und das Menschlein mit Vulva zur patriarchal zugerichteten Frau formt. Daraus entstehen zwei Fehlschlüsse: Zum einen wird die libidinöse Verstrickung von Frauen mit dem Patriarchat vernachlässigt. Auf diese Weise kön- nen etwa Frauen, die Freude an SM haben, nur als sexuell verstüm- melte Opfer betrachtet werden - nicht als Subjekte, die in Teilen ihrer patriarchalen Prägung eine Form sexueller Lust gefunden haben, die durchaus selbstbestimmt und im Bewusstsein des Widerspruchs, etwa zur eigenen herrschaftskritischen Haltung, gelebt werden kann. Die radikalfeministische Argumentation er- innert hier an die PorNO-Kampagne der 1980er und weist dieselbe Schwäche auf, weibliche Erfahrungen als allen Frauen gemein- same Opfererfahrung zu beschreiben, die nur aufgedeckt und

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12 Ein Beispiel für eine Argumentation, die zu dieser Schieflage neigt, ist Mira Sigels dennoch lesenswerte Rezension Der Bericht einer Überlebenden: „Das Inzesttagebuch“, https:// diestoerenfriedas.de/der-bericht-einer-ueberlebenden-das- inzesttagebuch (2017).

13 So geschehen im Flyer der Lesbengruppe Gef The L Out, die im Juli 2018 die Londoner Pride Parade störte, um darauf aufmerksam zu machen, dass explizit lesbische Anliegen in der LGBTI-Bewegung zunehmend untergehen. Die acht älteren Genossinnen, die es sich herausnahmen, im Namen der Frauen die riesige Parade aufzuhalten, führten diesen Missstand leider pauschal auf transaktivistische Interventio- nen zurück. Wie berechtigt die Kritik an den unfeministi- schen bis antifeministischen Tendenzen im Transaktivismus und in der gesamten LGBTI-Bewegung aber grundsätzlich ist, zeigt die helle Empörung, die die Protestaktion auslöste: Ihre Kritik wurde sowohl von den OrganisatorInnen der Parade als auch von der queeren Community mit großer Selbstverständlichkeit als völlig undiskutabel übergangen.

14 Vgl. dazu den Artikel von Daria Kinga Majewski Nie ganz sie selbst in diesem Heft, outside the box #7 (2019).

outside the box #7

Erfahrung

skandalisiert werden müsse: entgegen den Bemühungen der Män- ner, die Sexualität der Frauen „patriarchatsgerecht zurechtzu- schneiden“.!? Der Anspruch einer materialistisch-feministischen

Theorie sollte durchaus sein, den Opferstatus der Frauen im globa- len Patriarchat zu beschreiben - und dabei darzustellen, wie sich

dieser Status im einzelnen Subjekt realisiert und wo er mit Antei- len weiblicher Selbstverwirklichung verquickt ist. Angesichts der realen Vervielfältigung weiblicher Lebensläufe und Handlungs- spielräume, die durch Neoliberalismus und Globalisierung ent- standen sind, müssen diese paradoxen Verquickungen einen ange- messenen Raum erhalten.

Der zweite Fehlschluss rührt aus der Annahme, dass die ge- schlechtsspezifische Sozialisation, die auf die biologische Einord- nung folgt, notwendig eine Person des verordneten Geschlechts

hervorbringt, die überdies die entsprechende Täter- oder Opfer- position im Patriarchat bekleidet. Demzufolge seien Männer (potenzielle) Täter und Transfrauen verkleidete Männer.

Dadurch neigen manche radikalfeministischen Analysen zu ver- schwörerischen Ansichten, die das Verhältnis verfehlen, in dem die

einzelnen Subjekte zur übermächtigen Objektivität des kapitalis- tischen Patriarchats stehen. Gerda Lerner argumentiert in ihrem

Klassiker Die Entstehung des Patriarchats überzeugend, dass das

Patriarchat in keiner Entwicklungsstufe zuvörderst als Revolte

oder Verschwörung der Männer missverstanden werden darf obwohl Männer stets von der Unterordnung der Frauen davon pro- fitiert haben. Den Prozess, der Frauen immer weiter in die schwä- cheren Positionen der Gesellschaft beförderte, charakterisiert

Lerner als historische Tragik einer ursprünglich sinnvollen

geschlechtlichen Arbeitsteilung, an der Frauen von Anfang an

mitgewirkt haben, und die als Handlungsgrundlage beider Ge- schlechter erst mühevoll bewusst gemacht werden muss. Es ist

keine leichte theoretische Aufgabe, das kapitalistische Patriarchat

als global prozessierendes Verhängnis zu erfassen und gleichzeitig

als die männerbündische Machtausübung, die es auch ist.

Nicht zuletzt kann mit dem radikalfeministischen Hammer keine

Solidarität mit den politischen Kämpfen von Transfrauen

geschmiedet werden. Ein Erfahrungsbegriff, der das Frausein recht

unvermittelt von natürlichen Brüsten und Vulven herleitet, kann

die weiblichen Erfahrungen von Transfrauen nicht erfassen: den

Alltagssexismus, der sie betrifft wie andere Frauen; ihr spezifisches

Verwiesensein auf den reproduktiven Bereich, der sie weniger zu

Ehe und Mutterschaft drängt als in die Prostitution, wo sich Män- ner den Zugriff auf ihren Körper erkaufen. Bei aller berechtigten

Wut auf die frauenfeindlichen Auswüchse manches queeren Trans- aktivismus ist es völlig verfehlt, Transfrauen als Männer zu denun- zieren, die eine weibliche Identität annehmen, um sich Zugang zu

Frauenräumen und Sex mit Lesben zu verschaffen.'? Das radikal- feministische Postulat von der Gleichheit aller Frauen, die auf Bio- logie und Sozialisation beruht, endet an der Differenz trans/cis statt sich Transweiblichkeit fruchtbarerweise als ein differentes, ein anderes Frausein gegenüberzustellen, das entscheidende Ge- meinsamkeiten mit cisweiblichen Erfahrungen aufweist.'* Auch

auf diesem verminten Feld kann die feministische Auseinanderset- zung nur über einen Austausch gelingen, der die Erfahrungen der

anderen Frau als unverzichtbar für die eigene Theoriebildung

begrüßt und mögliche gemeinsame, frauensolidarische Kampf- ziele erwägt.

Koschka Linkerhand Die andere Frau

In diesem Text habe ich mich großenteils auf metatheoretischen Bahnen bewegt. Interessant wird es eigentlich erst, wenn diese Bestimmungen eines materialistischen Feminismus auf kon- kreten Kritikfeldern ausgeführt werden: etwa einer ausführlichen Kritik der weiblichen Sozialisation, die den globalen Gemeinsam- keiten, aber auch den immensen Unterschieden gerecht wird; oder einer Analyse des in vielen Ländern geführten feministischen Kampfes um das Recht auf Abtreibung.

Ein materialistischer Feminismus kommt nicht umhin, mit der vorläufig unaufhebbaren Spannung von Gleichheit und Differenz unter Frauen zu arbeiten. Über ein nüchternes Zweckbündnis auf der Basis geteilten Leidens hinaus resultieren daraus Möglichkei- ten, die Feministinnen auch im Interesse eines schöneren Lebens ins Auge fassen sollten: empathische Solidarität, der Anstoß, von- einander zu lernen, und die Bereicherung durch die gleichzeitige Nähe und Fremdheit der anderen Frau.

4 ist Redaktionsmitglied der outside the

box. Dieser Artikel fußt zum einen auf dem gemeinsamen Nachdenken in der Redak- tion, zum anderen auf dem Einführungstext in ihren Sammelband Feministisch streiten, erschienen 2018 im Querverlag.

S.27

Unter dem Titel Die Freundin erschien in den 1920er Jahren regel- mäßig eine Zeitschrift für frauenliebende Frauen. Darin befand sich ein eigener Teil für Transvestiten, in dem man rege Diskussio- nen verfolgen kann.! Deutlich zeichnen sich schwere Konflikte zwischen homo- und heterosexuellen, männlichen und weiblichen Transvestiten? und solchen, die den Kleiderwechsel der Sexarbeit wegen vollzogen, ab. Aber auch (cis) Frauen? melden sich zu Wort und diskutieren, was einen Menschen jenseits der Genitalien zu Mann oder Frau macht. Gestritten wurde darum, wer ein richtiger Transvestit und damit „ein Frauenzimmer in Mannesgestalt“* sei und wer nicht. Gerade Hausarbeit wurde sowohl von (cis) Frauen als auch von Transvestiten als Identitätsmarker gesetzt. „Nicht nur die Rechte einer Frau darf der Transvestit sich nehmen, indem er sich putzt und den ganzen Tag vor dem Spiegel verbringt, sondern

1 Vgl. Herrn, Rainer: Das 3. Geschlecht. Reprint der 1930 1932 erschienenen Zeitschrift für Transvestiten. Berlin 2016. Nachdem sich in den 1920er Jahren Transvestiten vor allem in einer eigenen Themensparte der Zeitschrift Die Freundin öffentlich äußerten, wuchs gegen Ende der 1920er das Bedürf- nis, eine eigene Zeitschrift für Transvestiten zu drucken.

So kam es zum Druck der im Radszuweit Verlag erschienen Zeitschrift Das 3. Geschlecht.

2 1910 prägte Magnus Hirschfeld den Begriff der „Transvestiten” und definierte diesen als einen natürlichen Verkleidungs- trieb. Transvestitismus sei also kein Fetisch, sondern eine geschlechtliche Ausformung. Die medizinischen Transitions- möglichkeiten steckten noch in den Kinderschuhen, weshalb die Sprache eine gänzlich andere war als heute. Es wurde von männlichen Transvestiten gesprochen, wenn Menschen gemeint waren, die mit männlichen Geschlechtsteilen zur Welt gekommen waren, und von weiblichen Transvestiten, wenn Menschen mit weiblichen Geschlechtsteilen gemeint waren. Heterosexuelle Transvestiten waren diejenigen, die jenseits des Transvestitismus in „normalen” heterosexuellen Ehen lebten. Homosexuelle Transvestiten wurden den homo- sexuellen Subkulturen zugeordnet. Weiterhin unterschieden wurde zwischen solchen, die nur im Privaten transvesti- tisch lebten, und den sog. Voll-Transvestiten oder Extremen Transvestiten, die schlicht als Männer oder Frauen lebten/ leben wollten.

3 Cis ist das Gegenteil von trans. Demzufolge sind cis Frauen diejenigen Frauen, die bei der Geburt als Mädchen klassifi- ziert wurden, wohingegen trans Frauen diejenigen Frauen sind, die bei der Geburt als Jungen klassifiziert wurden.

4 Hirschfeld, Magnus: Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb mit umfangreichem casuistischen und historischen Material. Leipzig 1925. Down- load unter https://lilielbel.files.wordpress.com/2016/01/ hirschfeld_die_transvestiten_1925.pdf.

5 Dietrich, Berthe, In: Das 3. Geschlecht (s. 0.), 2/1930

6 Vgl. Raymond, Janice: The Transsexual Empire. The Making of the She-Male. Boston 1994.

7 Pintul, Naida, Marte, Janina: „Die Reform würde eine biolo- gische Fiktion von Frauen mit Penis erschaffen“. Feministin- nen in Großbritannien kritisieren den Gender Recognition Act. In: Jungle World 4/2019.

auch die Pflichten eines Weibes muss er sich zu eigen machen, wenn er anerkannt und ernstgenommen werden will.“®

Es scheint, als hätte jede Diskutantin schlicht ihr eigenes Sein

(heute würde man von Identität sprechen) zu verteidigen versucht. Kaum überwindbar waren die Differenzen, so dass die Gründung eines Bundes der Transvestiten am Ende der 1920er wie auch zu

Beginn der 1930er Jahre scheiterte.

In den 1970ern artikulierten Feministinnen wie Janice Raymond, dass trans Frauen entweder Frauenräume infiltrierende Vergewal- tiger oder verwirrte Opfer einer frauenfeindlichen medizinischen

Entwicklung seien.®

Weitere 40 Jahre später scheinen sich die Konflikte zu wiederholen. Im Jungle World-Artikel „Die Reform würde die biologische Fik- tion von Frauen mit Penis erschaffen“ werden trans Frauen erst dann als Frauen anerkannt, wenn durch Gutachter eine sozio- pathische Störung ausgeschlossen wird und wenn trans Frauen

auch wirklich alle Operationen vornehmen: Folgt man der Logik des Artikels, wird eine Frau entweder durch ihre Vulva und einen

gesunden Geisteszustand definiert und alle anderen Frauen

wären gewaltbereite Männer, vor denen Frauen sich dringend

schützen müssten. Oder aber man geht von einem Naturrecht aus, mit dem cis Frauen ausgestattet sind und trans Frauen nur auf Gnaden die Grenze zum Frausein überschreiten dürften.’ So oder so eine fragwürdige Herangehensweise.

Auf der anderen Seite wollen einige trans Aktivist*innen die Dar- stellung von Vulven und das Thematisieren von Menstruation und

Schwangerschaft als Teil weiblicher Erfahrung verbieten. Die Welt hat sich verändert, aber die Kämpfe um die eigene Identität und

das (richtige vs.) falsche Frausein scheinen die gleichen geblieben

zu sein.

Es stellt sich also die Frage, inwieweit die Erfahrungen von cis und

trans Weiblichkeit diesen Konflikt aufgrund ihrer gesellschaft- lichen Bedingtheit automatisch hervorbringen müssen.

Das Begriffspaar trans und cis, das immer mehr in Verruf gerät, scheint mir wichtig, um den Konflikt, der sich auf vielen Ebenen

vollzieht, fassen zu können und Subjektpositionen zu bestimmen:

Die Begriffe stellen den Versuch dar, die differente Erfahrung aus- zudrücken, sich entlang der eigenen Biologie geschlechtlich zu

identifizieren, oder entgegen der eigenen Biologie (wie sie die

gesellschaftliche Norm definiert). Dabei zeigen die Begriffe /rans

und cis, dass der Prozess der geschlechtlichen Identifikation nicht lediglich ein transgeschlechtlicher, sondern ebenso ein cis- geschlechtlicher Prozess ist. Im Falle der cisgeschlechtlichen

Erfahrung ermöglicht jedoch die Norm einen unbewussten Pro- zess, wohingegen die transgeschlechtliche Erfahrung einen be- wussten Prozess voraussetzt, da mit ihm ein Normbruch verbun- den ist.

Die verhandelten Positionen politischer Streitbewegungen sind

also vor allem Erfahrungskategorien, die jedoch als solche nicht artikuliert, sondern in Ideologien überführt werden.

Julia Serano formuliert den Gedanken des gelebten Geschlechts, der die Lebensrealität von Frauen als Frauen anerkennt, ohne die Differenzen zwischen den einzelnen Subjektpositionen leugnen zu müssen. Damit entsteht eine synchrone Betrachtungsweise, die den jeweiligen Werdegang hin zum jetzigen Sein offen lässt, ohne sich jedoch an einer vermeintlich eindeutigen geschlechtlichen Vergangenheit festzubeißen. Der Idee des gelebten Geschlechts wird oft entgegengehalten, dass man trans Frauen aufgrund ihrer

Körperlichkeit ansehe, dass sie keine „echten Frauen“ seien. Körperliche Merkmale, die als nicht-weiblich gelten, werden sogar gegen sie verwendet, um sie beispielsweise aus Frauen- räumen auszuschließen und als potenzielle Täter zu stigmatisieren. Ignoriert wird dabei, dass jede Frau die eine mehr, die andere we- niger Brüche in ihrer Weiblichkeit aufweist, unabhängig davon, ob sie cis, trans oder was auch immer ist. Die Bedeutung der Brüche wird erst im geglaubten Wissen um die Cis- oder Transgeschlechtlichkeit des Gegenübers generiert. Es geht also im Kern nicht um die Frage, ob eine Frau auch groß, stark und klein- brüstig sein kann, sondern letztlich um die Frage der Zurichtung. Bini Adamczak spricht in ihrem Essay Kritik der polysexuellen Öko- nomie von der Zeit, die im Badezimmer aufge- bracht werden muss, um

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a) sich der geschlechtsspezifischen Erwartun- gen entsprechend herzurichten b) als begehrenswert zu erscheinen.

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Begehrenswert meint meines Erachtens nicht nur schön, sondern auch, dass eine Person ein- deutig in das binäre Geschlechterverhältnis eingeordnet werden kann, in dessen Kern das reproduktive Verhältnis steht. Leslie Feinberg verhandelt dieses Verhältnis in dem Buch Transgender Warriors und stellt mit En- gels® fest, dass die Unterdrückung von Geschlechtstransgress ein- hergeht mit der Beanspruchung cis weiblicher Körper durch cis Männer, also mit dem Patriarchat beginnt.

An Feinbergs modellhaften Versuch, Transunterdrückung nachzu- zeichnen, zeigt sich, dass es in der heutigen Auseinandersetzung zwischen cis und trans Frauen eben primär um die jeweiligen Kränkungen geht, die entlang der Achse der Fähigkeit oder Unfä- higkeit zu gebären verhandelt werden.’

Als gute Frau gilt die Frau, die

a) schwanger werden kann b) dies auch tut (und die Rolle der Mutter vorbildlich erfüllt)

Alle anderen haben entweder versagt oder gelten als „gefallene Frauen“. Es ist also kein Zufall, dass das, was wir heute als trans Weiblichkeiten bezeichnen, in verschiedenen Kulturen mit dem Stigma der Prostitution behaftet ist. Menschen, die Weiblichkeit verkörpern, aber nicht schwanger werden können, gilt es nicht zu besitzen, sondern als lustbringend und als Abjekt der Geschlechter- binarität abzudrängen. Um dieses Verhältnis besser begreifen und in kapitalistische Verhältnisse einordnen zu können, lohnt sich ein

8 Hier wird Bezug genommen auf Engels, Friedrich: Der Ur- sprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Hottingen-Zürich 1884.

9 Mit trans Männern oder nicht-binären Positionen, die poten- ziell gebären könnten, beschäftige ich mich an dieser Stelle nicht, da eine umfassende Analyse den Rahmen eines Kom- mentars weit sprengen würde.

outside the box #7

y

Erfahrung

Blick über den eigenen kulturellen Tellerrand hinaus: In Mexiko

gibt es Muxe, auf Samoa Fa’afafine, in Indien Hijras und in Thai- land Kathoey - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Sie alle stellen

Subjektpositionen dar, die im weitesten Sinne mit dem verglichen

werden können, was unter dem Begriff trans Weiblichkeiten sub- sumiert wird. Interessant ist, dass sie, spezifisch für ihren jeweili- gen Kulturraum, nicht erst in der Postmoderne ins Licht rückende

Subjekte sind, die jetzt nach einer Gesellschaftsposition verlangen, sondern über Jahrhunderte hinweg gewachsene Positionen inner- halb des Geschlechterverhältnisses darstellen. In postkolonialen

und kapitalistischen Gesellschaften fallen sie rigoros in bestimmte

Kategorien der gesellschaftlichen Arbeitsteilung: Da sie nicht heiraten und keine eigene Familie gründen (dürfen), pflegen sie

die alternden Eltern, machen den Haushalt und funktionieren in

der Dorfgemeinschaft als Sexpertinnen, die Männer ehetauglich

machen, oder sind Sexarbeiterinnen. Hier zeigt sich ein erstes

Moment, das auf ein politisches Subjekt Frau verweist: Das Verkör- pern von Weiblichkeit drängt Menschen in die Reproduktions- arbeit ab, aber je nachdem, wie die Frage nach der Gebärfähigkeit

beantwortet wird, in Teilbereiche dieser: Mutter oder Hure. Natür- lich fallen auch unzählige cis Frauen in die Kategorie der Hure, aber erst als „gefallene Frauen“; trans Frauen gelten per se als „Ge- fallene”, also als Verworfene (Abjekte) der Geschlechterbinarität. In

diesen harten kulturellen Bildern und den politökonomischen

Bedingungen zeigt sich, dass cis Frauen niemals etwas anderes

sein können als Frauen (und damit nie vollständige Subjekte) und

trans Frauen wiederum niemals ganz Frauen (und damit Teil der binären Gesellschaft). Dennoch unterliegen beide Subjektposi- tionen denselben patriarchalen Voraussetzungen: Frausein im

Patriarchat geht eben stets mit Entwertung und Unterdrückung - und damit der Unmöglichkeit, jemals ganz man selbst zu sein - einher. Darin sind die geschlechts- und erfahrungsspezifischen

Kränkungen zu suchen.

Aber gerade das Moment der Artikulation von geschlechtsspezifi- schen Kränkungen ist ein großes Tabu in vielen emanzipatori- schen Kontexten. Denn für cis Frauen gilt es zu zeigen, dass Frau- sein super und dem Mannsein mindestens gleichgestellt ist. Oder, dass Frausein gar keine Rolle spielt. Und für trans Frauen wieder- um gilt das stete Selbstempowerment - „trans is beautiful“ - und

die Notwendigkeit, die eigene Transitionsgeschichte als Erfolgs- und Befreiungserlebnis zu verteidigen.

Zwischen diesen Positionen zeigt sich der notwendige Konflikt und

die Abwehr, die damit einhergeht: etwa wenn cis Frauen an trans

Frauen abwehren, dass diese das Frausein „freiwillig“ und „lust- voll“, also das Gleiche als Gleiche leben könnten, was in der cis

weiblichen Position als Einschränkung und auch Kränkung erfah- ren wird; wenn trans Frauen an cis Frauen abwehren, dass diese die

‚natürlicheren“ Frauen seien. Angst macht an der anderen also der Widerspruch, zugleich Frau zu sein und auch sein zu wollen, unter dem Frausein in der patriarchalen Geschlechterordnung jedoch zu

leiden und gekränkt zu werden, und dass diese Kränkungen ent- lang der Achse von Cis- und Transgeschlechtlichkeit unterschied- lich erlebt werden. Einer von vielen zu betrauernden Aspekten ist

hier das Double Bind:

Trans Frauen müssen den gesellschaftlichen Zwang zur Eindeutig- keit internalisieren und so eine bruchfreie Erfolgserzählung auf- rechterhalten: „Ich habe mich schon immer eindeutig als Mädchen/ Frau gefühlt und die Transition war eine Befreiung für mich. Ich

Daria Kinga Majewski Nie ganz sie selbst 8,31

bin immer gerne Frau.“ Auf die soziale Rolle der Frau reduziert, sollen sie sich geichzeitig kritisch zum Frausein verhalten, um nicht stereotype Weiblichkeitsbilder zu reproduzieren: „Sie fühlen sich als Frauen.“

(Feministischen) cis Frauen wiederum wird eine stete Desidentifikation mit dem eigenen Geschlecht abverlangt, durch die also deutlich wird, dass sie lediglich durch den Zwang der Biologie Frauen sind und damit einen kritischen Umgang su- chen. Dieser Bruch mit dem Frausein ist auch notwendig emanzipatorisch, um die klassische Rolle der Frau zu überwinden. Auf die Biologie zurückgeworfen, sollen sie sich jedoch den Er- wartungen nach bruchfrei mit ihrem Geschlecht identifizieren können, denn als cis Frauen seien sie ja identisch mit dem Frausein: „Sie sind Frauen“.

Die brüchige Opposition von Sein und Wollen drückt den wesentlichen zu betrauernden Konflikt aus: Wäh- ""\._ rend die eine auf einen vermeintlichen Naturzustand zurückge- worfen und entmündigt wird, wird der anderen ein zweifelhafter Wille unterstellt, der gleichgesetzt wird mit Wahnsinn, Falschheit . und Perversion. x

Im Streit um die Frage danach, welche weiblichen Erfahrungen S und Werdungsprozesse die größere Validität hätten, zeigt sich der Fallstrick des Patriarchats: Heilige vs. Hure, oder dem Kontext von

cis und trans angepasst: die Echte vs. die Falsche.

Die Gemeinsamkeit in der Differenz zeigt sich also im Bewusstsein um den Zusammenfall der Beanspruchung cis weiblicher und der Eliminierung transgeschlechtlicher Körper im Laufe der patriar- chalen Geschichte und der daraus resultierenden Zuschreibungen

an gebärende und nicht gebärende Weiblichkeit. Dass die beschrie- benen Konflikte beider Subjektpositionen eben keine individuellen, sondern auch gesellschaftliche sind, vermittelt sich in der Tiefe und der Bedeutung der ausgetragenen Konflikte nur noch sehr \ schwer, scheint unter der Last des Dilemmas, das beide Seiten Ri notwendig in sich und mit sich tragen, zu verschwimmen. Diese N Erkenntnis könnte eine Möglichkeit sein, die Auseinanderset- NG zungen in eine emanzipatorische Richtung zu lenken, die den d

Subjekten im besten Fall Handlungsmöglichkeiten eröffnet, die &

die Entwicklung und Befreiung aller im Blick hat - anstatt sie zu d

verschließen und sich gegenseitig zum Verstummen zu bringen. N

schreibt und spricht zu Fragen von Femi- nismus, Transgeschlechtlichkeit und Emanzipation. Besonders beschäftigt sie die historische Entwicklung der heutigen Identität trans und damit die Frage nach gelungener und geschichtsbewusster Transidentitätspolitik.

studierte Illustration bei ATAK an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Mit ihren Arbeiten hinterfragt sie bestehende Perspektiven auf Körper, Geschlecht und Begehren und entwickelt neue Darstellungs- formen und Erzählnarrative nicht-heteronor- mativer Lust. In ihrer letzten Arbeit inszenierte sie eine lesbische Cruising-Area in einem Fitnessstudio. Aktuell forscht sie für ein Buch- projekt zu visuellen Ausdrucksformen der lesbischen Subkultur. Sie lebt und arbeitet in Leipzig.

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Die Feminismos Populares

und die Frauenbewegung in

inien

Arsent

Jennifer Löcher, Lisa Buhl & Janna Tegeler

Die Feminismos Populares und die Frauenbewegung in Argentinien

Die feministischen Proteste in Argentinien sind seit den massiven Mobilisierungen gegen Frauenmorde unter dem Namen Ni Una Menos (Nicht Eine Weniger) seit 2015 und den jüngsten, massiven Protesten zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und der damit verbundenen grünen Dienstage in aller Munde. Doch der Feminismus in Argentinien hat eine langjährige Geschichte, zu der die selbstorganisierten Encuentros Nacionales de Mujeres (Nationale Frauentreffen) seit 1986 gehören und aus der, gemein- sam mit kontinentalen politischen und sozialen Prozessen, die Feminismos Populares entstanden. Im folgenden Artikel nähern sich die in Argentinien lebenden Autorinnen Fragen nach dem Wann und Wo der Entstehung und Existenz der Feminismos Populares. Ebenso beleuchten sie, von wem diese Feminismen getragen werden - also wer ihre Subjekte sind und worin ihre konkrete Theorie und Praxis besteht. Zunächst aber zur „Vorgeschichte“.

Feministische Traditionen

In Argentinien lässt sich die aktive Teilnahme von Frau- en an Befreiungsbestrebungen bis auf die Kolonialzeit und die Unabhängigkeitskriege Anfang des 19. Jahr- hunderts zurückverfolgen. Zum einen gehörten indi- gene Frauen zum aktiven Widerstand gegen die Kolonialmacht, sowohl bei der Verteidigung ihrer Gemeinden und ihrem rechtmäßigen, kollektiven Landbesitz, als auch bei der Weitergabe und Bewahrung ihrer Sprache und Kultur. Zum anderen waren Frauen aus den Reihen der Criollxs und Mestizxs wie Juana Azurduy, Martina C&spedes und Manuela Pedraza Teil der Volksarmeen, die gegen die spanischen Kolonialmächte kämpften. Nach den jahrzehntelangen Bürgerkriegen, die schließlich zur Herausbil- dung des heutigen Nationalstaates Argentinien führten, erhoben zu Beginn des 20. Jahrhunderts Frauen aus der anarchistischen Bewegung in Buenos Aires ihre Stimmen und schrieben in der eigens gegründeten Zeitschrift Die Stimme der Frau: „Also: Wir haben die Nase voll vom Weinen und der Not, vom ewig trostlosen Bild unserer Kinder, unserer zarten Herzensstücke, wir haben die Nase voll davon, zu bitten und zu betteln, davon, das Spielzeug und Lustobjekt unserer infamen Ausbeuter oder unserer schäbigen Ehemänner zu sein. Wir haben uns dazu entschlossen, im sozialen Konzert unsere Stimme zu erheben und unseren Anteil an den Genüssen des Banketts des Lebens zu fordern, ja genau: zu for- dern.“ Zur gleichen Zeit organisierten sich in Buenos Aires auch bürger- liche und großbürgerliche Frauen, um auf legislativer Ebene neue Rechte zu erkämpfen. In den unteren Schichten jedoch nahmen die Frauen, die an der produktiven Arbeit beteiligt waren, eher an Streiks, Kundgebungen und Demonstrationen teil. Innerhalb die- ser Bewegungen gründeten sie feministische Vereinigungen wie

1 La Voz de la Mujer, Nr. 1, 8.1.1896. En: La Voz de la Mujer. Periodico Comunista-Andarquico. Bogotä: Gato Negro. S.14.

Die Feminismos Populares

S.39

das Sozialistische Feministische Zentrum von 1902 oder die Frau- engewerkschaft von 1903.

Der bürgerlich-liberale Flügel der Frauenbewegung erkämpfte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wichtige Erfolge, wie z.B. das Gesetz Drago von 1926, in dem Frauen erlaubt wird, ihre eige- ne Bildung zu wählen, zu studieren und ohne Erlaubnis des Ehe- mannes arbeiten zu gehen. Letzteres wurde in der BRD z.B. erst 1977 eingeführt. Ein Höhepunkt ist die Erlangung des Frauenwahl- rechts 1947.

Vom Cordobazo bis zur Militärdiktatur

1969 findet mit dem Cordobazo, einem massiven Arbeiter*innen- und Studierendenaufstand, ein einschneidendes Erlebnis in der Geschichte der argentinischen Arbeiter*innenbewegung statt. Eine der zentralen Forderungen, die nach Kinderkrippen, wurde durchgesetzt und entlastete die Frauen, die bisher allein für die Kinderpflege und -erziehung verantwortlich gewesen waren. So “führte der Cordobazo unter anderem dazu, dass sich unter den wechselnden Militärdiktaturen immer mehr Frauen und Männer in die Reihen der bewaffneten linken Organisationen begaben. In den späten 60er und 70er Jahren glaubten viele fest an die Revolu- tion, den neuen Menschen und die Möglichkeit einer gerechteren Gesellschaft und kämpften aktiv dafür. Bis 1976 wuchsen bewaffne- te revolutionäre Organisationen wie Montoneros und PRT-ERP; letztere verzeichneten 1970 40% Frauenanteil. Die letzte und brutalste Militärdiktatur Argentiniens dauerte von 1976 bis 1983. Viele Angehörige der bewaffneten revolutionären Organisationen und der linken, politischen Gruppen und Parteien wurden von staatlichen und parastaatlichen Militärkommandos entführt und ermordet. Ihre Leichen ließ das Militär „verschwin- den“. Bis heute werden viele dieser „verschwundenen Gefangenen“ gesucht. Zur spezifischen Gewalt gegen die entführten Frauen gehörten Vergewaltigungen als Teil der Folter in geheimen Mili- tärstützpunkten und -lagern. Frauen, die bereits schwanger in Gefangenschaft kamen oder dort schwanger wurden, sonderte man bis zur Geburt ihrer Kinder ab und brachte sie in den allermeisten Fällen danach um. Die Neugeborenen wurden, teils unter Mithilfe der katholischen Kirche und staatlichen Institutionen, von Fami- lien, die aus dem Militär kamen oder ihm nahestanden, heimlich adoptiert. In diesem Zusammenhang entstand als eine der wich- tigsten zivilgesellschaftlichen Organisationen des Landes /as Madres de Plaza de Mayo, eine Gruppe von Frauen, die noch wäh- rend der Diktatur mit friedlichen Protesten auf dem Plaza de Mayo Informationen über das Verbleiben ihrer Kinder verlangten und deshalb ebenfalls verfolgt wurden. Zur gleichen Zeit gingen viele andere Frauen ins Exil, trafen dort auf die verschiedenen feministischen Bewegungen und kehrten nach dem Ende der Diktatur mit neuen Impulsen ins Land zurück. Dies führte einerseits zu einer Verstärkung schon bestehender Forderungen und andererseits auch zu neuen: Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, kostenloser Zugang zu Verhütungs- mitteln, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit nahmen eine zentra- le Bedeutung ein. Dies traf in Argentinien auf eine Gesellschaft, der durch die Diktatur zehntausende Menschen und kollektive Orga- nisationsstrukturen, die versucht hatten, alternative Lebensent- würfe, Utopien, Träume und Hoffnungen umzusetzen, entrissen worden waren, was für das ganze Land einen politischen, sozialen

und kulturellen Rückschritt bedeutete. Bis heute spürt man das Fehlen dieser Generation.

Demokratie und nationales Frauentreffen

1986 fand in Buenos Aires das erste nationale Frauentreffen (Encu- entro Nacional de Mujeres) statt, an dem fast 1000 Frauen teilnah- men und das sowohl aus den internationalen Treffen Lateinameri- kas und der Karibik als auch der UN-Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi hervorging. Die Teilnehmer*innenzahl ist inzwischen auf etwa 60.000 bis 90.000 angestiegen. Eine der wichtigsten Forderun- gen dieser Treffen, die die unterschiedlichen Strömungen des Fe- minismus bis heute vereint, ist das Recht auf legale, sichere und kostenlose Abtreibung. 2003 schloss sich auf dem nationalen Frau- entreffen in Rosario zu diesem Zweck die Camparia Nacional por el derecho al aborto legal, seguro y gratuito (Nationale Kampagne für das Recht auf legale, sichere und kostenlose Abtreibung) zu- sammen. Die Kampagne hat zum Ziel, nicht nur das Selbstbestim- mungsrecht zu garantieren, sondern vor allem auch das Leben zahlreicher Frauen aus sozial benachteiligten Verhältnissen zu retten, die zurzeit an illegalen und unsicheren Abtreibungen und deren Folgen sterben. Sichere Abtreibungen sind in diesem Sinne eng mit der Klassenzugehörigkeit verbunden.

Die neoliberalen 90er und heute

Im Zuge der neoliberalen Politik der 90er Jahre und der massiven Privatisierung und Transnationalisierung staatlicher Dienste und Leistungen (Strom, Wasser, Gas, Erdölförderung, Fluggesellschaf- ten, Telefondienste und vieles mehr) kam es zu einer neuen Welle von Entlassungen, und große Teile der Bevölkerung verarmten. Meist stellten sich in diesem Kontext Frauen der Krise daran gewöhnt, das alltägliche Leben zu meistern und die Grundbedürf- nisse zu stillen - und suchten nach Lösungen. Gegenseitige Aus- tausch- und Organisierungsprozesse entstanden. Durch solche Lösungsansätze, die für den Alltag, aber auch für sozialpolitische und wirtschaftliche Bereiche relevant waren, und die damit ein- hergehende Sichtbarmachung und Benennung ihrer Situation, konnten sie eine zentrale Rolle in den Arbeitslosenbewegungen erkämpfen und dort zunehmend politische Führungspositionen einnehmen. Dies ermöglichte es ihnen in vielen Fällen, ein Bewusstsein für die eigenen Möglichkeiten und - zumindest vorü- bergehend - Selbstbestimmung und selbstständiges Handeln zu entwickeln.

Unter dem Titel Ni Una Menos (Nicht eine Weniger) fand am 3. Juni 2015 die erste Demonstration gegen Frauenmorde und Gewalt gegen Frauen statt. Auslöser war der Mord an der 14-jährigen Chiara Päez. Ihr 16-jähriger Freund hatte sie zu Tode geprügelt und danach im Haus seiner Großeltern vergraben. Dies löste im ganzen Land spontane Proteste aus, an denen mehr als 500.000 Menschen teilnahmen und die so der breiten Öffentlichkeit einen immensen sozialen Missstand aufzeigten: Allein im Jahr 2015 waren laut offizieller Statistiken mindestens 286 Frauen meist von ihren Partnern, Ex-Partnern oder Angehörigen ermordet worden. Seitdem hat sich dieses Datum in ganz Lateinamerika und später

outside the box #7

Erfahrung

auch in Spanien und Italien etabliert, um durch massive Demons- trationen auf Gewalt gegen Frauen und Frauenmorde (femicidios) aufmerksam zu machen.

Feminismos Populares

Solidarische Praxis im Alltag

Vor diesem Hintergrund haben sich in den 90er Jahren die femi- nismos populares als eigenständige Strömungen des lateiname- rikanischen Feminismus herausgebildet. Diese verstehen sich als antipatriarchale, antikapitalistische und dekoloniale Bewegun- gen. Eine enge Verknüpfung mit anderen sozialen Bewegungen und die Überzeugung, dass ein Umsturz aktueller Verhältnisse nur als Bewegung von unten realisierbar ist, sind weitere wichtige Aspekte der feminismos populares.

Konkrete alltägliche Erfahrungen wie Gewaltsituationen in unter- schiedlichen Lebensbereichen, Ausgrenzung aus der Arbeitswelt und sozialen Strukturen, Vereinsamung durch individualistische neoliberale Gesellschafts- und Arbeitsverhältnisse, sowie Verar- mung und Armut haben in den am härtesten betroffenen Schich- ten zum gemeinsamen Aufbau von Gruppen geführt, in denen diese Probleme als kollektiv-soziale Strukturfaktoren aufgefangen, erkannt und aufgearbeitet werden. Die solidarische Praxis hat oft mit der Sicherung von Grundbedürfnissen zu tun, wie z.B. im Fal- le der comedores (selbstorganisierte Suppenküchen), clubes de trueque (selbstorganisierter Tauschhandel) oder selbstorganisier- ter, kollektiver Kinderbetreuung, aber auch mit der Gewährleis- tung der körperlichen Unversehrtheit, wenn bspw. Frauen andere Frauen in Gewaltsituationen begleiten und sie unterstützen oder als socorristas bei Abtreibungen zur Seite stehen. Diese Art der Organisation von unten ist ein zentraler Teil der eminismos popu- lares, da der Alltag als revolutionierbarer und revolutionärer Raum begriffen wird. In diesem Sinne fallen in diesen antikapitalisti- schen Organisationsformen die Notwendigkeit, Grundbedürfnisse alternativ abzudecken, und politische Überzeugung in eins.

Hier lässt sich ein großer Unterschied zu Deutschland erkennen: Viele dieser Grundbedürfnisse werden in der BRD vom Staat abge- deckt. In Argentinien ist die kollektive und solidarische Organisie- rung aufgrund der Abwesenheit des Staates in den armen und ver- armten Stadtvierteln und Regionen des Landes vor allem in Zeiten großer wirtschaftlicher Krisen wie z.B. 2001 oft überlebensnot- wendig. Im Gedächtnis der argentinischen Bevölkerung lebt zu- dem noch die Erinnerung an die letzte Militärdiktatur weiter, in der der Staat nicht Bewahrer der Grundrechte, sondern Täter war.

Zwischenmenschliche Beziehungen

Eine grundlegende Umwälzung der Verhältnisse ist für die Femi- nismos Populares nur möglich, wenn erkannt wird, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen patriarchal, kapitalistisch und kolonial durchwoben sind, und wenn durch konsequente Kritik daran auf kreative Weise andere Beziehungsformen gesucht werden. In diesem Sinne ist das „alte“ Motto der zweiten Welle des Feminismus „Das Private ist politisch“ erneut an der Tages- ordnung, da auch hier der eigene Körper einen politischen Aus-

tragungsort darstellt. Eine Veränderung der Umstände ist somit kein utopischer Horizont in weiter Ferne, sondern geschieht im Hier und Jetzt. „Es geht nicht nur um die Auflösung patriarchaler Zustände (despatriarcalizaciön) im Kontext antikapitalistischer Bewegungen, sondern auch darum, unser Leben zu dekolonisieren“ (Claudia Korol, Feminista Popular, Mitbegründerin des Bildungs- kollektivs Paruelos en Rebeldia). Die Lust und Freude am Leben, am Handeln, an der Organisation und den durchgeführten Aktio- nen ist dabei ein zentraler und bedeutender Motor für die Ermög- lichung eines anderen Lebens im Hier und Jetzt.

Theorie und Praxis

Im Austausch untereinander und der Organisation miteinander kristallisieren sich eigene Denk- und Handlungsformen heraus, die aus dem Spannungsfeld der sozialen und feministischen Bewegun- gen entstehen: Die Theorie der Feminismos Populares ist fest in der Praxis verankert und stärkt dieser den Rücken. Die Grenzen zwischen Theorie und Praxis verschwimmen in diesem Sinne, da das Handeln unausweichlich zu einer Reflexion führt, wenn man 2.B. miteinander Kinderbetreuung für das gesamte Stadtviertel Organisiert. Es geht nicht darum, Denkmuster des europäischen oder US-amerikanischen Feminismus zu übernehmen, sondern darum, die eigenen Probleme zu erkennen, zu formulieren und Lösungen dafür zu finden. Die Funktionen der kollektiven Organisation beschränken sich nicht auf die Sicherung der Grundbedürfnisse: Da die Hinwendung zum politischen Feminismus einen schmerzhaften Umlernprozess beinhaltet, wird der Rückhalt eines gleichgesinnten Kollektivs oder von Menschen, insbesondere Frauen, die Gleiches oder Ähnliches erlebt haben, notwendig. Hier spielt auch der dekoloniale Aspekt eine zentrale Rolle, da es sich nicht nur um das theoretische Ablö- sen von der Kolonie und die eigene Identitätsfindung handelt, son- dern auch um materielle Ansprüche wie z.B. die Landreform. Die- se Problematik durchzieht den gesamten Kontinent und macht deutlich, warum die Feminismos Populares sich nicht auf ein Land begrenzen lassen, sondern transversal von Mexiko bis nach Feuer- land reichen und sowohl Frauenorganisationen, soziale Bewegun- gen und politische Gruppen aus den Städten, als auch Indigene, Migrant*innen, Afro-Lateinamerikaner*innen und die marginali- sierte Landbevölkerung als wesentliche Subjekte der Bewegung miteinbeziehen.

2 Hier sei an Rosa Luxemburg erinnert, die in ihrem Werk Akummulation des Kapitals nicht nur die Untersuchungen der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals von Marx aufgreift, sondern weiterführende sozioökonomische Prozesse analysiert und so die imperialistische Politikführung und koloniale Expansion auf eine Art beschreibt, die bis heute aktuell ist.

lerrıtorıo

In diesem Sinne „denkt der Kopf wo die Füße stehen“ (Paulo Frei- re), das heißt die Aeminismos Populares sind nicht ortsunabhän- gig, sondern denkbar und maßgeblich von ihrem territorio geprägt. Das Erarbeiten und die Konzeptualisierung von lokalen, regio- nalen und kontinentalen Problematiken gehen demnach vom All- tag und den materiellen, sozialen und politischen Bedingungen aus, die diesen Alltag und den Raum, in dem er gelebt wird, bestim- men. Dieses ist bis heute durch die Auswirkungen der Kolonialisie- rung und der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals?, sowie durch die akademische, kulturelle und religiöse Dominanz Mittel- europas und der USA gezeichnet. Ausgrenzungserfahrungen wie wirtschaftliche Not und geschlechtsbedingte Unterdrückung wei- sen Berührungspunkte auf, die nicht nur zu Solidarität innerhalb der Frauenbewegungen, sondern auch zwischen Frauenbewegun- gen und Zravestis und Transpersonen führen. Diese sind heute fes- ter Bestandteil der Feminismos Populares.

Los Encuentros Nacionales de Mujeres

Die nationalen Frauentreffen, los Encuentros Nacionales de Mujeres, finden seit 1986 jeden Okto- ber an unterschiedlichen Orten Argentiniens statt. Sie definieren sich als autonom, pluralistisch, selbstfinanziert, parteienunabhängig und basisde- mokratisch. Drei Tage lang treffen sich Frauen und inzwischen auch fravestis und Transpersonen in einer Stadt Argentiniens um über unterschiedlichs- te Themen (Sexualität, legale Abtreibung, Umwelt, Arbeitslosigkeit und viele mehr) in horizontal orga- nisierten Workshops zu debattieren. Die gleichbe- rechtigte und basisdemokratische Teilhabe wird durch Listen und Redezeiten sowie die Abwesenheit von Redner*innen oder Expert*innen sichergestellt. Diese Treffen sind aufgrund ihrer Kontinuität und Massivität wichtige Momente des Austauschs, des Aufbaus von Netzwerken und der provinzübergrei- fenden politischen Arbeit. Am letzten Tag findet traditionell eine Demo statt, an der in den letzten Jahren bis zu 80.000 Personen teilgenommen haben und die die unterschiedlichen Strömungen des Feminismus in den Forderungen nach dem Recht auf legale, sichere und kostenfreie Abtreibung und auf das Ende der Gewalt gegen Frauen* vereint. Eine der neuesten Forderungen dieser Treffen ist deren Umbenennung in „Plurinationales Treffen von Frauen, Lesben, Travestis und Transpersonen“, die noch aussteht.

S.42

Vielfalt und Einigkeit

Die Feminismos Populares setzen sich aus unterschiedlichen Sub- jekten zusammen: Zwar liegen ihre Wurzeln in sozial benachteilig- ten Bevölkerungsgruppen, dennoch finden sich gewisse Organi- sationsformen und Grundprinzipien klassenübergreifend auch in

anderen feministischen Strömungen Argentiniens wieder. Die

vigilias (Nachtwachen) am 13. Juni und 8. August 2018 etwa wur- den, im Sinne der Feminismos Populares, horizontal und selbst organisiert. Diese Proteste vor dem Nationalkongress fanden wäh- rend der Debatten und Abstimmungen zur Legalisierung des frei- willigen Schwangerschaftsabbruchs statt. Menschen aus verschie- densten feministischen Bewegungen und Ausrichtungen trugen

solidarisch und basisdemokratisch zum Gelingen von zwei

24-stündigen Wachen auf den Straßen bei, an denen beide Male

über eine Million Menschen teilnahmen, und das allein in der Stadt Buenos Aires.

Die feministischen Strömungen in Argentinien sind vielfältig, und

sowohl die Feminismos Populares als auch die anderen Femi- nismen sind von Spannungen und Meinungsverschiedenheiten

durchzogen. Dennoch wird zu Zeitpunkten wie der vigilia oder Ni

Una Menos deutlich, dass es gemeinsame Ziele wie die Legalisie- rung der Abtreibung und den Kampf gegen Frauen- und LGTBIQ*- morde, Frauen*handel und Gewalt gegen Frauen und LGTBIQ* gibt, die die unterschiedlichen Strömungen zusammenführen und

bei denen sonst hart umkämpfte Themen wie Sex Work/Prostituti- on in den Hintergrund rücken. In diesen Momenten ist allen klar, dass Einigkeit stark macht.

In den Worten von Lohana Berkins (Activista Travesti): „Wir sind

hier und stellen uns mit unseren Körpern gegen die Gewalt, um

unsere Flamme zu bewahren. In uns soll der Regenbogen am roten

Himmel des Widerstandes weiter leuchten. Nicht nur ein Teil, son- dern der ganze Himmel soll sich rot, rebellisch, widerspenstig fär- ben. An diesem Himmel wird unser Regenbogen kräftig leuchten.“

outside the box #7

Erfahrung

travestis

Einen besonderen Platz nimmt im argentinischen Feminismus die fravestis-Bewegung ein. Auch wenn sich der Begriff travesti mit Transvestit über- setzen lässt, sind die Konnotationen anders als im Deutschen. Viele leben ihre Identität jung, werden früh von ihren Familien verstoßen, brechen die Schule wegen Diskriminierung ab und werden in die Arbeit als Prostituierte gedrängt, da es meist die einzige Möglichkeit der Überlebenssicherung ist. Seit Anfang der 2000er Jahre organisieren sich viele travestis selbst, um einerseits diese schwierigen Lebensumstände zu bewältigen und andererseits die Anerkennung ihrer Genderidentität als /ravestis und nicht etwa als Frauen zu erlangen. Dieser Orga- nisierungsprozess bringt travestis, soziale und femi- nistische Bewegungen in Kontakt, wobei sie einige festgefahrene Kategorien auf den Kopf stellen und durchlüften. So ruderte die fravestis-Bewegung eine Weile gegen den Strom und erkämpfte 2012 ein Gesetz zur Genderidentität, das weltweit Vorreiter ist: Die Genderidentität basiert dabei auf der selbst wahrgenommenen und gewählten Identität und setzt weder Operationen, Hormonbehandlungen noch psychiatrische Gutachten - also eine Beschei- nigung, dass die Person „krank“ ist - voraus. Für travestis ist dies wesentlich, da ihre Genderidentität sich von Transpersonen in der Hinsicht unterschei- det, dass sie meist keine Genitaloperationen durch- führen, sie sich aber die Brüste machen lassen und sich als weiblich wahrnehmen. Dadurch wird der binäre Genderbegriff grundsätzlich in Frage gestellt. In Worten der Dichterin Susy Shock: „Lasst doch andere normal sein.“ (Que otros sean lo normal.)

Die travestis bilden heute einen festen Teil der Femi- nismos Populares in Argentinien, und durch ihre Präsenz wurden viele Ideen über Genderidentität in der Bewegung grundlegend revidiert

Jennifer Löcher

ist Feministin, Sprachwissenschaftlerin und Dozentin. Sie lebt seit dreizehn Jahren in Buenos Aires.

Lisa Buhl

ist Feministin und Aktivistin im freien Radio und in der Zducacion Popular. Sie arbeitet

als Deutschlehrerin und Übersetzerin und lebt seit zehn Jahren in Buenos Aires.

Janna Tegeler

lebt seit zehn Jahren in Buenos Aires. Sie ist Feministin und Sprachwissenschaftlerin und arbeitet als Deutschlehrerin.

Janna Tegeler & Martina Resnik

UNFONIK EITIEL INactLWacllE.

Die Aufregung sitzt uns in den Knochen, und wir haben die letz- ten Nächte nicht wirklich viel schlafen können. Seit Tagen werden

Fotos mit Empfehlungen und Sicherheitsmaßnahmen per Whats- app hin- und hergeschickt. Seit dem Regierungswechsel und den

letzten Demos eine der wesentlichen Vorkehrungen: Wettläufe mit der Polizei, Repression und willkürliche Festnahmen sind Teil der Proteste geworden. Wir rechnen mit Polizeigewalt und haben des- wegen Zitronen und Wasserflaschen gegen das Tränengas im Ruck- sack und uns die Nummer einer feministischen Anwältin mit Edding auf die Arme geschrieben. Verschärft wird die Situation

durch die Gegendemo, bestehend aus den Pro Life-Anhänger*in- nen, oder besser gesagt aus den Befürworter*innen der illegalen

Abtreibung, die sich auf der anderen Seite des Kongressplatzes

zusammenfinden.

Die Veranstaltungen der Nachtwache, der vigilia, beginnen bereits mittags und werden bis spät in die Nacht hinein, vor und um den Kongress herum, andauern. Musik, Konzerte, Workshops, Essens- stände und kleine Märkte, auf denen Fanzines, Anhänger und Sti- cker verkauft werden, werden uns die 24 Winterstunden im Freien verkürzen.

Schon die vollgestopfte U-Bahn auf dem Weg zum Kongress ist ein

kleiner Vorgeschmack auf das, was uns erwartet: Alles ist grün, Jugendliche haben das Halstuch der Kampagne an ihre Rucksäcke

gebunden und sich die Gesichter mit grüner Schminke und Glitter bemalt. Alle Generationen sind vertreten: Großmütter, Mütter und

Kinder demonstrieren heute. Zwischen ihnen stechen die halb- rasierten Köpfe einiger Frauen hervor und ihre Pullis mit der uns

gut bekannten Einladung: „Das Leben ist kurz, compafiera, werd

lesbisch!“ Spannung und freudige Erwartung liegen in der Luft. Verschwörerische Blicke spannen ein unsichtbares Netz durch den

U-Bahn-Waggon: Wir kennen uns nicht, aber wir erkennen uns in

unseren Forderungen wieder. Eine lange Nacht erwartet uns - und

ein Morgen, der in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Wir steigen in Callao aus, und als wir aus der Station an die frische Luft kommen, beißt sich der kalte Wind durch Schals und Jacken. „Wo seid ihr?“ Uns wird die Adresse geschickt, und je näher wir dem Kongress kommen, desto voller werden die Straßen. Wir lassen uns von der Masse mittreiben, zwischen Gesängen - „Legale Ab- treibung im Krankenhaus! / Scheißkirche: du bist die Diktatur!“ und Schildern - „Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die ihr nicht verbrannt habt / Nehmt eure Rosenkränze aus unseren Eierstöcken / Weniger Messen und mehr Miso!“ - kommen wir am Treffpunkt an: ein Zelt unter vielen, voller Decken und Schlafsäcken, Compaferas, Thermoskannen mit Ingwertee gegen Grippe, Töpfe mit Suppe und Weinflaschen, die ihre Kreise ziehen, genauso wie die Umarmungen der Freundinnen, die immer mehr und mehr werden.

1 Abkürzung für Misoprostol. Wirkstoff, der in vielen Ländern zum Schwangerschaftsabbruch benutzt wird. In Argentinien die sicherste Art einen Schwangerschaftsabbruch außerhalb des Krankenhauses vorzunehmen. Seit mehreren Jahren zirkulieren Informationshefte über die sichere Verwendung der Tabletten.

Gegen zwölf wird die Kälte unerträglich und es werden Lagerfeuer auf dem Asphalt angezündet. Wir laufen die Straßen, Pavillons, Bühnen und Zelte um die Straße Callao ab. Menschen umringen die Lagerfeuer, wir hören Trommeln, hier und da wird Fußball gespielt und überall auf den Bürgersteigen liegen Leute in ihren Schlafsäcken. Da noch über hundert Redner*innen ausstehen, nutzen einige die Zeit, um auszuruhen.

Die Kraft und Ausdauer, die wir hier an den Tag legen, diese Art für eine Überzeugung einzutreten, nennen wir poner el cuerpo. Sie kommt nicht von ungefähr durch die vielen Pafuelazos, bzw. grünen Dienstage, haben wir sie trainiert: Diese Demos, auf denen Bands spielen, es Lesungen, Märkte und andere künstlerische Interventionen gibt, fanden dienstags vor dem Kongress statt, wäh- rend drinnen Redner*innen unterschiedlichster Disziplinen für oder gegen den Gesetzentwurf zur Legalisierung der Abtreibung argumentierten. Die Proteste breiteten sich auf nationaler Ebene aus und wurden Ausdrucksform der Einrichtungen und Gruppen für die legale, sichere und kostenfreie Abtreibung. Treffpunkte für die Panuelazos waren Universitäten, zentrale Plätze, öffentliche Krankenhäuser etc. Je näher das heutige Datum rückte, desto mehr wurden wir: „Und jetzt wo wir alle zusammen sind, jetzt wo sie uns sehen, jetzt geht das Patriarchat unter, es geht unter! Und der Feminismus wird siegen, er wird siegen!“ ist der Kampfschrei, der uns vereint und der aus immer mehr Hälsen klingt.

Im Bauen, einem enteigneten Hotel, das heute als politisch aktive Genossenschaft funktioniert, kann man auf großen Bildschirmen die Debatte im Kongress verfolgen. Auch draußen gibt es Bild- schirme, aber die Kälte und die Menschenmasse treiben uns hinein. Während der letzten Wochen sind die Innenräume des Kongresses, der lange Tisch und das Rednerpodest, Teil unseres Alltags gewor- den. Im Restaurant an der Ecke, auf dem Computer einer Freundin, auf Fernsehern in Restaurants, wo auch immer es ging, haben wir versucht, die öffentlichen Anhörungen zu erhaschen, die insge- samt 12 Wochen andauerten und in denen die eingeladenen Red- ner*innen ihre Überzeugungen zum Ausdruck brachten.

Wir hörten die Pro Life-Vertreter*innen über die Schmerzen des Fötus während der Abtreibung sprechen. Wir mussten zusehen, wie sie als positive Beispiele Fälle nannten, bei denen 12-jährige Mädchen vergewaltigt wurden und trotzdem gebären mussten. Wie oft haben wir völlig entgeistert und schimpfend den Fernseher ausgemacht? In anderen Momenten wiederum berührte es uns, wie einige Redner*innen das Recht auf Selbstbestimmung vertei- digten.

Den ganzen Tag über haben die Abgeordneten, die für das Gesetz sind, immer wieder uns und unsere Präsenz auf der Straße und vor dem Kongress als Beweis für die Notwendigkeit eines Gesetzes erwähnt. Der Gesetzesentwurf wurde seit 2006 schon sieben Mal von der Kampagne zur legalen, sicheren und kostenfreien Abtrei- bung eingereicht, doch heute ist es das erste Mal, dass er tatsäch- lich von den Abgeordneten gewählt werden könnte. Die Kampagne ist zwar nicht die erste Bewegung, die in Argentinien für die Ent- kriminalisierung der Abtreibung kämpft, doch sie war die erste, die auf nationaler Ebene ein Netzwerk von Bündnissen zwischen poli- tischen Parteien, Universitätsvertretungen, Gewerkschaften und Einzelpersonen gebildet hat. Die Basisbewegung, der Grundstein

der Kampagne, die 2003 während eines der nati- onalen Frauentreffen gegründet wurde, umfasst

inzwischen Tausende von Menschen, und der Gesetzesentwurf gelangte dank dieser sozialen

Bewegung bis in den Kongress. Dank der Bewe- gung, aber auch dank der Diskussionen, die wir in den letzten Monaten an den unterschiedlichs- ten und unmöglichsten Orten führten, auch dank

der Festivals und Interventionen, der grünen

Dienstage, und natürlich der unermüdlichen Ar- beit der socorristas en red. In diesem unabhängi- gen Netzwerk führen Feminist*innen die Arbeit

der Lesbianas y Feministas por la descrimindli- zaciön del aborto (Lesben und Feministinnen für die Entkriminalisierung der Abtreibung) weiter, indem sie telefonisch Information und Beglei- tung für eine sichere Abtreibung mit Misoprostol

anbieten. Die Problematik der illegalen Abtrei- bungen und ihre Folgen (Diskriminierung und

Stigmatisierung beim Besuch von Krankenhäusern, Infektionen

und Komplikationen bis hin zum Tod, Unfruchtbarkeit etc.) wurde

sichtbar gemacht, und es ist damit unmöglich geworden, wegzu- schauen.

„‚ayun Jya3 sa aayun Jeydienneg sep 1493 Jz7o[ Uayas sun aIs OM }zYaf ‘puis uawwesnz de AIM OM }zol pun]“

Der Gesetzesentwurf schafft es bis in den Kongress und das nicht als Initiative von oben, ganz im Gegenteil, es ist die kollektive Kraft, die wir heute mehr denn je spüren, und die jedes Mal in der Luft lag, wenn wir jemanden mit dem grünen Halstuch trafen. Dieses Symbol vereint uns und verleiht uns sogar, oder vielleicht vor allem, in unserem Alltag Gestalt und Identität. Wir haben die Flut in den grün gesprenkelten Supermarktschlangen gefühlt und in den Umarmungen, die wir unseren Arbeitskolleginnen gaben. Die Hoffnung auf Selbstbestimmung prangte an Handgelenken und Rucksäcken Jugendlicher.

Wir erkennen uns wieder, wir schließen uns zusammen, wo auch immer es geht. Wir haben uns sichtbar gemacht, um nicht zu ver- gessen, dass wir die Kraft und Ausdauer haben für unsere Rechte zu kämpfen.

Der Moment ist gekommen, eine lange, kalte Nacht ist vorbei, der letzte Redner hat gesprochen und es kann sich nur noch um Minu- ten handeln, bis die Parteiblöcke sich einigen und die Abstimmung

beginnt. Der Countdown läuft. Die improvisierten Zeltlager wer- den aufgelöst und die, die die Nacht in nahen Wohnungen ver- bracht haben, strömen zurück auf den Platz. Wir sind Tausende vor dem großen Bildschirm auf dem Kongressplatz. Von der Menge

umgeben, die uns warm hält, uns umarmt, Decken und heiße

Getränke austeilt, warten wir. Alle stehen, Trommeln und Gesänge

erfüllen die kalte Morgenluft, Fahnen werden geschwungen, und

unsere Müdigkeit ist wie weggeblasen. Wir schmiegen uns an- einander, ohne den Blick auch nur eine Sekunde vom Bildschirm

zu lösen.

Ein grünes Pro-Legalisierungsmeer füllt den Platz, und als die Ab- stimmung beginnt, verstummen alle. Anspannung liegt in der Luft, mit verschlungenen Händen erstarrt die grüne Flut. Die Lichter auf der Zähltafel gehen an und aus grün ist für, rot gegen das Gesetz. Die ganze Nacht über haben wir versucht aus den Hoch- rechnung klare Schlüsse zu ziehen - ohne Erfolg: mal wurden zwei

outside the box #7

Erfahrung

Stimmen mehr dafür, mal eine Stimme mehr dagegen vorherge- sagt. Niemand wusste, in welche Farbe der Kongress getaucht sein würde. Als der Vorsitzende das Endergebnis verkündet: „131 dafür, 123 dagegen!“, explodiert der Platz. Unsere angestauten Gefühle machen Tränen Platz.

Feuerwerke, Freudentänze und -schreie, Umarmungen, grüne Tücher, die in die Luft geschmissen werden. Begeisterung ergreift uns und überflutet alles. Wir sind von dem Moment völlig überwäl- tigt und uns ist bewusst, dass wir heute Geschichte schreiben. Die- ser Platz und dieses Ergebnis werden in die Geschichtsbücher ein- gehen und wir spüren das in jedem Zentimeter unserer Körper.

Das ist eine kollektive Zusammenarbeit, das „Ja“ des Kongresses gehört uns und all denen, die schon seit Jahren dafür kämpfen. Dieses Ergebnis bedeutet für uns eine Atempause, um zu verstehen, dass unsere Strategien funktionieren. Um zu begreifen, dass dieser Kampf, der sich in Zeiten des immer weiter voranschreitenden und unsere Rechte mit Füßen tretenden Neoliberalismus oft wie purer Widerstand anfühlt, nicht auf verlorenem Posten ausgetragen wird. Es geht voran. Wir sind hier, und genau hier bleiben wir auch. Bis zur Legalisierung!

Reflektionen zu einem Begriff:

Der Ausdruck poner el cuerpo, der schwierig vom argentinischen Spanisch ins Deutsche zu übersetzen ist, spielt sowohl auf eine politische Überzeugung und Verantwortung an, als auch auf eine bestimmte Art diese zu leben. „Voll und ganz für etwas eintreten“ wäre eine mögliche Übersetzung. Aufgrund seiner politischen und sozialen Geschichte und der darauffolgen Einfärbung des Begriffes geht er aber darüber hinaus.

Der voranschreitende Neoliberalismus greift unsere Existenzen an und hinterlässt mit seiner zu Prekarisierung führenden Politik Spuren auf unseren Körpern, während er gleichzeitig eine zuneh- mende Vereinzelung und Gefühlskälte produziert. In diesem Kon- text verwandelt sich poner el cuerpo einerseits in eine Notwendig- keit, andererseits in eine mögliche Antwort im Angesicht der Krise. Poner el cuerpo funktioniert als körperliches, ja physisches und gleichzeitig unvermeidliches Instrument der Materialisierung von Forderungen. Der Missmut wird von Körpern auf Demonstratio- nen und Interventionen „von unten” getragen. Es ist aber auch eine Organisationsform, die sich nicht auf die Demonstrationen beschränkt, sondern unterschiedliche Überlebensstrategien mit- einschließt wie zum Beispiel Suppenküchen, gemeinschaftliches Haushalten und Kollektivierung der Pflegearbeiten. Dies bedeutet, dass nach der Bildung und Erweiterung wirtschaftlicher, aber auch emotionaler Netzwerke gestrebt wird. Es handelt sich, kurz gesagt, um die Organisation des Widerstandes.

Die weiblich sozialisierten Körper, denen die Verantwortung der Abdeckung gewisser Grundbedürfnisse zugeschrieben wird, sind auf besondere Art von der Krise betroffen. Unbezahlte oder unter- bezahlte Arbeit, Femizide, Gewalt gegen Frauen und eine klas- sische Rollenverteilung - patriarchale Strukturen also - zeichnen diese Körper auf bestimmte Weise und verorten sie sozial und politisch an einem ihnen eigenen Ort. Innerhalb des Feminismus wird poner el cuerpo daher zu einem Instrument, das viel mit einer

Janna Tegeler & Martina Resnik

Neuverortung dieser Körper spielt und ebenso mit einer Neudefi- nierung ihrer Handlungsmöglichkeiten. Das Persönliche politisch zu machen bedeutet, dass diese Körper an unvorhergesehenen Orten und auf unvorhergesehen Weise auftauchen. Die Dynami- ken, die die politisch aktiven Kreise zu implementieren versuchen, werden von den Einzelnen auch „mit nach Hause genommen“, Dieser Austausch wiederum zeigt einen „politisch-feministischen Ethos“ auf, der nach sozialer Veränderung und kultureller Umge- staltung strebt.

Die Veränderungen greifen also nicht nur bei der politischen Arbeit, sondern auch im privaten Raum der Subjekte, die sich einer Sache widmen, und dringen so ins Häusliche, aber auch in andere Bereiche ihrer Leben ein, in Arbeitsplätze und alle zwischen- menschlichen Beziehungen. Poner el cuerpo ist somit eine politi- sche Form des Widerstands, der die Beziehungsebene mitein- schließt. Der Körper wird als Ort verstanden, wo das Private und das Politische sich miteinander verbinden, wo das Ich und die kollektive Ebene zusammentreffen. Es ist eine Art, sich im Protest zusammenzuschließen und ihn körperlich zu machen. In der argentinischen Geschichte sehen wir, wie die Madres de Plaza de Mayo den öffentlichen Raum einnahmen (und weiterhin einneh- men) und so ihre Rollen als Mütter neu definierten - als diejenigen, die einen Staat des Terrors und systematischen Mordens anklagen. Während ihrer wöchentlichen Runden um den Plaza de Mayo mal- ten sie Silhouetten auf den Boden und trugen weiße Kopftücher als Symbole für Windeln und schafften es dadurch, die Abwesen- heit ihrer Kinder auf mutige, unvorhergesehene Art sichtbar zu machen. Diese Interventionen machten es unmöglich wegzu- schauen.

Ein Körper trifft auf andere Körper und nährt so die Menge, gibt dem Widerstand mehr Gewicht, übt Druck aus. Die Menge legiti- miert die Proteste und Forderungen, macht den Missmut sichtbar, macht das Unwohlsein greifbar. Und zur gleichen Zeit stört sie. Das geteilte Unwohlsein führt zu einem Gemeinschaftsgefühl, und das Wir umarmt und bietet Unterschlupf. Sie gibt etwas von dem zurück, was man uns nehmen will und wendet sich gegen die Isolation und Vereinzelung.

Doch der Körper wird in diesen Situationen einem realen Risiko ausgesetzt. Daher ist die Entscheidung des Wie, Wann und mit Wem bei poner el cuerpo wesentlich. Es handelt sich um eine Entscheidung, die man immer wieder treffen muss: Man wählt vor jeder Demo, in der das Ich zu einem Wir wird. Die Grenzen zwischen dem Wir und dem Ich verändern sich, wenn wir ver- stehen, dass das, was uns widerfährt, sich nicht in der Einzelnen erschöpft. Gegenseitige Verantwortung ist daher grundlegend bei diesen Formen des Widerstands. Nicht nur aufgrund der Risiken, die es mit sich bringt, wenn man den Körper im öffentlichen Raum positioniert (das kann zu willkürlichen Verhaftungen, Gewalt bei Niederschlagung der Demo und anderen Formen der Polizeigewalt führen), sondern auch, weil es eine alltägliche Arbeit mit sich bringt: an Versamm- lungen teilnehmen, in sozial benachteiligten Vierteln arbeiten, Begesnungsorte wie Gesprächsrunden oder Debatten schaffen, etc. Wenn man mit poner el cuerpo das Ziel verfolgt, basisdemokra- tisch zu arbeiten, muss man für sich selbst und für die Menschen im eigenen Umfeld Verantwortung übernehmen.

Diejenigen, die mit ihren Körpern die Straßen besetzen, sind his- torisch gesehen auch diejenigen, die sich gegen einen Staat, einen

Poner el cuerpo

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prekären status quo, wenden. Es handelt sich um diejenigen, auf deren Körpern sich die Spuren der Vernachlässigung zeigen, die Schatten eines Wirtschaftssystems, das nur wenigen dient. Poner el cuerpo ist ein Instrument, das „von unten“ getragen wird. Es wird von den Marginalisierten, also denjenigen, die sich in den sozialen und wirtschaftlichen Randbezirken der Gesellschaft bewe- gen, benutzt, um Gewaltsituationen und Vernachlässigung anzu- klagen. In diesem Sinne verstehen wir poner el cuerpo als ganz- heitliches politisches Instrument, als integrative Ausdrucksweise, die eine neue Form der Transformation und Konstruktion schafft. Wenn die Forderungen in Fleisch und Blut übergehen und durch den ganzen Leib artikuliert werden, handelt es sich nicht nur um eine Strategie, sondern um einen politischen Horizont.

Aires. Sie ist Feministin und Sprach-

wissenschaftlerin und arbeitet als

Deutschlehrerin. kommt aus dem Stadtteil Floresta,

studiert Philosophie an der UBA und ist Transfeministin und Anti-

lebt seit zehn Jahren in Buenos speziesistin.

Janna Tegeler Martina Resnik

de er sogleich sehr aufgeregt und wichtig, und wie er hin und her schoß, abtauchte und hier und dort wieder hochblitzte, yer- ursachte er einen solchen Strudel, einen Tumylt uldeen,.daß zen. Daher war ich plötzlich im n Rasenstück zu gehen. So fort tauchte die Gestalt eines Mannes auf, um mich abzufan- gen. Doch zunächst begriff ich nicht, daß die Gebärden des selt- sam aussehenden Subjekts in C ck und Hemdbrust mir gelten sollten. Seine Miene drückte En ays. Mir kam cher mein Instinkt als ein DER ic wär eine Frau. Hier war der Rasen, dort war der Weg. Nur Professoren und Gelehrte haben hier Zutritt; mein Platz ist auf dem Kies, Diese Gedanken waren das Werk des Augenblicks. Als ich den Pfad wieder erreichte, sanken die Ar- me des Pedells herab, s Miene nahm die übliche Gelassen- heit an, und obwohl man auf Rasen angenehmer geht als auf Kies, war kein großer Schaden entstanden. Den einzigen Vor wurf, den ich den Professoren und Gelehrten - gleich welchen College sachen konnte, war, d meinen kleinen Fisch verscheucht hatten, um ihren Rasen zu schützen, den man seit dreihundert Jahren ununterbrochen walzt Nun konnte ich mich nicht mehr erinnern, welcher Gedar mich zu diesem kühnen Vergehen veranlaßt hatte. Ein friedli- Cher Geist se ch wie eine Wo om Himmel, der enn der Friedensgeist irgendwo weilt, dann in den Innenhöfen und Gevierten von Oxbridge an einem sch: Beim Durchstreifen jener Akademien, vorbei an den Hallen, schien sich die Grobheit der Gegenwart zu glät Körper schien von einem wundersamen Glasgehäuse umfan gen, du kein Laut zu dringen vermochte, und der Ge

befreit von jedem Kontakt mit Fakten (es sei denn, man betrat wieder verbotenerweise den Rasen), genoß die Freiheit, sic

hrungen einzulassen, die sich in Harmonie mit dem

es der Zufall wollte, brachte eine

streunende Erinnerung an einen alten Essay über einen Besuch von Oxbridge in den Sommerferien mir Char ı den Sinn den heiligen Charles, wie Thackeray sagt

einen Brief Lambs an die Stirn preßte. In der Tat ist Lamb unter allden Verblichenen (ich schildere Ihnen meine Gedanken, wie sie mir in den Sinn kamen) einer der sympathischsten, einer, zu dem man gern gesagt hätte: »Sag mal, wie hast du deine

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zeschrieben?« Denn seine Essays sind selbst denen von

hm überlegen, so dachte ich, trotz all deren Perfek- Feuergarben der Phantasie besitzen s, der sie brüchig und unvollkommen, aber poesiebesternt macht. Lamb also kam vor etwa hundert Jahren nach Oxbridge. Er hat jedenfalls einen Essay - der Titel ist mir entfallen - über die Handschrift eines von Miltons Ge- dichten geschrieben, die er hier sah. Vielleicht war es Lycidas, und Lamb schrieb, wie ihn der Gedanke entsetzt habe, daß ir- gendein Wort in Lyeides hätte anders sein können als es ws Die Vor: Ilungf A tonhäue in jenem Gedicht Worte ausge wechselt, erschien ihfmwie ein Sakrileg. Das bra nich dazu, mir das Poem Lycidas aufzusagen, soweit ich es wußte, und mich mit dem Ratespiel zu amüsieren, welches Wort Milton wohl abgeändert hatte und warum. Dann kam mir in den Sinn, daß eben die Handschrift, welche Lamb betrachtet hatte, nur

wenige hundert Yards entfernt lag, so daß man Lambs Schrit-

ten über den Innenhof zu j rühmten folgen konnte, wo man den Scha rt us fiel mir ein, während ich diesen Plan in die Tat umsetzte, daß in dieser berühmten Bibliothek die Urschrift von Thackerays Es mond liegt. Manche Kritiker meinen, Esmond sei Thackeravs hervorragendster Roman. Doch der schnörkelhafte Sti] mit seiner Absicht, das achtzehnte Jahrhundert zu imitieren, stört einen, wie ich mich erinnere, es sei denn, daß dieser Stil in der Tat natürlich für Thackeray war - eine Tatsache, die man beweisen könnte, indem man das Manuskript daraufhin unter-

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„Ich wollte Filme machen, und ich wollte mir die Bedingungen dafür schaffen.“

Gespräch mit Helke Sander

E-Mail vom 14.06.2018, 18:33 Uhr:

Liebe Helke Sander,

Wir arbeiten in der outside-Redaktion derzeit an der siebten Ausgabe; sie wird zum Thema Erfahrung erscheinen. Unter anderem beschäftigen wir uns mit der grundsätzlichen Frage nach Erfahrung als Grund- lage für politische Auseinandersetzungen, aber auch mit den Erfahrungen der Feministinnen unserer Generation im Verhältnis zu den Erfahrungen der Feministinnen Ihrer Generation. Sehr gerne würden wir dazu mit Ihnen ein Gespräch führen.

Auf der Metaebene verfolgen wir damit unser Interes- se an der Frage nach historischer Wiederholung, bzw. der Geschichtslosigkeit feministischer Kämpfe und Auseinandersetzungen, wie Sie sie bereits für ihre Ge- neration beschrieben haben, und die wir auch für unsere Auseinandersetzungen erlebten und erleben die sicherlich auf die Langfristigkeit und Unabge- schlossenheit von Veränderungsprozessen weist. Von einem intergenerationellen Austausch versprechen wir uns also eine Bewegung gegen die Tendenz des Vergessens. Uns interessiert, in welchen Erfahrungen sich unsere Generationen trennen, worin sie sich be-

rühren. Welche Logiken bzw. Problematiken sind / tuell geblieben? Welche Erkenntnisse und Forderun- / ; gen gingen durch den Generationenwechsel verloren? /

welche wurden dazugewonnen? Auch - welche Kriti gibt es zwischen den Generationen an den jeweils geführten Auseinandersetzungen?

Gerne würden wir darüber sprechen, inwiefern sich konkrete Lebenserfahrungen - politische, berufliche /ökonomische, jene des Älterwerdens - auf politische Erkenntnisse und Forderungen auswirken. So erga- ben sich bei uns etwa Verschiebungen mit dem Ein- tritt ins Berufsleben.

Nicht zuletzt würden wir gerne mit Ihnen als Filme- macherin über ästhetische Formfindung im Umgang mit Erfahrung sprechen und dabei auf die Erfahrung und künstlerische Bearbeitung von Mutterschaft als Künstlerin eingehen.

Falls Sie an einem Treffen mit uns interessiert sind, könnten wir nach Berlin kommen.

Wir würden uns sehr freuen und hoffen, es geht Ihnen gut!

Anna Kow und Melina Weissenborn outside the box

E-Mail vom 14.06.2018, 18:41 Uhr:

Ganz kurz vom Handy aus London: Ich bin ab 23.6. zurück.

Dann gern

HS

So schnell, wie sie auf unsere E-Mail reagiert hatte, beantwortete Helke Sander dann auch unsere Fra- gen, bei einem Glas Weißwein an einem sommer- lichen Nachmittag im Cafe der Akademie der Künste in Berlin.

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outside the box: Wie sind Sie Feministin gewor- den? Erinnern Sie sich an Momente, wo Sie ge- spürt haben, dieses Frauenthema, das ist etwas Politisches, das hat etwas mit mir zu tun?

Helke Sander: Am Anfang habe ich nicht über Frauenthemen nachgedacht, sondern darüber, wie ich mein Leben bewältigen soll, nachdem ich meine Ehe, meine Festanstellung als Fernsehre- dakteurin und Finnland verlassen hatte. Ich hatte ein Kind, war geschieden, und bekam als allein- stehende Frau keine Wohnung. Auf die ersten Kommunen war ich nicht besonders erpicht, aber es war für mich die einzige Alternative. Wesent- lich war, dass ich schon in Finnland Neill! gelesen hatte, 1965 war das. Mein Sohn kam bald in die Schule und ich auch, an die neu gegründete Ber- liner Filmakademie?. Aber zu der Zeit gab es in Westberlin einfach zu wenig Schulen und Kin- dergärten, und was es gab war unerträglich autoritär und überfüllt. Mit Verantwortung für 40 Kinder, manchmal mehr, kann man nichts Vernünftiges machen. Die Kindergärtnerinnen waren überfordert, viele konnten sich gar nicht anders behelfen als die Kinder an die Tischbeine zu binden, wenn sie auf den Topf mussten. Darum wollte ich meinen Sohn in Summerhill unter- bringen. Ich bin also 1966 nach England gefahren, um mir das anzusehen, aber nachts in London dachte ich: was für eine Perver- sion das Land zu wechseln, um das Kind anständig unterzubrin- gen! Darum bin ich wieder weggefahren und habe den Termin gar nicht wahrgenommen, weil ich dachte, das geht so nicht. Das muss man irgendwie anders machen. Aber ich wusste noch nicht, wie.

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otb: War das der Ausgangspunkt des Aktionsrats zur Befrei- ung der Frauen?

HS: Der entwickelte sich eigentlich aus der Springer-Kampagne. Ich wollte im SDS, in den ich Ende 1967 eingetreten war, den Vor- schlag machen, diesen vielen Arbeitsgruppen, die alle bestimmte Probleme von Pressemanipulation analysierten über vierzig waren das -, einen Arbeitskreis zum Thema Frauen hinzuzufügen. Mein Interesse für Politik war damals ganz neu. Ich fand die Hearings zu Vietnam und Springer und Dritte Welt und so weiter, sehr aufregend und für mich neu und wollte öfter dran teilnehmen. In der Wohngemeinschaft war das nicht so ein großes Problem,

1 A.S. Neill gründete in der 1920er Jahren in England die freie Schule Summerhill“. 1965 erschien die deutsche Erstausgabe seines Buches Summerhill- A Radical Approach to Child Rearing“ zuerst unter dem Titel Erziehung in Summerhill - das revolutionäre Beispiel einer freien Schule, 1969 dann unter dem Titel Theorie und Praxis der anti- autoritären Erziehung - das Beispiel Summerhill. Letztere Version fand reißenden Absatz, wobei Neill selbst den Begriff „antiautoritär“ nicht verwendete und sein Buch nicht als politisch verstand.

2 Helke Sander studierte von 1966 bis 1969 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB).

outside the box #7

Erfahrung

weil meist irgendjemand zu Hause war, die oder der nach dem Kind sehen konnte. Das war aber für die meisten Frauen, die Kin- der hatten, nicht möglich. Jedenfalls las ich die ganzen Analysen zur Springer-Kampagne. Vorher war mir nicht bewusst, dass Pres- se auch manipulieren kann. Ich hatte experimentelles Theater ge- macht und war eine zeitlang reisende Regisseurin für die finni- schen Arbeitertheater. Politik hatte mich bis dahin nicht interes- siert. Aber nun fing ich an, diese ganzen Zeitungen zu lesen und mir fiel auf, dass relativ viele Ratschläge für Frauen drin standen wie sie ihren Mann behandeln sollen, wenn er abends müde von der Arbeit kommt, wie man auch mit wenig Geld gut kochen und ihm Freude bereiten kann und so weiter. Jeden Tag gab es irgendwelche Ratschläge, die Frauen beherzigen sollten. Da dachte ich mir, bei 40 Arbeitskreisen könnte ja auch einer zu dem Thema Frauen dabei sein. Bei einer dieser Arbeitsgruppen habe ich das etwas schüch- tern vorgetragen, und Peter Schneider hat mich in die Küche ge- schickt, wo seine Freundin Marianne Herzog saß. Da haben wir uns kennengelernt und noch am selben Abend ausgeheckt, dass wir ein Flugblatt schreiben nur für Frauen und das Kinderproblem ansprechen.

Das haben wir in den ersten Januartagen 1968 verteilt und kurz darauf unser erstes Treffen gemacht, bei dem die ersten fünf Kin- derläden gegründet wurden. Gleichzeitig haben wir beschlossen da stürmten ja so viele neue Ideen auf uns ein dass wir uns unbe- dingt weiter treffen müssen. Das war der Beginn vom Aktionsrat.

otb: Es gab also einerseits den Wunsch nach besserer Kinder-

betreuung, andererseits den nach einer Auseinandersetzung

mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft ...

e «

HS: Ja - und es gab ein ganz großes Bedürfnis nach Theorie. Am Anfang stand für mich das Interesse, dass ich einfach an diesen ganzen Veranstaltungen vom SDS teilnehmen wollte. Die waren hochinteressant, aber hatten nichts mit Frauen zu tun, sondern mit Vietnam, Dritte Welt, Springer und so weiter. Hinzu kam, dass wir alle nicht wussten, dass es schon mal eine Frauenbewegung gegeben hatte, bis auf ein paar Frauen aus der DDR. Die hatten in der Schule August Bebel und Clara Zetkin gelesen. Einer der Aus- gangspunkte für uns im Westen war damals die Beobachtung, dass wir als Mütter dafür verantwortlich gemacht werden, die Kinder im Namen von Werten zu erziehen, die wir nicht teilen. Dass wir eigentlich nur dazu da waren uns, beziehungsweise die Kinder, an die Gesellschaft anzupassen. Wir wollten das nun selbst in die Hand nehmen und versuchten zu analysieren, warum wir zwar die Arbeit, aber keine Definitionsmacht hatten. Dadurch kamen wir immer weiter in die Frauenfrage rein. Von Marianne Herzog und mir wurde dann oft erwartet, dass wir als Wortführerinnen auftre- ten, weil wir die ganze Sache ins Rollen gebracht hatten. Frauen- funktionärin wollte ich aber schon gar nicht werden. Ich wollte Filme machen, und ich wollte mir die Bedingungen dafür schaffen. Aber das, was da an Fragen aufgerissen wurde, war so neu und so bedeutsam, dass es mich bis heute beschäftigt und oft genug um- treibt. Marianne Herzog und ich sind später auseinandergedriftet, weil sie zur RAF gegangen ist, wofür ich überhaupt nicht anfällig war.

otb: „Filme machen und sich die Bedingungen dafür schaffen“ - das ist ja eigentlich eine urfeministische Forderung: dass man einfach das tun können will, was man möchte. Eigene

Interessen verfolgen, sich als Subjekt entfalten können. In

Ihrem Buch, Fantasie und Arbeit? das Sie mit Iris Gusner zusammen geschrieben haben, sagen Sie an einer Stelle, dass

Sie immer schon wussten, dass Sie Mutter sein würden, aber auch einen Beruf haben wollten. Wie sind Sie darauf gekom- men? In unserer Vorstellung war es damals noch nicht üblich, dass Frauen, vor allem Mütter, berufstätig sind.

HS: Ich war immer schon relativ selbstständig, als Kind musste ich das fast sein. Ich bin ja während des Krieges groß geworden, da hat man viel erlebt. Da wurde man gewissermaßen zur Selbstständig- keit erzogen, weil die Väter nicht da waren - die einen hätten hin- dern können - und die Mütter sowieso alles managen mussten. Ich kannte also noch eine Zeit, in der die Mutter die wichtige Person war und alles allein geregelt hat. Als die Väter dann aus dem Krieg, aus der Gefangenschaft zurückkamen und diesen Platz wieder be- setzten, wurden die Mütter wieder heruntergestuft.

otb: Das ist interessant. Dass die Frauen Ihrer Muttergenera- tion kurz Macht hatten und dann wieder entmachtet wurden. Haben Sie sich damit dann in der Frauenbewegung ausein- andergesetzt?

HS: Viele haben das gemacht. Ich eher weniger. Wir waren über- schwemmt von den vielfältigsten Themen. Ich weiß von meiner Mutter, dass sie eigentlich arbeiten wollte. Das war Anfang der drei- Biger Jahre, in der eine große Arbeitslosigkeit herrschte. Ihr Vater sagte, sie solle den Männern nicht die Arbeit wegnehmen. Eine kurze Zeit lang war sie Sprechstundenhilfe, dann hat sie mit 19 geheiratet und dann war es aus, das durfte sie dann nicht mehr. Und das wollte ich auf gar keinen Fall wiederholen. Das stand fest. Später hatte ich andere Vorbilder. Ich wollte, wie gesagt, ein Kind, und ich wollte es auch von dem Mann, von dem ich es schließlich bekommen habe, meinem finnischen Brieffreund. Ich hatte aber eine Ahnung, dass es vielleicht nicht gutgehen würde. Ging es auch nicht (lacht). Meine Schwiegermutter war damals jedenfalls noch sehr jung, ich glaube 37, sie hatte meinen Mann schon mit 17 bekommen. Sie war Schriftstellerin und Lehrerin und hat die Familie mit ernährt. Auch ihre Freundinnen waren alle berufstätig und intellektuell interessant. Das kannte ich aus Deutschland nicht.

otb: Wenn man sich Ihre Filme ansieht, bekommt man den Eindruck, dass das Thema Mutterschaft, und auch, was das für das Frausein oder für eine Politik als Frau bedeutet, eine sehr große Rolle gespielt hat in Ihrer Auseinandersetzung -

HS: Ja, das war für mich eigentlich immer das Kernthema der Frauenbewegung und der Gesellschaftskritik.

otb: - aber immer auch als eine Politik für die Frauen und die Kinder. Dass Sie das immer zusammen gedacht haben.

3 Iris Gusner, Helke Sander: Fantasie und Arbeit. Biografische Zwiesprache. Marburg 2009.

4 Helke Sander: Die Entstehung der Geschlechterhierarchie: Als unbeabsichtigte Nebenwirkung sozialer Folgen der Gebär- fähigkeit und des Fellverlusts. Berlin 2017.

HS: Ja. Das ist das großße Thema. Wir waren zum ersten Mal gerne Frauen. Es ist ja auch eine Potenz, Kinder zu bekommen. Die spä- tere Frauenbewegung hat sich eher auf einzelne Verbesserungen kapriziert, hier ein bisschen, da ein bisschen, aber die grundsätz- lichen Fragen sind unbeantwortet geblieben.

Wir waren unglaublich theoriehungrig damals. Wir waren ja alle in irgendeiner Form mit linken Männern verbandelt, die machten ihre Marx-Arbeitskreise. Und wir waren mitten in Westberlin, um- geben von der DDR. So einen Sozialismus wollten wir schon mal nicht. Das war aber innerhalb der Linken kein Thema, das richtig aufs Tapet kam. Und diese Arbeitskreise, die blieben für die Frauen, die daran teilgenommen haben, sehr unbefriedigend - ich habe an diesen Marx-Arbeitskreisen ja gar nicht teilgenommen, ich habe das mal selber versucht zu lesen und irgendwann wieder weggelegt (lacht), aber wir haben immer darüber diskutiert, und fanden dann, dass es unbefriedigend war, theoretisch unbefriedigend.

otb: Warum?

HS: Weil Frauen praktisch nicht vorkamen. Engels hat in seinem Buch zum Ursprung der Familie ja selber bemerkt, dass die Frauen aus der Geschichte praktisch rausgefallen sind, geht aber nicht da- rauf ein, warum es eigentlich dazu gekommen ist. Damit habe ich mich dann weitere 50 Jahre befasst. Ich habe bezweifelt, dass es eine sogenannte natürliche Arbeitsteilung je gegeben hat und kann jetzt sagen, dass ich damit richtig lag. In meiner jahrzehnte- langen Recherche habe ich herausgefunden, wann in der Entwick- lung zum Menschen ein Tausch zwischen den Geschlechtern an- gefangen haben kann und warum. Das ist alles nachzulesen in meinem letzten Buch, Die Entstehung der Geschlechterhierarchie: Als unbeabsichtigte Nebenwirkung sozialer Folgen der Gebär- fähigkeit und des Fellverlusts.*

Wir waren in der ersten Zeit, von 1968 bis 1970, unglaublich darauf fixiert, mehr über diese theoretischen Grundlagen zu erfahren, um dann darüber nachdenken zu können, wie sich das entwickeln könnte, oder welche Forderungen daraus abzuleiten wären. An- fangs kamen sehr viele intellektuelle Frauen, die Kinder hatten, aber das hat sich thematisch und personell dann sehr schnell er- weitert um all die anderen Probleme, die auch mit Geschlecht zu tun hatten - Beziehungen, Sexualität, und so weiter. Die Themen- felder wurden größer und undurchsichtiger. Weil man gar nicht alles besprechen konnte. Gleichzeitig gab es die Überlegung, ob man eine Partei gründen sollte. Feminismus war zum Teil noch ein Schimpfwort, Patriarchat auch, und wir waren ja auch alle nicht besonders gebildet auf dem Gebiet. Das hat sich erst entwickelt.

otb: Sie haben eben gesagt, dass die grundsätzlichen Fragen unbeantwortet geblieben seien. Was waren aus Ihrer Sicht die grundsätzlichen Fragen?

HS: Es ging immer darum, ob eine Gesellschaft vorstellbar ist, die ohne Ausbeutung und Unterdrückung funktioniert, und zwar welt- weit. Aber in den meisten politischen Überlegungen dazu wurden die Frauen immer als Nebenwiderspruch behandelt. Wir wollten aber kein Nebenwiderspruch sein. Und die Sozialismen, die wir kannten oder beobachteten - wie gesagt, wir waren ja mitten in der DDR - die wollten wir auch nicht. Diese Frage hat uns in den ersten Monaten unglaublich beschäftigt. Wie es denn nun sein sollte. Aber wie gesagt, man darf nicht unterschätzen, dass so

unglaublich viele unterschiedliche Interessen gleichzeitig aufka- men und ihren Anteil einforderten an den gemeinsamen Gesprä- chen und Gedanken.

otb: Gab es einen Punkt an dem man festgestellt hat, diese unterschiedlichen Interessen, die Sie eben benannt haben, haben alle einen gemeinsamen Nenner, nämlich Patriarchat? Gab es diesen Moment, in dem sich das wieder mehr zusam- mengefügt hat?

HS: Ja, es hat einen Versuch gegeben durch die Frigga Haug. Das war gewissermaßen eine feindliche Übernahme (lacht). Der Akti- onsrat platze aus allen Nähten und es gab keine richtigen Struktu- ren. An einem Tag wurde das diskutiert, am anderen jenes, dann beschwerten sich wieder welche: Jetzt wollen wir aber über Sexu- alität reden, oder über die Verhältnisse an der Uni - alle hatten eigene Bedürfnisse. Und dann kam Frigga mit ihrem Schulungs- konzept. Nun sollten alle Clara Zetkin lesen. Wir hatten Clara Zetkin natürlich auch schon gelesen, inzwischen wussten wir, dass es schon früher Frauenbewegungen gegeben hatte. Es gab plötz- lich einen großen Run auf diese ganze Literatur, die verschüttet gewesen war. Das war immer ein großes Erlebnis, wenn wieder jemand entdeckt wurde, Lily Braun? oder Olympe de Gouges‘, oder die Bewegung von 1848. Das waren unglaubliche Erkenntnis- schübe. Die konnten einen dann schon einen Abend lang beschäf- tigen und länger, aber am nächsten Tag gab’s schon wieder was Neues. Man kann sich dieses Durcheinander wahrscheinlich ganz gut vorstellen. Frigga gründete den Sozialistischen Frauenbund, da sind viele von uns weggegangen, aber auch Neue dazugekom- men. Also alle, die eher feministisch orientiert waren, haben sich in verschiedene Gruppen aufgelöst. Und kamen dann erst mit der Abtreibungskampagne wieder zusammen. Inzwischen gab es ja in allen Universitätsstädten Frauengruppen, die die gleichen Pro- bleme hatten, die wir auch schon vorexerziert hatten, mit diesen

5 Lily Braun war eine deutsche Schriftstellerin, Sozialistin und Frauenrechtlerin. Sie lebte von 1865 bis 1916 und ver- öffentlichte unter anderem die Streitschrift Die Frauenfrage. Ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite (1901) und das autobiografische Werk Memorien einer Sozia- listin (1909/1911).

6 Olympe de Gouges, Revolutionärin, Frauenrechtlerin und Autorin von Theaterstücken (unter anderem zum Thema Sklaverei), Romanen und politischen Schriften, wurde 1748 in Frankreich geboren. Sie veröffentlichte 1791 die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin als Antwort auf die Erklä- rung der Männer- und Bürgerrechte von 1789. „Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne gleich an Rechten“ heißt es zu Beginn von de Gouges’ Erklärung, und später: „Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Gleichermaßen muss ihr das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen.“ 1793 wird de Gouges aufgrund ihrer Kritik am herrschenden republikanischen Regime verhaftet, zum Tode verurteilt und am 3. November 1793 per Guillotine hinge- richtet. www.fembio.org/biographie.php/frauw/biographie/olympe- de-gouges/ und https’//de.wikipedia.org/wiki/Olympe_de_ Gouges, 06.12.18.

outside the box #7

Erfahrung

vielen, vielen Fragen und wenigen Antworten. Und darum war die

Abtreibungskampagne auch deswegen großartig, weil sich alle

Gruppen auf ein einheitliches Thema stürzen konnten und da- durch ein Bewusstsein von der Kraft der Bewegung entstand. Die

Kampagne stützte sich am Anfang auf die alten, eher akademisch- intellektuellen Gruppen, in denen die Frauen auch oft schon Müt- ter waren. Dann kamen wahnsinnig viele Neue dazu, auch aus an- deren Schichten. Die Hinzukommenden wurden immer jünger, das ist ganz wichtig. Diese Frauengruppen hatten naturgemäß

ganz andere Probleme, keine Kinder, da wurde eher das Thema

Sexualität durchdekliniert. Wir hatten ja meistens Verhältnisse mit

Männern. Die Lesben - also dass das ein öffentliches Thema wurde, in den Frauengruppen zumindest die kamen so Ende ‘68, Anfang

‘69 peu ä peu, auch mit den jüngeren Frauen zum Teil. Wir waren

also erst einmal primär auf Männer und deren Politik bezogen. Und

meine Rede in Frankfurt im September 1968 sollte im Grunde ge- nommen die SDS-Männer dazu auffordern, unserer Politik zu fol- gen. Gleichzeitig wussten wir, dass wir Theoriedefizite hatten. Die

Männer sollten uns in Theorie schulen, damit wir dann dagegen

halten können. Das war natürlich vollkommen blödsinnig.

otb: Und in den privaten Beziehungen zu Männern gab es da Auseinandersetzungen?

HS: Na und wie! (lacht)

otb: Aus Ihrem Film Der Beginn aller Schrecken ist Liebe ist uns folgender Satz hängen geblieben: „Aus diesem ganzen Komplex entwickelt sich die in ihrer Dimension noch gar nicht erfasste Frage: Wie kann eine Frau einen Mann lieben, ohne sich aufzugeben?“ - eine Frage, die man sich auch heute noch stellen kann. Aber seitdem sind 35 Jahre ver- gangen...

HS: 50.

otb: Ja, seit Sie angefangen haben, feministische Politik zu machen, sind es 50. Seit dem Film alleine nur 35.

HS: Ja, das ist traurig. Man muss in großen Dimensionen denken.

otb: Die Dinge wiederholen sich; oder man könnte vielleicht sagen: Die Veränderung, die es de facto ja gibt, scheint sehr, sehr langsam vonstatten zu gehen, gerade in den Subjekten selbst, in den Beziehungen. Wie haben Sie und Ihre Freun- dinnen das damals in Beziehungen zu Männern erlebt?

HS: Da gab es heftigste Diskussionen, weil man sich sexuell begeh- ren konnte und gleichzeitig politisch wahnsinnig in den Haaren lag. Und das mussten die Männer auch aushalten. Ja, da ging es heftig zu. Es gab viele Trennungen, aber auch viele neue Versuche. Gleichzeitig kam auch die Pille auf, das darf man nicht vergessen. Frauen konnten sich zum ersten Mal sexuell ausprobieren. Dass Frauen selbst sexuelle Bedürfnisse haben, musste überhaupt erst denkbar und dann auch ausgesprochen werden. Das gab es vorher nicht - ein bisschen vielleicht in der Weimarer Zeit, bei Helene Stöcker’ zum Beispiel, aber nicht in der Dimension.

Anna Kow & Melina Weissenborn

otb: Um noch mal auf den Punkt der Diversifizierung der Frauenbewegung zurück zu kommen - was war an diesem Zusammenkommen vieler verschiedener Interessen und Be- dürfnisse aus Ihrer Sicht problematisch?

7 Helene Stöcker (geb. 1869 in Wuppertal) war eine deutsche Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Publizistin. 1903 gründete sie den Bund für Mutterschutz. „Hinter dem etwas harmlos klingenden Namen des Bundes“, so Hiltrud Schroeder auf fembio.org, „verbarg sich aber mehr als nur eine Hilfsorganisation für Mütter. Es ging Helene Stöcker um Sexualaufklärung und Fragen der herrschenden Moral, die sie in der von ihr bis 1933 herausgegebenen Zeitschrift Die neue Generation erörterte. Die Frauen sollten nach ihrer ‚Neuen Ethik‘ nicht nur Objekt der Fortpflanzung und männ- licher Lust sein, sondern ihre weibliche Sexualität in und gegebenenfalls auch außerhalb der Ehe in einem freien Liebesverhältnis leben dürfen. Helene Stöcker wandte sich darüber hinaus gegen die Bestrafung von Abtreibung und männlicher Homosexualität.“ Stöcker flieht über sechzigjäh- rig vor dem Nationalsozialismus in die USA und stirbt, mittellos und krebskrank, 1943 in New York. www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/helene- stoecker/engruppen, 06.12.18.

8 Hannelore Mabry (1930 - 2013) war Frauenrechtlerin, Sozio- login, Autorin und trat als Schauspielerin unter dem Pseudonym Lorley Katz auf. 1971 gründete sie das Frauen- forum München als Plattform zur Vernetzung von Frauen mitsamt der ab 1972 zugehörigen Zeitschrift Informatio- nen des Frauenforum München e.V. Nach einem internen Bruch gründeten Mabry und ihre MitstreiterInnen 1976 den Förderkreis zum Aufbau der Feministischen Partei sowie die Zeitschrift Der Feminist, die inhaltlich auf eine feminis- tische Marx-Kritik zielte und einen kinder-zentrierten, pazi- fistischen Ansatz verfolgte. Mabry und ihre MitstreiterInnen erlangten in den achtziger Jahren einige Bekanntheit durch kirchen- kritische Protestaktionen. Ende der 80er Jahre begann sie mit dem Aufbau des Bayerischen Archivs der Frauen bewegung, das sich heute im Institut für Zeitgeschichte in München befindet. Helke Sanders Film: Hannelore Mabry Porträt, D, 2005, s/w, 32 Min.

9 Ernst Bloch (1885 - 1977) war deutscher Philosoph in marxis- tischer Tradition. Als früher Gegner des deutschen Faschis- mus und von jüdischer Herkunft exilierte er 1933 in die Schweiz, später in die USA. Dort verfasste er Das Prinzip Hoffnung, das von vielen als sein Hauptwerk angesehen wird. In der Nachkriegszeit übernahm er den Lehrstuhl für Philo- sophie in Leipzig, von dem er 1957 aus politischen Gründen er befasste sich zuletzt mit der Fortentwicklung des hist- orischen und dialektischen Materialismus zwangsemeritiert wurde. Anfang der sechziger Jahre verließ er die DDR Rich- tung Westdeutschland, wo sein Denken Teile der westdeut- schen 68‘er Bewegung beeinflusste. Er befasste sich u.a. mit dem konkreten utopischen Potenzial innerhalb der Kul- turgeschichte, wie auch mit dem emanzipatorischen Potenzi- al von utopischem Denken selbst, ohne dabei die Unter- suchung ideologischer Aspekte außer Acht zu lassen.

Gespräch mit Helke Sander

S.55

HS: Was die Frauen nicht geschafft haben, ist eine richtige femi- nistische Partei aufzubauen, die nach Macht strebt und viele Mit- glieder hat. Hannelore Mabry war eine, die das versucht hat. Eine sehr schwierige, streitbare Person, über die ich auch einen Film gemacht habe.° Mabry hat auch eine Zeitschrift herausgegeben, Der Feminist, die den Standpunkt vertrat, dass der Feminismus eine politische Bewegung ist, die nicht vom Geschlecht abhängt, was ich toll fand. Das war in den siebziger Jahren aber überhaupt nicht angesagt. Jedenfalls hat es eine solche Partei, die wirklich etwas hätte verändern können, nie gegeben. Und auch wenn sich viel verändert hat, ist es immer noch so, dass alle Theorie gewisser- maßen auf der Männerphilosophie beruht.

otb: Die Frage wäre, ob es wirklich eine Partei sein könnte, die diese grundsätzliche Veränderung erreicht, oder ob es da nicht um einen Umsturz der Gesellschaft im Ganzen ginge.

HS: Ja, aber man muss sehen, wie dieser Umsturz dann bewältigt wird. Da fängt’s dann wieder an, dann haben die Frauen wieder keine Zeit, weil sie sich um die Kinder kümmern. Diese ganze neue Vätergeneration, das ist ja alles schön und gut, aber rein statistisch gesehen ist das noch nicht die große Freude.

otb: Fällt noch nicht so ins Gewicht, ja ... Also würden Sie sagen - steile These dass die Tatsache, dass Frauen primär für die Kinder zuständig sind, sie daran hindert, die Gesell- schaft umzustürzen?

HS: Kinder an sich sind kein Hinderungsgrund. Aber die Frage ist, genau: Wer kümmert sich um sie? Und müssen es unbedingt die eigenen Kinder sein, um die man sich kümmert? Wie vereinbart man die Tatsache, dass Kinder lokale Wesen sind, die gerne an einem Platz sind, damit, dass die Arbeitswelt immer ausufernder wird und an verschiedenen Orten stattfindet? Es wird auch nicht bedacht, dass sich die Begehrlichkeiten von Frauen geändert haben. Man kann sich gesellschaftlich nicht mehr auf die Ehe stüt- zen, wie sie früher war, deren Grundlage ja im Übrigen die Treue der Frauen war. Einerseits gibt es viele Fortschritte, andererseits ist dieser Komplex natürlich überhaupt nicht durchdacht.

otb: Also geht es eigentlich um die Organisation des gemein- schaftlichen Lebens?

HS: Ja, das ist einfach ein ungelöstes Problem.

otb: Sie haben damals politisch radikale Positionen entwi- ckelt und vertreten, die auch Gesellschaftsutopien beinhaltet haben.

HS: Ich bin eigentlich keine Freundin von Utopien. Ich habe mir schon vorgestellt, damals mehr als heute, dass man vieles verbes- sern kann, aber dieses utopische Denken, Ernst Bloch? beispiels- weise, habe ich nie geteilt. Ich hatte auch immer ein bisschen Angst vor der Durchsetzung von Revolution, weil ja alle Revolu- tionen blutig geendet sind. Da habe ich nie wirklich dran geglaubt. Als ich diese ganze Literatur zur Arbeiterbewegung und über die russische Revolution und so weiter gelesen habe, hat mir der Kerenski!" eigentlich immer besser gefallen. Das war alles lang- weiliger, sozialdemokratischer, aber letztlich haben die mehr

S.56

durchgesetzt. Und es war nicht so blutrünstig, es sind nicht so furchtbar viele umgekommen dabei. Aber diese ganzen Revo- lutionsführer, mit denen hab ich’s nicht so.

otb: Wobei Utopie ja nicht gleich Revolution ist.

HS: Das stimmt, ja, aber meistens wurde es so interpretiert, deswe- gen bin ich drauf gekommen.

otb: Unsere Frage bezog sich eher auf ein Denken in Rich- tung gesellschaftlicher Transformation, ein Nachdenken darüber, inwiefern und wie tief die Gesellschaft sich verän- dern müsste, damit sie, wie Sie vorhin beschrieben haben, ohne Ausbeutung und Unterdrückung funktioniert. Um die Frage zu Ende zu bringen - inwiefern spiegeln sich Ihre da- malige Radikalität, Ihre Ideen und politischen Überzeugun- gen in Ihrem Filmemachen?

HS: Das ist in den Filmen eigentlich nicht so vorhanden. Als Bür- gerin hat mich das interessiert, aber als Filmemacherin waren mir ganz andere Sachen wichtig. Wenn man einen Film macht, denkt man darüber nach, wo steht das Licht, wo der Ton, wie bewegen sich die Darsteller, was sagen sie. Da muss man ganz konkret sein. Wenn ich zum Beispiel an diesen kleinen Film denke, Subjektitude, aus der Anfangszeit der Filmakademie - da sollten wir einen Film machen über „Junge trifft Mädchen“, das hat mich überhaupt nicht interessiert. Darum habe ich mir diese Geschichte ausgedacht - eine kleine Anmache an einer Haltestelle - bei der es mir vor allem um ein formales Problem ging. Ich wollte wissen, wo schneidet man, wenn drei Personen vorkommen, die alle das gleiche Recht haben, und alles mit subjektiver Kamera! gedreht ist. Eigentlich kann man da gar nicht schneiden. Und dann hab ich eben doch geschnitten (lacht). Einfach, weil sich das Problem nicht lösen lässt. Gewissermaßen hat sich da schon ein bisschen was angedeu-

10 Alexander Fjodorowitsch Kerenski (1881 1970) war russi- scher Anwalt und Politiker. Er war nach der Februarrevoluti- on 1917 als Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre an der Provisorischen Regierung Russlands beteiligt. Nach einer kurzen Zeit als Justizminister hatte Kerenski dann den Vor- sitz des Kriegs- und Marineministeriums, danach der gesam- ten Regierung inne. Während der Oktoberrevolution wurde er von den Bolschewiki gestürzt und floh ins Exil. „Subjektive Kameraführung ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die Sicht eines Protagonisten einnimmt. Der Kamerastandort ist der Standort einer Figur in der Szene, deren „Blick“ das Bild wiederzugeben scheint. Versteht

man die Kamera als stellvertretendes Auge des Zuschauers,

wird dadurch der Blick des Protagonisten zu seinem.“

https:/film-lexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&-

tag=det&id=758, 06.12.18.

12 BeFreier und Befreite, D, 1991/1992, s/w, Teil 1: 90 Min., Teil 2: 102 Min. Regie und Buch: Helke Sander. Recherche, wissen- schaftliche Mitarbeit, Regieassistenz: Barbara Johr.

Der Dokumentarfilm befasst sich mit den Vergewaltigungen von Frauen durch alliierte Soldaten in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegswochen 1945 in Deutschland, insbe- sondere in Berlin.

hi

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Erfahrung

tet, das war eher unbewusst ein Frauenthema. Aber das lag nahe. Da kann man jetzt nicht sagen, dass die Theorie schon eine Rolle spielte, aber es gab einen gewissen Zusammenhang, den man hin- terher wohl sehen kann, währenddessen aber nicht. Redupers zum Beispiel hätte auch von einem Mann handeln können. Der Tag hat 24 Stunden, da passt nicht alles rein was einen als Menschen inte- ressiert. Aber bei einer Frau ist das noch mal potenziert; vor allem wenn sie ein Kind hat, kommen noch mal ein paar Etagen dazu. Das hat mich als Thema interessiert, und das ist dann auch einge- flossen. Auch in Der Beginn aller Schrecken ist Liebe sind Themen aus der Frauenbewegung eingeflossen, die mich zu der Zeit be- schäftigt haben. Beim „Schrecken“ ist es unter anderem die Frage nach einer Dreiecksbeziehung, die eigentlich mal ganz gut geplant war und dann doch katastrophal schiefgeht. Diese unterschied- lichen Schichten, dass man sich einerseits vorstellt, was möglich sein müsste, dass Eifersucht nicht so eine Rolle spielt, oder dass man multiple Verhältnisse haben kann, und dann doch in der Realität zu sehen, woran sich das so scheuert. Und dass der Mann politisch ganz tapfer sein kann, aber im Privaten ein Feigling. Diese Widersprüche eben. Ich weiß nicht, wie weit das heute ist, ich hab den länger nicht mehr gesehen ob der Film schon veral- tet ist in einer gewissen Weise oder ob man den noch gut anschau- en kann.

otb: Den kann man sich gut anschauen. Der ist leider nicht veraltet (alle lachen).

HS: Also dass das Politische ins Filmemachen reinspielt, bleibt nicht aus. Filmemacherinnen nehmen oft einen Standpunkt ein, der früher undenkbar war: Sie sehen die Konflikte vom Standpunkt einer Frau aus. Oder es gibt Themen, die tatsächlich hauptsächlich Frauen betreffen, wie zum Beispiel das Thema Vergewaltigung in meinem Film BeFreier und Befreite.': Ein Mann hat sich meines Wissens nach damit noch nie befasst.

otb: Was war Ihr Ausgangspunkt für diesen Film? 1992 ist der herausgekommen, oder?

HS: Ja, aber angefangen daran zu arbeiten, habe ich schon sehr viel früher. 1972 hatte ich Besuch von einer Amerikanerin, und die sagte, das Neueste, womit sich die amerikanische Frauenbewegung jetzt befasse, sei Vergewaltigung. Da dachte ich, wenn du wüsstest, was ich 1945 noch selbst miterlebt habe. Ich wohnte damals in einem Haus, in dem viele vergewaltigt worden waren. Auch eine ganz unangenehme Frau, die zur Nazizeit eine Denunziantin und Blockwartin war. Zuerst habe ich gedacht, das geschieht der Alten recht. Dann habe ich mich aber dafür geschämt, weil ich dachte, das hat nun wirklich nichts miteinander zu tun. Und seitdem habe ich darüber nachgedacht und angefangen zu recherchieren und einen Film darüber machen wollen. Ich habe immer viele Bücher über Geschichte gelesen, auch über die Nachkriegszeit in Berlin. Es gab unendlich viel Literatur und darin immer diesen einen Satz: „Und dann gab es die Vergewaltigungen“. Mich hat interessiert, wie viele das betraf, und ob es gerechtfertigt wäre, von Massenverge- waltigung zu reden. Was ist eine Masse? Sind das Hunderte oder Tausende oder Zehntausende oder Hunderttausende? Ich habe peu ä peu angefangen zu recherchieren, aber ich habe mich nicht getraut, das schon zu formulieren, weil ich dachte, jetzt in diesen Zeiten des Kalten Kriegs geht das nicht. Ich wollte nicht die

Staaten gegeneinander ausspielen, nach dem Motto: Die Deutschen sind jetzt wieder quitt. Das wurde mir ja später vorgeworfen und das war nun genau das, was ich absolut nicht vorhatte. Die erste Ablehnung für eine Förderung wurde damit begründet, dass unse- re Verhältnisse mit der Sowjetunion jetzt so gut seien, dass man das nicht durch einen Film über Vergewaltigung gefährden wolle. Kurz nach der Wende haben mich sämtliche Fernsehanstalten noch einmal abgelehnt, inklusive der Ostsender. In einer zweiten Runde habe ich bei Inge von Bönninghausen im WDR angefragt, die eigentlich kaum Mittel hatte. Sie hat aber dafür gesorgt, dass die Spielfilmredaktion mit eingestiegen ist und dann konnte ich endlich loslegen. Das Wichtigste waren die lange Recherche und Fundstücke, die es heute nicht mehr gibt.

Der Film war gewissermaßen eine Beschäftigung damit, was ver- drängt worden war, weil man darüber nicht sprechen durfte. Mich hat das aber dauernd beschäftigt, deswegen konnte ich durch- halten, trotz dieser ganzen Widerstände.

otb: Ja, die Frauenunterdrückung, könnte man sagen, läuft Ja immer quer zu anderen Herrschaftsverhältnissen. Das war wahrscheinlich auch bei diesem Thema das Schwierige und

Komplexe, dass es eben, wie Sie sagten, nicht darum gehen

sollte, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativie- ren. Sondern eher aufzuzeigen, dass es quer dazu verlaufend

eben noch andere Achsen der Gewalt gab?

HS: Ja, genau. Das war der Sinn. Als erste und lange Einzige hat das übrigens Swetlana Alexijewitsch verstanden, die ich kennenge- lernt habe, als sie ihr erstes Buch in einem kleinen Verlag im Westen veröffentlicht hatte. Sie hat mich ermuntert, weiter zu ma- chen und mir auch bei der Vermittlung der ehemaligen Rotarmis- ten geholfen. Ich wollte herausfinden, ob es tatsächlich Massen waren, die von den Vergewaltigungen betroffen waren. In vielen Bezirksämtern, Standesämtern, Krankenhäusern und an anderen Orten wurde ich mit Geburtseintragungen, Sterbedaten, Selbst- mordzahlen, Geschlechtskrankheiten konfrontiert, aus denen sich dann allmählich ein einigermaßen realistisches Szenario für Berlin und dann auch für das übrige Deutschland rekonstruieren ließ. Für den Film habe ich dann einen Radioaufruf gemacht, ob sich Frauen melden könnten, die mir von ihren Erlebnissen erzäh- len. Es haben unglaublich viele angerufen und ich habe mit allen geredet, ohne Tonband, nur mit Papier und Bleistift. Ich wollte wissen, in welcher Straße es damals passiert ist, in welchem Stock- werk, wer noch dabei war und wie viele Männer beteiligt waren. Es waren trockene Fragen, worauf alle eingehen konnten. Wir hatten ungefähr 300 Frauen - ich hatte in den letzten zwei Jahren meiner Arbeit daran noch Hilfe von einer Historikerin - also mit 300 Frau- en haben wir gesprochen. Irgendwann mussten wir einfach Schluss machen, das war auch eine Geldfrage. Ich wollte nicht auf die psychischen Aspekte hinaus, ich wollte wissen, unter welchen Umständen das passiert ist. Und wie viele das waren. Das Material war letztlich heterogen. Wir arbeiteten mit Doktor Reichling zu- sammen, ein berühmter Statistiker für Vertreibungsverbrechen, der im Westen wie im Osten anerkannt war. Der hat sich unsere Materialien angeschaut und konnte dann sagen, was die Mindest- zahlen sind. In Berlin waren es nachweisbar mindestens 100 000

13 Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin.

Betroffene, wahrscheinlich sehr viel mehr. In ganz Deutschland waren es in diesem halben Jahr um Kriegsende ungefähr zwei Millionen Frauen.

otb: Das war quasi die Hochrechnung aus Ihrem Material, Ihren gesammelten Doku- mentationen?

HS: Ja. Alle, die jetzt Zahlen nennen, stützen sich eigentlich auf uns. Müssen sie, weil es sonst keine vergleichbare Untersuchung gab.

otb: Wie viele Jahre haben Sie insgesamt daran gearbeitet?

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[aM Tem UIPAOM JSULAIPAAA SEM ‘UIER -IEYISIG JULI UISJEULIISSIMIS AEM U]

HS: Naja, wie gesagt, 1972 habe ich peu ä peu an- gefangen mich dafür zu interessieren und 1985, glaube ich, wurde es dann intensiv. Das Thema war auch vorher schon da. Wenn ich mit meinen Filmen auf Festivals war und Museen und Insti- tutionen zu Kriegsereignissen besucht habe, fiel mir auf, dass im Zusammenhang mit Krieg nie die Rede war von Vergewaltigungen. Was es als Begriff gab, war „war atrocities“, Kriegsgräuelta- ten. Das Stichwort „Vergewaltigung“ ist in diesen Kontexten eigentlich erst eingeführt worden, nachdem ich danach gesucht habe. Ich wollte das einfach historisch mal geklärt haben, welches Ausmaß das hatte, konkret in Berlin 1945. Darf oder sollte man da den Begriff „Massenvergewaltigung“ benutzen? Und ja, die Hoch- rechnungen aus unseren Zahlen haben gezeigt, man kann es machen. Also das ist leider wahr.

otb: Sie meinten vorhin, dass Sie erst mit der Zeit herausge- funden haben, was Sie als Filmemacherin eigentlich machen wollen. Was war das?

HS: Ich wollte immer Spielfilme machen. Ich hatte viele Komödien

im Kopf, die sich auch ein bisschen um das Frauenthema gedreht

haben. Aber ich dachte, das ist einfach zu banal, du musst irgend- was Schwierigeres machen. Was soll der SDS sonst sagen? (alle

lachen). Das bedauere ich zutiefst im Nachhinein. Da wäre es mir besser gegangen, dann wäre ich schnell reich geworden. Es gab ja

noch keine Filmförderung damals. Im WDR haben sie dann mit

einigen Berliner Filmemachern auch aus der DFFB"? das Konzept

des sogenannten Berliner Arbeiterfilms entwickelt. 1971 war das. Der hat mich eigentlich nicht interessiert, und die Filme waren mir zu linear gedacht. Aber das Programm war das einzige, wo ich auch

eine Chance hatte, vom Fernsehen Geld zu bekommen. An Film- gelder ranzukommen, daran war gar nicht zu denken, zumindest

für mich damals nicht. Also blieb nur das Fernsehen, und in dem

Fall eben dieser Arbeiterfilm, für den es Gelder gab. Also habe ich

angenommen und Eine Prämie für Irene gedreht. Und der kam gar nicht gut an im WDR.

otb: Warum nicht? HS: Die Protagonistin sei so männerfeindlich. Bei einer Diskussion

1971 an der Filmakademie, zu der ich eingeladen war, wurde mir von den Maoisten vorgeworfen, dass ich die Arbeiterklasse spalte.

Da musste ich sehr lachen. Wie soll ich denn die Arbeiterklasse spalten?

otb: Also der Vorwurf war, Sie spalten die Arbei- terklasse, weil es in Ihren Filmen auch um Frau- enprobleme geht?

HS: Ja. Besonders eine Szene stieß wahnsinnig übel auf. Da geht diese Frau in eine Kneipe, nachts alleine mit dem Schlüsselbund gegen eventuelle Angreifer, und will einfach einen Schnaps trinken. Damals gab’s in diesen Eckknei- pen noch Molle und 'n Korn für 50 Pfennig. Und dann ist da so ein junger Mann, der ihr ungefragt was spendiert. Sie wehrt sich dagegen und sagt: Wenn ich was will, dann sag ich das. Die Prota- gonistin will in Ruhe gelassen werden. Und das wurde als wahnsinnig männerfeindlich inter- pretiert, und ich wurde ordentlich fertig gemacht dafür.

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otb: Das ist interessant, denn eigentlich gab es

die Spaltung ja, nämlich die Spaltung in Männer und Frauen. Und die, die darauf hinweisen, bekommen dann quasi Ärger. Eigentlich zeigt das ja nur die Unfähigkeit der damaligen Linken, sich ihrer eigenen Herrschaftsverhält- nisse im Privaten bewusst zu werden und sich ihnen zu stel- len, oder?

HS: Ja, bei manchen schon, aber da kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Es gab auch genug Frauen, die sich dem noch nicht stellen wollten. Das darf man auch nicht vergessen. Aber die Männer, die mitgemacht haben, waren schon in der Minderheit. Es gab ja auch Männergruppen. Und die fingen damals alle an zu stricken (lacht).

otb: Ist doch mal ein Anfang! HS: Ja, aber wir fanden das auch ein bisschen komisch.

otb: Der Film Eine Prämie für Irene beginnt mit einer Auf- zählung: Drei Dinge sind wichtig, heißt es da über Irene, Geld, Liebe und Kinder. Geld hat die keins, Liebe hat sie keine, aber ein Kind hat sie, und eigentlich will sie alles. Und ob das wohl zu viel verlangt sei? Aber eigentlich findet sie nicht, dass das zu viel verlangt ist. Auch das wiederholt sich auf eine Art im Heute, oder ist gleich geblieben: Die Frage nach der Möglichkeit, sein Leben voll auszuschöpfen, vor allem als Frau, die vielleicht Kinder hat oder haben will.

14 Pro Quote Regie und Pro Quote Film sind Initiativen film- schaffender Frauen*, die sich seit 2014 für Diversität und Gleichberechtigung in der Filmbranche einsetzen. Ihre Forderungen umfassen u. a. eine Quote von 50% bei der Vergabe von Filmförderungen an Frauen*, eine Erhöhung der Sichtbarkeit von Frauen* (auch über 35) in Film und Fernsehen, die paritätische Besetzung von Fördergremien und Gendermonitoring für Sende- und Filmförderanstalten.

outside the box #7

Erfahrung

HS: Wobei es natürlich heute einen Rechtsstatus gibt, auch wenn er faktisch noch nicht ganz erfüllt ist. Immerhin gibt es jetzt den Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Nach 50 Jahren Bemühung darum.

otb: Das stimmt, theoretisch gibt's den. Für viele ist die Suche nach einem Kita-Platz dennoch ein großer Stressfak- tor. Der noch hinzukommt zur Problematik der Unterbre- chungen, nämlich als Mutter die ungestörte Konzentration zu finden, die es zum Arbeiten braucht. Und auch auf einer strukturellen Ebene im Berufsleben gibt es nach wie vor viele Schwierigkeiten.

HS: Ja, besonders im Freiberuflichen, weil du keine festen Arbeits- zeiten hast. Wenn du drehst, wo lässt du dann das Kind? Das geht ja nicht von 8 bis 17 Uhr. Das sind alles wahnsinnige Probleme, die nach wie vor nicht gelöst sind, das stimmt. Wobei die Pro Quote- Frauen" in ihre Forderung aufgenommen haben, dass das mit in die Kalkulation gehört.

otb: Kinderbetreuung? HS: Ja. Zum ersten Mal.

otb: Bleiben wir kurz beim Thema Geld. In Phantasie und Arbeit gibt es eine Stelle, wo Sie sich selbst als Wirtschafts- wunder bezeichnen, weil Sie es, obwohl Sie sehr prekär gelebt haben, trotzdem immer irgendwie geschafft haben. Inwieweit hatten Ihre wirtschaftlichen Verhältnisse einen Einfluss auf Ihre Kunst? Würden Sie sagen, dass es Ihre Filme beeinflusst hat, unter welchen materiellen Umständen sie entstanden sind?

HS: Ja. Ich hätte wahrscheinlich ganz viele andere Filme gemacht, wenn ich finanziell abgesichert gewesen wäre. Die Themen, die man sich vorgenommen hatte, mussten ja auch durchgesetzt wer- den, was furchtbar viel Zeit gekostet hat, neben all dem anderen. Ich habe hauptsächlich vom Übersetzen gelebt, ich habe ja kein Geld von irgendwoher bekommen. Naja, anderes Kapitel. Aber das ging damals, ich war gesund und belastbar. Denn die Arbeit war schon hart. Unter 15 Stunden war da nie was. Da wundert man sich, was man früher so alles geschafft hat. Ich habe an Arbeit angenom- men, was ging. Und dann habe ich versucht, etwas daraus zu machen. Ich habe nur ungefähr ein Sechstel realisiert von dem, was ich machen wollte. Damals war Filmemachen für Frauen auch deshalb schwierig, weil man es ihnen einfach noch überhaupt nicht zugetraut hat. Wir waren ja auch nur eine Handvoll. Und heute gibt es ca. 600 Filmemacherinnen. Da ist die Konkurrenz eine ganz andere. Wobei die natürlich nicht alle feministische Filme machen. Das ist klar. Machten sie auch damals nicht. Redu- pers z.B. wurde, bevor ich den realisieren konnte, auch mehrfach abgelehnt.

otb: Was interessant ist, weil Redupers das Problem ja selbst thematisiert. Auch viele Ihrer anderen Filme sind an konkre- te Lebensumstände angebunden, an Produktionsverhältnisse, Reproduktionsverhältnisse ist das ein materialistischer An- satz Kunst zu machen?

Anna Kow & Melina Weissenborn

HS: Ich glaube schon, ja.

otb: Redupers ist zwar ein fiktionaler Film, wird aber sehr nah entlang bestehender Verhältnisse und Erfahrungen erzählt, in denen man sich stark wiederfindet.

HS: Ja, der sieht heute aus wie ein Dokumentarfilm. otb: Wie erklären Sie sich, dass er nach wie vor so aktuell ist?

HS: Na, weil ich offenbar was getroffen habe (lacht). Wahrschein- lich, weil ich relativ genau bin. Ich recherchiere immer ziemlich viel. Ich nehme an, das hat damit zu tun.

otb: Mit einer Genauigkeit, sich die Verhältnisse anzuschau- en?

HS: Hmhm (zustimmend). Ja, man sollte einfach nicht auf Kitsch reinfallen (lacht).

otb: Sie waren im Lauf der Zeit in verschiedenen Gruppen organisiert. Ist das auch heute noch so, oder stehen Sie eher für sich?

HS: Ich habe immer gerne kooperiert, aber ich habe nicht kollektiv an Filmen gearbeitet. Und ja, wir haben eine lockere Gruppe, immer noch. Freundinnen von früher und von heute. Wir treffen uns etwa sechsmal im Jahr.

Für diese Gruppe gibt es eine Art Vorbild - 1978 habe ich in Mün- chen eine CSU-Frau kennengelernt, Frau Kühlmann-Stumm, damals ca. 80 Jahre alt. Sie hatte ein Buch über Bertha von Suttner und die neue Friedensbewegung geschrieben, das ich leider nicht mehr finde, auch nicht antiquarisch. Und es gibt auch keinen Ein- trag über sie bei Wikipedia, was ganz unverständlich ist, da sie später sehr in die Initiative von Brandt verwickelt war, die ermög- lichte, dass DDR-Rentner in die BRD reisen konnten.

Zur Nazizeit waren sie und ihr Mann Botschafter in Rom. Später, nach dem Krieg, da war sie so um die 40, hat sie nachgedacht und ist politisch geworden und in die CSU eingetreten, weil sie dachte, das sind die richtigen christlichen Vorstellungen, die Frieden garantieren. Sie hat sich aber auch für die DDR interessiert, als sie

15 1915 fanden sich über tausend Teilnehmerinnen aus zwölf Nationen in Den Haag zum Internationalen Frauenfriedens- kongress zusammen. Sie formulierten einen Resolutionenka- talog, in dem u.a. die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofes und einer internationalen Organisation zur Friedenssicherung gefordert wurde, sowie die weltweite Kontrolle des Waffenhandels und die Einrichtung einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Sie sprachen sich gegen Massen- vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung aus und forder- ten die neutralen Staaten auf, sich vermittelnd für das Ende des ersten Weltkriegs einzusetzen.

16 Melina Weissenborn wird im Sommer 2019 den Essay Helke Sanders Film „Die allseitig reduzierte Persönlichkeit - REDUPERS“ - Kunst im Zeitalter der Vereinbarkeit von Produktion und Reproduktion? im Verlag Trottoir Noir ver- öffentlichen.

Gespräch mit Helke Sander

S.59

über deren Friedensinitiativen hörte, und für die Kommunisten, die in der frühen BRD noch nicht verboten waren. Deren Thesen hat sie dann bei der CSU vorgetragen (alle lachen). 1957 gab es die Diskussion über die Wiederbewaffnung, da war sie strikt dagegen und darüber ist die CSU fast zerplatzt. Ich fand die irgendwie irre, diese Frau. Sie erzählte mir, sie träfe sich regelmäßig mit Leuten ihrer Generation bei Anott, einer Malerin, die immer bunter malte, je älter sie wurde. Sie war schon 1915 Teilnehmerin beim Interna- tionalen Frauenfriedenskongress gewesen und in der NS-Zeit als entartete Künstlerin emigriert.'° Ich habe ihre Adresse bekommen und habe sie besucht. Da kamen ca. zehn 80- bis 90-Jährige zusam- men, die sich jede Woche trafen und über die aktuelle Politik diskutierten.

otb: Und jetzt haben Sie ihren eigenen Zirkel von 80- bis 90-Jährigen?

HS: Die sind alle ein bisschen jünger als ich (lacht). otb: Das ist schön. Das wünschen wir uns auch für später. HS: Ja, man muss das pflegen.

otb: Eine letzte Frage haben wir noch, eine schöne. Worauf sind Sie als Künstlerin und oder als politische Aktivistin besonders stolz?

HS: Ich finde es gut, dass wir damals die Kinderläden initiiert haben. Das war schon durchschlagend, ja. Und dass sich dann als Folge davon so viele Frauengruppen gegründet haben. Also dass es dadurch an die Öffentlichkeit gekommen ist und die hiesige Gesell- schaft verändert hat. Und zwar in einer relativ intelligenten Form, muss ich sagen (lacht).

Das Gespräch führten Melina Weissenborn'® und Anna Kow. Wir danken Helke Sander für die Zeit, die sie uns geschenkt hat!

Helke Sander wurde durch ihre Rede 1968 vor dem SDS be- kannt, die nicht nur dank Sigrid Rügers Tomatenwurf ent- scheidend zur Entstehung der Zweiten Frauenbewegung und der Kinderladenbewegung in Westdeutschland beitrug.” Dabei war Sander auch und vor allem Filmemacherin, deren Werke kontrovers diskutiert wurden: so zum Beispiel Zine Prämie für Irene (1971), Redupers - Die allseitig reduzierte Persönlichkeit (1977), Der Beginn aller Schrecken ist Liebe (1983), und BeFreier und Befreite (1991/1992). Sie ist seit Jahrzehnten feministisch aktiv, u.a. als Mitbegründerin des Aktionsrates zur Befreiung der Frau und der Gruppe Brot und Rosen, die 1972 das Frauenhandbuch Nr. 1, Abtreibung und Verhütungsmittel im Selbstverlag publizierte; als Orga- nisatorin des ersten westdeutschen Frauenfilmfestivals und Gründerin und Mitherausgeberin von Frauen und Film, der ersten europäischen feministischen Filmzeitschrift, und dem zu seiner Zeit breit rezipierten Doppelband Frauen in der Kunst. Sie war alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Später lehrte sie als Professorin für Film an der HFBK Ham- burg und ist zudem Autorin einiger Bücher. 2018 jährte sich ihr Geburtstag zum 81. und ihre berühmte Rede vor dem SDS zum 50. Mal.

* Vgl. Barbara Schnalzger: „Wir verlangen, dass unsere Proble- matik hier inhaltlich diskutiert wird. Helke Sanders Rede vor dem SDS 1968“ In: outside the box #5.

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DIE NEUE DISKUS. 1.18 - DEZ. 2018

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Schultern, und ich erinn laran, wie einer von ihnen immer losrannte, wenn jemand pfiff, und ich dachte daran, wie die Orgel in der Kirche gedröhnt hatte und an die hlos

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Erfahrung und feministisches Bewusstsein in der autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre!

G

Katharina Lux

Prolog

In der Ankündigung für einen Vortrag schreibe ich: „Von sich selbst und den eigenen Erfahrungen auszugehen, scheint bis heute Grundlage feministischer Theorie und Praxis zu sein.“ Die Veran- stalterinnen korrigieren und schreiben: „Von sich selbst und den eigenen Erfahrungen auszugehen, ist bis heute Grundlage feminis- tischer Theorie und Praxis.“ Darüber scheint Konsens zu herr- schen.

Sicher hat der Bezug auf Erfahrung in der Geschichte der Frauen- bewegung unterschiedliche Funktionen erfüllt: den Zugang zur Lebenswelt hergestellt und deren Relevanz für eine linke, sozialis- tische Praxis untermauert, das Fundament für die Kritik des Poli- tikverständnisses der Linken abgegeben und die androzentrische

Ordnung des Wissens zum Wanken gebracht. Heute tritt Erfah- rung in vielen feministischen Diskussionen als Diskriminierungs- und Ausschlusserfahrung oder als Betroffenheit auf. Sie soll einen

prädestinierten Zugang zu einem bestimmten Wissen absichern, das nur durch diese spezifische Erfahrung erworben werden kann. Sie legitimiert zum Sprechen über dieses bestimmte Wissen.

Bei meinen Streifzügen durch die feministische Zeitschrift Die Schwarze Botin, die zwischen 1976 und 1987 erschienen ist, stoße ich auf Bemerkungen, die sich ablehnend auf die autonome Frauen- bewegung und auf eine für sie charakteristische Praxis beziehen: auf die Praxis der Selbsterfahrungsgruppen. Die Herausgeberin der Zeitschrift, Brigitte Classen, bezeichnet im Rückblick auf fünfzehn Jahre autonome Frauenbewegung die Selbsterfahrungsgruppen als „Selbsterfahrungsgruppen zur Sanierung der Psyche“? und schon Im Vorwort der ersten Ausgabe aus dem Jahr 1976 ist zu lesen:

„So macht das Verlangen nach Selbsterfahrung und Selbstbestä- tigung das Selbst immer unsichtbarer, frau läßt sich getrost Gedanken kommen, ohne sich welche zu machen: die neuent- deckten Sinne (Neue Zärtlichkeit, Eigenkörperlichkeit u.s.w.) sollen für das Denken sorgen, sorgen aber nur für sich selbst. Damit ist garantiert, daß die ‚Neuen Erfahrungen‘ gar nicht

| Der Aufsatz ist eine stark überarbeitete Fassung meines Aufsatzes Selbsterfahrung und Kritik - Zur Geschichte femi- nistischen Bewusstseins in der autonomen Frauenbewegung der 1970er Jahre, der im Frühjahr 2019 im Sammelband Gender*Wissen als Dimension des Pädagogischen, heraus- gegeben von Dayana Lau und Klemens Ketelhut, erscheinen wird.

2 Classen, Brigitte/Ruge, Uta: Wünsche nach Kraft durch Freude. Ein Gespräch. In: Die Schwarze Botin 19, 1983, S. 59.

3 Anonym: Schleim oder Nichtschleim, das ist hier die Frage. An Stelle eines Vorwortes. In: Die Schwarze Botin 1, 1976, S.4.

A Goettle, Gabriele: Gedanken über mögliche Formen feminis- tischer Anarchie. In: Die Schwarze Botin 7, 1978, S. 31.

6 Vgl. Neuhauss, Maria-Elisabeth: Probleme des sozialistischen

Feminismus vom Aktionsrat zum sozialistischen Frauenbund.

In: outside the box. Zeitschrift für feministische Gesellschafts-

kritik 5. Leipzig 2015. S. 55-59; Kätzel, Ute: Die 1968erinnen.

Porträts einer rebellischen Frauengeneration. Berlin 2002.

„Es liegt nicht in unserem Interesse...“

S.65

erst gemacht werden können, oder immer wieder nur die alten gemacht werden.“

Und in der siebten Ausgabe aus dem Jahr 1978 schreibt die Journa- listin Gabriele Goettle:

„Es ist leicht, auf der Suche nach Identität in die Frauenbewe- gung zu geraten, noch leichter, solche dort zu finden in der Subjektivität gemeinschaftlicher Leidenserfahrungen. Was weniger leicht, ist offenbar der Schritt von der Erfahrung zur Veränderung von Erfahrungswirklichkeit. Es wäre wichtig, die scheinbare Vorgegebenheit von Identität zu analysieren, umso- mehr, wenn sie sich als neues Verhaltensklischee innerhalb der Frauenbewegung einnistet.“*

Die in der Kritik implizierte - unterstellte? - Fixierung auf und von Identität und die Thematisierung des eigenen Verhaltens kommen mir allzu bekannt und allzu aktuell vor. Ist die Selbsterfahrungs- praxis die historische Vorläuferin der feministischen Praxis, die heute in Erfahrung einen unhinterfragbaren Zugang zu Wissen sieht? Ich mache mich auf den Weg zu den Quellen aus der Hoch- zeit der westdeutschen autonomen Frauenbewegung. Wie zu er- warten war, finde ich weder genau das, was ich suche, noch waren die Konzepte der Selbsterfahrung so homogen, wie sie in der Kritik erscheinen. Ich werde am Ende meiner Überlegungen auf die Frage keine eindeutige Antwort geben können. Andere Fragen wer- den wichtig und Schwerpunkte verschieben sich. Der vermutete Zusammenhang zwischen dem Heute und dem Gestern wird wäh- rend der Lektüre der Quellen zum losen Rahmen, zusammen- gehalten durch Ähnlichkeiten und Assoziationen.

Die Entstehung feministischen Bewusstseins

Die Frauenbewegung in Westdeutschland entstand im Zuge der Bewegung von 1968, als sich einige Frauen aus dem Sozialisti- schen Deutschen Studentenbund (SDS) zusammenschlossen, um Lösungen für das geteilte Problem zu finden, die Betreuung ihrer Kinder mit ihrer politischen und theoretischen Arbeit im SDS zu vereinbaren.’ Im Laufe der 1970er Jahre vergrößerte sich die Frau- enbewegung schnell und organisierte sich zunehmend autonom von linken Gruppen, da weder deren Praxis noch deren Theorien befriedigende Antworten auf die Fragen und Probleme der Frauen boten. Über die Entstehungsgründe der Freiburger Frauengruppe heißt es im Frauenjahrbuch ’75:

„Wir sind im Oktober 1972 aus einer linken Gruppe an der PH (pädagogische Hochschule, K.L.) herausgegangen, und zwar aus folgenden Gründen:

weil wir meinten, daß man nur wirklich politisch aktiv wer- den kann, wenn man von selbst erlebten Unterdrückungs- situationen ausgeht und von den eigenen Bedürfnissen;

weil wir in einer Organisation arbeiten wollten, die nicht die alten Autoritätsstrukturen wiederholt;

weil wir allmählich kapierten, daß die Trennung von Persönlichem und Politischem sich direkt als Frauenunter-

S. 66

drückung auswirkte und zwar sowohl in der Gruppe als auch privat.“

Die Politisierung des Persönlichen, die Etablierung nicht-hierar- chischer Strukturen und das Prinzip, von sich selbst auszugehen, wurden zu Grundpfeilern einer feministischen Politik, die sich als Gegenentwurf zu einer linken Praxis versteht, wie sie dem SDS vorgeworfen worden war.

Die Selbsterfahrungsgruppen teilten diese von den Frauen aus der Frauengruppe Freiburg zusammengefassten Prinzipien einer feministischen Praxis. Von Anfang bis Mitte der 1970er Jahre wur- den einige Artikel zu dieser Organisationsform veröffentlicht, wie

der eben zitierte Text Äleingruppen - Erfahrungen und Regeln aus

der Frauengruppe Freiburg. Um ein Bild zu bekommen, welche

Vorstellungen von Selbsterfahrung in der autonomen Frauenbewe- gung herrschten, werde ich zusätzlich einen Blick in die Artikel

Bewußtseinsveränderung durch Emanzipations-Gesprächsgrup- pen der Psychologin Angelika Wagner aus dem Jahr 1973 und in

Free-Space. A Perspective on the Small Group in Womens Libera- tion der US-amerikanischen Feministin Pamela Allen, der 1972 ins

Deutsche übersetzt und in Ausschnitten unter dem Titel Der Frei- raum vom Arbeitskollektiv der Sozialistischen Frauen Frankfurt im Sammelband Frauen gemeinsam sind stark! Texte und Materi- alien des Women’s Liberation Movement in den USA herausgege- ben wurde, werfen. Sie alle vereint die Ansicht, dass „jede Frauen- bewegung, die auf eine Veränderung der bestehenden

gesellschaftlichen Verhältnisse abzielt, zunächst eine Bewußt- seinsveränderung“ voraussetze.’

Die drei Texte handeln von der Praxis der Selbsterfahrung - die

Freiburger Autorinnen und Pamela Allen reflektieren ihre eigenen

Erfahrungen in ihren Selbsterfahrungsgruppen. Während für sie— allerdings in unterschiedlicher Weise Selbsterfahrung zum Kata- Iysator des feministischen Bewusstseins wird, stellt diese Praxis für die Autorinnen der Zeitschrift Die Schwarze Botin, auf die ich

mich eingangs bezogen habe, ein Hindernis für Politik und Theo- riebildung der Frauenbewegung dar. Aber auch ihr scheint es um

ein feministisches Bewusstsein zu tun zu sein, wenn es im Vorwort

der ersten Ausgabe heißt: „Diejenigen, welche meinen, daß die

schwarze Botin ohne Widersprüche sein müsse [...], müssen alte

Lese- und Denkkategorien abstreifen.“? Ebenso spielt Erfahrung

eine Rolle in einigen Beiträgen der Zeitschrift - wenn auch eine

andere.

6 Frauen aus der Frauengruppe Freiburg: Kleingruppen Erfahrungen und Regeln. In: Frankfurter Frauen (Hrsg.): Frauenjahrbuch ‚75. Frankfurt 1975. S. 184.

7 Wagner, Angelika: Bewußtseinsveränderung durch Emanzipa- tions-Gesprächsgruppen. In: Schmidt, Hans Dieter et.al. (Hrsg.): Frauenfeindlichkeit. Sozialpsychologische Aspekte der Misogynie. München 1973. S. 143.

8 Anonym, $.5.

9 Dackweiler, Regina: Ausgegrenzt und eingemeindet.

Die neue Frauenbewegung im Blick der Sozialwissenschaften. Münster 1995. 10 Frauen aus der Frauengruppe, S.156.

outside the box #7

Erfahrung

Von sich selbst ausgehen Die Praxis der Selbsterfahrung

Die Selbsterfahrungsgruppen, die sich Anfang der 1970er Jahre in der autonomen Frauenbewegung verbreiteten, fanden ihr Vorbild in den US-amerikanischen Consciousness-Raising Groups, die sich im Laufe der 1960er Jahre im Zuge des Women's Liberation Move- ments gegründet hatten. In den Gruppen trafen sich Frauen - in der Bundesrepublik hauptsächlich aus der gut ausgebildeten Mit- telschicht - um über Themen aus ihrem Leben zu sprechen, wie beispielsweise Kindheit und Familie, Sexualität, das Verhältnis zum eigenen Körper, die Beziehungen zu anderen Frauen und die Beziehungen zu Männern.’ Die Aufsätze von Pamela Allen, Ange- lika Wagner und der Freiburger Frauengruppe verstehen sich so- wohl als Reflexion der Praxis der Selbsterfahrung, ihrer Mittel und Ziele, ebenso wie als Anregung und Anleitung zur Gründung von Selbsterfahrungsgruppen. Gemeinsam ist den Texten neben der Zielsetzung der Bewusstseinsveränderung der Ausgangspunkt des Gruppengesprächs. Es gehe zunächst darum, so die Autorin- nen, sich über Gefühle auszutauschen, welche die Frauen bezogen auf ihr Leben wie auch bezogen auf die Gruppe empfinden. Den Erzählungen der anderen sollen Berichte aus der eigenen Bio- graphie hinzugefügt werden, wodurch die Frauen die Erfahrung machen, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie sie. Der gesellschaftliche Ursprung der persönlichen, scheinbar im eigenen Unvermögen begründeten Probleme könne so sichtbar werden. Die Erhellung der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Frauen leben, ebenso wie der „Gründe und Ursachen der Frauenunterdrückung‘“ (Allen) ist das erklärte Ziel aller drei Texte. Die Gruppe biete einen Ort, an dem Frauen miteinander in Kontakt treten können. Dadurch werde die Isolation der einzelnen, die durch die Kleinfamilien, Lohnarbeit und die Fokussierung auf ei- nen Ehemann oder Freund zustande komme, aufgebrochen. Jenseits dieser allgemeinen Gemeinsamkeiten weisen die Beschrei- bungen der Selbsterfahrung als Mittel zur Entstehung eines femi- nistischen Bewusstseins bei Pamela Allen einerseits, Angelika Wag- ner und den Frauen aus der Frauengruppe Freiburg andererseits Unterschiede auf, die folgenreiche Konsequenzen haben.

Persönliches und Gemeinsames

Die Texte von Angelika Wagner und der Frauen der Frauengruppe Freiburg ähneln sich in ihrem Verständnis von Erfahrung und Bewusstsein. In der Gewichtung der persönlichen Erfahrung sieht Wagner den Vorteil der „Frauengesprächsgruppe“ gegenüber „her- kömmlichen Diskussionsgruppen“:

„Erfahrungsberichte machen einen großen Teil des Gesprächs aus und werden dann anschließend gemeinsam diskutiert. Gegenüber einer theoretischen Analyse hat dieses Vorgehen zweierlei Vorteile. Erstens bleibt ‚Emanzipation‘ für die Teil- nehmer kein theoretisches Problem, losgelöst von ihrem per- sönlichen Leben, sondern ihre vielfältigen Bezüge zum eigenen Denken und Handeln werden sichtbar. Zweitens wird vermie- den, daß die Mehrzahl aller Frauen, die die Sprache der Theore- tiker nicht verstehen, sich wiederum minderwertig vorkom- men und ausgeschlossen bleiben.“

R Katharina Lux

Theorie auf der einen, Erfahrungen des persönlichen Lebens, eige- nes Denken und Handeln auf der anderen Seite werden hier ten- denziell in einen Gegensatz gebracht.

Auch für die Frauen aus der Frauengruppe Freiburg liegen Sinn und Ziel der Selbsterfahrungsgruppe darin, ein Bewusstsein über die eigenen, persönlichen Erfahrungen zu erlangen. „Unsere per- sönlichen Erfahrungen“, so die Freiburger Autorinnen, „können nur dann bewußt werden, wenn wir sie frei aussprechen“. Der Cha- rakter dieser Erfahrungen ist den Freiburgerinnen zufolge persön- lich und ihre Geltung subjektiv verbürgt: „Erfahrungen sind für die, die sie macht, immer wahr.“!!

Die Freiburger Frauengruppe zeichnet nun die Schritte nach, die Wagner für ihre Politik der Subjektivität auf dem Weg zur Bewusst- seinsveränderung vorschlägt. Die Gruppe zieht die Konsequenz aus der Trennung von Erfahrung und Theorie und schreibt:

„Nicht ‚man‘, sondern ‚ich‘ sagen. Verallgemeinerungen ma- chen das Gespräch unpersönlich. Sie stoßen diejenigen, auf die sie nicht zutreffen, vor den Kopf. Hinter den meisten Verallge- meinerungen stehen persönliche Erfahrungen.“!?

Dass das Gespräch einen persönlichen Charakter behalten soll, hat weitreichende Konsequenzen:

„Es ist wichtig, daß wir lernen, aufeinander einzugehen und unsere Erfahrungen als Frauen nicht zu kritisieren. Erst wenn wir uns wohlfühlen miteinander, wenn wir keine Angst mehr haben offen zu sein, ist Kritik an unserem Verhalten nicht mehr niederschmetternd, sondern kann uns helfen, uns zu verän- dern.“!?

Da das Ziel die Bewusstwerdung der persönlichen Erfahrung ist und Erfahrungen als unmittelbare Erlebnisse begriffen werden, verbitten sich die Frauen Kritik an den eigenen Erfahrungsberich- ten. Denn Kritik am persönlichen Verhalten ist durchaus nicht immer leicht zu ertragen. Auffallend ist, dass Kritik hier aus- schließlich als Kritik am Individuum und seinem Verhalten ver- standen und als gefährlich und bedrohlich wahrgenommen wird. Damit verschieben die Autorinnen die Möglichkeit von Kritik an einen Ort, der nicht mehr klar fassbar ist: Erst dann, wenn die Kleingruppe zu einem angstfreien Raum geworden sei und sich alle wohlfühlten, sei Kritik „an unserem Verhalten nicht mehr nie- derschmetternd“. Wann aber fühlen sich alle wohl in einer Gruppe? Nicht zuletzt würde sich, auch wenn sich alle wohl fühlten, noch immer die Frage stellen, wohin die Kritik an „unserem Verhalten“, am individuellen Verhalten der Frauen führen soll. Ich möchte nicht den Zusammenhang von Bewusstsein und Verhalten und die Notwendigkeit der Reflexion eigenen Verhaltens in Frage stellen. Zu bedenken ist aber, dass bei einer Vereinseitigung auf die Verän- derung des Verhaltens diejenigen Aspekte des gesellschaftlichen

11 Ebd. S.195f.

12 Ebd. S. 196.

13 Ebd.

14 Ebd. S. 197; auch Wagner, S.151.

15 Frauen aus der Frauengruppe, S. 189. 16 Wagner, S. 153.

„Es liegt nicht in unserem Interesse...“

Lebens, die nicht in den Umkreis und den Wirkungsbereich des ei- genen Verhaltens fallen, aus dem Feld feministischen Bewusstseins und der Kritik verschwinden. Diese Tendenz zur Vereinseitigung wird noch verstärkt durch das Be- harren darauf, dass es um die „Er- fahrungen von Frauen“ gehe, weshalb „andere Themen vermie- den werden“ sollten.!* Was aber gehört zu den Erfahrungen, die man als Frau macht? Können be- stimmte Erfahrungen eindeutig dem Frausein zugeordnet wer- den? Was gehört zum Frausein und was nicht? Wenn nur über die Erfahrung, eine Frau zu sein, gesprochen werden soll, stellt sich die Frage, was die Identität Frau bedeutet und was nicht. Was ist mit den Erfahrungen, die auf- grund der Klassenzugehörigkeit oder aufgrund ethnischer und ras- sistischer Trennungen gemacht werden?

Beide Texte, Kleingruppen - Erfahrungen und Regeln ebenso wie Bewußtseinsveränderung durch Emanzipations-Gesprächsgrup- pen, enthalten deutliche Vorstellungen davon, was diese gemein- same „Erfahrung von Frauen“ ist und sie setzen die Leserin in Kenntnis darüber, worin die Gemeinsamkeit bestehe:

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„Wichtig ist, daß die Gespräche in den Kleingruppen uns zeigen, wie und in welchem Ausmaß wir unter den vorgegebenen Rol- len leiden, daß wir Angst haben, uns gegen die Rollenzwänge aufzulehnen. Daß es aber für uns genauso schlimm ist, wenn wir sie einfach hinnehmen. Dadurch, daß wir unsere Erfahrun- gen austauschen, fühlen wir uns nicht mehr allein.“!°

Der Text der Freiburger Autorinnen nimmt hier das Ergebnis des Erkenntnisprozesses vorweg. Auch in Wagners Artikel erwecken manche Stellen den Anschein, dass das Wissen, welches durch das Gruppengespräch generiert werden soll, schon vorausgesetzt ist. Die Autorin stellt eine Liste von Fragen auf, die zur Erleichterung der Gespräche dienen soll. Der suggestive Charakter einiger der Fragen - wie beispielsweise „Wie oft können wir unsere Gefühle ehrlich zugeben?“, „Mit welchem Teil unseres Körpers sind wir unzufrieden?“ oder „Was sind unsere Ängste, nicht liebenswert, nicht geliebt zu sein?“!6 - lassen kaum zweifeln, dass der Inhalt des Wissens schon gesetzt ist und nur mehr seine Bestätigung erwartet wird. Der Erkenntnisprozess gerät in Gefahr, stillgestellt zu werden. Die Freiburger Frauengruppe formuliert ein paradoxes Sollen: Die Gespräche sollen zeigen, dass allen Teilnehmerinnen das Leid an der Frauenrolle gemeinsam ist. Im Wissen um die Gemeinsamkeit besteht das feministische Bewusstsein. Zugleich aber soll das Lei- den an dieser Rolle persönlich sein. Das Gemeinsame kann dann nur im Persönlichen bestehen. Das aber hätte zur Konsequenz, dass die Frauen tatsächlich gleich sein und gleich empfinden müssten. Das Persönliche wäre unmittelbar das Gemeinsame und

S. 68

das Gemeinsame unmittelbar das Persönliche." Unklar bleibt, wie der Schritt von der Feststellung dieses paradoxen Gemeinsam- Persönlichen zur Erkenntnis der gesellschaftlichen Bedingungen der Lage der Frauen vollzogen werden soll. Der Anspruch, gerade die Bedingungen zu erhellen, bleibt uneingelöst.

Intellektuelle Erfahrung

Der erste augenfällige Unterschied der Konzeptionen der Freibur- ger Autorinnen und von Angelika Wagner zum Text von Pamela Allen liegt in deren Verständnis davon, was Erfahrung ist und in der Gewichtung derselben innerhalb der Gesprächsgruppe. Program- matisch schreibt Allen:

„Es liegt nicht in unserem Interesse, Erfahrungen in eine vor- gefaßte Theorie einzupassen, besonders dann nicht, wenn sie von Männern erdacht ist. Nicht nur, weil wir alles männliche Denken der Frauenverachtung verdächtigen müssen, sondern auch, weil wir lernen müssen, unabhängig zu denken. Unser Denken muß aus unseren Fragen erwachsen, wenn es unser eigenes sein soll, und weil wir ein Instrumentarium brauchen, mit Hilfe dessen wir neue Erfahrungen objektiv betrachten und korrekt analysieren können.“'?

Auf dem Weg zur objektiven Analyse der Erfahrung sollen die Gesprächspartnerinnen von ihren unmittelbaren Erlebnissen abstrahieren. Allen schreibt über diesen Schritt:

„Diese Periode ist wichtig, weil wir in ihr beginnen, über unsere persönlichen Erfahrungen hinauszugehen. Nachdem wir durch den Prozeß des Teilens eine Perspektive für unser Leben gewon- nen haben, beginnen wir nun, die beschissene Lage der Frau mit mehr Objektivität zu betrachten.“!

Das ist die exakte Umkehrung des Wegs, den die Freiburger Auto- rinnen vorschlagen. Sie hatten Abstraktion, Verallgemeinerung und Distanzierung von der eigenen Erfahrung vermeiden wollen.

17 Auch wenn es in Wagners Text ähnliche Tendenzen gibt, fin- den sich hier auch Stellen, die die Akzeptanz der Anderen in ihrer Andersheit ansprechen und in denen darauf verwiesen wird, dass man sich „niemals völlig in die Lage der anderen versetzen und die Situation mit ihren Augen sehen“ könne und dass, was „für uns selbst richtig“ sei, für eine „andere falsch sein“ könne, vgl. ebd. S.150.

18 Allen, Pamela: Der Freiraum. In: Arbeitskollektiv der Sozia- listischen Frauen Frankfurt (Hrsg.): Frauen gemeinsam sind stark! Texte und Materialien des Women’s Liberation Move- ment in den USA. Frankfurt a.M. 1972. S. 68.

19 Ebd. S. 67.

20 Ebd. S. 68.

21 Ebd. S. 69.

22 Allens Abstraktion von der persönlichen Erfahrung ist dem- nach ihre Konkretion: konkret in dem Sinne, dass sie reicher an Bestimmungen wird, wie Hegel es beschreibt.

23 Ebd. S. 69, Hervorhebung von mir.

24 Ebd.

outside the box #7

Erfahrung

Pamela Allen versteht den Prozess der Selbsterfahrung hingegen als Weg gemeinsamer Theoriebildung. Dazu ist es nötig, Wissen über die Gesellschaft heranzuziehen:

„Die Komplexität der Frauensituation erzwingt, daß wir Infor- mationen, die außerhalb unserer individuellen Erfahrung lie- gen, in unsere Analyse der Frauenunterdrückung einbeziehen. Das ist der Punkt, an dem sich die Frage des Funktionierens der Gesamtgesellschaft stellt. Das ist auch der Punkt, an dem Bücher und anderes Material wichtig werden.“?"

Es ist das Werkzeug Theorie, das Erfahrung bewusst werden lässt, sinnfällig macht und zur Darstellung bringt. Der Prozess der Theo- retisierung bedeutet eine Objektivierung der Erfahrung, die diese nicht unberührt lässt. Kann sie zunächst als persönliche aufgefasst werden, so wird sie im Verlauf der gemeinsamen Analyse diesen Charakter verlieren. Das Allgemeine an ihr wird begreifbar.

Die gemeinsame Theoriebildung ist zugleich die Erfahrung intel- lektueller Tätigkeit, durch die sich die Frauen die gesellschaftliche Wirklichkeit gedanklich aneignen. Die Autorin schreibt:

„Die Erfahrung der Abstraktion sehen wir als die intensivste Form des ‚Freiraums‘ an. Wir beginnen erst jetzt, im Prozeß des Abstrahierens diesen Freiraum zu erfahren, nachdem wir ein Jahr lang uns selbst dargestellt, unsere Erfahrungen geteilt und analysiert haben.“

Erfahrung ist mehrschichtig: als Erfahrung des persönlichen

Lebens ist sie Ausgangspunkt des Gesprächs; im Verlauf der Ana- Iyse wird sie konkretisiert, indem die gesellschaftlichen Beziehun- gen und Verhältnisse erkennbar werden, in denen die persönlichen

Erfahrungen gemacht werden;?? als Erfahrung der kollektiven

intellektuellen Aneignung der Welt überschreitet sie die bisherigen

Erfahrungen. Die intellektuelle Erfahrung ist die Bereicherung der Individualität.

Ein zweiter gewichtiger Unterschied liegt im Verständnis von Be- wusstsein, das sich aus Allens Text herauslesen lässt. Im Verlauf des

kollektiven Prozesses begännen die Frauen „eine Utopie (und bis

zu einem gewissen Grade auch Erfahrungen)“ ihres „mensch- lichen Potentials zu entwickeln“. Das bedeute gerade nicht, dass

Frauen „wie Männer werden“ sollten: „Vielmehr werden wir zu

dem Verständnis gelangen, was wir sein könnten, wenn wir befreit wären von gesellschaftlicher Unterdrückung.“ Die Entwicklung

von individuellem Selbstbewusstsein entwirft Allen bemerkens- werterweise in die Zukunft hinein, als Bewusstsein von Möglich- keiten, von dem, was noch nicht ist.

Zu dieser Bestimmung eines individuellen Selbstbewusstseins tritt eine weitere Bedeutungsebene hinzu. So setzt die Autorin fort:

„Wir entwickeln Vorstellungen darüber, wie die Frauenbewe- gung beschaffen sein muß, damit sie die Institutionen, die Frauen unterdrücken, abschaffen kann. Konkret haben wir be- gonnen, ein Verständnis der Funktionen zu entwickeln, die die kleine Gruppe in dieser sozialen Revolution spielen kann, und auch ein Verständnis dessen, was sie nicht leisten kann.“*

Es geht demnach nicht nur um das Bewusstsein individueller Mög- lichkeiten. Vielmehr entwickelt die Gesprächsgruppe ein Bewusst- sein der Frauenbewegung als politische Kraft, die Teil gesellschaft-

licher Umwälzungsprozesse ist. Selbstbewusstsein, so lässt sich Allen verstehen, bezieht sich zugleich auf das Selbstbewusstsein des Individuums wie auf das Bewusstsein der eigenen politischen Wirkmächtigkeit als Frauenbewegung im Rahmen der sozialen Revolution. Das feministische Bewusstsein ist ein Bewusstsein des eigenen Subjektseins, das im eben beschriebenen Prozess der Erfahrung gründet.

Trotz der Unterschiede beziehen sich die drei Texte auf die Praxis der Selbsterfahrung.”® Ganz anders verfährt die Zeitschrift Die Schwarze Botin auf ihrem Weg feministischer Bewusstseinsbil- dung.”s

Kritik durch Darstellung

Die Schwarze Botin wurde von der Historikerin Brigitte Classen und der Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Goettle in Berlin gegründet und erschien zwischen 1976 und 1987 in einer Auflage von 3.000 bis 5.000 Exemplaren. Die Beiträge der Zeitschrift lassen keinen Zweifel daran, dass sie der Kritik gewidmet sind - der Kri- tik der Gesellschaft, der Philosophie, Literatur, Kunst und Wissen- schaft wie auch der Kritik der Theorie und Praxis der autonomen Frauenbewegung. Die Schwarze Botin entwickelt ihre Position in Abgrenzung zu dem Bild, das sie sich von der Frauenbewegung macht. Statt zu differenzieren, spitzt sie Tendenzen, die in der Frauenbewegung vorhanden waren, zu.

Die Schwarze Botin versucht einen anderen Weg feministischer Bewusstseinsbildung zu gehen. Suchten die Frauen aus der Frauen- gruppe Freiburg in ihren Gesprächen nach persönlichen Erfahrun- gen, die zugleich das Gemeinsame sein sollten, so verhandeln die Autorinnen der Schwarzen Botin Erfahrungen des Alltagslebens,

25 Man könnte einwenden, dass die Autorinnen aus der Freibur- ger Frauengruppe sich der Relevanz der Verallgemeinerung durch Theoriebildung bewusst gewesen wären. Dafür spräche, dass sie explizit neben Angelika Wagners auch Pamela Allens Text als Quelle nennen. Auch könnte der Text in Beziehung zu Beiträgen im Frauenjahrbuch ’75 gesetzt werden, die sich feministischer Theoriebildung widmen. Ich möchte nicht bestreiten, dass die Autorinnen sehr wohl Interesse an femi- nistischer Theoriebildung hatten, aus den Gruppen heraus eine solche betrieben wurde und auch die Biographien der ein oder anderen Autorin eine rege intellektuelle Tätigkeit beweist. Aber genau dadurch, dass ich von diesen Aspekten abstrahiere und mich ausschließlich darauf beziehe, was in den Texten steht, werden die Differenzen deutlich. Erst so zeigen sich Fallstricke des Erfahrungsbezugs, die noch heute aktuell sind.

26 Die Autorinnen der Schwarzen Botin waren nicht die einzi- gen Feministinnen, die die Selbsterfahrungspraxis kritisier- ten. Vgl. exemplarisch weitere kritische Auseinandersetzun- gen mit Selbsterfahrung in Krechel, Ursula: Selbsterfahrung und Fremdbestimmung. Bericht aus der Neuen Frauenbewe- gung. Darmstadt/Neuwied 1975; auch Dormagen, Christel: Rede fürs Schweigen. In: Courage 4. 1980. S. 34-35.

27 Jelinek, Elfriede: Eine Versammlung. In: Die Schwarze Botin 2. 1977. S. 30.

28 Ebd.

ebenso wie sexuelle und körperliche, explizit in vermittelter Form. Das werde ich im Folgenden anhand des Textes Eine Versammlung

von Elfriede Jelinek aus der zweiten Ausgabe der Schwarzen Botin

von 1977 zeigen, in dem Erfahrung als ästhetisches Problem the- matisch wird.

Jelineks Text ist ein Bericht zum Autorinnen- und Schriftstellerin- nentreffen, das im November 1976 unter dem Titel Schreib das auf, Frau! in Berlin stattgefunden hatte. Mit spitzer Feder kommentiert sie die Diskussion auf dem Treffen und beginnt ihren Kommentar mit dem Satz:

„Ich werde jetzt immer ICH sagen, wenn ich ICH meine. Auf der Versammlung hat man mir gesagt, das soll gut und ehrlich sein. Ein paar Frauen haben auch gestrickt.“?7

Der Satz klingt wie eine Parodie der Formulierung der Freibur- ger Frauengruppe, die geschrieben hatte: „Nicht ‚man‘ sondern ‚ich‘ sagen.“ Neben Beschreibungen des Leidens von Frauen „mit bekannten Mitteln“ seien so Jelinek „Erlebnisschilderungen vom Alltag der Schriftstellerinnen, Gattinnen und Mütter (alles eine Person) sehr beliebt“ gewesen, ebenso wie „die Beschreibung von Schwangerschaftsnarben“. Weiter schreibt sie:

„Bejubelt wurde Margot Schroeder, die sagte, daß sie ihren Hängebusen liebt. Nicht bejubelt wurde Gisela Steinwachs, die in ihrem Beitrag eine Verbindung zog zwischen Marx, der Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt hat, zur Firestone, die Engels auf die Füße gestellt hat - vom Warencharakter von Arbeit, von der Aneignung menschlicher Arbeitskraft (und der Menschen selber) bis hin zum Warencharakter des weiblichen Geschlechts und seinen Aneignungen durch die Männer als Drehmoment der Gesellschaft. Bejubelt wurde Margot Schroe- der, als sie sagte, daß sie ihre Krampfadern liebt.‘“®

In der Gegenüberstellung dessen, was von den Teilnehmerinnen „bejubelt“ und dessen, was abgelehnt worden sei, spitzt Jelineks Text den bekannten Dualismus von Geist und Natur derart schroff zu, dass sein ideologischer Charakter zu Tage tritt. Gegenüberge- stellt werden auf der einen Seite Vorstellungen und Beschreibun- gen des weiblichen Körpers, wie er unmittelbar gegeben zu sein scheint, und auf der anderen Auffassungen von Theorie. Diese sei als „phallokratisch“, „abstrakt“, „unhübsch und brutal“ verun- glimpft worden. Die Kontrastierung lässt die Vorstellung, der weib- liche Körper ebenso wie das alltägliche Leben und seine direkten sozialen Beziehungen seien unmittelbar gegeben, fragwürdig werden. Jelineks Text entlarvt den Schein der Unmittelbarkeit. Er führt vor, wie die Vergeschlechtlichung des Dualismus Geist Natur, welche die moderne Geschlechterordnung legitimiert, undurchschaut mitgeschleppt wird, wenn der weibliche Lebens- zusammenhang als unmittelbar gegeben missverstanden wird. Der Indikator dafür, dass die anderen Schriftstellerinnen den Schleier der Unmittelbarkeit, der Alltag, Körper, Mutterschaft und Ehe in der bürgerlichen Gesellschaft umgibt, nicht zerreißen, liegt Jelineks Ausführungen zufolge in ihrer Darstellungsweise. Die Frage der ästhetischen Darstellung ist für Jelinek keine beliebige oder harmlose. Vielmehr drückten sich in ihr Wirklichkeitsvorstel- lungen und Selbstbilder aus. Die Lösungsversuche, die auf dem Autorinnentreffen vorgeschlagen worden seien, missbilligt Jelinek. Zwei „Arten“ von Texten seien ihr auf dem Treffen vorgestellt

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worden, die einem von zwei Prin- zipien folgten:

„1. Man sagt, wie es ist, aber mög-

lichst so wie es immer wieder schon gesagt worden ist. Oder: 2. Man sagt, wie man dabei leidet (‚Neue Larmoyanz‘). Am besten, man sagt gleich am Anfang, für welche Sorte man sich entschei- den möchte. Noch besser, man gibt gleich praktische Lebenshilfe, Verhaltensmaßregeln, Regeln für die Anwendbarkeit und Rezepte dazu.“?°

Anwendbarkeit und Verhaltensre- geln als Maßstab feministischer Literatur zu verstehen, setzt vo- raus, dass sich die Leserin mit dem Inhalt identifiziert, ihre Lebens- situation im Text wiederfindet und sich einfühlen kann. Was sich

dieser Art Einfühlung und Iden- tifikation verwehre, sei auf dem

Schriftstellerinnentreffen „sehr unbeliebt“ gewesen, namentlich

die Satire: „Sehr unbeliebt war die

Satire, vermutlich, weil sie nicht- wie-du-den-Schmerz fühlen kann.“ Jelineks Ablehnung dieser Identifikation der Rezipientin mit dem literarischen Inhalt beruht auf ihrer Kritik der Identifikation der Frauen miteinander qua

Frausein. Die Identifikation führe zur Auflösung jeglichen ästhe- tischen Urteils und jeglicher Anerkennung für individuelle, künst- lerische Leistungen. Gegen die Vorstellung, dass Frauen, weil sie

Frauen sind, die gleichen Erfahrungen machen, die sie mit den

gleichen sprachlichen Mitteln in der gleichen Weise ausdrücken, polemisiert Jelinek: „Was von einer Frau kommt, ist sowieso gut, wenn Frau einem dabei ständig sagt, daß sie eine solche ist und

daher leidet.“?'

Jelineks Bericht stellt infrage, dass man einfach so sagen kann „wie

es ist“, so als sei das, was ist, ebenso einfach und unvermittelt da

wie die literarischen Darstellungsformen gegeben seien.

Was schlägt sie selbst vor? Weder von „realitätsgetreuer Abbildung“ noch von Rezepten und Anwendungstipps ist sie überzeugt. Sie

misstraut dem Schein der Unmittelbarkeit ebenso wie der unge- brochenen Identifikation. Sie wählt die Satire als Mittel, die sich

der Einfühlung und Identifikation verweigert, und plädiert für „andere ästhetische Methoden, Ausbeutung erfahrbar zu machen“. Sie fügt hinzu: „Vielleicht sogar durch die Beugung der Wirklich- keit, was nicht deren Verfälschung bedeuten muß.“? Die Beugung

der Wirklichkeit erfordert Distanzierung und Abstraktion vom

eigenen persönlichen Lebensumfeld, mithin das Gegenteil von

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